ISLAMISMUS

Die Sozialdaten der salafistischen Szene in Baden-Württemberg

Der Salafismus im Land ist im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr etwas älter, frauenlastiger und jihadistischer geworden. Die Entwicklungen werfen Schlaglichter auf blinde Flecken und verzerrte Wahrnehmungen und können daher Ausgangspunkt sein, die Szene zukünftig aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Jenseits von ideologischen Besonderheiten zeichnet sich eine extremistische Szene durch das Milieu aus, das ihr anhängt. Im vergangenen Jahr hat sich das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (LfV) erstmalig mit den Sozialdaten der salafistischen Szene beschäftigt: Für das Jahr 2021 konnte so festgestellt werden, dass die größte Alterskohorte die der 30-39-Jährigen war, der beobachtete Frauenanteil unter zehn Prozent lag und die meisten Salafisten im Bundesland auf Da’wa (Missionierung) setzten, um ihre Ziele zu erreichen. 

Im vorliegenden Beitrag soll es um das Jahr 2022 gehen: Aus welchen Personen setzt sich die Szene zusammen? Wer ist wie Teil der Szene? Welche Veränderungen konnten diesbezüglich im Vergleich zum Vorjahr festgestellt werden? Und wie lassen sich die beobachteten Veränderungen erklären? 

 Die erste Veränderung betrifft das Personenpotential, das mit nunmehr 1350 (Vorjahr: 1300) leicht gestiegen ist. Der Trend aus den Vorjahren setzt sich jedoch nicht fort. Während der Anstieg des Personenpotentials vor allem ab dem Jahr 2017 jährlich um mehr als 200 Personen anstieg (2017: 750; 2018: 950; 2019: 1200), scheint nun ein Plateau erreicht zu sein. Die Zahlen deuten also darauf hin, dass es der Szene zunehmend schwerer fällt, neue Anhängerinnen oder Anhänger zu gewinnen. Das Phänomen, so scheint es, hat in gewisser Weise an Attraktivität verloren. 

Altersstruktur: Stabile Verhältnisse mit einer starken Alterskohorte der 30-39-Jährigen

Für das Jahr 2022 können wir festhalten, dass die größte Alterskohorte diejenige der 30-39-Jährigen ist. Sie machen knapp 35 Prozent der gesamten salafistischen Szene aus. Die zweitgrößte Kohorte stellen die 20-29-Jährigen mit 27 Prozent, gefolgt von den 40-49-Jährigen mit 21 Prozent. Das deckt sich grob mit dem Vorjahr, wobei eine geringe Zunahme bei den 30-39-Jährigen und eine ebenso geringe Abnahme bei den 20-29-Jährigen beobachtet werden kann. Wie im Vorjahr ist festzuhalten, dass ab dem Alter von 40 Jahren die Anzahl der Salafisten sinkt. Die wenigsten Anhänger sind in den beiden Kohorten der über 80-Jährigen zu finden. Auch in diesem Jahr fällt auf, dass die Kohorte der 14-19-Jährigen deutlich unter 1 Prozent der Gesamtszene ausmacht. 

 Die Beobachtungen führen zu Fragen: Wie begründet sich zum Beispiel die geringe Zahl der beobachteten Jugendlichen? Der Verfassungsschutzverbund erfasst Personen ab einem Alter von 14 Jahren. Doch damit alleine ist der geringe Anteil der Jugendlichen nicht zu erklären. Möglich ist darüber hinaus, dass Jugendliche eher Konsumenten salafistischer Propaganda sind. Der Arbeitsauftrag des Verfassungsschutzes beschränkt sich vornehmlich auf Bestrebungen, also Aktivitäten, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Es bleibt aber auch zu fragen, ob die Szene in den vergangenen Jahren deutlich an Attraktivität unter Jugendlichen verloren hat – oder eine solche nie bestand. Nichtsdestotrotz versuchen salafistische Akteure weiterhin ihren Einfluss auf Jugendliche auszuweiten. Dafür nutzen sie Plattformen, die auch und besonders von Jugendlichen genutzt werden, wie zum Beispiel TikTok. 

Ideologische Strömungen: Die Szene ist jihadistischer geworden

Der Salafismus ist kein einheitliches Phänomen, sondern weist verschiedene Unterströmungen auf. Innerhalb des Spektrums ist zwischen „politischem“ und „jihadistischem“ Salafismus zu differenzieren. Diese beiden Formen unterscheiden sich durch die Wahl der strategischen Durchsetzungsmittel. Anhänger des „politischen“ Salafismus streben vor allem danach, die als „fehlgeleitet“ wahrgenommenen Muslime auf den „richtigen“ islamischen Weg zu bringen. Charakteristisch dafür sind religiöse Bildungsarbeit und Propaganda. „Jihadistische“ Salafisten setzen hingegen auf Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen. 

Im Jahr 2022 sind etwa 51 Prozent der Salafisten dem politischen Spektrum zuzurechnen, 42 Prozent gelten als Jihadisten. Sieben Prozent sind nicht eindeutig dem politischen bzw. jihadistischen Spektrum zuzuordnen. Die Zahlen für 2022 deuten auf eine leichte Jihadisierung der Szene hin: Im Vorjahr waren 55 Prozent der Salafisten im politischen Spektrum verortet, 37 Prozent im jihadistischen und acht Prozent im politisch-jihadistischen Graubereich. 

Erstmalig wurden für 2022 die Überschneidungen zu anderen islamistischen Strömungen in die Analyse aufgenommen: In Einzelfällen kann festgestellt werden, dass sich Personen in einem Graubereich zwischen Salafismus und legalistischem Islamismus, vertreten durch Organisationen wie der „Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş“ (IGMG oder der „Deutschen Muslimischen Gemeinschaft e. V.“ (DMG), bewegen. 

Die Jihadisierung der Szene wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch, denn jihadistische Organisationen wie der IS und al-Qaida mussten in den letzten Jahren große Rückschläge hinnehmen. Zumindest für den IS kann seit einiger Zeit jedoch ein Erstarken im Untergrund festgestellt werden, damit einhergehend strahlt die Organisationen sicherlich auch verstärkt Attraktivität auf bestimmte Menschen aus. Möglicherweise steht die Jihadisierung auch in einem Zusammenhang mit dem Abflachen der Attraktivität des Phänomens Salafismus insgesamt: Im Zuge dieser Entwicklung wird der härtere und radikalere Kern sichtbar. Zugleich scheinen die immer stärker wachsenden Möglichkeiten im Online-Bereich ein für diese Entwicklung förderlicher Faktor zu sein, und zwar vor allem jene, die das Kommunizieren in anonymen Räumen betreffen. 

Der Graubereich verweist wiederum auf die Herausforderung für die Verfassungsschutzbehörden, Personen eindeutig einer Strömung zuzuordnen. Zentral für diese Herausforderung ist, dass die gesamte Szene eine gewisse Affinität zu Gewalt aufweist. Damit einher geht ein fließender Übergang zwischen den beiden Strömungen. So kann es vorkommen, dass jemand im gewaltverneinenden politischen Salafismus einsteigt, sich aber rasch erst dem gewaltbejahenden Spektrum zuwendet und später zum Jihadisten wird. Personen, die zwischen beiden Bereichen pendeln, entziehen sich wiederum dieser „Schubladen“-Logik. 

In Hinblick auf die Verschränkungen mit der legalistischen Strömung muss festgehalten werden, dass es sich um Einzelfälle handelt. Was aber durchaus beobachtet werden kann, sind Kooperationen zwischen Salafisten und Akteuren anderer islamistischer Strömungen. Ein Beispiel dafür stellt der Salafist Amen DALI dar, der in der Vergangenheit regelmäßig an Veranstaltungen des „Rates der Imame und Gelehrten in Deutschland e. V.“ (RIGD) teilgenommen hat. Der RIGD ist wiederum der DMG zuzurechnen, die in Deutschland die Interessen der „Muslimbruderschaft“ (MB) vorantreibt. Die Organisation selbst geriert sich als Ansprechpartner in Fragen des Islams für die in Deutschland lebenden Muslime. Zugleich führt der RIGD regelmäßig Veranstaltungen durch, die der Bildung der islamischen Gelehrten in Deutschland dienen sollen. An solchen Veranstaltungen nahm auch DALI teil. Dabei ließ er sich zum Beispiel im Bereich Koranrezitation und des Ijtihad (der selbstständigen Auslegung von religiösen Quellen, ohne Rückgriff auf historische Auslegungen) ausbilden.  

Geschlechterverteilung: Mehr Frau gelangen ins Hellfeld

Aktuell machen Männer 90 und Frauen zehn Prozent aller Salafisten aus. Im Vergleich zum Vorjahr ist ein leichter Anstieg des Frauenanteils zu beobachten: 2021 waren etwa sieben Prozent der beobachteten Salafisten weiblich. Wie im Vorjahr ist das ausgeglichenste Geschlechterverhältnis mit einem Frauenanteil von 60 Prozent für die Alterskohorte der 14-19-Jährigen festzustellen. Insgesamt handelt es sich bei dieser Alterskohorte, wie bereits dargestellt, jedoch um eine kleine Gruppe (Anteil am Gesamtpersonenpotential ˂ ein Prozent) – insofern können die Zahlen zum Geschlechterverhältnis in diesem Bereich kaum bewertet werden. In den drei Alterskohorten der 20-49-Jährigen liegt der Frauenanteil bei jeweils etwa zehn Prozent. Nominell gehören die meisten Salafistinnen der Kohorte der 30-39-Jährigen an, gefolgt von den 20-29-Jährigen und den 40-49-Jährigen – was sich weitgehend mit den Vorjahreszahlen deckt und auch der Altersverteilung der Männer entspricht. Bei den über 70-Jährigen finden sich keine Frauen. In Hinblick auf die Strategien kann festgehalten werden, dass in Baden-Württemberg fast doppelt so viele politische wie jihadistische Salafistinnen aktiv sind. Bei den Männern dominiert ebenfalls der Bereich der Missionierungsarbeit – allerdings ist der verhältnismäßige Unterschied zum jihadistischen Bereich geringer. 

 Die Trendentwicklung aus den vergangenen Jahren setzt sich dahingehend fort, dass nun vermehrt Frauen ins Hellfeld gelangen, also den Sicherheitsbehörden bekannt werden. Allerdings muss nach wie vor von einem hohem Dunkelfeld der Frauenbeteiligung ausgegangen werden. Diese Entwicklung hängt auch damit zusammen, dass Frauen in den letzten Jahren vermehrt neue Rollen eingefordert haben und den Online-Bereich für sich reklamieren. Bei Tätigkeiten, die mit der Online-Sphäre verschränkt werden, können Frauen zum Beispiel problemlos die von Salafisten geforderte Geschlechtersegregation einhalten. Durch die Möglichkeit am heimischen Computer zu arbeiten, müssen die Frauen faktisch nicht einmal das Haus verlassen. Hinzu kommt, dass Online mittlerweile nahezu alle Themenfelder bedient werden können. Besonders präsent sind Frauen im Rahmen von Erziehungs-, Bildungs- und Wohltätigkeitsprojekten, aber auch bei der Finanzmittelgenerierung (zum Beispiel durch Online-Shops) und bei der Unterstützung von inhaftierten Frauen. Ein neues Phänomen scheinen wiederum Projekte zu sein, die von Ehepartnern durchgeführt werden: Der in Baden-Württemberg ansässige Abu Mikail sucht zum Beispiel mit Projekten wie „PlayMuslim“ (YouTube-Kanal für Kinder) und „Miftahul Ilm“ (Online-Arabisch-Sprachschule) gemeinsam mit seiner Frau, Umm Mikail, die Öffentlichkeit. 

Fazit: Alterung, Jihadisierung und höherer Frauenanteil – Welche Schlussfolgerungen sind zu ziehen?

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Altersstruktur der salafistischen Szene relativ stabil geblieben, mit einer leichten Tendenz der Alterung. Die meisten Anhänger und Anhängerinnen sind zwischen 30 und 39 Jahren alt. Die Zahlen deuten darauf hin, dass der Salafismus zumindest in Baden-Württemberg und im Jahr 2022 kein Jugendphänomen ist. Vor diesem Hintergrund erscheint eine bundesweite Untersuchung zur Altersstruktur sinnvoll. Zugleich fällt auf, dass Präventionsprogramme nach wie vor primär Jugendliche adressieren. Hier bleibt zu überlegen, ob eine Ausweitung auf andere Altersgruppen notwendig ist. 

Die Jihadisierung, bei der der harte, radikale Kern der Szene sichtbar wird, muss auf jeden Fall im Blick behalten werden. Die Gefahr von jihadistischen Anschlägen in Deutschland und Europa ist weiterhin abstrakt hoch. Die vorgenannte Auswertung, aber auch die Attentate von Dresden, Paris, Nizza und Wien im Jahr 2020 deuten darauf hin, dass das jihadistische Gedankengut weiterhin für bestimmte Personengruppen attraktiv ist. Es wird für angeleitete Taten ebenso instrumentalisiert wie es sogenannten Einzeltätern als Inspiration dient. 

Was die Geschlechterverhältnisse betrifft, so ist anzunehmen, dass sich der Trend in den nächsten Jahren fortsetzen wird: Es ist davon auszugehen, dass immer mehr Frauen ins Hellfeld gelangen. Nach wie vor scheint der Blick auf die Frauenbeteiligung jedoch von Stereotypen beeinträchtigt. Das spiegelt sich wahrscheinlich auch in den Zahlen zur Verschränkung der Geschlechterverteilung mit den salafistischen Unterströmungen wider: Der Mythos der friedfertigen Frau hält sich hartnäckig. Erkenntnisse zu Salafistinnen, die sich in Syrien und Irak jihadistischen Gruppierungen angeschlossen hatten, Sklavinnen hielten, an Kampftraining teilnahmen und Hinrichtungen argumentativ unterstützten, entkräften diesen Mythos aber zusehends.

 

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