Die PKK ist seit 1993 in Deutschland verboten. Dennoch versteht sie sich als einzig legitime Vertretung aller Kurden – nicht nur in ihren traditionellen Siedlungsgebieten im Irak, Iran, in Syrien und in der Türkei, sondern auch in Deutschland. Forderungen der PKK sind die Anerkennung der kurdischen Identität, eine kulturelle Autonomie und eine lokale Selbstverwaltung für Kurden in ihren Siedlungsgebieten. Zuvor war ein unabhängiges Kurdistan das zentrale Ziel, für dessen Erreichung der Parteigründer Abdullah ÖCALAN 1984 zum bewaffneten Kampf aufrief. Zwar erklärte die PKK im Zuge eines im Februar 2025 durch ÖCALAN angestoßenen Friedensprozesses einen einseitigen Waffenstillstand. Jedoch stagniert dieser Prozess und hatte bisher keine weitreichenden Veränderungen innerhalb der PKK-nahen Szene in Baden-Württemberg zur Folge.
Kurz vor dem Aufruf ÖCALANs fand der „Lange Marsch“ der PKK-nahen kurdischen Jugend statt. Diese alljährliche Veranstaltung war für den Zeitraum vom 10. bis 14. Februar 2025 von Heilbronn nach Freiburg angekündigt. An der Etappe von Offenburg nach Lahr nahmen etwa 120 Personen teil. Vor dem PKK-nahen „Demokratischen Kurdischen Gemeinschaftszentrum Lahr e.V.“ kam es am 13. Februar 2025 zu Verstößen gegen versammlungsrechtliche Auflagen sowie zu körperlichen Angriffen auf Polizeikräfte. Dies zeigt das stellenweise gewaltorientierte Auftreten der PKK-nahen Jugend, die sowohl Jugendliche als auch junge Erwachsene umfasst. Gleichzeitig wurde auf der Veranstaltung der omnipräsente Führerkult um ÖCALAN deutlich. Die Forderung nach dessen Freilassung steht traditionell im Zentrum der Aktion. Die Teilnehmenden skandierten die Parole „Biji Serok APO“ („Lang lebe Volksführer APO“).
Ideologische und strukturelle Einbindung von Jugendlichen
Jugendliche werden stark in ideologische Veranstaltungen der PKK-nahen Vereine eingebunden, wie bei einem Gedenken zur Würdigung der PKK-Gründungsmitglieder Ali Haydar Kaytan und Riza Altun im Mai 2025. An der Feier im PKK-nahen „Kurdischen Gemeinschaftszentrum e.V.“ in Mannheim nahmen laut der PKK-nahen Nachrichtenagentur „Firatnews Agency“ (ANF) besonders viele junge Personen teil. Der Verein war mit Bildern der beiden Gründungsmitglieder und ÖCALANs geschmückt, die auf einem Altar mit Blumen standen. Auch bei den jährlichen Parteigründungsfeiern treten Jugendliche präsent auf, wie im Dezember 2024 im PKK-nahen „Demokratischen Kurdischen Gesellschaftszentrum Stuttgart e.V.“. Hier schwenkten sie verschiedene Flaggen mit PKK-Symbolik und trugen Kleidung, die an die Uniformen PKK-naher Guerillaeinheiten wie der „Volksverteidigungskräfte“ (HPG) erinnert.
Auch in den sozialen Medien versuchen PKK-nahe Accounts, Jugendliche zu erreichen. So verbreitete ein Instagram-Account aus dem Raum Stuttgart am 14. Dezember 2025 einen Beitrag in Gedenken an einen deutschen Guerillakämpfer. Er soll sich 2017 der PKK angeschlossen haben und bei Angriffen des türkischen Militärs im Dezember 2018 im Irak gestorben sein. Die im sogenannten Freiheitskampf gefallenen Märtyrer werden von der PKK-nahen Szene verehrt. Die PKK nutzt das propagandistische Potenzial dieses Märtyrerkults, um die eigenen Anhänger zu motivieren und neue Unterstützer und potenzielle Kämpfer zu rekrutieren. In einem Bericht des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen aus 2024 wird sogar ein Anstieg in der Rekrutierung von Kindern durch die PKK/HPG geschildert. Diese werden in Kampf- und Unterstützungsfunktionen eingesetzt.
Neben ihrer ideologischen Einbindung spielt die PKK-nahe Jugend innerhalb der hierarchischen Strukturen der PKK-nahen Szene auch bei Veranstaltungen eine Rolle, wie beim Kongress der „Föderation der Völker Kurdistans e. V.“ (FED-GEL) im Mai 2025 in Ludwigsburg. Die FED-GEL ist für die PKK-nahen Strukturen in Baden-Württemberg zuständig. Bei dem Kongress wurde auch ein Vertreter der Jugendbewegung ins Präsidium gewählt, das die Leitung der Veranstaltung übernahm. Zudem wurden Arbeitsberichte verschiedener Kommissionen vorgetragen, wovon sich einer dem Bereich Jugend widmete.
Bewertung
Innerhalb der PKK-nahen Szene in Baden-Württemberg organisieren sich Jugendliche teilweise eigenständig über die sozialen Medien. Zugleich sind sie fester Bestandteil der hierarchischen Organisationsstrukturen und der lokalen PKK-nahen Vereine. Hier werden sie bei Veranstaltungen zu ideologischen Anlässen stark einbezogen. Dies verdeutlicht ihre Bedeutung für die PKK. Zum einen spielen sie bei der Mobilisierung und Gewinnung von Unterstützern in Deutschland eine große Rolle. Damit gewährleistet die PKK ihre hiesige Versorgungsbasis, die für ihre Aktivitäten im Ausland unverzichtbar ist. Zum anderen diente die gezielte Ansprache von Jugendlichen zumindest bisher den Rekrutierungsbemühungen der PKK. Mit Blick auf den laufenden Friedensprozess zwischen der PKK und der türkischen Regierung ist unklar, inwieweit sich dies in Zukunft verändern wird. Der Ausgang der Verhandlungen ist offen, weshalb derzeit auch die künftige Entwicklung der PKK-nahen Jugendszene in Baden-Württemberg nicht absehbar ist.