Rechtsextremismus | Reichsbürger und Selbstverwalter

Stabile Geschlechterverteilung, leicht steigendes Durchschnittsalter: ein aktueller Blick auf demografische Daten von Rechtsextremisten und „Reichsbürgern“ 

 
Die Abteilung 3 des Landesamts für Verfassungsschutz führt regelmäßig Auswertungen über die soziostrukturelle Zusammensetzung extremistischer Szenen durch.  Neben dem Rechtsextremismus wird hier zum Beispiel auch das Milieu der „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ bearbeitet. Zum Jahresanfang 2021 wurde eine aktuelle Auswertung vorgenommen, deren Ergebnisse der folgende Beitrag zusammenfasst. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, welche langfristigen Trends sich in der Zusammenschau mit den Vorjahren abzeichnen und wie sich diese womöglich erklären lassen.

Rechtsextremisten sowie „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Unterschiede zwischen diesen Phänomenbereichen bestehen nicht nur im Hinblick auf ihre ideologische Ausrichtung. Auch bei der Geschlechter- und Altersverteilung lassen sich verschiedene Konstellationen ausmachen. Diese geben zum Beispiel Aufschluss über Radikalisierungsverläufe oder Gruppendynamiken. 

Dem Milieu der „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ gehören landesweit aktuell ca. 3.300 Personen an. Dem Landesamt für Verfassungsschutz ist bekannt, dass mindestens 3 % von ihnen zugleich rechtsextremistische Positionen vertreten. Das tatsächliche Personenpotenzial im Bereich Rechtsextremismus nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften beträgt ca. 1.900 Personen. 

Geschlechterverteilung

Zunächst ist ein deutlicher Unterschied zwischen den zwei Phänomenbereichen festzustellen, was das zahlenmäßige Geschlechterverhältnis betrifft. Während sich unter allen betrachteten Personen ca. 74 % Männer und 26 % Frauen befinden, ist der Frauenanteil im Bereich Rechtsextremismus mit ca. 20 % geringer als unter „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“. Dort beträgt er ca. 29 %. Diese Verhältnisse sind seit mehreren Jahren relativ stabil.

Aus der Verteilung allein lässt sich allerdings nicht direkt ableiten, welche Positionen Frauen und Männer im jeweiligen extremistischen Umfeld ausfüllen. So sind aus beiden Bereichen auch Frauen in exponierter Stellung bekannt, obwohl sie zahlenmäßig eine Minderheit bilden. 

Für die stärkere Repräsentanz von Männern gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze: Im Rechtsextremismus kommen Frauen vor allem an der Basis vielfältige Partizipationsmöglichkeiten zu, während sie in vielen Gruppierungen nicht in zentrale Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Häufig enthalten Mobilisierungsstrategien rechtsextremistischer Gruppen bestimmte Motive wie „Stärke“ oder „Wehrhaftigkeit“, die lange Zeit als typisch männlich galten. Dies könnte dazu beitragen, dass sich mehr Männer als Frauen der Szene zuwenden. 
Unter „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ spielen Geschlechterunterschiede dagegen ideologisch nahezu keine Rolle. Hier sind durchaus Gruppierungen bekannt, in denen Frauen führende Positionen einnehmen, oder solche, die von Frauen gegründet wurden. Der starke Männerüberhang lässt sich eventuell in Bezug auf klassische Radikalisierungsverläufe in diesem Milieu erklären: „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ entstammen oft konservativen Milieus mit traditionellen Geschlechterrollen. Die dort vorherrschenden Erwartungen an Männer, dem Idealbild des „Ernährers“ zu entsprechen und Behördengänge für die Familie zu erledigen, können begünstigen, dass vor allem diese in Lebenskrisen einen Ausweg in der „Reichsbürger“-Ideologie suchen. 

Altersverteilung

Auch die Altersstruktur im Rechtsextremismus unterscheidet sich von derjenigen im Milieu der „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“. Auf Grundlage systematischer Auswertungen zum Jahresbeginn in den letzten drei Jahren können die ermittelten Zahlen im Zeitverlauf miteinander verglichen werden. Ein Schwerpunkt der nachfolgenden Darstellung ist es daher, Veränderungen und mögliche langfristige Trends zu beschreiben.

Grundsätzlich sind die meisten Rechtsextremisten eher jung, d. h. bis 39 Jahre alt, und ihre Anzahl sinkt mit steigendem Lebensalter. Gegenteilig zeigt sich bei „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“, dass die meisten Milieuangehörigen zwischen 50 und 59 Jahre alt sind und den Altersgruppen darunter sowie darüber deutlich weniger Personen angehören. Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit bestehenden Erkenntnissen über Radikalisierungsverläufe in den einzelnen Phänomenbereichen: Das Alter spielt im komplexen Bedingungsgefüge, das Menschen für politischen Extremismus empfänglich macht, häufig eine Rolle.

Im Rechtsextremismus lässt sich seit 2019 der Trend erkennen, dass die Anzahl der Personen zwischen 20 und 29 sowie zwischen 30 und 39 Jahren gesunken ist, während die Anzahl an Personen ab 40 aufwärts in jeder Altersgruppe (mit Ausnahme der 70- bis 79-Jährigen) anstieg. Im Vergleich zu den Vorjahren sind zum Stichtag im Jahr 2021 allerdings auch wieder mehr Rechtsextremisten unter 20 Jahren bekannt. Nach wie vor ist die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen am stärksten vertreten, gefolgt von der nächstjüngeren Altersgruppe (20–29 Jahre).

Die Altersverteilung im Arbeitsbereich „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ blieb in den letzten Jahren im Wesentlichen ähnlich. Seit 2019 zeichnet sich aber auch hier eine Verschiebung in Richtung höheren Alters ab: Während in den unteren Altersgruppen bis 49 Jahre tendenziell weniger Personen vertreten sind als in den Vorjahren, stieg die Anzahl ab 50 Jahren aufwärts. Zum Stichtag im Jahr 2021 war die Altersgruppe 50 bis 59 Jahre unter „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ am stärksten repräsentiert.

Zusammenfassend lässt sich sowohl in der rechtsextremistischen Szene als auch bei den „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ ein Trend zum steigenden Durchschnittsalter ausmachen. Dies kann fachlich begründet sein (z. B. wenn bekannte „Reichsbürger“ immer älter werden und keine neuen Szeneangehörigen hinzukommen); es kann aber auch darauf hindeuten, dass sich der „Nachwuchs“ der Szenen in schwerer zu fassenden Strukturen entwickelt.

Zumindest im Rechtsextremismus stieg die Zahl der unter 20-Jährigen in den letzten drei Jahren allerdings deutlich an. Das spricht dafür, dass die Szene momentan auch viele neue Anhänger mobilisieren kann. Ebenso ist es jedoch eine Tatsache, dass feste Gruppenzugehörigkeiten im politischen Extremismus immer weiter erodieren und extremistische Aktivitäten zunehmend ins Internet verlagert werden. Angesichts dieser Entwicklung ist es angezeigt, auch eher lose Strukturen – in denen sich gerade auch jüngere Menschen radikalisieren – konstant aufzuklären. 

Fazit

Alles in allem lassen sich bei der Untersuchung soziostruktureller Daten sowohl Parallelen als auch Unterschiede im Hinblick auf die untersuchten Phänomenbereiche identifizieren. Während die Geschlechterstruktur in den letzten Jahren insgesamt relativ stabil geblieben ist, zeigen sich in der Altersverteilung leichte Verschiebungen. Grundlegende Unterschiede in der Zusammensetzung der einzelnen Milieus können auf ideologische aber auch organisationsbezogene Ursachen zurückgeführt werden. Ein sensibilisierter Blick auf diese Konstellationen kann helfen, blinde Flecke in der Analysefähigkeit zu vermeiden, Radikalisierungsverläufe besser einzuschätzen und gruppendynamische Prozesse innerhalb extremistischer Organisationen besser zu verstehen.

 

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