Islamismus

Serie „Salafistische Netzwerke im Wandel“ | Teil 7: Ilyasse HOUBBAN

Als Absolvent der Islamischen Universität Medina bemüht sich Ilyasse HOUBBAN seit seiner Rückkehr um den Export der strengen wahhabitischen Lehre in den deutschsprachigen Raum. Seine Kooperationen ergeben ein höchst ambivalentes Bild – programmatisch hierfür ist das Spannungsfeld zwischen der österreichischen Missionierungsorganisation „Iman“ und der türkisch geprägten islamistischen „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG). 

Als Absolvent der Islamischen Universität Medina bemüht sich Ilyasse HOUBBAN seit seiner Rückkehr um den Export der strengen wahhabitischen Lehre in den deutschsprachigen Raum. Seine Kooperationen ergeben ein höchst ambivalentes Bild – programmatisch hierfür ist das Spannungsfeld zwischen der österreichischen Missionierungsorganisation „Iman“ und der türkisch geprägten islamistischen „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG). 

Ilyasse HOUBBAN alias „Bruder Ilyasse“ ist ein relativ neuer Influencer in der deutschen Salafistenszene. Geboren 1985, lebte er zunächst in Hessen. Seit einiger Zeit wohnt er in Baden-Württemberg. Aufmerksamkeit erhofft sich HOUBBAN durch sein Projekt „Das gute Wort“, das er im Jahr 2018 gestartet hat und bei dem er seine Botschaft vor allem durch Videos verbreitet. Unter diesem Namen betreibt er ein Facebook-Profil (aktuell: über 800 Abonnenten), einen YouTube-Kanal (1800 Abonnenten und 300 Videos; Aufrufzahlen in der Regel im dreistelligen Bereich), einen Telegram-Kanal (über 300 Mitglieder), sowie einen Instagram-Kanal (über 2500 Follower). Die Inhalte sind nicht deckungsgleich. So macht er auf YouTube darauf aufmerksam, dass sein Instagram-Konto „exklusive Inhalte“ bereitstelle. 

Auf die salafistische Ausrichtung von HOUBBANs Botschaft deutet bereits der Name seines Projekts hin: In einem Interview erläuterte er, „Das gute Wort“ stehe für „la illaha illallah“ („Es gibt keinen Gott außer Gott“), den ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses. Damit zeigt er eine für Salafisten charakteristische deutliche Betonung des tauhid (Monotheismus). 
Seine Videos greifen zudem regelmäßig salafistische Topoi auf: In einem Beitrag mit dem Titel „Pass auf, wen du dir zum Freund nimmst“ warnt HOUBBAN vor „falschen Freunden“. Dabei beruft er sich auf den historischen hanbalitischen Gelehrten Ibn al-Qayyim, der sinngemäß gesagt haben soll: „Wenn du Allah wahrhaftig liebst, wirst du eine Abneigung gegen diese falschen Freunde empfinden.“ Selbst wenn HOUBBAN das Prinzip „al-walaʼ wa-l-baraʼ“ („Loyalität und Lossagung“) hier nicht explizit nennt, ist seine Botschaft dennoch im Kontext dieser salafistischen Doktrin zu deuten. 

In einem anderen Video mit dem Titel „Eine ausführliche Beschreibung des Propheten“ beschäftigte sich HOUBBAN im Jahr 2020 mit den Mohammed-Karikaturen. Er nennt Menschen, die solche Karikaturen anfertigen und verbreiten, „kuffar“ (Ungläubige) und „Götzendiener“; darüber hinaus betont er, derartige Zeichnungen seien ein Angriff auf den gesamten Islam, denn: „Er [Mohammed] ist der Islam in Person.“ HOUBBAN empfiehlt in diesem Zusammenhang eine Reaktion mit langfristiger Wirkung. Die Karikaturen sollten der „umma [Gemeinschaft der Muslime] einen Ruck geben“, und jeder solle sein Leben verstärkt nach dem Vorbild Mohammeds ausrichten – das sei „die wahre Verteidigung“
Dieser Aufruf ist symptomatisch für sein Selbstverständnis als Muslim, der einen „Islam der Mitte“ lebt. Darunter versteht er eine Islamauslegung zwischen „liberalem“ Islam und Jihadismus. In diesem Sinne akzeptiert er es auf der einen Seite nicht, dass eine Frau ein Gebet leitet („liberaler“ Islam). Auf der anderen Seite äußert er Unverständnis für Gewaltanwendungen durch Muslime: Jihadismus habe „nix mit Islam zu tun“.

Auslandsstudium an der wahhabitischen Kaderschmiede

Obwohl sich Ilyasse HOUBBAN erst seit einigen Jahren in der „Da’wa“ (Missionierung) betätigt, ist davon auszugehen, dass er sich selbst bereits seit langem einer problematischen Islamlesart aussetzt. Darauf deuten auch seine Aussagen zur eigenen Ausbildung hin. In einem Interview gab er etwa an, dass er seine religiöse Ausbildung in Deutschland bei einem „Scheich“ begonnen hat, zu dem er keine weiteren Personenangaben macht. Dreieinhalb Jahre will er bei diesem „Scheich“ gelernt haben. Anschließend sei er für eineinhalb Jahre nach Marokko gegangen, um dort eine Koranschule zu besuchen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland habe er Online-Unterricht bei einem „Scheich“ aus Ägypten genommen – auch hier spart HOUBBAN weitere Informationen zur Person bislang aus. 

Mit 29 Jahren ging HOUBBAN zum Studium an die Islamische Universität Medina. Dreieinhalb Jahre, von 2015 bis 2018, blieb er in Saudi-Arabien und baute zunächst seine Arabischkenntnisse aus, um anschließend an der Scharia-Fakultät zu studieren. Die Universität Medina ist der größte Multiplikator der wahhabitischen Lehre: Sie strebt danach Muslime aus der ganzen Welt zu unterrichten, die ihre spezifische Islamlesart anschließend in den Heimatländern verbreiten. Unter den „Medina-Studenten“ ist auch eine Reihe von deutschen Männern. Auf einer Internetseite von Studenten aus Medina ist zu lesen, dass sich im akademischen Jahr 2017/2018 über 50 Deutsche an der Islamischen Universität einschreiben durften. Um möglichst viele Muslime zu erreichen, bietet die Universität eine umfangreiche finanzielle Unterstützung an. HOUBBAN berichtete zum Beispiel von einer kostenlosen Unterkunft, einer monatlichen Förderung von etwa 200 Euro und der jährlichen Übernahme von Flugkosten für die Heimreise in den Sommerferien. 

Neben der Ideologieweitergabe ist für die Islamische Universität auch die Netzwerkbildung unter den Studenten von großer Bedeutung. Diese sind zum Teil nach Sprachgruppen organisiert. HOUBBAN erwähnte ein Netzwerk deutschsprachiger Studenten, das sich jedes Jahr um die Neuankömmlinge kümmert. Zugleich werden die Studenten animiert, entsprechend der Zielsetzung der Universität Kontakte nach außen zu knüpfen und ihr erlerntes Wissen an Dritte weiterzugeben. HOUBBAN stand zum Beispiel während seines Studiums mit dem in Deutschland ansässigen Abdellatif ROUALI in Kontakt. Dieser hat durch seine Leitung des 2013 verbotenen Netzwerks „DawaFFM“ Bekanntheit erlangt. Auf seinem Telegram-Kanal warb ROUALI für Audiodateien von HOUBBAN. 

Die Netzwerkbildung von Studenten in Medina ist tatsächlich vielgestaltig. So ist bekannt, dass der salafistische Mannheimer Reiseveranstalter „BAKKAH-Reisen“ mit einem Studenten in Medina kooperierte und ihn als Reisebegleiter für Gruppen aus Deutschland einsetzte. Ein relevantes Netzwerk ist überdies der Zusammenschluss „Islamictutors“, dessen Mitglieder in Medina studiert haben oder noch studieren. Die Betreiber dieser Online-Akademie wenden sich mit ihrer „Da’wa“-Arbeit aus Saudi-Arabien an ein Publikum im deutschsprachigen Raum. Zum Teil arbeiten sie mit salafistischen Moscheen zusammen. Bekannt ist etwa, dass ein Vertreter von „Islamictutors“ bereits Online-Veranstaltungen für eine entsprechende Einrichtung in Baden-Württemberg durchgeführt hat. 

Export der wahhabitischen Lehre: HOUBBAN zwischen „Iman“ und IGMG

Ilyasse HOUBBAN ist sichtlich bemüht, den Auftrag zu erfüllen, den er implizit durch sein Stipendium für Medina erhalten hat. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland 2018 hat er sich zu einem wichtigen Akteur der hiesigen Salafistenszene entwickelt. Sein Erfolg beruht auf zwei Bausteinen: Zum einen produziert er für sein Projekt „Das gute Wort“ stetig eigene Videos und Botschaften. Zum anderen setzte er bereits in der Vergangenheit auf vielfältige Kooperationen, die eine gewisse Bandbreite des islamistischen Spektrums abdecken. 2019 arbeitete er mit der österreichischen Organisation „Iman“ zusammen und trat in deren YouTube-Format „Iman Talk“ als Interviewpartner auf. „Iman“ will grundsätzlich ein intellektuelleres Publikum ansprechen. Die Beiträge sind gespickt mit bildungssprachlichem Vokabular und zuweilen wird ein Thema auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive betrachtet. HOUBBANs Gastauftritt bei „Iman Talk“ zeugt wiederum von einer gewissen Wandelbarkeit: Während er ansonsten gerne im Hoodie auftritt, ist er beim „Iman Talk“ in Jackett und kragenlosem Hemd zu sehen. 

Im selben Jahr startete HOUBBAN die Zusammenarbeit mit einem popkulturellen Akteur, der sich in seinem Projekt den Themen Fitness und Ernährung widmet. HOUBBAN produzierte mindestens zwei Videos für dieses Projekt. Einmal widmete er sich der Frage, ob Veganismus mit dem Islam vereinbar ist. Im zweiten bekannten Video thematisierte er die koranische Sicht auf Fitness und Sport. Es fällt auf, dass beide Akteure unmittelbar nacheinander Gast bei „Iman Talk“ waren. Das erste Video von HOUBBAN für das Lifestyle-Projekt erschien zudem zeitnah zu den „Iman-Talk“-Auftritten. Die genaue Abfolge der Netzwerkbildung lässt sich daran zwar nicht ablesen. Mit Blick auf die zeitlichen Dimensionen erscheint es jedoch naheliegend, dass HOUBBAN den popkulturellen Akteur an „Iman“ vermittelt hat. 

Seit 2020 ist zudem eine Kooperation mit dem in Stuttgart ansässigen Verein „CAVE e. V.“ zu beobachten. Der Verein präsentiert sich selbst als muslimisches Teilhabeprojekt: Er wirbt damit, Muslime in verschiedenen Projekten zusammenzubringen. Seine Arbeitskultur beschreibt er auf der Homepage unter anderem mit folgenden Worten: „rollenbasierte Verantwortung“, „Entscheidungsfindung nach Beratungsprinzip“, „Kultur der Mitgestaltung“, „transparent“, „Wertschätzung untereinander“, „kreativ und visionär“. Die Selbstdarstellung vermittelt also den Eindruck von flachen Hierarchien und gegenseitiger Wertschätzung als Grundlage für innovative Projekte. 
Allerdings bleibt die Ausrichtung des Vereins nebulös. Auf der Homepage ist nicht nachzuvollziehen, wer genau hinter dem Verein steht. Von angeblich dreizehn laufenden Projekten wird auf der Seite zudem nur eines vorgestellt: „Deutschsprachiger Islamunterricht“ – diesbezüglich rufen die Verantwortlichen zu Geldspenden auf, geben zugleich jedoch keine näheren Informationen oder Erläuterungen. HOUBBAN wiederum hält unter dem Label „CAVE“ Vorträge – auch das ist nicht der Homepage des Vereins, sondern seinen eigenen Internetauftritten zu entnehmen: Er bewirbt die Vorträge auf seinem Facebook-Profil und seinem YouTube-Kanal. 

Für 2020 ist zudem eine Kooperation mit der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) belegt. HOUBBAN führte mindestens zwischen Januar und Oktober mehrere Veranstaltungen in den Räumlichkeiten des IGMG-Ortsvereins Herrenberg durch. Beworben wurden die Veranstaltungen als zwei Serien namens „Wöchentlicher Samstagsunterricht“ und „Kurze Aussagen über die Liebe zu Allah“. Während der Samstagsunterricht in der Regel knapp eine Stunde dauerte, haben die Videos aus der Serie „Kurze Aussagen über die Liebe zu Allah“ eine Laufzeit von nur wenigen Minuten. Die thematische Bandbreite reicht von „Standhaftigkeit“ über „Die Reue eines Mörders“ bis hin zu „Der Ungläubige im Grab“.

Fazit: Medina-Alumnus, der seinen „Da’wa“-Auftrag ernst nimmt

HOUBBAN ist ein salafistischer Akteur, der viel Zeit in seine Ausbildung investiert hat. Eine Besonderheit ist sein Studium an der Islamischen Universität in Medina: In den dreieinhalb Jahren seines Aufenthalts in Saudi-Arabien war er vollkommen der wahhabitischen Islamlesart ausgesetzt. Bereits vor seiner Rückkehr nach Deutschland begann er, das in Medina Gelernte an einen breiteren Adressatenkreis weiterzugeben. 
Inzwischen ergibt sich ein höchst ambivalentes Bild: Für den Ideologieexport kooperiert HOUBBAN mit den unterschiedlichsten Akteuren. Mit dem Auftritt bei der österreichischen Organisation „Iman“ versuchte er, ein intellektuelleres Publikum innerhalb der salafistischen Szene anzusprechen. Die Vorträge bei der IGMG erweitern seinen Adressatenkreis sogar auf ein anderes islamistisches Teilspektrum. Seine Kooperation mit dem popkulturellen Akteur ist wiederum als Versuch zu werten, gezielt Muslime anzusprechen, die bislang keine Kontakte zur extremistischen Islamlesart hatten. 

 

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