ISLAMISMUS

Serie „Salafistische Netzwerke im Wandel“
Teil 10: Ahmad ABUL BARAA

Im Internet ist ABUL BARAA eine Szenegröße des politischen Salafismus. Seine salafistische Koranauslegung verbreitet er sowohl auf eigenen Kanälen als auch über predigerübergreifende Plattformen. Die Schließung seiner Berliner Moschee und die Corona-Pandemie führten zu einem stärkeren Engagement in den sozialen Medien. Dort verfangen seine Rhetorik und sein Vortragsstil vor allem bei jungen Menschen. Daneben betätigt er sich gerade in den Sommermonaten deutschlandweit als Gastprediger, auch in Baden-Württemberg: Im Juli und Oktober 2022 trat er in der Nähe von Stuttgart auf.

Ahmad ABUL BARAA, geboren 1973 als Ahmad ARMIH, ist palästinensischer Abstammung und wuchs im Libanon auf, bevor er nach Deutschland kam. Sein Wirken ist eng verbunden mit der 2010 eröffneten „As-Sahaba-Moschee“ in Berlin-Wedding, die sich schnell zu einem Anlaufpunkt der salafistischen Szene entwickelte. Bis zur Schließung 2020 war er dort Imam. Über die Moschee unterhielt ABUL BARAA Verbindungen zu Szenegrößen und teilweise in den gewaltbereiten jihadistischen Salafismus. Mitbegründer und Vorsitzender des gleichnamigen Trägervereins war Reda SEYAM, einer der ranghöchsten Deutschen beim „Islamischen Staat“ (IS). In der „As-Sahaba-Moschee“ verkehrte auch Denis CUSPERT, der später zu einem der bekanntesten Deutschen innerhalb des IS avancierte; er soll Anfang 2018 in Syrien zu Tode gekommen sein. 

In seinen Äußerungen und mit seinen Tätigkeiten verbreitet ABUL BARAA sein salafistisches Weltbild, das der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zuwiderläuft. Darüber hinaus konstruiert er in seinen Predigten eine Verschwörung der westlichen Welt gegen den Islam, Muslime sind für ihn grundsätzlich Opfer. In diesen Rahmen ordnet er alle Berichte und Ereignisse in seinem Umfeld ein, nicht zuletzt die Durchsuchung der „As-Sahaba-Moschee“ im Dezember 2018 wegen des Verdachts der Terrorismusfinanzierung sowie eine Hausdurchsuchung im April 2020 und die darauffolgende Anklage aufgrund eines Verdachts des Betrugs mit Corona-Soforthilfen.

Überregional bekanntes Multitalent

Nach eigenen Angaben engagiert sich ABUL BARAA seit 2002 für die islamische „Da’wa“ (Missionierung) in Deutschland. Spätestens ab 2008 hielt er regelmäßig in der „Bilal-Moschee“ in Berlin-Mitte Predigten und Unterricht zu islamischen Themen. Zeitgleich predigte ABUL BARAA 2010 und 2011 in der „Al-Rahman-Moschee“ in Berlin-Wedding, die im September 2011 durchsucht wurde; Grund war ein Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Bis 2015 trat er trotz seiner Tätigkeit als Hauptimam der „As-Sahaba-Moschee“ weiterhin in der „Bilal-Moschee“ auf. Dort predigte zur selben Zeit Abdul Adhim Kamouss. Dieser distanzierte sich von der salafistischen Glaubensauslegung, weshalb ABUL BARAA im Winter 2015 explizit vor ihm warnte. 

Wegen der Schließung der „As-Sahaba-Moschee“ im Januar 2020 verlagerte ABUL BARAA seine Aktivitäten nach Niedersachsen zur „Deutschsprachigen Muslimischen Gemeinschaft e. V.“ (DMG Braunschweig) und ihrer Moschee in Braunschweig. Hier hält ermeist im Zweiwochenrhythmus Predigten und Vorträge vor Publikum. Zudem trat er vor Beginn der Pandemie deutschlandweit als Gastprediger in szenebekannten Moscheen auf. Die DMG Braunschweig bietet überregionalen Predigern wie Pierre VOGEL, Abdelilah BELATOUANI und Marcel KRASS eine Bühne außerhalb der eigenen Onlinepräsenz. 

Seit 2018 betreibt ABUL BARAA einen eigenen YouTube-Kanal. Zu Beginn fanden sich dort größtenteils seine Predigten aus der „As-Sahaba-Moschee“; zunehmend war bei der Aufmachung der Inhalte aber eine Professionalisierung festzustellen. Vorträge werden entweder als Livestream oder später als Upload auf YouTube gestellt. Inzwischen sind auf seinem Kanal mehr als 2.000 Videos verfügbar. Kürzere Ausschnitte und Beiträge werden außerdem für andere Plattformen wie Instagram und TikTok aufbereitet.

Gastprediger in Baden-Württemberg und Deutschland

Zuletzt kündigte ABUL BARAA vereinzelte Auftritte in verschiedenen Moscheen an, die tatsächlich stattfanden. Dies deutet darauf hin, dass er versucht, seine Tätigkeit als Gastprediger wiederaufzunehmen. Im Rahmen seiner Sommertour hielt ABUL BARAA Mitte Juli und Anfang Oktober 2022 zwei Vorträge in der Moschee des „Deutschsprachigen Islamischen Zentrums Sindelfingen e. V.“ (DIZS). Dies war nicht der erste Auftritt von ABUL BARAA in Baden-Württemberg: Der Beginn seiner Gastprediger-Tätigkeit ist eng verbunden mit einschlägigen hiesigen Moscheen, in denen im März 2011 einige seiner ersten Auftritte außerhalb Berlins stattfanden. Darunter waren die bis zum heutigen Tag bestehenden „Al-Baraka-Moschee“ des Moscheevereins „Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime e. V.“ in Pforzheim sowie die Moschee „Masjid As-Salam“ des „Arabischen Kulturzentrums Göppingen e. V.“. In der Folgezeit predigte er dort teils mehrmals im Jahr.

Daran schlossen sich weitere Auftritte in ganz Deutschland an. 2013 weitete ABUL BARAA deshalb seine Tätigkeit als Prediger aus; 2014 trat er erstmals in der DMG Braunschweig auf, wo zur damaligen Zeit überwiegend der ortsansässige Muhamed CIFTCI predigte. Dieser Auftritt im Januar 2014 markiert den Beginn der Online-Aktivitäten der DMG Braunschweig; die dazugehörige Aufnahme war der erste Upload auf ihrem YouTube-Account. In der Folgezeit entwickelte sich die DMG Braunschweig zu einem zentralen Akteur des salafistischen Spektrums, in dessen Räumlichkeiten unterschiedliche Akteure wie Wisam ABU HASCHIM, Pierre VOGEL und der Leipziger Hassan DABBAGH regelmäßig auftraten. 
Nach seinem ersten Vortrag 2014 predigte ABUL BARAA zunächst nur unregelmäßig in Braunschweig. Erst mit der Schließung seiner „As-Sahaba-Moschee“ verlagerte er seine Aktivitäten nach Niedersachsen. 

Vom Imam und Gastprediger zum Social-Media-Star und Internetphänomen

Die Besonderheit von ABUL BARAAs Vorträgen sind die anschließenden Fragerunden, die erheblich zu seiner Bekanntheit – auch über die salafistische Szene hinaus – beigetragen haben. In diesem Format können Personen vor Ort oder via Livestream Fragen zur Glaubensauslegung und zur korrekten muslimischen Lebenspraxis stellen. Seine Antworten und Erläuterungen zu vielfältigen Themen, die auf den ersten Blick die Adoleszenz betreffen und vereinzelt fast Sexualkundecharakter haben, mögen sich für Außenstehende zunächst lustig anhören. ABUL BARAA wurde jedoch erst dadurch als Internetphänomen weit über die Grenzen der salafistischen Szene hinaus bekannt. 

Seine Bekanntheit nutzt ABUL BARAA wiederum, um die islamische „Da’wa“ voranzutreiben. Die Beschäftigung mit vermeintlich irrelevanten alltäglichen Sachverhalten hat zum Ziel, Konvertiten und praktizierende Muslime langfristig an die eigene salafistische Auslegung der islamischen Religion zu binden. Neben seinen Predigten und Vorträgen bietet ABUL BARAA, wie andere Szeneakteure auch, Online-Konversionen an, bei denen der Übertritt zum Islam digital dokumentiert wird.

Ständige Drohung mit dem Höllenfeuer

Seine Ausführungen enthalten nicht nur eine Religionsauslegung im salafistischen Sinne, sondern auch stark politische Elemente, die konträr zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen. Bei einem Vortrag in der Nähe von Stuttgart äußerte ABUL BARAA, Muslime würden „mit den Taten der Höllenbewohner“ ins Paradies kommen wollen – gemeint waren Andersgläubige. Teil seiner Religionsauslegung, die jeden Lebensbereich umfasst, ist eine Fokussierung auf die eschatologische Dimension des Islams (Endzeitvorstellung). Die immanente Gefahr, im Jenseits mit dem Höllenfeuer bestraft zu werden, ist ein wiederkehrendes Element. Hierbei funktioniert das Höllenfeuer als Drohkulisse, der – so das Narrativ – nur durch die strikte salafistische Islamauslegung zu entkommen ist. 

In seinen Vorträgen und Predigten fordert ABUL BARAA seine Zuhörerschaft explizit auf, sich von allem Nicht-Islamischen fernzuhalten. Die Abwertung aller Menschen, die aus salafistischer Perspektive als Nicht-Muslime gelten, erfolgt in den Äußerungen ABUL BARAAs sowohl implizit als auch explizit – häufig auch in scherzhafte Formulierungen verpackt.

Das Geschäft mit den Pilgerfahrten

Ein weiteres Betätigungsfeld ABUL BARAAs ist seine Beteiligung am Geschäft mit Pilgerreisen des Mannheimer Reiseveranstalters „BAKKAH-Reisen“ nach Mekka. Hierbei unterhält ABUL BARAA über ein undurchsichtiges Firmenkonstrukt Verbindungen zu anderen Szeneakteuren wie Pierre VOGEL und Marcel KRASS. Das Geschäft mit den Pilgerreisen, das einige Akteure der salafistischen Szene betreiben, unterliegt wegen neuer Einreisebestimmungen saudi-arabischer Behörden jedoch erheblichen Beschränkungen. Dadurch ist es ihnen nicht mehr möglich, die „große“ Pilgerfahrt Hadsch weiterhin anzubieten. Sie können lediglich die „kleine“ Pilgerfahrt Umrah, die Pilgerfahrt außerhalb der Hadsch-Reisezeit, ins Programm nehmen. 

Nach einer kurzen Phase der Unklarheit boten salafistische Akteure die ersten Umrah-Reisen an. Darunter war auch „BAKKAH-Reisen“, das Pilgerfahrten mit Pierre VOGEL und ABUL BARAA veranstaltet. „BAKKAH-Reisen“ gehört ebenso wie der Anbieter „IME-Reisen“ aus Mannheim, der Pilgerfahrten mit Marcel KRASS anbietet, zur „HTG-Group“ aus Düsseldorf.

Gut Vernetzt – gemeinsame Verbindungen – wenig öffentlicher Austausch

Von anderen Szeneakteuren unterscheidet sich ABUL BARAA auch durch seine lockere und an die meist junge Zuhörerschaft angepasste Rhetorik. Bei Vorträgen und Predigten bindet ABUL BARAA die Anwesenden gezielt ein – durch rhetorische Fragen oder Wissensfragen, indem er Sätze durch das Publikum vervollständigen lässt sowie durch humoristische Anekdoten und Einwürfe. In Abgrenzung zu anderen Szeneprominenten wie Pierre VOGEL und Marcel KRASS vermeidet ABUL BARAA jedoch persönliche und biografische Informationen in seinen Äußerungen.

Überschneidungen mit anderen Szeneakteuren ergeben sich durch regelmäßige Aktivitäten in denselben Moscheen. Gemeinsame Auftritte oder Verweise auf andere salafistische Prediger vermeidet ABUL BARAA hingegen in seinen Videos. Dadurch lässt sich das Ausmaß von Austausch und Vernetzung schwer feststellen. In der Vergangenheit fanden Pilgerfahrten mit den Reisebegleitern ABUL BARAA und Pierre VOGEL – obwohl getrennt voneinander beworben – gemeinsam statt. Zudem gibt es Kontakte über das Firmenkonstrukt der Anbieter für Pilgerfahrten.

Fazit: Salafistischer Influencer und Multitalent

Seit seiner Anfangszeit als Hauptimam der „As-Sahaba-Moschee“ in Berlin steigerte ABUL BARAA durch vielfältige Bestätigungsfelder seine Bekanntheit. Im Lauf der Zeit entwickelte er sich zu einem Star und einem der einflussreichsten Prediger in der salafistischen Szene in Deutschland. Dabei scheinen auch Ermittlungsverfahren gegen ihn und sein Umfeld weder seiner Bekanntheit noch seiner Stellung innerhalb der Szene abträglich zu sein. Seine Videos, die ABUL BARAA gezielt auf seinem YouTube-Kanal einstellt und die von bekannten Szeneaccounts auf den unterschiedlichen Plattformen verbreitet werden, haben erheblich zur Steigerung seiner Popularität beigetragen. Die Verlagerung seiner Tätigkeit zur DMG Braunschweig mit ihrer starken Onlinepräsenz hat sich für ihn im Nachhinein als entscheidender Schritt erwiesen. Auf den predigerübergreifenden Accounts findet sich meist eine Mischung verschiedener Personen und Inhalte, mit denen ABUL BARAA auf den ersten Blick wenig gemeinsam hat. 

Je nach dem weiteren Pandemiegeschehen ist es wahrscheinlich, dass ABUL BARAA in den kommenden Monaten und Jahren seine Bekanntheit für Vorträge und Predigten als Gastimam nutzen wird. Damit dürfte er dazu beitragen, dass die salafistische Szene Betätigungsfelder der Vorpandemiezeit wiederaufgreift – auch wenn sich insgesamt ein Rückzug in private und virtuelle Räume abzeichnet. 

 

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