Rechtsextremismus

Regionaler Ableger der „Jungen Revolution“ oder eigenständige Gruppierung? 
Der „Nord Württemberg Sturm“

Mitte Dezember 2020 führten mutmaßlich Aktivisten der neonazistisch geprägten Gruppierung „Nord Württemberg Sturm“ (NWS) eine Banneraktion in Osterburken durch. Ein Video der Aktion, das in die sozialen Medien eingestellt wurde, lässt einen Bezug zur Gruppierung „Junge Revolution“ erkennen. 

Aktivitäten des NWS sind seit Juni 2020 in den sozialen Medien festzustellen. In unterschiedlichen Beiträgen nimmt er dort immer wieder Bezug auf die „Junge Revolution“ (JR). Diese ist eine Art organisationsübergreifendes Rekrutierungsbüro für junge Rechtsextremisten/Neonazis. Die JR soll ihnen Kontakte zu verschiedenen rechtsextremistischen Parteien, Gruppen oder Medienprojekten vermitteln – vorwiegend über das Internet, aber auch in der Realwelt.  

Eine Verbindung zwischen NWS und JR ist anzunehmen, jedoch lässt sich über die Rollenverteilung noch keine abschließende Aussage treffen. Dennoch sind personelle Überschneidungen zu erkennen. Zudem sind auch Vernetzungsbestrebungen des NWS mit der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) sowie zu deren Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ (JN) erkennbar. Auch betont der NWS die Wichtigkeit eines zunächst regionalen Aufbaus von Strukturen und damit einhergehender Aktionen.

Ideologische Einordnung

Der NWS lässt sich u. a. wegen seiner Postings in sozialen Medien als neonazistisch einordnen. So veröffentlichte er zum Beispiel am 16. Dezember 2020 einen Beitrag zu einer Musik-CD, der an ein Ritual aus dem Nationalsozialismus erinnert: Die Namen von 27 sehr hoch ausgezeichneten Soldaten der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS, darunter auch NS-Verbrecher, werden aufgerufen; nach jedem Namen ist ein „HIER!!!“ zu hören. 

Mit solchen Ritualen wurde im Dritten Reich der „Blutzeugen“ der NS-Bewegung öffentlich gedacht, zum Beispiel der während des Putschversuchs vom 9. November 1923 getöteten Nationalsozialisten. Vor einer Gruppe (beispielsweise einer SA-Einheit) wurden die Namen dieser „Blutzeugen“ einzeln verlesen, woraufhin die angetretenen Nationalsozialisten jeweils im Chor „Hier!“ riefen. Damit sollte wohl u. a. das Postulat „Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschiern im Geist und unsern Reihen mit“ aus dem Horst-Wessel-Lied untermauert werden. Auch heute ist dieses Ritual zum Gedenken an verstorbene Gesinnungsgenossen noch in der neonazistischen Szene verbreitet.

Exkurs: Wer war Josef „Sepp“ Dietrich?

Unter den Namen, die auf der oben genannten CD aufgerufen werden, ist auch ein „Dietrich“. Damit dürfte Josef „Sepp“ Dietrich (1892–1966) gemeint sein. Dietrich trat 1928 in NSDAP und SS ein. 1932 wurde er Chef des SS-Begleitkommandos „Der Führer“ und 1933 der „Stabswache“ der Reichskanzlei, die noch im selben Jahr in „Leibstandarte Adolf Hitler“ (LAH) umbenannt wurde. Im Sommer 1934 war er an den NS-Morden im Zusammenhang mit dem – vorgeblich geplanten – sogenannten Röhm-Putsch direkt beteiligt. 
1943 wurde Dietrich zum „Panzergeneral der Waffen-SS“, 1944 zum SS-Oberstgruppenführer befördert und mit den Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Darauf dürfte sich die oben geschilderte Ehrung durch den NWS beziehen. Diese Auszeichnung erhielten im Zweiten Weltkrieg nur 27 Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS. Von September 1944 bis Kriegsende war Dietrich Oberbefehlshaber der 6. SS-Panzerdivision.

Die von Dietrich befehligte LAH hatte sich im Krieg zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig gemacht, weswegen er in der Sowjetunion in Abwesenheit zum Tode und 1946 im Malmédy-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1956 vorzeitig aus der Haft entlassen, wurde Dietrich 1958 aufgrund seiner Verwicklung in die Morde vom Sommer 1934 wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Totschlag zu weiteren 18 Monaten Haft verurteilt. Dietrich starb 1966 in Ludwigsburg. Unter anderem dieses Kriegsverbrechers gedachte der NWS mit seinem Posting vom 16. Dezember 2020 in typisch nationalsozialistischer Manier.

[Zur Biographie vgl. Christopher Clark, Josef „Sepp“ Dietrich – Landsknecht im Dienste Hitlers, in: Ronald Smelser/Enrico Syring (Hrsg.), Die SS: Elite unter dem Totenkopf. 30 Lebensläufe, 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage, Paderborn 2003, S. 119–133.]

Aktivitäten des „Nord Württemberg Sturms“

Der NWS versteht sich selbst als regionale Gruppierung, die als ihr Hauptziel „die Stärkung der Gemeinschaft vor Ort“ sieht. Aus diesem Grund führt er zum Beispiel Gedenkveranstaltungen aus Anlass des Volkstrauertages vor allem im lokalen Umfeld durch. Das „Heldengedenken“ am Volkstrauertag ist eine fest verankerte Tradition in der rechtsextremistischen Szene. Es wurde bereits 1934 von den Nationalsozialisten ausgerufen, um den in der Weimarer Republik eingeführten Volkstrauertag für die Opfer des Ersten Weltkriegs für sich zu vereinnahmen. Allein die Umbenennung von „Volkstrauertag“ in „Heldengedenken“ lässt eine inhaltliche Verschiebung des Begriffs erkennen. Liegt bei einem „Volkstrauertag“ der Fokus auf der Trauer, zeigt sich im Ausdruck „Heldengedenken“ das „Heldenhaft-Vorbildliche“, dem es in Gegenwart und Zukunft nachzustreben gilt.

Zudem hat die Gruppierung selbst an verschiedenen Wanderungen teilgenommen bzw. nach eigenen Aussagen solche selbst organisiert. So veranstalteten Aktivisten eine Wanderung am 5. September 2020 in Satteldorf mit ca. 30 Teilnehmern. Eine weitere Wanderung fand am 3. Oktober 2020 in Berlichingen statt.

Auch ein rassistischer Eintrag in den sozialen Medien vom 12. November 2020 wurde durch den NWS getätigt. Auf dem Bild mit der Überschrift „Don’t be a race traitor“ („Sei kein Rassenverräter“) ist eine blonde, blauäugige Frau zu sehen. Im Text darunter ist die Aufforderung zu lesen, dass man nicht sein „ethnisches Erbe zerstören“ solle, indem man der „Täuschung der Vielfalt“ verfalle. Das Posting ist auf Englisch verfasst und offenbar von ausländischen, mutmaßlich englischsprachigen Gesinnungsgenossen übernommen.

Aktion in Osterburken im Dezember 2020

Am 17. Dezember 2020 stellte der NWS ein Video einer Banneraktion ins Internet, bei der auch Pyrotechnik gezündet wurde. Darin sind ca. zehn vermummte Personen zu sehen, die über das Bahnhofsgelände in Osterburken laufen und im weiteren Verlauf an einem Parkhaus ein Banner mit der Aufschrift „Migration tötet“ entrollen. In der Folge durchsuchte die Polizei am 28. Januar 2021 die Wohnungen von insgesamt fünf Beschuldigten wegen des Tatvorwurfs der Volksverhetzung. 

 

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