Islamismus

Reaktionen von Islamisten auf Anschläge in Europa

Vertreter der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) und des politischen Salafismus haben zum Teil Stellung zu den islamistischen Anschlägen von September bis November 2020 bezogen. Ihre Reaktionen zeugen von einer Externalisierung der Verantwortung für diese Taten. Zudem ist eine starke Fokussierung auf die Kontroverse um Mohammed-Karikaturen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ zu beobachten, die wiederum mit einer hochgradigen Emotionalisierung einhergeht. Diese Haltung bedient schlussendlich das Opfer-Narrativ, das in der islamistischen Propaganda eine zentrale Rolle spielt.

Beim Messerangriff am 4. Oktober in Dresden, bei dem ein Mann getötet und ein weiterer schwer verletzt wurde, gilt aktuell islamistisch gerahmte Homophobie als mutmaßliches Motiv. Die drei Anschläge in Frankreich sind wiederum im Kontext der seit 2005 anhaltenden Kontroverse um karikaturistische Darstellungen des Propheten Mohammed zu sehen. In Paris gab es am 25. September einen Angriff auf zwei Personen vor dem ehemaligen Redaktionssitz der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine wurde am 16. Oktober ein Lehrer enthauptet, der zuvor in seinem Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Das Attentat in Nizza vom 29. Oktober, bei dem ein Angreifer drei Menschen in einer Kirche tötete, wird ebenfalls im Kontext der Karikaturenkontroverse verortet. In Wien schoss ein Mann am 2. November in der Innenstadt wahllos auf Menschen; vier von ihnen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Der Attentäter hatte zuvor dem aktuellen „Kalifen“ der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) die Treue geschworen. 

Islamistische Akteure und Zusammenschlüsse bezogen zum Teil Stellung zu diesen Anschlägen. Im Folgenden daher eine Analyse der Haltung ausgewählter islamistischer Exponenten. 

Legalistischer Islamismus: IGMG

Auf die Anschläge von Dresden und Conflans-Sainte-Honorine waren aus dem Bereich des organisierten legalistischen Islamismus zunächst keine Reaktionen zu vernehmen. Kurz zuvor hatte die größte und bedeutendste Organisation aus diesem Spektrum, die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG), noch in einer Pressemitteilung vom 8. Oktober 2020 Österreich der „Hetze gegen religiöse Minderheiten“ beschuldigt. Hierbei bezog sie sich auf medial ausgetragene Kontroversen um einen geplanten Auftritt ihres Generalvorsitzenden bei der österreichischen IGMG-Sektion in Linz. 

Nicht einmal die Ermordung eines Lehrers nahe Paris durch einen radikalisierten tschetschenischstämmigen Jugendlichen, die mit der anhaltenden Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen in Zusammenhang stand, führte zu einer öffentlichen Positionierung der IGMG. Hingegen hatte die Organisation noch in einer Pressemitteilung vom 5. Oktober 2020 beklagt, eine Grundsatzrede des französischen Staatspräsidenten vom 2. Oktober habe „den Islam als Religion und damit auch Musliminnen und Muslime unter Generalverdacht gestellt, sie kollektiv in die Nähe des Extremismus und Terrorismus gerückt“, dies sei „Wasser auf die Mühlen von Islamfeinden“.

Das Thema Mohammed-Karikaturen wurde am 26. Oktober 2020 in einer Reihe des IGMG-eigenen Senders „camia TV“ aufgenommen: Hier diskutierten Selcuk CICEK, Vorsitzender der PR-Kommission der IGMG, und der frühere Vorsitzende des IGMG-dominierten „Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland“, Ali KIZILKAYA, über das Thema „Von der Karikaturenkrise bis zu den Übergriffen auf Moscheen – was geschieht in Europa?“. 
Der Diskussionsverlauf wurde zum Teil kritisch kommentiert. So stellte etwa ein ehemaliger Funktionsträger der IGMG fest, der Diskursstand habe fast ausschließlich „auf dem Stand der Nuller Jahre“ oszilliert, ohne Wahrnehmung aktueller Entwicklungen. Muslimisches Leben außerhalb der Verbände werde „nur als Konkurrenz oder Opposition zur eigenen Wirklichkeit“ wahrgenommen. Ein Mangel zeigte sich für den Kommentator auch darin, dass „sehr viel von Ängsten und Befürchtungen, aber nicht von eigenen Impulsen und Möglichkeiten“ gesprochen worden sei. Letztlich sei das Opfernarrativ des schutzlos ausgelieferten muslimischen Subjekts bedient worden, das „wenig Raum für eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven“ lasse. 

Der ehemalige DITIB-Funktionär Murat Kayman veröffentlicht unregelmäßig Blogbeiträge, in denen er Zustand und Befindlichkeiten der Islamverbände aus der Binnenperspektive beleuchtet. [DITIB wird vom Landesamt für Verfassungsschutz nicht als extremistische Bestrebung beobachtet.] Seine Analysen zeichnen sich durch analytische Schärfe aus und schaffen eine klare Gegenposition zu den Meinungen, die Verbandsvertreter üblicherweise vortragen. „Das hat was mit uns Muslimen zu tun“ lautete der Titel einer Analyse vom 20. Oktober 2020, die in ähnlicher Form am 26. Oktober auf „Zeit Online“ einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurde. Kayman rügt darin das Schweigen der Verbände nach dem Attentat auf den französischen Lehrer. Deren Position, die Anschläge hätten nichts mit dem Islam zu tun, sei nicht richtig: Die Gewalt, die von Muslimen ausgehe, stehe vielmehr in einem Zusammenhang mit der Atmosphäre in den muslimischen Gemeinschaften, was dort geduldet und unterstützt werde und „eine gemeinsame Identität“ begünstige. 

Weiter reflektiert er über Gewalt in individuellen und gesellschaftlichen Konflikten, über die Relativierung des Lebensrechts, die Verbindung zum Opferritus, fehlende Akzeptanz für Abweichungen von muslimischen Normen sowie die Vorstellung von religiöser Überlegenheit. Schließlich wirft er den Gemeinschaften und Verbänden die Ignoranz gegenüber dem Einfluss ihrer Lehre und ihrer Handlungen vor. Er resümiert: 

„Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zum Frieden oder zur Gewalt führt. Diese Entscheidung hat was mit uns Muslimen zu tun. Und solange wir nicht ändern, was in unseren Herzen und auf unseren Zungen ist, wird sich auch unser Zustand im Hier und Jetzt nicht ändern.“

Im Kontrast zu den vorstehenden Ausführungen veröffentlichte die IGMG nach dem Anschlag in Nizza vom 29. Oktober 2020 eine Pressemitteilung, in der sie sich „zutiefst erschüttert“ zeigte. Es folgten ritualisiert anmutende Betroffenheitsbekundungen wie die Aussage, es handele sich um einen „Angriff auf uns alle“, der „auf das Schärfste zu verurteilen“ sei. Am 1. November 2020 erklärte der IGMG-Generalvorsitzende Kemal ERGÜN auf Facebook: 

„Natürlich haben wir Respekt vor der Meinungsfreiheit, aber es kann keine Meinungsfreiheit sein, das Geheiligte anderer Menschen anzugreifen und zu beleidigen.“ 

Diese relativierende Äußerung veranlasste einen früheren IGMG-Funktionär am selben Tag zu der Kommentierung: 

„Nach der Aussage kommt kein Komma, kommt kein ‚Aber‘. Da gehört ein Punkt hin.“
 
Auch auf den Anschlag vom 2. November 2020 in Wien folgte tags darauf eine Pressemitteilung der IGMG, in der sie sich „erschüttert“ zeigte. Worte und Appelle, so wurde konstatiert, reichten offenbar nicht aus, weil sie potenzielle Täter nicht erreichten; gemeinschaftlich sei man gefordert, „wachsam“ zu sein „gegen jede Form des Extremismus“. Die Rettung zweier von dem Anschlag betroffener Personen durch zwei türkeistämmige junge Männer machte sich der Generalvorsitzende jedoch gleich wieder zunutze. Er schrieb die gute Tat umgehend der Erziehung in den eigenen Moscheen zu und ließ am 3. November auf Facebook verlauten: 

„Ich habe Recep Tayyip und Mikail heute angerufen und mich herzlich für ihren tapferen Einsatz bedankt. Diese jungen Männer, die in unseren Moscheen groß geworden sind, machen uns stolz.“ 

Der Vorsitzende des IGMG-Regionalverbands Württemberg, Zeki SEKER, kommentierte den Anschlag am 3. November mit den Worten: 

„Möge es für die in Wien und ganz Österreich terroristischen Angriffen ausgesetzte Bevölkerung vorüber sein! Mögen die Terroristen bald gefasst werden und die Verletzten genesen. Mit lauter Stimme verfluche ich jede Art von Terror als die gemeinsame Geißel der Menschheit.“

Auch der Koordinierungsrat der Muslime (KRM), in dem der „Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland“ vertreten ist, verurteilte in Pressemitteilungen vom 29. Oktober und 3. November 2020 die Anschläge von Nizza und Wien – mehr als Absichtserklärungen, das „friedliche Miteinander in den Mittelpunkt des Handelns“ und sich „gegen das Gedankengut dieser menschenfeindlichen Extremisten“ zu stellen, enthielten die Erklärungen jedoch nicht. 

In den sozialen Medien finden sich zudem Beispiele, wie die auf europäischem Territorium begangenen terroristischen Taten zum Teil mit verschwörungsideologischen Deutungen aus der Türkei kommentiert werden. Der Chefkolumnist einer regierungsnahen türkischen Tageszeitung machte in einem Post vom 3. November „den Westen“ als Triebkraft hinter dem Anschlag in Wien aus: 

„Über den Terror in Wien werden sie die Türkei angreifen. Diesen Terror haben sie selbst geplant. Der Schirmherr des globalen Terrors ist der Westen. Es wird die gesellschaftliche und psychologische Infrastruktur für einen neuen Kreuzzug geschaffen. In diese Falle werden wir auf keinen Fall hineintappen. Wir werden dagegen Widerstand leisten.“

Schließlich sah sich die IGMG durch Veröffentlichung einer weiteren Pressemitteilung am 11. November 2020 dazu veranlasst, in der Terrordebatte zu „mehr Sachlichkeit“ aufzurufen. Zwar konstatierte sie, Terrorismus sei „nicht mit Populismus und Aktionismus“ zu bekämpfen, sondern „Nüchternheit, scharfe Analyse und langfristige Strategien“ seien das Gebot der Stunde. Die politisch Verantwortlichen in Europa konfrontierte sie mit dem Vorwurf, „mehr Problem als Lösung“ zu sein. 

Selbstkritische Sichtweisen kamen hingegen von einigen Muslimen, die sich in der Vergangenheit in islamischen Verbänden engagiert hatten und mittlerweile von den verbandstypischen Deutungen abgewandt haben. Sie gaben zu bedenken:

  • „Wenn wir bei rassistischen Anschlägen auf Muslime darauf Wert legen, dass das Tatmotiv explizit auch genannt wird, dürfen wir auch bei #Wien und #Nizza nicht nur allgemein von einer ‚Solidarität mit allen Betroffenen von Hass und Gewalt‘ reden. Wir müssen genau benennen, womit wir es hier zu tun haben: islamistische und jihadistische Gewalttaten. Nur wenn wir das konkrete ideologische Weltbild dieser Terroristen benennen, können wir diese auch bekämpfen. Damit fängt alles an.“
  • „Empören wir uns als Muslime bei grausamen Morden wie bei #Samuel Paty und jetzt bei #Nizza annähernd so energisch wie bei irgendwelchen Karikaturen? Stimmt die Balance noch bei uns? Oder bleiben wir wieder sprachlos?“
  • „Verdammt, hört auf mit diesem ‚egal woher er (der Terror) kommt‘, wir wissen alle, woher er kommt. Mir reichts.“

Die Frage nach langfristigen Strategien der IGMG selbst – sowie auch anderer Verbände, die sich verbal gegen das Tolerieren von Extremismus in den eigenen Reihen positionieren – und nach entsprechender Expertise bleibt jedoch bislang offen. 

Salafismus: Pierre VOGEL, ABUL BARAA, Marcel KRASS, Amen DALI und „Islamictutors“

Im salafistischen Spektrum waren keine nennenswerten Reaktionen auf das islamistisch motivierte Attentat in Dresden zu verzeichnen. Verschiedene salafistische Akteure gaben allerdings nach den Anschlägen von Paris, Nizza und Wien Stellungnahmen ab. Dabei fällt auf, dass sich die Reaktionen auf die Attentate in Frankreich stark von denen auf den Anschlag in Wien unterscheiden. Generell lässt sich feststellen, dass die Ereignisse in Frankreich weitaus mehr Aufmerksamkeit erzeugt und Diskurse nach sich gezogen haben als der Anschlag in Österreich. 

Im Zentrum der Ausführungen zu Frankreich standen jedoch in der Regel nicht die Anschläge selbst, sondern die Mohammed-Karikaturen als ein motivierender Faktor. So äußerten sich die salafistischen Akteure zunächst immer zur Frage, wie die Karikaturen zu bewerten seien. Ablehnung der Karikaturen äußerte sich zum Beispiel darin, dass sie als „blöd“ (Marcel KRASS) bezeichnet wurden. Andere, etwa Ahmad ARMIH alias ABUL BARAA, betonten die Illegitimität solcher Darstellungen: Die Karikaturen seien nicht akzeptabel, weil sie Muslime verletzten. ABUL BARAA betonte in diesem Zusammenhang zudem seine vermeintliche moralische Überlegenheit, indem er eine rhetorische Frage an die Nichtmuslime richtete: „Habt ihr einmal erlebt, dass wir euch so anfeinden, wie ihr uns anfeindet?“ Daneben erörterten die salafistischen Akteure, mit welchem Ziel Mohammed-Karikaturen verbreitet würden: Sie dienten demnach dazu, den Propheten zu beleidigen und die Muslime zu provozieren (Pierre VOGEL). Aber schlussendlich seien sie auch der „Ausdruck für die Aussichtslosigkeit seiner [Mohammeds] Kritiker“ (Amen DALI). 

Großen Raum nahmen Überlegungen zum richtigen Umgang mit den Karikaturen ein. Dies ging in der Regel mit einer Ablehnung der Attentate einher. Manche Akteure äußerten diese sehr subtil. Ein Beispiel ist der YouTube-Beitrag „Live Talk Special zu Ehren des Propheten“ der salafistischen Lernplattform „Islamictutors“, der als Reaktion auf die Karikaturen-Problematik gesehen werden muss, obwohl darin nie explizit von den Karikaturen oder den Attentaten gesprochen wird. Hier wird die Ablehnung in einem Verweis auf Mohammed als Vorbild verpackt. So weist ein Akteur in dem Video darauf hin, dass Mohammed Mekka ohne „Blutbad“ erobert habe. Zwar hätte er allen Grund für einen Rachefeldzug gegen die Mekkaner gehabt, jedoch „sein eigenes Ego hintenan gestellt“

Andere Akteure beziehen expliziter Stellung zu den Anschlägen. Marcel KRASS nennt nicht nur die Karikaturen, sondern auch die Anschläge „blöd“. Er könne zwar verstehen, dass Muslime emotional auf diese Darstellungen von Mohammed reagierten – doch seien die Anschläge ein Zeichen dafür, dass die Personen sich nicht „unter Kontrolle“ gehabt hätten. Pierre VOGEL stellt klar, dass der Attentäter von Paris seine Tat aus Liebe zu Mohammed begangen habe, doch reiche Liebe alleine nicht aus. VOGEL verweist dabei auf ein Spannungsfeld zwischen dem Nutzen einer Handlung und der Befriedigung des eigenen Selbst. Dem Attentäter von Paris sei es vor allem um letzteres gegangen. Das Attentat in Nizza kommentierte er da-hingehend, dass solche Taten in der aktuellen Zeit nichts bewirken würden, aber: 

„Es gibt leider einige Muslime, die so doof sind und das wirklich glauben.“

Viele Akteure positionieren sich in diesem Zusammenhang zu der aus ihrer Sicht idealen Reaktion auf die Karikaturen. Die Vorschläge reichen von Aufrufen zur „Da’wa“ (Missionierung) über die Befürwortung des Boykotts von französischen Produkten bis hin zur Forderung nach einer breiten gesamtgesellschaftlichen Diskussion über die Thematik. Für Amen DALI liegt die Lösung in der Losung „mehr Hijab, mehr Bärte, mehr Aufruf zum Islam“. Er fordert dazu auf, den Menschen von Mohammed zu erzählen, Bücher über ihn zu verschenken und Videos zum Thema zu verbreiten. Pierre VOGEL stellt fest, dass die verstärkte „Da’wa“ sicherlich kein Fehler sei und nicht zu „Schaden“ führen würde. Auch hält er den Boykott französischer Waren für richtig, der nach seiner Auffassung keinen Schaden verursacht. Allerdings kritisiert er, dass viele Menschen eine solche Reaktion nicht lange durchhielten und die eigenen Boykottbestrebungen nach kurzer Zeit wieder vergäßen. Marcel KRASS betont, dass die Muslime der deutschen Gesellschaft durchaus ihre Ablehnung der Karikaturen vermitteln sollten. Ziel sei eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, an deren Ende die gegenseitige Rücksichtnahme und die Abkehr von Provokationen stehen sollten. 

Zu dem Anschlag in Wien haben sich bislang deutlich weniger salafistische Akteu-re öffentlich geäußert; die Betreffenden formulierten eine klare Ablehnung der Tat. Ein Blick auf die Argumentationsmuster und Fokussetzung offenbart jedoch eine gewisse Bandbreite: Im Zentrum der Verlautbarungen Amen DALIs steht die Aussa-ge, dass das Attentat keine Berührungspunkte mit dem Islam habe. Es sei eine Beleidigung des Propheten, wenn jemand dessen Namen für Anschläge „missbraucht“: „Der Prophet war kein Mörder, kein Verräter und kein Verbrecher.“ In diesem Sinne sei es auf der einen Seite wichtig, sich „von den Schandtaten der Missbraucher des Islams zu distanzieren“. Auf der anderen Seite plädiert DALI dafür, die Nichtmuslime über den Islam aufzuklären und ihnen zu verdeutlichen, dass die Tat in Wien islamisch nicht legitimiert sei. 

Pierre VOGEL fokussiert sich hingegen auf andere Aspekte der Tat. Besondere Beachtung schenkt er der Frage, wer für den Anschlag in Wien verantwortlich ist. Dabei sieht er die Tatbekennung des „Islamischen Staats“, den VOGEL auch „Idiotischer Staat“ nennt, als durchaus authentisch an. Für ihn ist eindeutig, dass der Attentäter IS-Mitglied war: Es gehe hier nicht um die Frage, ob die Person einen Mitgliedsausweis habe oder nicht; vielmehr gehöre jemand zum IS, sobald er den aktuellen „Kalifen“ als rechtmäßig erkannt habe. Noch deutlicher zeige sich die Zugehörigkeit in Unterstützungshandlungen wie dem Akquirieren von Finanzmitteln, der Online-Propaganda oder in Kampfhandlungen und Anschlägen. 
Zugleich äußert VOGEL die Vermutung, der Attentäter könnte durch Dritte, zum Beispiel den Verfassungsschutz, manipuliert und zum Anschlag angestachelt worden sein. Er rät seinen Zuschauern, skeptisch zu sein, wenn neue Bekannte gleich über den Jihad reden wollten oder den Weg der „Da’wa“ als minderwertig darstellten. Dieses Narrativ ist Ausdruck einer Externalisierung der Verantwortung. VOGEL nutzt es auch an anderer Stelle, z. B. bei der Konfrontation mit der Frage, warum so viele seiner Kontaktpersonen zum IS gegangen seien. Seine Antwort darauf ist stets eine Gegenfrage: „Wer denn?“ Er weist also jeglichen Einfluss und jede Verantwortung von sich. 

Neben der Frage nach der Verantwortung geht VOGEL zudem auf die Reaktionen der muslimischen Gemeinschaft auf das Attentat ein. In diesem Punkt kritisiert er die islamischen Verbände, die sich in der Regel von den Anschlägen distanzierten. Dabei geht es ihm vor allem um Äußerungen, in denen Anschläge „verurteilt“ werden. Hierfür fehle einerseits die theologische Grundlage. Auf der anderen Seite kritisiert er solche Reaktionen als Anbiederung an die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die staatlichen Stellen. VOGEL betont in diesem Zusammenhang, dass er selbst die Tat ablehne – und zwar weil solche Aktionen langfristig eher schadeten als nützten. Eine Verurteilung oder Distanzierung mit anderen Argumenten lehnt er offenbar ab, was er vor allem mit seinem Zielpublikum begründet: „Ich rede nicht für den deutschen Michel.“

Fazit: Sprachlosigkeit, Zurückweisung von Verantwortung und Opfer-Narrativ

Bei den Reaktionen auf die Reihe der islamistisch motivierten Anschläge von September bis November fällt zunächst die offensichtliche Sprachlosigkeit der IGMG und der politischen Salafisten auf die Tat in Dresden auf. Dabei bleibt zu fragen, warum sich keiner der Akteure zu der Tat geäußert hat. Bei dem Versuch, diese Zurückhaltung zu erklären, muss auch der Aspekt hervorgehoben werden, dass der Attentäter wahrscheinlich aus homophoben Motiven handelte. Ein Schweigen könnte man folglich auch dahingehend deuten, dass die islamistischen Personen und Verbände die Tat aufgrund dieser Motivlage gutheißen. 

Darüber hinaus zeugen die Reaktionen aus IGMG-Kreisen und dem salafistischen Spektrum von einer fehlenden Reflexion über die Rolle der Religion bei den Anschlägen. Die subtil oder offen formulierte Botschaft, die Attentate hätten nichts mit dem Islam zu tun, greift zu kurz. Es gibt Textstellen in den islamischen Quellen, die als Begründung für genau solche Taten herangezogen werden können – und auch herangezogen werden. Die Aussagen von IGMG-Vertretern und Salafisten zeugen hingegen von einer Externalisierung der Verantwortung: Sie suchen die Schuld bei anderen, nicht zuletzt bei den politisch Verantwortlichen und staatlichen Stellen. 

Ebenso zeigten die genannten Reaktionen eine hohe Emotionalisierung bei der Kontroverse um die karikaturistischen Darstellungen des Propheten. Bisweilen ist der Grad der Emotionalisierung so hoch, dass die Islamisten sich fast vollständig auf diesen Aspekt konzentrieren, während sie die Anschläge selbst kaum thematisieren. Beziehen sie sich auch auf die Anschläge, so erfolgt dies in der Regel in Form einer Relativierung: Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass man aufgrund seiner durch die Karikaturen verletzten Gefühle Verständnis für den Kontrollverlust des Attentäters haben sollte.

Im Salafismus ist zudem zu beobachten, dass die Akteure, die alle im politischen Salafismus verortet sind, die ideologische Nähe zum Jihadismus ignorieren. Sie wollen nicht erkennen, welche Rolle sie und ihre Propaganda bei der Radikalisierung Einzelner spielen. Stattdessen verweisen Titulierungen wie „Idiotischer Staat“ auf die innersalafistischen Feindseligkeiten, die in Zusammenhang mit den Anschlägen entlang der Gräben zwischen „Da’wa“ und Jihad bestehen. 

Schließlich weisen die Ausführungen von ehemaligen Funktionären darauf hin, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den Anschlägen nur außerhalb islamistischer Strukturen bzw. der etablierten Verbände möglich erscheint. Dabei geht es konkret um das Eingeständnis, dass es sich beim Islamismus um eine Lesart des Islams handelt – und dass auch Akteure, die vielleicht selbst nicht auf Gewalt setzen, den ideologischen Boden für spätere Jihadisten bereiten können. Erst dann scheint auch eine Bewertung des islamistischen Terrorismus ohne Bezug zum Opfer-Narrativ und ohne Relativierung der Taten möglich. 

 

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