Rechtsextremismus

Programmieren für die Heimat – Spieleentwickler verknüpfen technisches Know-how mit rechtsextremistischer Propaganda 


Am Wochenende vom 5. bis 7. März 2021 lud der Spieleentwickler Kvltgames, der 2020 mit dem Computerspiel „Heimat Defender: Rebellion“ bekannt geworden war, überregional Programmierer zum „Heimat Jam“. Drei Tage lang experimentierte man im virtuellen Raum gemeinsam an verschiedenen Spieleideen. Im Ergebnis entstanden sieben Spiele-Prototypen, die zwar durchaus auch unpolitische Inhalte aufweisen, zugleich aber subtile Einblicke in einzelne Themenfelder der „Neuen Rechten“  bieten. 

Der „Heimat Jam“ 

Kvltgames,1 der Initiator und Organisator des „Heimat Jams“,2 erlangte im Jahr 2020 durch den Release des Spiels „Heimat Defender: Rebellion“ erstmals größere Bekanntheit. Das vom Verein „Ein Prozent“3 finanzierte Spiel, das mittlerweile durch die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ indiziert wurde, wies bereits deutliche Bezüge zur Ideologie der „Neuen Rechten“4 sowie den damit verbundenen Führungspersonen auf. „Heimat Defender“ bediente sich optisch und akustisch bei der „Elektro-Wave“-Bewegung der 1980er und 1990er Jahre. Auch der „Heimat Jam“ Anfang März erinnerte auf den ersten Blick an diese in der Internetkultur bereits etablierte Optik.

Inhaltlich stand der Game Jam – mehr oder weniger subtil im Vorfeld allein über die Namensgebung kommuniziert – unter dem Motto „Heimat“. Der Initiator veröffentlichte auf der Veranstaltungswebsite vorsorglich eine Übersicht über „nicht erlaubte“ Inhalte, darunter unter anderem „Gewalt gegen spezifische Menschengruppen“, „nationalsozialistische oder sonstige politisch extremistische Inhalte“ sowie „strafrechtlich relevante Inhalte“. Auf dem Titelbild der Veranstaltung ist darüber hinaus „Pepe the Frog“ zu sehen, ein menschenähnlicher Frosch. Die ursprünglich harmlose Comicfigur wird auf Imageboards häufig im Zusammenhang mit der Kommunikation rechtsextremistischer Inhalte genutzt. Die Ergebnisse der Session wurden nach der Veranstaltung auf der genannten Website zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung gestellt. 

Die Spiele

Nicht alle Spiele halten politische Inhalte bereit. Lediglich bei drei der insgesamt sieben downloadbaren Spiele-Prototypen, namentlich dem „Banner Hanger“, „Universitäts Verteidiger“ sowie „Nachts im Mutantenlabor“ waren mehr oder weniger subtile politische Botschaften im typischen Jargon der neurechten Szene festzustellen. Teilweise konnten sogar rechtsextremistische Inhalte gesichtet werden.

a) „Banner Hanger“

Laut Startbildschirm ist es das Ziel des Spiels, „sich im Aktivismus zu versuchen“. In einer Bibliothek soll der Spieler mit Hilfe einer zweiten spielbaren Unterstützerin Banner aufhängen, ohne sich erwischen zu lassen. Der fiktive Aktivist „Aaron“ fungiert hier als aktiver Plakatanbringer während seine Freundin „Christa“ die blauhaarige5 Bibliotheksaufsicht ablenken soll, welche hinter „Aaron“ herläuft, sobald sie ihn sieht. Ist dies geglückt, kann „Aaron“ an der Rückseite der Bibliothek insgesamt fünf gleichlautende Banner anbringen, auf denen „It’s Okay to be White“6 zu lesen ist. 

Heimliche Plakat- und Aufkleberaktionen gehören zu den typischen Aktionsformen rechtsextremistischer Gruppierungen wie der „Identitären Bewegung Deutschland e. V.“ (IBD). Daran knüpft das Spiel direkt an.

b) „Universitäts Verteidiger“

Das Setting des Spiels besteht lediglich aus einem einzelnen Standbild: ein Schreibtisch mit Computer, Telefon und Faxgerät. Auf einer Pinnwand im Hintergrund sind die Begriffe „Unterstützer“, „Einfluss“ und „Geldmittel“ zu lesen. Oben rechts im Bildschirm ist eine Uhr erkennbar, links eine abstrakte Version des bereits erwähnten Froschs „Pepe“.

Im „Telefonbuch“ des Spielers finden sich verfremdete Namen, die teilweise entfernt an politische Gegner erinnern. Beispiele sind „Greta Tunixgutberg“ (in Anlehnung an die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg) und „Lisa Lacentia“ (eine Anspielung auf die ehemals IBD- und AfD-nahe Youtuberin „Lisa Licentia“, die 2020 mit diffamierenden Äußerungen in Richtung ihrer ehemaligen Aktivisten-Kollegen aus dem rechtsextremistischen Lager für Unruhe in der Szene sorgte).

Im Laufe des Spiels wird der Spieler mit immer neuen Szenarien konfrontiert, in denen er sich nach der „Entweder-oder“-Methode für eine Antwortmöglichkeit entscheiden muss. In Abhängigkeit von der getroffenen Entscheidung steigt oder sinkt die Zahl der Unterstützer im „politischen Kampf“ – und der Einfluss an der Universität wächst oder schrumpft dementsprechend. 

Der Tenor der in Textform dargestellten Szenarien ist durchgehend dem rechtskonservativen bis rechtsextremistischen Lager zuzuordnen. Zu bekämpfende „Gegner“ werden als „Antifanten“ bezeichnet und Deutschland als ein Land betitelt, in dem „bessere Zeiten wohl noch lange auf sich warten lassen“.

c) „Nachts im Mutantenlabor“

Einer der beiden Hauptprotagonisten des Spiels ist der AfD-Politiker7 Dubravko MANDIC, der im Raum Freiburg/Lörrach beheimatet ist und dem formell aufgelösten „Flügel“ angehörte. Das Setting bildet laut Begrüßungsbildschirm ein „geheimes Bio-Labor der chinesischen Regierung“, aus dem „etwas“ entkommen ist. Der Spieler wird aufgefordert, die „FFP2 Maske“ aufzusetzen und den beiden Helden „Mandic dem Chad und Konrad dem Nerd“8 bei „ihrem Abenteuer zur Seite zu stehen“. Der Begrüßungsbildschirm des Spiels zeigt MANDIC in kämpfender Pose mit Schwert und Schild, auf dem das Logo der AfD zu erkennen ist. Thematisch nimmt das Spiel eindeutig Bezug auf die Corona-Pandemie und den rassistisch geprägten Begriff des „Chinesischen Virus“. Der Name der – fiktiven – chinesischen Stadt „Mauwus Gai“ könnte auf eine Verballhornung des englischen Wortes „gay“ (schwul) hindeuten. Im Szene-Jargon der „Neuen Rechten“ werden nicht anerkennungswürdige Sachverhalte häufig mit dem Zusatz „gay“ abgewertet.

Abgesehen von der Darstellung eines Rechtsextremisten als „Titelheld“ sind in der Spielhandlung selbst keine extremistischen Inhalte feststellbar. Die MANDIC-Figur kämpft sich mit Hilfe ihres Schildes und von „Konrad“ durch verschiedene Räumlichkeiten des Labors und besiegt optisch neutral gehaltene Gegner mit Schwerthieben. 

Aus Sicht des Verfassungsschutzes ist darüber hinaus das Titellied des Spiels von Interesse, das im Begrüßungs-Bildschirm im Hintergrund läuft. Das Lied „Chad Mandic – AfD Wave“ wurde mit dazugehörigem Video vom Account „Retrorebel“ am 28. Februar 2021 auf YouTube bzw. am 1. März 2021 auf Instagram veröffentlicht. Inhaltlich werden darin wave-typische Elektro-Wiederholungen des Namens „Mandic“ sowie direkte Zitate der Person verwendet. Das Lied ist eindeutig eine Glorifizierung der Person MANDIC sowie deren Aussagen. MANDIC wird von seinen „Fans“ oftmals zum Gegenstand szenetypisch positiv überzeichneter Online-Veröffentlichungen gemacht (vgl. hierzu seine bereits erwähnte Bezeichnung als „Chad“). Hierbei dürften das Auftreten des Strafverteidigers und seine persönlichen Beziehungen, insbesondere zu jüngeren Rechtsextremisten, eine Rolle spielen.

Fazit 

Offiziell diente der „Heimat Jam“ im März zur unverbindlichen Vernetzung technisch versierter Personen, um gemeinsam Projekte anzutesten und gegebenenfalls Vorarbeit für künftige Veröffentlichungen zu leisten. Im Ergebnis liegen diverse funktionsfähige Spiele-Prototypen mit teils eindeutigen rechtsextremistischen Inhalten vor, die einer breiten Masse als kostenlose Downloads zur Verfügung gestellt werden. 
Der Spielablauf ist jeweils – für Prototypen charakteristisch – simpel gehalten. Die Spiele erinnern zumeist an einfache Point-&-Click-Spiele9 oder Textadventures,10  die auch ungeübten Spielern einen Zugang zur Gaming-Thematik bieten können. Die spieletaktischen Anforderungen sind gering, die Prototypen erfordern in der Regel keine zusätzlichen Software-Downloads und weisen niedrige Hardware-Anforderungen auf. Dadurch kann theoretisch jeder durchschnittliche Computernutzer Zugang zu den veröffentlichten Inhalten bekommen. 

Durch solche Aktionen dürfte „Kvltgames“ sowohl seine offiziellen Ziele erreichen als auch die eigene Reichweite erhöhen. Darüber hinaus könnte es den involvierten Personen gelingen, kreative Ideen und technisches Know-how für künftige Projekte mittels großflächiger Vernetzung auszubauen. 
Da ein Release weiterer Spiele künftig nicht auszuschließen ist, scheint die Zusammenarbeit mit anderen Entwicklern mit gleicher politischer Couleur von Vorteil. Zugleich ist „Heimat Jam“ ein guter Indikator für eine bestehende überregionale Zusammenarbeit und interne Szenevernetzungen – nicht zuletzt im virtuellen Raum. 



Anmerkungen:

1  Kvltgames ist kein Beobachtungsobjekt des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg.

2  Angelehnt an „Jam-Sessions“, bei denen Musiker zusammenkommen, um spontan gemeinsam neue Musikstücke zu erschaffen. Ziel eines „Game Jams“ ist es, Computerspiele-Entwickler zusammenzubringen, um in einem relativ kurzen Zeitraum gemeinsam kreative Ideen und praxisbezogen Spiele-Prototypen zu entwickeln.

3  „Ein Prozent e. V.“ wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt.

4  Der Begriff „Neue Rechte“ existiert seit den 1970er Jahren und wurde inhaltlich stetig fortentwickelt. An dieser Stelle bezeichnet er ein informelles Netzwerk aus Gruppierungen, Einzelpersonen und Organisationen, in dem rechtskonservative bis rechtsextremistische Kräfte zusammenwirken, um mittels unterschiedlicher Strategien antiliberale sowie antidemokratische Positionen in Gesellschaft und Politik durchzusetzen. Konkret lassen sich dem hier gemeinten Netzwerk die „Identitäre Bewegung“, „COMPACT – Magazin für Souveränität“ (Verdachtsfall des BfV), PEGIDA, „Ein Prozent“ (Verdachtsfall des BfV), das „Institut für Staatspolitik“ (IfS; Verdachtsfall des BfV) und Teile der AfD zurechnen.

5  „Blaue Haare“ werden in der rechtsextremistischen Szene ebenso wie andere extrem auffällige, modegeprägte Eigenschaften häufig der „alternativen“ oder „linken“ Szene und damit dem politischen Gegner zugeordnet.

6  Der Slogan „It’s Okay to be White“ wurde anhand eines Imageboard-Beitrags 2017 zunächst im englischsprachigen Raum populär und ist als direkte Reaktion auf den „Critical-Whiteness“-Aktivismus der linken Szene zu betrachten. Später nutzten ihn Rechtsextremisten weltweit. So war der Satz beispielsweise auf Einlassarmbändern einer Veranstaltung der „Identitären Bewegung“ in Halle (Saale) 2017 zu lesen.

7  Die Partei Alternative für Deutschland ist kein Beobachtungsobjekt des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg.

8  „Chad“: Aufwertende, bewundernde Bezeichnung für einen Mann, dem Vorbildcharakter zugeschrieben wird. In der „Incel“-Kultur oft zwiespältig – einerseits Vorbild, andererseits Neidobjekt. Nerd: Häufig für eine intelligente, aber sozial isolierte computeraffine Person genutzt. Je nach Kontext kann die Bedeutung positiv oder negativ konnotiert sein. 

9  Bei „Point-&-Click“-Spielen erfolgt die gesamte Spielesteuerung über Klicks auf einem Eingabegerät, meist per Maustaste. Komplexere Steuerungsabläufe existieren nicht.

10  Hier wird das gesamte Spielgeschehen über Textbausteine dargestellt; grafische oder akustische Elemente kommen nicht vor. 

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