ISLAMISMUS

IGMG baut mittels Spendenkampagne ihr Netzwerk an Bildungseinrichtungen in Europa aus

Die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V.“ (IGMG), die größte und bedeutendste Vertreterin des sogenannten „legalistischen Islamismus“ in Deutschland, wirbt hierzulande sowie in zahlreichen weiteren Ländern Spendengelder ein mit dem Ziel, das Netz ihrer Bildungsinstitutionen zu vergrößern. Dabei geht es sowohl um den Ausbau bereits bestehender Einrichtungen als auch um teils repräsentative Neubauvorhaben. Ein Beispiel für letzteres ist die „Eyüp Sultan-Moschee“ (Eyüp Sultan Külliyesi) in Strasbourg, eines der größten Moscheebauprojekte Europas.

Die Bereitschaft zu wohltätigem Engagement für die Gemeinschaft durch unterschiedliche Formen des Spendens besitzt für Muslime traditionell einen hohen Stellenwert. Im Rahmen ihrer jährlich durchgeführten ‚Infak‘-Kampagne macht sich die IGMG diese Tatsache zunutze: „‘Infak‘ bedeutet, etwas um Allahs willen auszugeben. Jede Ausgabe, die in dieser Absicht getätigt wird, ist ein “Infak“,[1] lautet die Definition in einer von mehreren zu diesem Thema veröffentlichten Freitagspredigten der IGMG. Der ‚Infak‘ sei „zum einen Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Allah und zum anderen ein Mittel, um zum Guten bei Allah zu gelangen“. Dem Spender bietet sich damit einerseits die Möglichkeit des Engagements als Wohltäter zugunsten der Gemeinschaft und gleichzeitig zur Vermehrung der eigenen, ihm im Hinblick auf das Jenseits zuzurechnenden guten Werke.

Die ‚Infak‘-Kampagne

Der Zweck der Kampagne besteht in der Erhaltung und dem Ausbau bereits bestehender Institutionen, mit denen die Erziehung der kommenden Generationen im Sinne des Religionsverständnisses der IGMG sichergestellt werden soll. Auch die Gründung weiterer solcher Institutionen soll ermöglicht werden. Nach Jahrzehnten in der Diaspora ist die Bewahrung der religiösen Identität und der damit verbundenen moralischen und ideellen Werte – in Abgrenzung zur Umgebungsgesellschaft – eines der wichtigsten Anliegen der IGMG. Die Institutionalisierung der ‚Infak‘-Kampagne reicht bis ins Jahr 2012 zurück. Gegenstand der Kampagne sind pro Jahr rund fünf bis zehn Projekte, für deren Unterstützung insbesondere in den sozialen Netzwerken geworben wird. Den Bedürfnissen der Anhängerschaft entsprechend legt die IGMG den Fokus hierbei auf religiöse Bildung und Erziehung: Nach vorherrschender Meinung ist die Entwicklung eines islamischen Bewusstseins durch die nachfolgenden Generationen nur durch den Erwerb des „richtigen“ Religionsverständnisses möglich. Für die IGMG ist es daher unabdingbar, dieses Verständnis bei ihren Anhängern in den eigenen Institutionen zu verankern. 

Zentraler Akteur: EMUG e.V.

Beim Ausbau bestehender Einrichtungen und dem Erwerb von Liegenschaften tritt die IGMG nicht selbst auf, sondern in Form ihrer Immobilienverwaltungsgesellschaft EMUG e.V., die an gleicher Adresse in Köln ansässig ist. Die verbandseigene Zeitschrift der IGMG, „Perspektif“, beschreibt in ihrer Ausgabe vom 1. Dezember 2020[2] diesen Akteur folgendermaßen:

„Die EMUG („Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft e.V.“/“Avrupa Cami Yaptırma ve Yaşatma Derneǧi“) wurde 1985 mit dem Ziel gegründet, Gebäude, die von Moscheegemeinden in Europa genutzt werden, anzukaufen und sich an deren Wartung und Neubau zu beteiligen. Die Gemeinschaft, die Unterstützung dabei leistet, die für den Betrieb der islamischen Gemeinden notwendigen Moscheegebäude und Bildungseinrichtungen weiterzuentwickeln, hat in den vergangenen 30 Jahren – insbesondere in Deutschland – Hunderte von Gebäuden angekauft, die in Europa als Moscheen oder Bildungs- und Kulturzentren genutzt werden. Nach Aussage des EMUG-Vorsitzenden werden aktuell Hunderte von Ortsvereinen unterstützt, wobei die Hauptaufgabe die Bewahrung und Renovierung der Moscheegebäude ist […]. Im Rahmen der EMUG arbeitet ein großes Team an Dutzenden Neubau- und Renovierungsprojekten und begleitet den Prozess der Anerkennung von Moscheen bis hin zum eigentlichen Bauprojekt.“ 

Entsprechend dieser Aufgabenstellung verantwortet die EMUG e.V. die ‚Infak‘-Kampagne und kooperiert aufgrund der europa- bzw. weltweiten Aktivitäten eigenen Angaben zufolge auch mit Partnerorganisationen jeweils vor Ort. 



[1] Freitagspredigt, https://www.igmg.org/hutba-spenden-um-allahs-willen/

[2] https://perspektif.eu/2020/12/01/her-caminin-dikkate-almasi-gereken-farkli-kosullar-var/



Die jährliche ‚Infak‘-Kampagne und die jeweiligen Projekte 

Einen Einblick in die Zielsetzungen der Kampagne sowie in den Stand der jeweiligen Projekte gibt eine Reihe von Imagevideos, die durch die EMUG e.V. bereit gestellt werden. Vertreter der IGMG, die darin zu Wort kommen, verweisen vor dem Hintergrund des normativen Religionsverständnisses der IGMG vielfach auf das Ziel, eine „tugendhafte Generation“ und eine ebensolche Gesellschaft zu schaffen, was über die Erziehungs- und Bildungsaktivitäten verstetigt und vorangetrieben werden soll. 

Die verschiedenen Bildungs- und Unterrichtsformen im Rahmen der Kampagne lassen sich unter anderem nach Alter der Schüler und Schülerinnen sowie nach der Schulart kategorisieren: von Vorschule (anaokul), Grundschule (ilkokul), Realschule (ortaokul) und Imam-und Prediger-Gymnasium (İmam Hatip[1] Lisesi), speziellen Kursen in „Islamischem Wissen“ (İslami İlimler) und „Hafız“[2]-Klassen (hafızlık sınıfı) bis hin zur Theologischen Fakultät  (İlahiyat Fakültesi) zeigt sich ein diversifiziertes Angebot, dessen Inhalte zentral durch die IGMG-Bildungskommission vorgegeben werden. Die Tatsache, dass die IGMG traditionellen Lehrformaten und -inhalten wie „Islamischem Wissen“ oder dem auswendigen Memorieren und Rezitieren des Koran (hafızlık) große Bedeutung beimisst, zeigt ihre Affinität zu vorrepublikanischen Denk- und Lehrtraditionen. Die genannten Bildungsformate waren an türkischen Schulen zu keiner Zeit Bestandteil des Religionsunterrichts, welcher erst 1982 als ordentliches Lehrfach in der türkischen Verfassung verankert wurde. 

Schließlich gewährt die ‚Infak‘-Kampagne mit den unterschiedlichen Projektstandorten einen Einblick in das transnationale Netzwerk der „Milli Görüş“-Institutionen unter dem Dach von IGMG und EMUG e.V.. Zudem belegt sie insbesondere das zentral organisierte und abgestimmte Agieren der beteiligten Institutionen im Hinblick auf die jeweils gleichartigen Bildungsinhalte und -formate über regionale und Ländergrenzen hinweg. 

Wo wurden Projekte im Rahmen der „Infak“-Kampagne bisher gefördert?

In Deutschland waren in zeitlicher Abfolge verschiedene Projekte an diesen Standorten in die ‚Infak‘-Kampagne einbezogen: Osnabrück, Altensteig (2013), Bremen, Villingen-Schwenningen, Hamburg-Seevetal (2014), Hannover (2015/2016), Bremen, Berlin, Ulm (2017), Brühl, Düsseldorf, Raunheim, Bergkamen (2018), Köln, Hamburg-Wilhelmsburg, München (2019), Berlin, Recklinghausen, Nagold (2020), Aachen, Biberach, Laatzen, München-Berg am Laim, Berlin und Achern (2021). Im selben Zeitraum wurden Projekte in Belgien, Frankreich, Dänemark, Niederlande, Österreich, Großbritannien, Schweiz, Australien, Italien, Serbien, Japan, Schweden und Bosnien-Herzegowina gefördert. 

Ein Blick auf die Projekte in Baden-Württemberg 

Das erste in Baden-Württemberg im Rahmen der ‚Infak‘-Kampagne realisierte Projekt war der Erwerb und Umbau eines ehemaligen Hotels in Altensteig (Kreis Calw) zu einem Schulungszentrum im Jahr 2013. Inzwischen befindet sich das Objekt nicht mehr im Besitz der IGMG bzw. der EMUG e.V.. 2014 wurde die Zentrale des IGMG-Regionalverbands Freiburg-Donau mitsamt eines Bildungszentrums („Bölge Eǧitim Merkezi“) in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) durch Spenden gefördert: Das dortige Angebot umfasst „Hafız“-Klassen, „Islamisches Wissen“-Kurse in Internatform und Tageskurse, Vorschule und Hausaufgabenhilfe. Die Zentrale des IGMG-Regionalverbands Schwaben in Ulm wurde 2017 zu einem Bildungszentrum mit Gebetsraum und Bibliothek erweitert. In Nagold (Kreis Calw) folgte 2020 das Projekt „Kuba Bildungs- und Hafız-Zentrum“ („Nagold Eğitim ve Hafızlık[3] Merkezi“), das mit einer Kapazität von neun Klassen, ausgelegt für 165 Schüler, einer Vorschuleinrichtung, einem Gebetsraum sowie einem separaten Bereich für Frauen mutmaßlich für einen größeren Einzugsbereich konzipiert ist. Gegenstand der Kampagne 2021 waren die Ortsvereine der IGMG in Biberach und Achern (Ortenaukreis). Während das „Moschee- und Bildungszentrum Biberach“ („Biberach Camii ve Eǧitim Merkezi“)über eine Schule für „Islamisches Wissen“, Hafız-Schule und Kindergarten verfügt, bietet das „Hafız- und Bildungszentrum Achern“ („Achern Hafızlık ve Eǧitim Merkezi“) Kapazität für über 150 Schüler und Schülerinnen und verfügt über Kindergarten, Vorschulklassen, Vorbereitungs- und Grundbildungsklassen sowie eine Hafız-Klasse. Zum Abschluss der Kampagne des Jahres 2021 brachte der IGMG-Generalvorsitzende Kemal ERGÜN deren Zielsetzung in einem Imagevideo nochmals auf den Punkt:

„Liebe Geschwister, tragt auch Ihr mit der Infak-Kampagne dazu bei, eine lebenswerte Welt zu errichten und Generationen zu erziehen, die sich Tag und Nacht darum bemühen, dass noch mehr Menschen dort erzogen werden. Möge Euer Beitrag hierzu zu einem großen Ozean anwachsen und die Zahl derjenigen, die sich freiwillig für Bildung engagieren, größer werden. Mit diesen Gefühlen und Gedanken lade ich Euch alle zur Teilnahme an der Infak-Kampagne ein und vertraue Euch Allah an.“ 

Die Aussage unterstreicht die umfassende Bedeutung, die die IGMG der Erziehung der nachfolgenden Generationen im Sinne der Werte ihres Religionsverständnisses beimisst, ebenso deren weiterer Verbreitung. In dieser Hinsicht steigert die ‚Infak‘-Kampagne für die Organisation die Chancen, dem angestrebten Lebens- und Gesellschaftsmodells mit Hilfe der materiellen Opferbereitschaft ihrer Anhänger Stück für Stück näherzukommen.


 
[1] Im türkischen Bildungssystem Bezeichnung für Berufsfachgymnasien für die Ausbildung zum Imam (Vorbeter) und Prediger
[2] Mit „hafız“ wird eine Person bezeichnet, die den Gesamttext des Koran auswendig gelernt hat und zu bestimmten Gelegenheiten Abschnitte daraus rezitiert. Dieser Vortrag folgt Aussprache- und Intonationsregeln und ist dadurch eine Art Sprechgesang.
[3] Mit „hafızlık“ wird die Eigenschaft/Fähigkeit des auswendigen Rezitierens des Korans bezeichnet



 

 

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