Rechtsextremismus | Reichsbürger und Selbstverwalter

Alters- und Geschlechterstruktur unter Rechtsextremisten und „Reichsbürgern“


Rechtsextremisten sowie „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Unterschiede zwischen diesen Phänomenbereichen bestehen allerdings nicht nur im Hinblick auf ihre Ideologie. Auch hinsichtlich der Geschlechter- und Altersverteilung lassen sich verschiedene Konstellationen ausmachen. Diese geben zum Beispiel Aufschluss über Radikalisierungsverläufe oder Gruppendynamiken. Für diese beiden Bereiche wird im Folgenden der Aufklärungsstand des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg dargestellt.

Extremistische Szenen unterliegen einem ständigen Wandel. Zwar gibt es, insbesondere auf ideologischer Ebene, mehrere Kontinuitätslinien wie zum Beispiel Rassismus und völkisches Denken im deutschen Rechtsextremismus. Bei den Organisations-, Handlungs- und Erscheinungsformen hingegen lassen sich immer wieder neue Gruppierungen, modernisierte Agitationsstrategien im Internet oder ein gewandeltes Äußeres feststellen. Häufig ist das auch Ausfluss gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen oder eine Reaktion auf staatliche Repression. 

Mit der Szene wandeln sich auch die Personen, die ihr angehören. Insoweit lohnt sich ein regelmäßiger näherer Blick auf die Zusammensetzung extremistischer Szenen. Fragen in diesem Zusammenhang, mit denen sich sowohl die Wissenschaft als auch Behörden seit vielen Jahren auseinandersetzen, sind zum Beispiel: Wie groß ist der Frauenanteil in der rechtsextremistischen Szene? Zu welcher Altersgruppe gehören die meisten Reichsbürger? Welche langfristigen Trends lassen sich ausmachen? Die vorliegende Darstellung will einen Beitrag zur Beantwortung solcher Fragen leisten und gibt Auskunft über die gegenwärtige Zusammensetzung der rechtsextremistischen Szene und des Milieus von „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ in Baden-Württemberg. 

Dem Milieu der „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ gehören landesweit aktuell ca. 3.300 Personen an. Rund 3 % von ihnen ordnet das Landesamt für Verfassungsschutz zugleich auch dem Bereich Rechtsextremismus zu. Das tatsächliche Personenpotenzial im Bereich Rechtsextremismus nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften beträgt ca. 1.900 Personen. 

Altersstruktur

Bei der Altersverteilung zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Phänomenbereichen. Die meisten Rechtsextremisten sind eher jung, d. h. bis 39 Jahre alt, und ihre Anzahl sinkt mit steigendem Lebensalter. Gegenteilig zeigt sich bei „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“, dass die meisten Milieuangehörigen zwischen 50 und 59 Jahre alt sind und den Altersgruppen darunter sowie darüber deutlich weniger Personen angehören. Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit bestehenden Erkenntnissen über Radikalisierungsverläufe: Das Alter spielt im komplexen Bedingungsgefüge, das Menschen für politischen Extremismus empfänglich macht, häufig eine Rolle.

So ist der Alterstrend bei „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ beispielsweise nachvollziehbar, wenn man die ideologischen Inhalte der meisten Argumentationslinien betrachtet. Die starken historischen Bezüge in Kombination mit einer doch eher „trockenen“ und ausufernden pseudo-juristischen Auseinandersetzung sind überwiegend nicht dazu geeignet, jüngere Altersklassen anzusprechen. Identitätskrisen im adoleszenten Alter werden von den anderen Phänomenbereichen wie dem Rechtsextremismus deutlich zielgerichteter genutzt. Brüche des Selbstbildes im mittleren und vor allem höheren Alter jedoch können eine Zuwendung zum „Reichsbürgertum“ begünstigen, da dieses Milieu z. B. Lösungsansätze für eine anderweitig kaum mehr zu bewältigende finanzielle Krise oder einen Identitätsverlust verspricht.

Im Vergleich dazu spricht die rechtsextremistische Ideologie mehr Personen im jugendlichen Alter an. Hierzu wurde schon häufig festgestellt, dass gerade in der Adoleszenz – einer Zeit, die mit Umorientierungen und Unsicherheiten behaftet ist – vermehrt Normbrüche stattfinden und insbesondere Jugendliche mit einer gestörten familiären Sozialisation eine stärkere Empfänglichkeit für rechtsextremistische Positionen aufweisen. [Vgl. Zick, Andreas/Srowig, Fabian/Roth, Viktoria/Pisoiu, Daniela/Seewald, Katharina (2019): Individuelle Faktoren der Radikalisierung zu Extremismus, Gewalt und Terror: Zur Forschungslage, in: Daase, Christopher/Deitelhoff, Nicole/Junk, Julian (Hrsg.): Gesellschaft Extrem. Was wir über Radikalisierung wissen, Campus Verlag, S. 73 f.] 
Die Zahlen zeigen aber auch: Rechtsextremismus kann nicht als Jugendphänomen abgetan werden. Die meisten baden-württembergischen Rechtsextremisten sind zwischen 30 und 39 Jahre alt und betätigen sich auf unterschiedliche Weise in der Szene. Mit zunehmendem Alter ziehen sich Rechtsextremisten zusehends aus der Szene zurück, weil beispielsweise andere biografische Themen wie Familie an Bedeutung gewinnen. Das heißt aber nicht, dass sie damit zugleich ihre politischen Überzeugungen ablegen; so haben mehrere Studien gezeigt, dass insbesondere in den hohen Altersgruppen fremdenfeindliche und antisemitische Einstellungen sehr weit verbreitet sind. 

Im Vergleich der aktuellen Altersstruktur mit derjenigen des Vorjahres zeigt sich: Während im Vergleich zum Vorjahr weniger Rechtsextremisten aus den jüngeren Altersgruppen bekannt sind, nahm ihre Zahl in den höheren Altersgruppen leicht zu. Mit Abstand am stärksten ist nach wie vor die Altersgruppe von 30 bis 39 Jahre vertreten. In der nächstjüngeren Altersgruppe (20 bis 29 Jahre) sind am zweitmeisten Rechtsextremisten bekannt, in den höheren Altersgruppen sinkt die Anzahl kontinuierlich.

Die Altersverteilung bei „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ blieb im Vergleich zum Vorjahr im Wesentlichen gleich, es ergab sich lediglich eine leichte Verschiebung in Richtung höheren Alters: Während die unteren Altersgruppen bis 49 Jahre tendenziell schwächer vertreten sind als im Vorjahr, stieg deren Anzahl ab 50 Jahren aufwärts an. Am meisten „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“ gehören derzeit zur Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen.

Geschlechterstruktur

Neben der Untersuchung der Altersverteilung ist auch der Blick auf die Geschlechterverteilung aufschlussreich. Hier zeigt sich, dass der Frauenanteil unter Rechtsextremisten und Personen aus dem „Reichsbürger“- und „Selbstverwalter“-Milieu“ unterschiedlich groß ist. Während etwa 21 % der bekannten Rechtsextremisten Frauen sind, beträgt ihr Anteil unter „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ ca. 28 %. 

Im Bereich Rechtsextremismus ist dieser Anteil seit Jahren relativ stabil. In der sozialwissenschaftlichen Forschung konnten im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen auch Unterschiede identifiziert werden, was die einzelnen Handlungsfelder betrifft. Demnach werden über 90 % der rechtsextremistisch motivierten Straf- und Gewalttaten von Männern verübt, der Frauenanteil in rechtsextremistischen Parteien wird auf ca. 20 % geschätzt, und bezüglich der Beteiligung von Frauen in sonstigen rechtsextremistischen Organisationen variieren die Einschätzungen zwischen zehn und 33 %.  Allein der Frauenanteil lässt allerdings keinen Schluss darüber zu, inwiefern bestimmte (Macht-)Positionen innerhalb der Szene bevorzugt mit Männern oder Frauen besetzt werden. Bekannt ist zum Beispiel, dass es auch „Reichsbürger“- und „Selbstverwalter“-Gruppierungen gibt, in denen Frauen als treibende Kräfte agieren. 

Eine Aufschlüsselung der Geschlechterverteilung nach Altersgruppen zeigt schließlich eine minimal variierende Partizipation von Frauen in bestimmten Altersgruppen. So ist, im Vergleich zu den restlichen Altersgruppen, zwischen 30 und 59 Jahren ein leicht niedrigerer Frauenanteil festzustellen; dies gilt sowohl im Rechtsextremismus als auch bei „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“.

Zusammenfassend lassen sich im Hinblick auf Alters- und Geschlechterstruktur sowohl Unterschiede als auch Parallelen zwischen Rechtsextremisten sowie „Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ feststellen. Ein sensibilisierter Blick auf diese Konstellationen kann helfen, blinde Flecke in der Analysefähigkeit zu vermeiden, Radikalisierungsverläufe besser einschätzen und gruppendynamische Prozesse innerhalb extremistischer Organisationen besser verstehen zu können.

 

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