Seit dem Frühjahr 2026 haben sich insbesondere bei „Kommunistischen Jugend- und Kadergruppen“ (KJKG) sowie bei Jugendorganisationen des parteigebundenen Linksextremismus die Ankündigungen für gemeinsame Wanderausflüge gehäuft. In Baden-Württemberg riefen beispielsweise Ortsgruppen der „Internationalen Jugend“ (IJ), die dem „Kommunistischen Aufbau“ (KA) zuzurechnen sind, sowie Ortsgruppen der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“ (SDAJ), dem Jugendverband der „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP), vermehrt zu Wanderausflügen auf. Einzelne Gruppen stellten ihre Wanderungen dabei auch in die geschichtliche Tradition der Arbeiterbewegung. In ihrer öffentlichen Darstellung bezogen sie sich beispielsweise auf „proletarische“ Wandergruppen der frühen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts oder auf Wanderaktivitäten von Widerstandsgruppen zur Zeit des Nationalsozialismus.
Im Nachgang wurden die Wanderungen und Aktivitäten in den sozialen Medien oder auf den gruppeneigenen Webseiten dokumentiert. Sie erinnern in ihrer medialen Aufbereitung in Teilen an Inszenierungen rechtsextremistischer Jugendgruppen. Bei diesen haben sich gemeinsame Wanderungen bereits seit mehreren Jahren als gängige Aktionsform etabliert.
Präsenz zeigen gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsextremisten
Die Nutzung von Wanderungen als Aktionsform ist vereinzelt auch bei linksextremistischen Gruppierungen aus dem gewaltorientierten Spektrum zu beobachten. Hier dienen Wanderungen offensichtlich ebenfalls zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und als Möglichkeit, potenzielle neue Mitglieder anzusprechen. Dabei wird allerdings die Verknüpfung zwischen der Aktionsform des Wanderns und einer ‚antifaschistischen‘ Motivation besonders betont. Das Wandern und die Natur als Erholungsraum sollen nicht mehr mit tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsextremisten assoziiert, sondern inhaltlich neu besetzt werden. So rief beispielsweise das „Offene Antifaschistische Treffen Freiburg“ (OAT FR) zu einer Wanderung unter dem Motto „Den Schwarzwald nicht den Faschos überlassen“ auf.
Bewertung
Gemeinsame Wanderungen bieten Linksextremisten eine niederschwellige Rekrutierungsmöglichkeit von potenziellen Mitstreitern und sprechen als Aktionsform eine erweiterte Zielgruppe an. Außerdem können derartige Gemeinschaftsveranstaltungen gemeinschaftsbildend auf die bestehenden linksextremistischen Gruppierungen wirken und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Offenbar dienen sie auch zur ideologischen Festigung, beispielsweise durch Bezugnahmen auf historische Vorläufer wie die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Im Rechtsextremismus, wo Jugendgruppierungen schon seit mehreren Jahren vermehrt Wanderungen durchführen, erfüllen die Wanderaktivitäten eine vergleichbare Funktion.
Darüber hinaus betonen Linksextremisten im Zusammenhang mit Wanderungen teils eine „antifaschistische“ Komponente. Demnach werden gemeinsame Wanderungen in Reaktion auf (Wander-) Aktivitäten im Rechtsextremismus veranstaltet. Offenbar verknüpft mit der Absicht, tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsextremisten öffentliche Räume zu entziehen.
Inwiefern sich die Organisation von gemeinschaftlichen Wanderungen als eigenständige Aktionsform im Linksextremismus etabliert, bleibt abzuwarten. Zumindest kann aktuell das Erstarken von „Kommunistischen Jugend- und Kadergruppen“ (KJKG) wie auch Jugendorganisationen des parteigebundenen Linksextremismus und damit verbunden die vermehrte Nutzung von Wanderaktivitäten als Aktionsform beobachtet werden.