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Rechtsextremismus

Neue Studie des LfV: #AllesfürsVaterland. Rechtsextremistische Jugendliche in Baden-Württemberg

In jüngerer Vergangenheit erhalten rechtsextremistische Jugendgruppierungen in Baden-Württemberg verstärkt Zulauf – oder gründen sich gar neu. Auch gewaltorientierte Jugendliche schließen sich der Szene an. Die Radikalisierung von jungen Menschen ist dabei kein isoliertes Phänomen, sondern eine bundesweite Dynamik, die seit spätestens Mitte 2024 festzustellen ist. Eine neue Studie des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (LfV) untersucht, wie sich junge Menschen aktuell in der rechtsextremistischen Szene in Baden-Württemberg organisieren und betätigen, und versucht, diese Entwicklung zu erklären.

Immer mehr junge Menschen sind in der rechtsextremistischen Szene im Südwesten aktiv: Das LfV schätzt das rechtsextremistische Personenpotenzial im Land auf etwa 3.140. Rund 13 Prozent, also ca. 400 Personen, sind zwischen 14 und 24 Jahren alt. Der Anteil der unter 30-Jährigen Rechtsextremisten wuchs von 2023 auf 2025 um fünf Prozentpunkte an. Gegenüber den Jahren 2021 und 2022 ist dies eine neue Entwicklung – denn damals war der Anteil der unter 30-Jährigen rückläufig. Außerdem wurden seither auch gänzlich neue Jugendorganisationen gegründet.

Wie organisieren sich jugendliche Rechtsextremisten?

Im Parteienspektrum Baden-Württembergs sind mehrere rechtsextremistische Jugendorganisationen aktiv, darunter die „Jungen Nationalisten“ (JN), die Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“. Mitte Juni 2024 gründete sich im Land außerdem ein Stützpunkt der „Nationalrevolutionären Jugend“ (NRJ), die zur neonazistischen Kleinpartei „Der III. Weg“ gehört. Darüber hinaus war die baden-württembergische „Junge Alternative“ (JA, Verdachtsfall) von Bedeutung. Die JA war die Jugendorganisation der „Alternativen für Deutschland“ (AfD, Verdachtsfall [1]). Die AfD-Jugend gründete sich nach ihrer bundesweiten Auflösung Anfang 2025 im November 2025 unter dem Namen „Generation Deutschland“ neu. Die Gründung des baden-württembergischen Landesverbands steht allerdings noch aus.

Im parteiungebundenen Spektrum ist vor allem die „Identitäre Bewegung“ (IB) zu nennen. Seit mehr als zehn Jahren sind junge Menschen in Baden-Württemberg für diese Gruppe aktiv. Bis vor Kurzem trat sie in Baden-Württemberg unter dem Namen „Reconquista 21“ (R21) auf. Im Februar 2026 kehrte sie zu ihrem alten Namen „Identitäre Bewegung Schwaben“ (IB Schwaben) zurück. Im Sommer 2024 erschienen in Baden-Württemberg zwei neonazistische Gruppierungen neu auf der Bildfläche: „Unitas Germanica“ und „Zollernjugend Aktiv“.

Die Organisationen und Gruppierungen sind untereinander hochgradig vernetzt, auch Doppelmitgliedschaften liegen vor. Die Szene ist sehr fluide, was sich auch darin äußert, dass Gruppenzugehörigkeiten wechseln können. Strategische Allianzen scheinen bestehende ideologische Differenzen zu überlagern. Indem die Gruppierungen teilweise im Schulterschluss bei rechtsextremistischen Veranstaltungen auftreten, erhöhen sie ihre Sichtbarkeit und ihre Mobilisationskraft.

Wie betätigen sich junge Rechtsextremisten?

Der Großteil der Aktivitäten rechtsextremistischer Jugendlicher lässt sich unter dem Schlagwort Propaganda zusammenfassen. Hierzu gehören Demonstrationen, Banner-Aktionen und das Verbreiten rechtsextremistischer Inhalte im Internet. R21-Aktivisten entfalteten beispielsweise im Oktober 2023 auf der Kreissporthallte in Albstadt ein Großbanner mit der Aufschrift „#Remigration. Das Ländle bleibt deutsch“. 

Neben klassischen Propagandaaktionen sind interne Veranstaltungen eine zentrale Aktionsform jugendlicher Rechtsextremisten. Sie dienen unter anderem der weiteren Verankerung in der Gruppe und der ideologischen Indoktrination. Des Weiteren bieten sie einen Freizeitwert und stärken das Gruppengefühl. Berichte über gemeinsame Aktivitäten können außerdem Interessierte ansprechen und die Gruppe attraktiv machen. Häufig berichten die baden-württembergischen Gruppierungen von Wanderungen. So wanderten die Gruppen „Unitas Germanica“ und „Zollernjugend Aktiv“ im März 2025 gemeinsam in Nagold. Auch über gemeinsame Kampfsporttrainings wird berichtet. Allgemein nahmen die Aktivitäten der Szene rund um das Thema Kampfsport in den letzten Jahren in Baden-Württemberg zu. 

Dass Jugendliche bei manchen Aktionen gewalttätige Auseinandersetzungen zumindest gedanklich einkalkulieren, zeigt das Beispiel eines 17-Jährigen. Im Rahmen einer polizeilichen Kontrolle bei der Anreise zu einer queerfeindlichen CSD-Gegendemonstration wurde bei ihm ein Messer festgestellt. Konfrontationen und Einschüchterungsversuche überschreiten nicht immer die Schwelle zur Straffälligkeit. Gleichwohl gehören eben auch Straf- und Gewalttaten zum Aktionsrepertoire junger Rechtsextremisten.

Erklärungsversuche und Handlungsbedarf

Die Studie geht unterschiedlichen Erklärungsansätzen für die dargestellten Entwicklungen auf den Grund: Als Faktoren beleuchtet sie mitunter das allgemeine gesellschaftliche und politische Klima – in der Öffentlichkeit oft diskutiert unter dem Schlagwort „Rechtsruck“. Außerdem geht sie auf den Einfluss von Online-Medien ein und erörtert die Rolle der anhaltenden „Polykrise“, die unter Heranwachsenden in einer sensiblen Lebensphase vielfach Ängste und Sorgen hervorruft. Einen weiteren möglichen Erklärungsansatz sieht die Studie in den langjährigen Bemühungen der rechtsextremistischen Szene selbst, die Szene zu beleben und für neue Mitglieder attraktiv zu machen. Diese Strategie könnte nun Früchte tragen.

So unterschiedlich die rechtsextremistischen Subkulturen und Gründe für eine Annäherung an die Szenen sind, so vielfältig sollten auch die Handlungsansätze sein. Sicherheitsbehörden sollten die Schnelllebigkeit der Szene und deren ausgeprägtes Bündnisverhalten kennen und berücksichtigen, um aktuelle Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Behörden und private Akteure sollten sich bewusst ein, dass aus den Feindbildkonstruktionen der jungen Rechtsextremisten eine konkrete Gefährdung mehrerer Gruppen resultieren kann, insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländer und LSBTIQ*-Personen. Nur so können sie beispielsweise bei Veranstaltungen entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen. Ebenso wie andere Jugendliche haben jugendliche Rechtsextremisten ein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, Repräsentation und Optimismus. Politik und Behörden sollten deshalb Handlungsräume öffnen bzw. fördern, die diese Anliegen adressieren, und Vertrauen in die Zukunft schaffen.

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Die Studie „#AllesfürsVaterland. Rechtsextremistische Jugendliche in Baden-Württemberg“ ist als PDF-Dokument (barrierefrei) abrufbar. Es können auch Druckexemplare bestellt werden. Auflage: 500 Exemplare.


Fußnoten

[1]  Bei einem Verdachtsfall liegen bereits hinreichend gewichtige tatsächliche Anhaltspunkte für eine Bestrebung nach § 3 Abs. 2 LVSG vor; in Abgrenzung zur gesichert extremistischen Bestrebung haben sich diese jedoch noch nicht zur Gewissheit verdichtet. [>zurück]