Erstmals Anfang Juni 2023 riefen rechtskonservative und rechtsextremistische Akteure den „Stolzmonat“ aus, um ihren Stolz auf Deutschland zu zeigen und sich gleichzeitig gegen die LSBTTIQ+-Bewegung zu wenden, die im Juni weltweit den „Pride Month“ feiert. Diese Bewegung tritt für die Rechte von lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Menschen ein; das Pluszeichen symbolisiert als Platzhalter weitere Geschlechtsidentitäten.
Während die LSBTTIQ+-Bewegung für den „Pride Month“ auf die Farben des Regenbogens zurückgreift, um die Freiheit und Vielfalt der sexuellen und geschlechtlichen Identitäten darzustellen, setzt die Gegenkampagne „Stolzmonat“ auf die Farben der Deutschlandflagge als Ausdruck des eigenen Nationalstolzes.
Der „Stolzmonat“ im Juni 2026: Schwarz-Rot-Gold statt Regenbogenfarben
Auch Anfang Juni 2026 umrahmten zahlreiche rechtsextremistische Akteure ihre Profilbilder bei Facebook, Instagram, Telegram und X mit den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold. Analog zu den sieben Farben der Regenbogenfahne der LSBTTIQ+-Bewegung wurden die drei Farben der Nationalflagge in sieben Abstufungen aufgeteilt. Ein Beispiel hierfür ist die neonazistische Gruppierung „Pforzheim Revolte“, die ihr Profilbild bei Instagram und Telegram mit einem schwarz-rot-goldenen Farbverlauf in sieben Abstufungen versah.
Die „Identitäre Bewegung Deutschland“ (IBD) bekennt sich – wie in den Vorjahren – auch 2026 zum „Stolzmonat“. In Baden-Württemberg ist die IBD aktuell mit ihrer Regionalgruppe „Identitäre Bewegung Schwaben“ (IB Schwaben) vertreten. Sie leitete bereits Ende Mai 2026 den „Stolzmonat“ ein, indem sie die von der Stadt Stuttgart finanzierte und im November 2025 eingeweihte Sitzbank in Regenbogenfarben mit zwei Deutschlandflaggen abdeckte. Zwei Aktivisten stellten sich zudem hinter die Bank und hielten eine weitere, noch größere Bundesflagge hoch. In den sozialen Medien schrieb die IB Schwaben anschließend zu ihrer Banneraktion: „Stuttgart bleibt deutsch!“.
Ebenfalls mit einer realweltlichen Aktion zum „Stolzmonat“ fiel die neonazistische Kleinpartei „Der III. Weg“ in Baden-Württemberg auf: In Göppingen verteilten mehrere Aktivisten Flugblätter mit dem Titel „Familien schützen! Homo-Propaganda stoppen!“. In dem Beitrag über die Aktion, der anschließend auf der Parteihomepage veröffentlicht wurde, spricht „Der III. Weg“ von „homo-propagandistischem Irrsinn“, dem er die eigene, vermeintlich „familienfreundliche Weltanschauung“ gegenüberstellt.
Auch die „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“ (NPD) in Baden-Württemberg rief am 1. Juni 2026 den „Stolzmonat“ aus und agitierte gegen die LSBTTIQ+-Bewegung. Dem „unwürdigen Treiben“ von „Randgruppen“ bei „sogenannten Christopher Street Days und sonstigen Schwulenparaden“ müsse man „mit Stolz“ die „Reichsfarben schwarz-weiß-rot“ entgegensetzen, so die Partei auf Telegram. Wenige Tage später veröffentlichte ihr Vorsitzender ein Video in den sozialen Medien, in dem er die LSBTTIQ+-Bewegung ebenfalls verunglimpfte. Seiner Ansicht nach müsse der Christopher Street Day (CSD) „grundlegend verboten“ werden. Nur „ein traditionelles Familienbild“ dürfe in der Öffentlichkeit Platz finden.
Hintergrund: Queerfeindlichkeit im Rechtsextremismus
Rechtsextremisten lehnen Vielfalt im Hinblick auf sexuelle Orientierungen sowie Partnerschafts- und Familienmodelle weitestgehend ab. Heterosexualität und die damit verbundene traditionelle Kernfamilie aus Mann, Frau und möglichst mehreren Kindern wird als alternativlos und biologisch „natürlich“ angesehen. Für sich genommen ist das zunächst keine genuin rechtsextremistische Position. Jedoch versuchen Rechtsextremisten, das Thema ideologisch zu besetzen, indem sie die Ablehnung von Geschlechtervielfalt und queerer Lebensweisen an ihr von Rassismus und Nationalismus geprägtes Weltbild knüpfen.
In den vergangenen Jahren – und auch bereits 2026 – äußerte sich die Queerfeindlichkeit im Rechtsextremismus in zahlreichen, teils gewalttätigen Störaktionen gegen öffentliche Veranstaltungen zum CSD. So auch in Baden-Württemberg, wo zuletzt am 13. Juni 2026 zwischen dreißig und vierzig Rechtsextremisten gegen den CSD in Pforzheim protestierten. Obwohl auch Rechtsextremisten aus Berlin, Brandenburg und dem Saarland angereist waren, hat sich die Teilnehmendenzahl gegenüber der Pforzheimer Anti-CSD-Kundgebung 2025 mehr als halbiert. Dies deutet auf eine Mobilisierungsschwäche der rechtsextremistischen Szene hin.
Queerfeindlichkeit als Brückennarrativ
Queerfeindlichkeit gibt es nicht nur im Rechtsextremismus, sondern auch in anderen extremistischen Strömungen. Hier ist insbesondere der Islamismus hervorzuheben. Ein Vergleich der queerfeindlichen Agitation von Rechtsextremisten und Islamisten zeigt, dass beide ähnliche Argumentationsmuster verwenden, um queere Menschen und Lebensweisen zu verurteilen. Queerfeindlichkeit stellt damit ein Brückennarrativ dar, das heißt eine Erzählung, die in großen Teilen ideologieunabhängig genutzt werden kann. Auf diese Weise hat Queerfeindlichkeit das Potenzial, auch über extremistische Gruppen hinaus in die Gesellschaft hineinzuwirken.
Bewertung
Durch den „Stolzmonat“ versuchen rechtsextremistische Akteure, Vorurteile gegenüber Menschen, die sich der LSBTTIQ+-Bewegung zuordnen, ideologisch zu besetzen. Die Kampagne ist Ausdruck ihrer Ablehnung von Diversität im Hinblick auf sexuelle Orientierungen sowie moderne Geschlechterverständnisse und Familienmodelle. Es ist davon auszugehen, dass die LSBTTIQ+-Bewegung auch unter baden-württembergischen Rechtsextremisten ein zentrales Feindbild bleibt und Störaktionen gegen CSDs – wie beispielsweise am 13. Juni 2026 in Pforzheim – weiterhin vorkommen. Queerfeindlichkeit birgt dabei eine doppelte Gefahr: Zum einen kann sie zur Normalisierung LSBTTIQ+-ablehnender Haltungen in der Gesellschaft beitragen. Zum anderen können Gewalttaten gegenüber queeren Menschen die Folge sein.