Der Rechtsextremismus verfügt nicht über die eine, in sich halbwegs geschlossene Ideologie. Vielmehr ist er ideologisch in sich zersplittert und unterliegt in seinem weltanschaulichen Gesamtgefüge immer wieder Veränderungen. Gleichzeitig gibt es mehrere zentrale ideologische Kontinuitätslinien, zu denen an vorderster Stelle der Antisemitismus gehört. Aber auch der Antiamerikanismus ist für die rechtsextremistische Ideologie prägend. Weil Juden- und Amerikafeindschaft strukturell eng miteinander verknüpft sind, bietet sich eine gemeinsame Betrachtung beider Ideologiebestandteile an.
Inhalte der Kurzstudie „Antisemitismus und Antiamerikanismus im baden-württembergischen Rechtsextremismus“
Die neue Kurzstudie des LfV legt zunächst dar, was genau unter den Begriffen „Antisemitismus“ und „Antiamerikanismus“ zu verstehen ist, in welchem Verhältnis beide Ideologieelemente zueinanderstehen und wie sie sich allgemein im Rechtsextremismus zeigen. Mehrere aussagekräftige Beispiele verdeutlichen, welche Formen Antisemitismus und Antiamerikanismus derzeit im baden-württembergischen Rechtsextremismus annehmen.
In diesem Zusammenhang wird unter anderem das Apfelsaft-Emoji als Transporteur von Antisemitismus vorgestellt. Schon seit Jahrzehnten wird in rechtsextremistischen Kreisen das Wort „juice“ (engl. für „Saft“) als Platzhalter für „jews“ (engl. für „Juden“) genutzt. Die ähnliche Aussprache der beiden Wörter macht sich die Szene zunutze, um Antisemitismus zu tarnen. In den vergangenen Jahren etablierten Rechtsextremisten in den sozialen Medien das Apfelsaft-Emoji als Äquivalent für das Wort „jews“.
Auch eine in Baden-Württemberg aktive Rechtsextremistin verwendete das Apfelsaft-Emoji 2025 wiederholt in den sozialen Medien. Auf TikTok veröffentlichte sie beispielsweise einen Videobeitrag, in dem die rhetorische Frage gestellt wird, wer das globale Finanzsystem, die Politik sowie die Medien kontrolliere, wer für weltweite Konflikte verantwortlich sei und was wirklich hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 stecke. Als Antwort wird das Apfelsaft-Emoji eingeblendet. Mit diesem Beitrag wird das klassische antisemitische Narrativ der jüdischen Weltverschwörung bedient. Zugleich trivialisiert diese Form des codierten Antisemitismus den Judenhass und macht ihn anschlussfähig für junge, ideologisch noch nicht gefestigte Menschen.
Wie aktuell die Thematik immer noch ist, zeigt ein etwas anders gelagertes Beispiel eines baden-württembergischen Rechtsextremisten aus dem Jahr 2026, das in der Studie nicht mehr berücksichtigt werden konnte: Bei Instagram postete er die beiden Worte „Hate the“, gefolgt vom Apfelsaft-Emoji. Diese Äußerung ist doppeldeutig, aber stets antisemitisch: Zum einen zeigt sie sein Bekenntnis, die Juden zu hassen. Zum anderen können die Worte „Hate the“, gefolgt vom Apfelsaft-Emoji, als Aufruf verstanden werden, die Juden zu hassen. Die antisemitische Hetze wird dadurch verstärkt, dass der Verfasser unter dem Ausruf ein Bild von sich und zwei weiteren Männern postet, von denen einer ein Daumen-hoch-Zeichen macht. Darüber hinaus ist das Posting mit dem Lied „Das Braune Bataillon“ der rechtsextremistischen Band „Sleipnir“ untermalt, das ein Bekenntnis zur neonazistischen Gesinnung, zu Kameradschaft und zum fortgeführten politischen Kampf im Sinne der rechtsextremistischen Szene darstellt.
Bewertung
Die Kurzstudie zeigt die Aktualität antisemitischen (und antiamerikanischen) Denkens im baden-württembergischen Rechtsextremismus. Unter anderem anhand des Apfelsaft-Emojis wird aufgezeigt, wie sich Antisemitismus gegenwärtig in den sozialen Medien äußert. Das Apfelsaft-Emoji trivialisiert Antisemitismus und kann junge, ideologisch noch nicht gefestigte Menschen für judenfeindliche Einstellungen empfänglich machen.
Weitere Kurzstudien der Reihe:
- Antisemitische Positionen im Linksextremismus? Entwicklungen seit dem 7. Oktober in Baden-Württemberg (PDF)
- Antisemitismus im Milieu der "Reichsbürger" und "Selbstverwalter" (PDF)
- Antisemitismus im Auslandsbezogenen Extremismus: Der Israel-Palästina-Konflikt als Gelegenheitsstruktur für Akteure in Baden-Württemberg (PDF)