Musik spielt innerhalb des türkischen Rechtsextremismus eine bedeutende Rolle. Insbesondere dient sie der Verbreitung ideologischer Botschaften und Symboliken. Zudem stärkt sie im Rahmen von Konzerten das Gemeinschaftsgefühl und die Bindung der Teilnehmenden an die Bewegung. Vor allem die Mitgliedsvereine des größten türkisch-rechtsextremistischen Dachverbands, der „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e. V.“ (ADÜTDF), veranstalten regelmäßig Konzerte in unterschiedlichen Größenordnungen.
Oft treten bekannte szenenahe Künstler auf, wie beispielsweise der Volkssänger „Ozan Nihat“, der im Dezember 2025 in den ADÜTDF-Vereinen „Türkischer Idealisten Verein e. V.“ in Göppingen, „Deutsch-Türkischer Freundschaftsverein Filderstadt e. V.“ und „Türkische Gemeinschaft Organisation im Raum Reutlingen u. Umgebung“ je ein Konzert gab. In seinen Liedern bezieht er sich auf Führungspersonen der „Ülkücü“-Bewegung wie Alparslan Türkes. Noch heute verehren die „Grauen Wölfe“, wie türkische Rechtsextremisten ebenfalls bezeichnet werden, den 1997 verstorbenen Gründer der rechtsextremistischen türkischen „Partei der Nationalistischen Bewegung" (MHP), deren Interessen die ADÜTDF in Deutschland vertritt. Türkeş gilt als einer der bedeutendsten ideologischen Vordenker des türkischen Rechtsextremismus.
„Ozan Nihat“ besingt in seinem Lied „Soldaten des Ideals“ („Ülkü Erleri“) Türkeş als Führer und Kämpfer. In der für einen „Volkssänger“ („Ozan“) typischen bildhaften Art vergleicht er die „Ülkücü“-Bewegung mit einer Blume, die „schwere Phasen durchläuft“ („zorlu safhalardan geçer“) und das „Blut von fünftausend Märtyrern trinkt“ („beş bin şehit kanı içen“). Sowohl diese Metapher als auch der Titel „Soldaten des Ideals“ spiegeln die innerhalb der „Ülkücü“"-Bewegung verbreitete Gewaltverherrlichung wider.
Teilnehmendenzahlen bis in den dreistelligen Bereich
Konzerte zu herausragenden Anlässen finden oftmals in privaten Veranstaltungszentren mit mehreren Künstlern statt. So feierte der ADÜTDF-Mitgliedsverein „Türkische Gemeinschaft in Heilbronn e. V.“ im November 2025 sein 50-jähriges Bestehen in einem privaten Veranstaltungszentrum in Heilbronn mit Teilnehmendenzahlen im mittleren dreistelligen Bereich. Dort sang Mustafa Yıldızdoğan, der mit seinen nationalistisch geprägten Liedern wie zum Beispiel „Meine Türkei“ („Türkiyem“) innerhalb des Spektrums sehr populär ist. Er trat in der Vergangenheit bereits mehrfach bei Konzerten in Erscheinung, die von Vereinen der ADTÜDF veranstaltet wurden. Zudem steht er der MHP-Parteispitze in der Türkei sehr nahe und unterstützt diese mit seinen Liedern, beispielsweise im Rahmen der türkischen Regionalwahlen 2024.
In Heilbronn trat auch Ümran Gülcan auf, die innerhalb der „Ülkücü“-Szene ebenso auf große Beliebtheit stößt. Ihr Lied „Hymne der Türkischen Föderation“ („Türk Federasyon Marşı“) verwebt stark patriotisch bis nationalistisch geprägte Zeilen mit Versatzstücken der Ideologie der „Grauen Wölfe“. Mit dem Vers „Helden, die das Ideal Turan in sich tragen, ordnen sich nicht unter“ („Turan ülküsüyle baş eğmez yiğitler“) nimmt sie Bezug auf das fiktive großtürkische Reich „Turan“, das eines der zentralen Ziele türkischer Rechtsextremisten ist. „Turan“ soll sich über alle turksprachigen Länder erstrecken und eine ethnisch einheitliche Gesellschaft unter der Führung der Türkei umfassen. Letzteres verdeutlicht der Vers mit der Bezugnahme auf die „Helden“, die das vermeintliche Ideal in sich tragen und sich nicht unterordnen.
Bei einem „Fest der Kultur und der Ideale“ im Dezember 2024, das der ADÜTDF-Verein „Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein“ Nagold organisierte, gab Ümran Gülcan ein weiteres Konzert. Das Fest, zu dem mehrere hundert Personen kamen, fand in einer privaten Veranstaltungsräumlichkeit in Böblingen statt. Neben Ümran Gülcan trat Ahmet Şafak auf, einer der prominentesten Sänger des Spektrums der „Grauen Wölfe“. In seinem Lied „Wir halten unser Versprechen“ („Sözümüzdeyiz“) beschwört er mit dem Vers „In der MHP gibt es kein ‚Du‘ oder ‚Ich‘ – es gibt nur ‚uns‘, uns alle.“ („Mhp'de sen ben yok biz hepimmiz“) die „Ülkücü“-Bewegung als kollektivistische Einheit, die über dem Individuum steht.
Bewertung
Musik ist für die türkisch-rechtsextremistischen Vereine in Baden-Württemberg ein wesentliches Instrument, um das Gemeinschaftsgefühl unter ihren Mitgliedern zu stärken. Insbesondere die ADTÜDF und ihre Mitgliedsvereine greifen immer wieder auf bekannte und in der Szene beliebte Künstler zurück. So erreichen sie bei den lokalen Konzerten Teilnehmendenzahlen bis in den mittleren dreistelligen Bereich. Die Sängerinnen und Sänger greifen häufig einschlägige Symboliken sowie ideologische Grundelement auf, darunter auch gewaltverherrlichende. Die künstlerische Darbietung ermöglicht eine niedrigschwellige Verbreitung derartiger Elemente, durch die extremistische Haltungen unter den Anhängern generationenübergreifend gefestigt werden.