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Islamismus

Gefangenenhilfe im Extremismus [Teil 3] |
„Gewähre unseren Geschwistern die Freiheit“ – Salafistische Gefangenenhilfe

Die ideologische und monetäre Unterstützung von inhaftierten Szeneangehörigen ist ein zentrales Anliegen der jihadistischen Bewegung. Der sogenannte Islamische Staat drückt in seiner Propaganda Solidarität mit inhaftierten Anhängern weltweit aus und ruft zu deren Befreiung auf. Auch in Deutschland waren salafistische Akteure in der Gefangenenhilfe aktiv. Inhaftierte und ihre Angehörigen sollten nicht nur praktisch mit Geld unterstützt, sondern auch ideologisch gebunden werden. In Deutschland betätigte sich zuletzt die Gruppe „Free Our Sisters“ in diesem Bereich. Nach der Verhaftung der Hauptverantwortlichen im September 2025 ist die Zukunft der organisierten salafistischen Gefangenenhilfe jedoch unsicher.

Die Unterstützung von Inhaftierten ist ein fester Bestandteil vieler extremistischer Strömungen. Auch in der salafistischen Szene, vor allem im Jihadismus, bilden die Solidarität und Unterstützung inhaftierter Salafisten ein wichtiges Tätigkeitsfeld. Im Fokus stehen zumeist inhaftierte Angehörige der salafistisch-jihadistischen Szene. Allerdings können auch Muslime, die nicht zum Salafismus gehören, Zielgruppe sein, um die Ideologie zu verbreiten oder neue Anhänger zu gewinnen.

In Deutschland gibt es seit 2011 regelmäßig Versuche, eine Gefangenensolidarität zu etablieren. Doch – auch aufgrund von Verboten – konnte sich keine Struktur langfristig halten, so auch der zuletzt einflussreichste Akteur, die Vereinigung und Social-Media-Plattform „Free Our Sisters“. Sie versuchte auf vielfältige Weise, inhaftierte Salafisten und Salafistinnen sowie deren Angehörige zu unterstützen. Nach der Verhaftung der Hauptverantwortlichen der Vereinigung im September 2025 ist ihre Zukunft jedoch unsicher.

Im Laufe der Jahre betätigten sich im deutschsprachigen Raum unterschiedliche Akteure in der Gefangenensolidarität. Neben dem Einzelakteur Bernhard FALK waren das unter anderem die Vereinigungen „Ansarul Aseer“ (arabisch für „Unterstützer der Gefangenen“), „Al-Asraa“ (arabisch für „die Gefangenen“) und „Free Our Sisters“. Sie waren von allem in der Phase des Aufstiegs, während der Ausbreitung und des Falls des sogenannten Islamischen Staats (IS) aktiv. So wurde „Ansarul Aseer“ nach der Gründung zunächst von zwei Personen betrieben, die später zum IS nach Syrien ausreisten. Im Februar 2015 erfolgte das Betätigungsverbot der Vereinigung. Mit dem territorialen Niedergang des IS verlagerte sich der Fokus der salafistischen Gefangenenhilfe auf die – überwiegend weiblichen – inhaftierten Rückkehrenden in Deutschland. Daneben wurde auf die schwierige humanitäre Lage in den Gefangenenlagern für ehemalige Kämpfer und Anhänger des IS in den kurdischen Gebieten in Nordsyrien aufmerksam gemacht. In dieser Zeit betätigte sich die Vereinigung „Al-Asraa“, die sich kurz nach dem Verbot von „Ansarul Aseer“ gründete. Die Aktivitäten von „Al-Asraa“ liefen im Jahr 2022 aus.

Ideologie und Motivation: Ummah und Opfernarrativ

Die salafistische Gefangenenhilfe ist ideologisch im Übergang zwischen politischem und jihadistischem Salafismus zu verorten. Dies zeigte sich vor allem durch die Gefangenensolidarität für inhaftierte Jihadisten und Jihadistinnen. „Free Our Sisters“ machte regelmäßig auf das Schicksal inhaftierter IS-Anhänger in Gefangenenlagern in Nordsyrien aufmerksam. Diese wurden als unschuldige Muslime dargestellt, die allein aufgrund ihres Glaubens inhaftiert worden seien. „Free Our Sisters“ bezog sich zudem auf jihadistische Ideologen wie Ahmad Musa Jibril und Anwar Al-Awlaki, der sich dem Al-Qaeda-Ableger auf der arabischen Halbinsel anschloss. Die ideologische Bezugnahme ging so weit, dass die Vereinigung Werke von Gelehrten und Ideologen – meist aus dem jihadistischen Spektrum – übersetzte und auf Spendenbasis vertrieb.

Der Opfermythos, demzufolge die „wahren Muslime“ von den „Ungläubigen“ bekämpft und verfolgt würden, ist zentrales Narrativ der Vereinigung „Free Our Sisters“. Für die Vereinigung zählen zu den „wahren Muslimen“ nur jene im Sinne der jihadistischen Ideologie. Weiter müssten standhafte Muslime für die muslimische Gemeinschaft (arabisch „Ummah“), die durch die „Ungläubigen“ bekämpft würde, einstehen. Entsprechend diesem Narrativ leisten Vereinigungen wie „Al-Asraa“ und „Free Our Sisters“ Arbeit für die Ummah, indem sie auf den vermeintlich gesellschaftlich marginalisierten Stellenwert der muslimischen Gemeinschaft aufmerksam machen. In diese Erzählung wurde durch eine Nachfolge-Plattform im September 2025 auch die Verhaftung der Hauptverantwortlichen von „Free Our Sisters“ eingewoben. Diese sei unschuldig, hätte sich für die Belange der muslimischen Ummah eingesetzt und sei deshalb verhaftet worden. Wie erfolgreich diese Narrative sind, zeigt sich daran, dass innerhalb kürzester Zeit über 2.000 Euro für die entsprechenden Anwaltskosten gesammelt wurden.

Von Durchhalteparolen, Szeneanbindung und Verhinderung der Resozialisierung

Zur finanziellen Unterstützung von Inhaftierten und von deren Familienangehörigen werden Spenden gesammelt. Zudem fordern Akteure wie „Free Our Sisters“ Sympathisanten regelmäßig dazu auf, Briefe an Inhaftierte zu schreiben. Durch das gesammelte Versenden der Briefe, die überwiegend religiöse Ermahnungen, Aufmunterungen und Durchhalteparolen enthalten, sollen die Verfasser verschleiert werden. Die Botschaften der Briefe reichen von „du kennst mich nicht, aber wisse wir die ummah [islamische Gemeinschaft] hat dich nicht vergessen“ [sic!] über „Es ist schwer aber verliert niemals den Glauben an Allah“ [sic!] bis „Der Weg zur Jannah [Paradies] ist mit Prüfungen verbunden und nicht mit den Genüssen der Dunya [Diesseits]“.

Ein wichtiges Ziel der Arbeit salafistischer Organisationen der Gefangenenhilfe ist die ideologische Bindung der Inhaftierten und ihres Umfelds. Dies stellt vor allem für angestrebte Resozialisierungsprozesse der Inhaftierten eine Herausforderung dar, denn derartige Aktivitäten behindern die Abkehr der inhaftierten Frauen und Männer von der salafistischen Ideologie und einen Ausstieg aus der Szene. Durch die Einbeziehung naher Familienangehöriger außerhalb der Haftanstalten soll zudem sichergestellt werden, dass die Inhaftierten der Szene auch nach der Entlassung treu bleiben. Zuletzt sorgt das immer präsente und medial verbreitete Opfernarrativ für eine konstante Emotionalisierung derjenigen, die den Akteuren der Gefangenenhilfe in den sozialen Medien folgen.