Die in Baden-Württemberg aktiven türkisch-linksextremistischen Gruppierungen haben ihren ideologischen Ursprung überwiegend im Marxismus-Leninismus. Sie verfolgen das Ziel einer revolutionären Zerschlagung der Gesellschafts- und Staatsordnung in der Türkei. An deren Stelle soll eine kommunistische Diktatur treten. Während sie dafür in der Türkei kämpfende Einheiten unterhalten, die terroristische Anschläge verüben, dient Deutschland als Basis für die logistische Versorgung und zur Rekrutierung von Personen für den bewaffneten Kampf. Konzertveranstaltungen in Baden-Württemberg nutzen diesen Gruppierungen, indem sie auf eine scheinbar unverfängliche Art extremistische Ideologieelemente transportieren und zu ihrer Verankerung beitragen. Zudem stärken Musikveranstaltungen den Zusammenhalt innerhalb der Szene.
Zwischen Musik und Revolution – TKP-ML-nahe Musikgruppen
Innerhalb der „Kommunistischen Partei der Türkei-Marxisten-Leninisten“ (TKP-ML) spielen die Musikgruppen „La Libertà“ und „Umuda Haykırış“ bei der Indoktrinierung eine wichtige Rolle. „La Libertà“ trat am 15. Juni 2025 bei einer Veranstaltung des TKP-ML-nahen „Tohum Kultur Verein in Stuttgart e. V.“ auf. Die Gruppe bezieht sich in ihren Liedern auch auf Ibrahim Kaypakkaya, den Gründer der „Türkischen Kommunistischen Partei/Marxisten-Leninisten“ (TKP/ML).[1]
Die Musikgruppe „Umuda Haykırış“ greift in ihren Texten szenetypische Themen wie den revolutionären Kampf sowie den Widerstand in erster Linie gegen das türkische Regime auf, das für die Szene als faschistisch gilt. Die Stuttgarter Ortsgruppe der „Neuen Demokratischen Jugend“ (YDG) nutzt Lieder der Musikgruppe beispielsweise, um Social-Media-Beiträge zu unterlegen. Die YDG ist die Jugendgruppe der TKP-ML. „Umuda Haykırış“ bringt zudem die Solidarität mit politischen Gefangenen zum Ausdruck. Passend dazu trat die Band im Dezember 2023 bei einer Veranstaltung anlässlich der Solidarität mit politischen Gefangenen auf, die vom TKP-ML-nahen Verein in Stuttgart organisiert wurde.
Zeilen der Propaganda – Musik in der DHKP-C
Für die „Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front“ (DHKP-C) ist das Musikerkollektiv „Grup Yorum“ ein wesentliches Propagandainstrument. Die DHKP-C ist in Deutschland mit einem Betätigungsverbot belegt und steht seit 2002 auf der Liste terroristischer Organisationen der Europäischen Union. „Grup Yorum“ unterstützt die Ziele der DHKP-C mit ideologisch aufgeladenen Liedtexten. Zu den bekanntesten Liedern zählt das „Lied der Freiheit“ („Özgürlük Türküsü“), das den revolutionären Kampf sowie die Opferbereitschaft für diesen thematisiert. So heißt es darin:
„Ich habe nicht gesagt: ‚Mein Sohn, geh nicht‘, Ich habe ihn in seinem Kampf unterstützt; Ich habe nicht gesagt: ‚Meine Tochter, geh nicht‘, Ich habe sie in ihrem Kampf unterstützt“ („‘Oğul gitme‘ demedim, Omuz verdim kavgasına, ‚Kızım gitme‘ demedim, Omuz verdim kavgasına“).
„Grup Yorum“ gründete sich infolge des Militärputsches von 1980 in der Türkei als musikalische Widerstandsbewegung. In ihrem Buch „Schneemaschine“ („Kar Makinasi“) aus dem Jahr 1985 schreibt die Band, dass ihre Gründung erfolgte, „um für Unabhängigkeit, Demokratie und Sozialismus zu kämpfen“. Bei ihren Auftritten tragen die Musiker meist oliv- oder beigefarbene Kleidung und rote Tücher, was optisch an die DHKP-C-Milizen in der Türkei erinnert – so auch am 14. März 2026 in Stuttgart bei einem Konzert in privaten Veranstaltungsräumlichkeiten.
Neben „Grup Yorum“ ist die Musikgruppe „KAVGA“ („Streit“) dem Umfeld der DHKP-C zuzuordnen. Sie gründete sich Anfang des Jahres 2026 nach eigenen Angaben unter Führung von „Grup Yorum“. „KAVGA“ trat am 25. Januar 2026 im DHKP-C-nahen Tarnverein „Volkskino“ („Halk Sinemasi“) in Mannheim auf. Auffällig waren hier ebenfalls die olivfarbene Kleidung sowie die roten Tücher. Im Februar 2026 gaben Mitglieder von „KAVGA“ ein Interview bei „Grup Yorum TV“. Mithilfe dieses Online- und YouTube-Kanals verbreitet „Grup Yorum“ ideologische Propagandainhalte im Sinne der DHKP-C.
Hymnen für den Kampf
Gemeinsamer Nenner der Künstler im Umfeld der türkisch-linksextremistischen Szene ist ihre Bedeutung für Propaganda und Rekrutierung. Lieder, die auf den ersten Blick nur politisch oder sozialkritisch erscheinen, können hier als Türöffner für extremistische Inhalte fungieren. Die oft durch eine starke Bildsprache gekennzeichneten Texte verherrlichen den im türkischen Linksextremismus ausgeprägten Märtyrerkult und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Zielen. Ebendiesen Zielen wird durch die propagierte Opferbereitschaft eine übergroße Bedeutung beigemessen. Dadurch rückt das Individuum in den Hintergrund und wird von der jeweiligen Organisation sowie der verbreiteten Ideologie überlagert.
[1] Interne Streitigkeiten führten zu einer Spaltung der TKP/ML, die in den Jahren 2019/2020 zwei eigenständige Organisationen mit nahezu gleichen Bezeichnungen hervorbrachte: die „Kommunistische Partei der Türkei-Marxisten-Leninisten“ („Türkiye Komünist Partisi-Marksist-Leninist“, TKP-ML) und die neue „Türkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten“ („Türkiye Komünist Partisi/Marksist-Leninist“, TKP/ML). [zurück]