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„Milli-Görüs“-Bewegung gedenkt ihrer Vordenker

Islamismus     5 | 2020

Zum neunten Mal jährte sich am 27. Februar 2020 der Todestag Necmettin Erbakans, des Gründers und Führers der „Milli-Görüs“-Bewegung. In den Tagen und Wochen rund um diesen Gedenktag wurde seine Person in den Publikationen der Bewegung, insbesondere in der Tageszeitung „Milli Gazete“, ausführlich gewürdigt. Gedenkveranstaltungen in Ortsvereinen der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) und in den Regionalvertretungen der „Saadet Partisi“ in Baden-Württemberg, aber auch Posts in den sozialen Netzwerken zeigten die unveränderte Loyalität zu Erbakan, seinen politischen Positionen und seinen Weggefährten.

Gedenkveranstaltungen für den Vordenker der „Milli-Görüs“-Ideologie waren in IGMG-Kreisen im ganzen Bundesgebiet sowie im Ausland festzustellen – überall dort, wo die „Milli-Görüs“-Bewegung vertreten ist. Wie bereits in den vergangenen Jahren wurden in Baden-Württemberg an verschiedenen Orten Veranstaltungen abgehalten, in denen der „Vorangegangenen“ („Önden Gidenler“) gedacht wurde. Hierzu zählen neben Erbakan Vordenker wie Mehmed Zahid Kotku, Necip Fazil Kisaürek und andere.

Die Tatsache, dass die Institutionen, welche die politische Programmatik der „Milli Görüs“ vertreten, Jahr für Jahr die Erinnerung an Erbakan zelebrieren, zeigt Folgendes: Sein Gedankengut wird nach wie vor rezipiert, ohne dass seine von antisemitischen und antiwestlichen Einstellungen geprägte Weltsicht in diesen Milieus auf Kritik stoßen würde. Dies geschieht ungeachtet der breiten gesellschaftlichen Diskussion insbesondere über das Thema Antisemitismus. Im Nachbarland Österreich, wo „Milli Görüs“ und „Saadet Partisi“ ebenfalls Strukturen unterhalten, wurde zumindest in der Tageszeitung „Volksblatt“ vom 20. Februar 2020 Kritik geübt: In einem Betrag mit dem Titel „Alle Jahre wieder: Islam-Vereine huldigen einem Antisemiten“ wurden die Positionen Erbakans offen benannt und auch in Bezug zu entsprechenden Bewertungen deutscher Verfassungsschutzbehörden gesetzt.

Der IGMG-Generalsekretär der Bekir ALTAS hatte bereits am 9. Dezember 2019 im Interview mit der überregionalen österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ eingeräumt, Erbakan sei „durchaus noch eine Größe in der Community“, deren Verdienste um die islamische Gemeinschaft anzuerkennen seien. ALTASs Statement umschreibt in treffender Weise die fortbestehende Affinität zum Gründer und spirituellen Mentor der „Milli-Görüs“-Bewegung. Als Distanzierung ist es definitiv nicht zu werten; vielmehr offenbart es die missliche Situation der IGMG, wenn ihre Funktionäre in die Situation geraten, sich gegenüber der Öffentlichkeit zur Person Erbakans äußern zu müssen.

Veranstaltungen in Baden-Württemberg

Sämtliche in Baden-Württemberg ansässige IGMG-Regionalverbände führten in den jeweiligen Regionalverbandszentren Gedenkveranstaltungen für die „Vorangegangenen“ durch: der Regionalverband Freiburg-Donau am 22. Februar 2020 in Villingen-Schwenningen, die Regionalverbände Württemberg und Schwaben am 23. Februar 2020 in Esslingen bzw. Ulm. Der Ortsverein Sindelfingen organisierte am 8. März eine eigene Gedenkveranstaltung in seinen Räumlichkeiten. Bei einer Veranstaltung im Frauenjugendverband des Ortsvereins Waiblingen wurde dem spirituellen Lehrmeister Erbakans, Mehmet Zahit Kotku, eine ausführliche Würdigung zuteil.

In den sozialen Netzwerken wurde an zahlreichen Posts die starke Bindung an die Person Erbakans und seine politischen Zielsetzungen deutlich. Der Ortsverein Heilbronn lobte ihn in einem Post vom 26. Februar 2020 als den „Mann, der die Richtung hielt und den die stärksten Stürme nicht nach rechts oder links abtrieben“. Der IGMG-Generalvorsitzende Kemal ERGÜN kleidete seine Bewunderung für die „Vorangegangenen“ am 27. Februar 2020 auf Facebook in folgende Worte:

„Die Vorangegangenen waren Vorreiter darin, Gutes zu tun. Auch wenn sie selbst unterdrückt wurden, haben sie nicht unterdrückt. Um die uns von Allah anvertraute Erde zu bebauen, haben sie für eine lebenswerte Welt gekämpft. Sie haben sich mit Geduld gewappnet. Unser verstorbener Hodja Necmettin Erbakan hat alle diese Eigenschaften in seiner Persönlichkeit vereinigt. Möge der Herr sich seiner erbarmen. Wir gedenken seiner mit Barmherzigkeit.“

Wie in den vergangenen Jahren legte die IGMG erneut eine gewisse Umsicht an den Tag, um die Reverenzen an die altehrwürdigen Vorreiter nicht zu deutlich in die öffentliche Wahrnehmung zu transportieren. So fand sich zwar auf ihrer Homepage im türkischsprachigen Bereich eine kurze Erwähnung der „Önden-Gidenler“-Veranstaltungen, wobei Erbakan jedoch nicht einmal namentlich Erwähnung fand; im deutschsprachigen Bereich waren diese Informationen nicht aufzufinden.

Auf Seiten der „Saadet Partisi“ gedachten die Regionalverbände Karlsruhe und Mannheim Erbakans am 16. Februar 2020 in Ludwigshafen. Der Regionalverband Stuttgart hielt am 28. Februar in Heilbronn eine Veranstaltung unter dem Titel „An Erbakan erinnern und ihn verstehen“ ab. Als Gastredner trat Ismail Hakki AKKIRAZ auf, ein bekannter SP-Spitzenfunktionär aus der Türkei und „Milli-Gazete“-Kolumnist. Der Regionalverband Freiburg sagte seine geplante Gedenkveranstaltung aus nicht näher genannten Gründen ab.
Abschließend bleibt festzustellen, dass IGMG und SP durch eine einigende Klammermiteinander verwoben bleiben: Sie teilen ein ideologisches Erbe, das sich in der Identifikation mit dem politischen Vermächtnis Necmettin Erbakans und seinen in Treue verbundenen Weggefährten manifestiert. Daran vermochten auch die Aufspaltung der „Milli-Görüs“-Bewegung in Deutschland und Europain einen religiösen (IGMG) und einen politischen Arm („Saadet Partisi“) sowie Tendenzen gegenseitiger Abgrenzung bislang nichts zu ändern.