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Sindelfinger ADÜTDF-Verein feiert 50. Jubiläum

Ausländerextremismus     5 | 2020

Sindelfinger ADÜTDF-Verein feiert 50. Jubiläum

Am 28. Dezember 2019 feierte der „Nationale Verein Türkischer Arbeitnehmer e.V.“ in der Messehalle Sindelfingen mit ca. 1.000 Teilnehmern sein 50-jähriges Bestehen. Der Verein ist Mitglied der extrem nationalistischen und vom Verfassungsschutz beobachteten „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e. V.“ (ADÜTDF).

Der Sindelfinger „Nationale Verein Türkischer Arbeitnehmer e. V.“ wurde 1969 gegründet und gehört damit zu den ältesten noch aktiven Vereinen aus einem türkisch-extremistischen Milieu bundesweit. Seine Dachorganisation, die ADÜTDF, ist die inoffizielle deutsche Auslandsvertretung der im türkischen Parlament vertretenen rechtsextremistischen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP). Der Dachverband wurde erst 1978, also neun Jahre nach dem Sindelfinger Verein, als „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e. V.“ gegründet. Im Jahr 2007 erfolgte mit der Gründung einer neuen europäischen Konföderation („Avrupa Türk Konfederasyon“, ATK) die Umbenennung in „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e. V.“.

Unter den annähernd 1.000 Teilnehmern der Jubiläumsfeier in Sindelfingen waren auch der ATK-Vorsitzende, der gleichzeitig für die MHP ein Mandat im türkischen Parlament innehat, der Vorsitzende der ADÜTDF sowie der türkische Generalkonsul für Stuttgart. Zahlreiche weitere ADÜTDF-Funktionäre und der Vorsitzende des Sindelfinger Vereins waren ebenfalls anwesend. Bereits im Vorfeld hatte der Verein eine Reihe von Bildern aus seiner Gründungszeit in den 1960er Jahren veröffentlicht. Sie zeigen das Bekenntnis zur rechtsextremistischen MHP von der ersten Stunde an: Auf mehreren Aufnahmen ist das MHP-Symbol, drei weiße Halbmonde auf rotem Grund, deutlich zu sehen.

Im Nachgang berichtete die ADÜTDF über die Feier ihres Mitgliedsvereins und stellte zahlreiche Bilderdavon ins Internet, ebenso der Verein selbst. Auf mehreren der Aufnahmen sind Personen zu sehen, die den für die MHP und ihre Anhänger typischen „Wolfsgruß“ zeigen.

Der derzeitige MHP-Vorsitzende Devlet BAHCELI schickte eine Grußbotschaft, die vom ADÜTDF-Bundesvorsitzenden Sentürk DOGRUYOL verlesen wurde. Darin lobte er die Arbeit des Vereins, die unter erschwerten Bedingungen der Arbeitsmigration fern von Familie und Heimat in den Arbeiterwohnheimen begonnen habe. Der Vorsitzende der europäischen Konföderation, Cemal CETIN, fand in seiner Rede, die auszugsweise auf der ADÜTDF-Homepage veröffentlicht wurde, eher harsche Worte:

„Diejenigen, die die Türken hierher einluden, betrachteten sie nicht als Menschen und bedachten nicht, dass es eines Integrationsprozesses bedurfte, sondern verteilten sie umgehend auf die Arbeiterwohnheime und schickten sie am nächsten Tag zur Arbeit. Unsere Landsleute begegneten Unmenschlichem wie Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie und wurden dadurch von der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie wurden wie Menschen zweiter Klasse behandelt. (…)
Die Türken der dritten und vierten Generation sind dabei, ihre Muttersprache Türkisch zu vergessen, obwohl sie die Sprache ihres Aufenthaltslandes sehr gut beherrschen. Die Hürden für die türkische Sprache werden von Tag zu Tag höher. Der Türkischunterricht in den Schulen wird abgeschafft. Lehrern aus der Türkei wird die Einreise verweigert und das Türkischsprechen auf dem Schulhof wird unseren Kindern als Vergehen ausgelegt. (…)
Auch die Familienzusammenführung wird verhindert. Junge Menschen, die in der Türkei heiraten, können ihre Ehepartner nicht in ihr Aufenthaltsland holen. Es wird ihnen aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse verweigert. Aber eine Sprache lässt sich am besten in jenem Land erlernen, wo sie gesprochen wird. (…)“

Neben diesen Redebeiträgen war die Jubiläumsfeier geprägt von dem Auftritt einer osmanischen Militärmusikkapelle, dem Aufsagen von Gedichten durch Kinder, die T-Shirts mit der türkischen Nationalfahne trugen, und von musikalischen Beiträgen. Der Auftritt des innerhalb der türkischen-nationalistischen Szene sehr bekannten und beliebten Mustafa YILDIZDOGAN war für viele Gäste sicherlich der Höhepunkt. Er verherrlicht in seinen Liedern die Nationalistische Bewegung und ihre Anführer. Dem MHP-Gründer Alparslan Türkes widmete er in dessen Todesjahr 1997 ein Stück, in dem er ihn als unsterblich besingt. Dieses Lied verwendete der „Nationale Verein Türkischer Arbeitnehmer e. V.“ auch zur Untermalung der Rückschau seiner Jubiläumsfeier in Sindelfingen. Ein weiteres Stück, eigens komponiert für die MHP, die im Jahr 2019 ebenfalls ihr 50-jähriges Bestehen feierte, war bei dieser Rückschau ebenfalls zu hören. Im Text wird neben Alparslan Türkes auch Devlet BAHCELI ewige Treue geschworen.

Das bereits 50-jährige Bestehen, die hohe Teilnehmerzahl und die Anwesenheit von Jugendlichen und Kindern zeigt Folgendes: Die Verbundenheit mit der MHP außerhalb der Türkei wurde über mehrere Generationen hinweg aufrechterhalten, und die aktive Jugendarbeit der ADÜTDF und ihrer Mitgliedsvereine wirkt sich weiterhin desintegrativ aus. Es bleibt daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den in Deutschland heranwachsenden jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund Identifikationsmöglichkeiten fernab von importierten extremistischen Mustern anzubieten.