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„Milli-Görüs“-Bewegung reagiert auf Tod des Publizisten EYGI

Islamismus     10 | 2019

Mehmet Sevket EYGI, langjähriger Kolumnist der Tageszeitung „Milli Gazete“, ist am 12. Juli 2019 in Istanbul verstorben. „Milli Gazete“ gilt als Sprachrohr der „Milli-Görüs“-Bewegung in und außerhalb der Türkei. Im selben Maß, in dem EYGI in konservativ islamischen und islamistischen Kreisen wertgeschätzt wird, stößt seine in säkularen und liberalen Kreisen als anti-modern, gar reaktionär wahrgenommene Geisteshaltung auf Ablehnung. Dass EYGIs Positionen in baden-württembergischen „Milli-Görüs“-Kreisen Wertschätzung erfahren, wurde aus Reaktionen auf seinen Tod deutlich.

Mehmet Sevket EYGI, geboren 1933 in Eregli/Türkei, war nach einem Studium der Politikwissenschaften an der Universität Ankara eine Zeitlang als Sprachmittler für das Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet) tätig. 1957 gab EYGI erstmals eine Zeitschrift mit dem Titel „Islam“ heraus; 1965 begann er. als Journalist für die Tageszeitung „Bugün“ zu arbeiten. In dieser Zeit, in der die USA weltweit antikommunistische Kampagnen durchführten, versetzte diese Zeitung durch tendenziöse Berichterstattung weite Teile der religiösen Bevölkerung in Aufruhr. EYGIs Artikel, in denen er die Muslime zu „Kampfgebeten gegen den Kommunismus“ aufrief, brachten hunderttausende Menschen dazu, an gemeinschaftlichen Massengebeten teilzunehmen. Dabei wurden sie von den Predigern oder Vorbetern vor der immensen Gefahr gewarnt wurden, die der Kommunismus für die Türkei und den Islam angeblich darstellen sollte.

1966 und 1968 war Istanbul zweimal Schauplatz von Protesten, die sich am Anlegen der 6. Flotte der USA in Istanbul entzündet hatten. Am 16. Februar 1969 kam es bei einer Großkundgebung gegen die Flotte zu schweren Ausschreitungen zwischen rechts- und linksgerichteten Demonstranten, bei denen zwei Personen den Tod fanden. Im Vorfeld dieses Ereignisses hatte Mehmet Sevket EYGI in der Zeitung „Bugün“ seine muslimischen Landsleute dazu aufgerufen, sich für den Jihad bereitzuhalten. Um einer drohenden Strafverfolgung zu entgehen, kehrte EYGI der Türkei für mehr als fünf Jahre den Rücken und hielt sich zeitweise in Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Deutschland und Frankreich auf. Nach seiner Rückkehr 1974 arbeitete er wiederum für verschiedene Tageszeitungen. Seine Tätigkeit für „Milli Gazete“ nahm er 1991 auf und führte diese bis zu seinem Tode fort. Mehrmals wurde EYGI aufgrund seiner Artikel zu Haftstrafen verurteilt.

Kolumne „Kalenderblätter“

Für „Milli Gazete“ verfasste er unter dem Titel „Takvimden Yapraklar“ („Kalenderblätter“) nahezu täglich eine Kolumne. Die beherrschenden Themen waren zum einen permanente Warnungen vor einer „Verwässerung“ oder „Degeneration“ des Islams, den EYGI unter anderem durch „unerlaubte Neuerungen“ (bidʼat) innerhalb der Religion bedroht sah. In diesen Befürchtungen sah er sich insofern bestärkt, als er den Großteil der Muslime in der Türkei bezichtigte, den Islam nicht „richtig“ zu interpretieren und zu praktizieren. Einem „toleranten“ und „dialogorientierten“ Islam, wie er angeblich von europäischen Vertretern der Politik und der Kirchen gewünscht werde, erteilte EYGI eine kategorische Absage. Nach seiner Ansicht sei ein Islam ohne Scharia und ohne Jihad substanzlos und seines Wesenskerns beraubt; ein an europäische Normen angepasster Islam entspreche nicht dem „wahren Islam“. Solch eine Form des Islams zu schaffen, sei das Ziel von „Kreuzfahrern und Zionisten“, so der Tenor der Ausführungen. Welche Gegenstrategien seitens der Muslime erforderlich seien, erläuterte EYGI häufig in Form sprachlich einfach gestalteter, durchnummerierter Maßnahmenkataloge. Die für die türkische Republik bestimmenden Prinzipien des Laizismus und des Kemalismus, mit denen diese sich als moderner Staat grundlegend vom staatlichen Aufbau des osmanischen Reichs absetzte, lehnte EYGI rundweg ab.

Zum anderen bestand ein weiteres beherrschendes Thema von EYGIs Kolumnen in der von Verschwörungsdenken geleiteten Auffassung, die Geschicke der Türkei würden nicht durch die Muslime selbst, sondern durch „Krypto-Juden“ oder „Sabbatianer“ (auch: „Sabbatäer“) im Land gelenkt. Diese Bevölkerungsgruppe sei als die Anhängerschaft der historischen Figur des Schabbtai Zvi (1626–1676) zu betrachten, der sich seinerzeit selbst zum Messias erklärt hatte und schließlich unter Druck zum muslimischen Glauben konvertiert war. Den Anhängern Zvis wird unterstellt, lediglich zum Schein Muslime geworden zu sein, in Wahrheit aber weiter ihrem jüdischen Glauben anzuhängen und die Sache der Zionisten zu betreiben:

„In unserem Land gibt es zwei Sorten Menschen. Auf der sichtbaren Seite sehen sie aus wie Muslime und Türken. Auf der Rückseite der Medaille sind es Juden. Sie bringen ihre eigenen inkompetenten Personen in die wichtigsten Ämter und Stellen und vergreifen sich an den Einkünften der Türkei – verdammt seien sie“,

formulierte EYGI beispielsweise in seiner Kolumne vom 24. Mai 2002. Aus dem Jahr 2000 datiert seine Publikation „Yahudi Türkler Yahut Sabataycilar; Iki Kimlikli, Gizli, Esrarli ve Cok Güclü Bir Cemaat“ („Die jüdischen Türken oder Sabbatianer: Eine sehr mächtige, geheimnisvolle und mysteriöse Gemeinde mit zwei Identitäten“). Darin ging er ausführlich auf das Thema der angeblich durch eine jüdische Lobby beherrschten Türkei ein. Zudem veröffentlichte EYGI im Lauf der Jahre eine beträchtliche Anzahl weiterer Artikel und Schriften, deren Ziel darin besteht, die angeblich verderbliche Rolle der Juden in der Türkei und deren „Machenschaften“ im Land aufzudecken.

Reaktionen auf EYGIs Tod

Die Tageszeitung „Milli Gazete“ kündigte in ihrer Ausgabe vom 15. Juli 2019 an, die bis zu EYGIs Tod fertiggestellten Artikel postum weiter zu veröffentlichen. In den Tagen nach seinem Ableben erschienen in der Zeitung zudem eine große Anzahl von Artikeln und Kolumnen, in denen seine Bedeutung als Vordenker hervorgehoben und entsprechend gewürdigt wurde. Durch die Verbreitung der „Milli Gazete“ im Spektrum der „Milli-Görüs“-Bewegung auch in Deutschland werden die Ansichten der Zeitung insbesondere auch in den Kreisen der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) rezipiert. Verschiedene Regionalverbände, Ortsvereine und Funktionsträger der IGMG in Baden-Württemberg veröffentlichten in den sozialen Netzwerken Nachrufe, in denen deren Wertschätzung für den Autor zum Ausdruck kam. So schrieb der IGMG-Ortsverein Heilbronn:

„Der intellektuelle Osmane, der Denker, unser Hodja Mehmet Sevket Eygi, dessen Jihad mit Feder und Wort wir bezeugen, der uns durch sein Wissen, seine Weisheit, Bildung, Kunst, Fähigkeit und Kultiviertheit unsere Mängel und Fehler in Erinnerung rief und uns unermüdlich die Wahrheit verkündete, ist verstorben. Möge Allah ihm angesichts des schönen Echos, das er am Himmelsgewölbe hinterlässt, seine Barmherzigkeit zuteilwerden lassen.“

Der Ortsverein der IGMG Mannheim („Fatih-Moschee“) informierte über ein in der Moschee abgehaltenes Programm für die „Märtyrer des 15. Juli“ (bezogen auf den Putschversuch in der Türkei 2016) sowie „für den verstorbenen werten Hodja Mehmet Sevket Eygi“. Auch der Ortsverein Esslingen gedachte EYGIs in einem Posting. Darüber hinaus verliehen auch die Vertretungen der „Milli-Görüs“-Partei „Saadet Partisi“ (SP) in Karlsruhe und Mannheim ihrer Trauer über den Tod EYGIs Ausdruck.

Die beschriebenen Reaktionen aus „Milli-Görüs“-Kreisen in Baden-Württemberg legen nahe, dass EYGIs antimoderne weltanschauliche Positionen in der Bewegung nicht nur wahrgenommen werden, sondern offensichtlich großen Anklang finden. Die kompromisslose Haltung in Bezug auf sunnitische Glaubenspraxis und Rechtgläubigkeit sowie antisemitische Einstellungen, die in den Meinungsäußerungen EYGIs inhaltlich zugespitzt klar zutage treten, scheinen bei den Rezipienten auf uneingeschränkte Zustimmung zu stoßen. Die Vorbildfunktion, die EYGI innerhalb der Community zweifelsfrei zukommt, steht damit jedoch in deutlichem Kontrast zu dem – zumindest durch die IGMG-Verbandsführung – nach außen hin vertretenen Bekenntnis zu gesellschaftlichem Pluralismus. Hierfür wäre ein Denker wie Mehmet Sevket EYGI gerade nicht als Gewährsperson zu benennen.