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„Identitärer“ Rapper will sich voraussichtlich zurückziehen

Rechtsextremismus     5 | 2020

Der Rapper „KOMPLOTT“ will sich offensichtlich aus dem Musikgeschäft zurückziehen. Er ist Mitglied der „Identitären Bewegung Deutschland“ (IBD) [Die IBD vertritt fremdenfeindliche, insbesondere islamfeindliche Positionen und spricht in erster Linie junge Erwachsene an. Mit verschiedenen Aktionen will sie Stimmung gegen eine angebliche „Islamisierung Europas“ mache an und stattdessen für den Erhalt angeblicher lokaler, regionaler und nationaler kultureller Identitäten werben.], stammt aus Baden-Württemberg und veröffentlichte unter seinem Künstlernamen seit 2016 Rap-Musik. Grundsätzlich spielt Hip-Hop im Umfeld der IBD zunehmend eine Rolle.

Im Jahr 2016 trat der Rapper mit dem Künstlernamen „KOMPLOTT“ mit der Single „Europa“ an die Öffentlichkeit. In dem dazugehörigen düsteren Musikvideo rappte er mitunter über kulturelles Erbe und den befürchteten Untergang Europas durch „Überfremdung“. Dieser und andere Musiktitel erfreuten sich innerhalb der IBD relativ großer Beliebtheit, „KOMPLOTT“ selbst bezeichnete sich auch als „identitärer“ Rapper.

Seit Anfang Februar 2020 mehren sich Hinweise darauf, dass der Rapper „KOMPLOTT“ aus dem Musikgeschäft aussteigen möchte. Auf dem Instagram-Kanal seines Rapper-Kollegen Chris ARES (ebenfalls aus dem Umfeld der IBD) fragte z. B. ein User nach einer erneuten Zusammenarbeit mit „KOMPLOTT“, worauf ARES antwortete: „Nein, es wird auch nichts mehr kommen. Er hat sich für einen anderen Weg entschieden. Jedem das Seine.“ Vor diesem Hintergrund gilt abzuwarten, ob sich „KOMPLOTT“ tatsächlich gänzlich aus dem Musikgeschäft zurückziehen wird.

Zuletzt veröffentlichte „KOMPLOTT“ im November 2018 ein Album mit dem Titel „Weiszes Kaninchen“. Es enthält insgesamt 15 Musiktitel und wurde im Internet verkauft, beispielsweise im Online-Shop der IBD („IB-Laden“). Anhand der Liedtexte lässt sich nachvollziehen, wie sich rechtsextremistische Inhalte in seiner Musik niederschlagen und wie sie dadurch zum Propagandamedium werden kann.

In den Texten des Albums bringt „KOMPLOTT“ die Zuwanderung bzw. den Islam pauschal mit einem Anstieg an Kriminalität in Verbindung und kritisiert die seiner Ansicht nach unzureichende Bearbeitung der Konflikte durch die Bundesregierung. Deutlich wird das z. B. im Lied „ZWEITAUSENDFÜNFZEHN“, das sich inhaltlich mit der Flüchtlingsbewegung ab dem Jahr 2015 befasst. Hier bezeichnet er die Regierung als Regime, das in Europa mehr Schaden als Josef Stalin angerichtet habe und Andersdenkende durch „Misshandlung und Gesinnungshaft“ gängeln würde. Die gegenwärtige politische Situation wird als „Vernichtungskampf“ gegen die „weiße Welt“ beschrieben.

Die Kritik an der gegenwärtigen Regierung wird im vorliegenden Album flankiert von einer allgemein systemkritischen bis -feindlichen Haltung. Überdies enthalten die Liedtexte zahlreiche martialische Metaphern, z. B. „wir haben geistigen sprengstoff im rucksack / es gibt faust. statt ner kusshand“ und „intellektuelle handgranaten die den rahmen sprengen“. Eine solche Ausdrucksweise ist im Rap-Genre nicht ungewöhnlich. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien beschäftigt sich zum Beispiel seit vielen Jahren mit verrohenden und zu Gewalttätigkeit anreizenden Texten aus den Subgenres „Battle- und Gangsta-Rap“. In „KOMPLOTTs“ Texten finden sich zudem Stellen, in denen er sich oder seine Bezugsgruppe als Teil einer Abstammungsgemeinschaft definiert. Dieses Motiv resultiert im rechtsextremistischen Weltbild darin, dass man Personen anderer Abstammung als nicht zugehörig ansieht, ihnen abweichende Rechte zugesteht und andere Pflichten auferlegt. Im Song „ZWEITAUSENDFÜNFZEHN“ heißt es z. B.:

„aber des hier ist das land unsrer väter und deren väter /
nicht das spielfeld elender verräter“

Einige Lieder enthalten zudem Hinweise auf die Selbstverortung des Musikers innerhalb der IBD. Das Lied „SPARTA MUSS LEBEN“ enthält zum Beispiel zahlreiche Referenzen zur historischen Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.). Es handelt sich dabei um ein Narrativ, das die IBD mitunter aufgreift, um einen immerwährenden Kampf zwischen Westen und Osten herauszustellen und diesen mit kriegerischen Metaphern aufzuladen. Das Selbstverständnis vieler IBD-Aktivisten als „Spartaner“ zeigt außerdem, wie sich die Gruppierung als kleine siegreiche Minderheit gegenüber einem scheinbar übermächtigen Gegner stilisiert.

Rolle von Rap innerhalb der IBD

Hip-Hop-Musik ist kein gänzlich neues Phänomen in der rechtsextremistischen Szene. Ein prominentes Beispiel für rechtsextremen Rap ist „MaKss DAMAGE“, der bereits im Jahr 2008mit ersten Liedern an die Öffentlichkeit trat. Zunächst bezeichnete er sich noch als Kommunist und Stalinist und provozierte mit antisemitischen und gewaltverherrlichenden Texten. Im Jahr 2011gab er jedoch seine Hinwendung zur rechtsextremistischen Szene bekannt, bezeichnete seinen Musikstil selbst als „NS-Rap“ und sah darin nach eigenen Angaben eine „unglaublich gute Propagandaform“, um Jugendliche zu erreichen.

Lange Zeit wurde Rap als Musikform in der rechtsextremistischen und insbesondere neonazistischen Szene allerdings abgelehnt, u. a. weil der Sprechgesang ursprünglich aus migrantisch geprägten Milieus stammt. Ein NPD-Funktionär bezeichnete Hip-Hop z. B. als „krankhaften Auswuchs“.

Insbesondere im Umfeld der IBD spielt Rap aber eine zunehmende Rolle. In den letzten Jahren erreichten Aktivisten aus diesem Bereich mit veröffentlichten Musikvideos ein immer größeres Publikum. Die Single „Neuer Deutscher Standard“ von Chris ARES aus Bayern und PROTOTYP aus Nordrhein-Westfalen – beide gehören zum IBD-Umfeld – erreichte im September 2019 Platz 10 der iTunes-Charts, bei Amazon sogar kurzfristig den ersten Platz. Auch weitere ihrer Titel, die im Jahr 2020 veröffentlicht wurden, konnten ähnliche Erfolge verzeichnen.

In einem Interview mit einembaden-württembergischen Protagonisten der AfD-Teilstruktur „Der Flügel“ äußerte sich Chris ARES zu seiner Zielsetzung:

„Ich hab es mir zur Aufgabe gemacht, metapolitisch zu wirken, sprich mit meiner Musik nach außen und vorne zu treten, um (…) die Köpfe der Jugend zurück zu ergattern. Ich nenn’ das Reconquista der Jugend“.

Anders als einige andere rechtsextremistische Rapper rufen die Künstler aus dem Umfeld der IBD nicht offen zur Gewalt auf oder verherrlichen nationalsozialistisches Gedankengut. Allerdings entsteht ein Gesamtbild, wonach sich die IBD-nahen Rapper einer weißen bedrohten Minderheit zugehörig fühlen; diese sieht sich aufgrund des angeblichen politischen Fehlverhaltens der Bundesregierung zum Widerstand gegen eben diese sowie gegen andere Kulturen gezwungen.

Im Vergleich zu anderen rechtsextremistischen Künstlern zeigen die hohen Chartplatzierungen einerseits das relativ starke Mobilisierungspotenzial innerhalb der Szene (wenn es z. B. darum geht, die Künstler durch Downloads zu unterstützen).Andererseits deuten sie auf die vergleichsweise hohe Anschlussfähigkeit der Szene an weitere Teile der Gesellschafthin, zu der ihre gemäßigte Außendarstellung beiträgt.