Sie sind hier: Startseite > Arbeitsfelder > Scientology-Organisation > Archiv  > Verdeckte Werbung für Scientology: „Der Weg zum Glücklichsein“

Verdeckte Werbung für Scientology: „Der Weg zum Glücklichsein“

Scientology-Organisation     7 | 2020

Die „Scientology-Organisation“ (SO) führt seit März eine massive Werbekampagne im Großraum Stuttgart unter dem Titel „Der Weg zum Glücklichsein – Menschliche Werte stärken“ durch. Hierfür verteilt sie eine Broschüre „Der Weg zum Glücklichsein“ in die Briefkästen von Privatpersonen. Allerdings tritt die SO nicht offen auf, sondern unter „falscher Flagge“: Ihre Kampagne ist nicht als Scientology-Werbung zu erkennen.

Ein Teil der Kampagne ist die vorliegende Broschüre, 1980 von Science-Fiction-Autor und Scientology-Gründer L. Ron Hubbard verfasst und 1981 in englischsprachiger Erstausgabe veröffentlicht. Das Heft ist Bestandteil des „Moralkodex“ der SO, die es als Verhaltens- und Ethikleitfaden weltweit seit Jahren in zahlreichen Sprachen propagiert und verteilt.

In einer Pressemitteilung vom 18. Januar 2020, die auch an Stuttgarter Zeitungen und das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg versandt wurde, kündigte die SO ihre Kampagne an. Die SO beschreibt hier einen von ihr wahrgenommenen Werteverfall der Gesellschaft, der sich in Form wachsender „Aggressivität und Gewaltbereitschaft“, beispielsweise letzten Sommer in Stuttgarter Bädern, bemerkbar gemacht habe. Um diesem gesellschaftlichen Werteverfall zu begegnen, möchte die SO einen „überkonfessionellen Wertekodex“ verbreiten, namentlich „Der Weg zum Glücklichsein“. Die Beschreibungen einer chaotischen und unmoralischen Gesellschaft sollen beim Leser zu weiterführenden Fragen und zur Suche nach Lösungen führen.

Die Broschüre beinhaltet „21 Verhaltensregeln“, die sich wie ein allgemeingültiger Lebensratgeber lesen, um ein besserer Mensch zu werden. Vorangestellt ist ein Vorwort mit dem Titel „Wie man dieses Buch verwendet“. Darin wird der Leser an die scientologische Methode des „Wortklärens“ herangeführt, bei der Wörter „redefiniert“ werden, um ihnen einen neuen Inhalt zu geben – Begriffe aus der Alltagssprache können somit bei der SO einen gänzlich anderen Sinn erhalten. Der scientologische Sprachgebrauch wird bereits in Einstiegskursen nachdrücklich unterrichtet. Diese sprachliche Umerziehung ist ein Mittel, um das Denken und Handeln der SO-Mitglieder zu steuern und zu kontrollieren.

Die „21 Verhaltensregeln“ sind im Ganzen nicht direkt auf die SO gerichtet, sondern eine Mischung aus „Hygieneratgeber“ und „Lebenshilfe“. Zu den „Verhaltensregeln“ und „Unterregeln“ gehören z. B. „Morden sie nicht“, „Seien Sie fleißig“, „Halten Sie ihren Körper sauber“, „Ernähren Sie sich vernünftig“ oder „Nehmen Sie keine schädlichen Drogen“. Dies lässt noch keine direkte Verbindung zu Hubbards Ideologie erkennen. Regel Nummer 11 („Schaden Sie Niemandem, der gute Absichten hat“) hingegen bereitet den Leser auf die SO-Ideologie vor, nach der Menschen mit schlechten Absichten durchaus geschadet werden darf: Nach Lesart von Hubbard gehören dazu die Kritiker der SO.

Auf Seiten der SO übernimmt die Tarn- und Vorfeldorganisation „Association of Better Living and Education“ („Vereinigung für besseres Leben und Erziehung“, ABLE), zu denen auch „The Way to Happiness Foundation“ (dt. „Der Weg zum Glücklichsein“) gehört, die vermeintliche Lebenshilfe. Mit ABLE will sich die SO ein soziales Image verpassen und den offensichtlichen Scientology-Bezug vertuschen.

Dieser Strategie entsprechend kommt der Name „Scientology“ in den verteilten Broschüren nicht vor. Lediglich im Kleingedruckten lässt sich der Name „L. Ron Hubbard“ finden. Allerdings dürfte dieser Zusammenhang nicht jedem Empfänger des Heftes bekannt sein.

Zu ABLE gehören u. a. die vermeintliche Hilfsorganisation für Drogenabhängige „NARCONON“, die Kampagne „Sag NEIN zu Drogen – Sag JA zum Leben“ und das Ausbildungsprogramm „Applied Scholastics“, mit denen die SO in den letzten Jahren in Baden-Württemberg auf Mitgliederfang gegangen ist. Die SO möchte es sich mit diesen Organisationen zunutze machen, dass Menschen in  privaten oder beruflichen Krisensituationen leichter zu beeinflussen sind.

Die SO behauptet in ihrer Presseerklärung und auf ihren Internetseiten, der „Weg zum Glücklichsein“ werde „von Lehrern und Schulberatern, Polizeibeamten, führenden Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, Geistlichen, Schülern und Eltern rund um die Welt geschätzt und gefördert“. Durch die Verbreitung der Broschüre und die Werbemaßnahmen im öffentlichen Raum sollen nicht nur die in der Pressemitteilung genannten Zielgruppen als Anhänger für die SO angeworben werden. Ziel ist es auch – unter dem Deckmantel der „Lebenshilfe“ – einer breiten Öffentlichkeit die Ideologie der SO zu vermitteln.

Den regionalen Bezug stellt die SO durch die Abbildung des Stuttgarter Fernsehturms auf der Vorderseite des Heftes her. Innerhalb der letzten Wochen wurde bereits eine hohe Anzahl von Broschüren – nach Schätzung des LfV Baden-Württemberg mehrere tausend Stück -– in Briefkästen von Privatpersonen im Großraum Stuttgart eingeworfen.

Die Broschüre, deren Herkunft nicht sofort erkennbar ist, transportiert scientologische Methoden und Inhalte unterschwellig und kann somit für den Leser zum Einstieg in die SO werden. Zwar steht die aktuelle Kampagne in Baden-Württemberg in keinem direkten Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie. Dennoch besteht zur Zeit die erhöhte Gefahr, dass sich Leser aufgrund einer persönlich schwierigen Situation in der Pandemie hilfesuchend an die SO oder eine ihrer Tarnorganisationen wenden.

Neu ist die Kampagne jedoch nicht: Bereits in den letzten Jahren verschickte die SO Broschüren von „Der Weg zum Glücklichsein“ an Geschäftsleute, Behörden und Politiker, um neue Mitglieder zu werben. So versuchte sie im Jahr 2019 mit einer größeren Verteilaktion der Broschüre in Bayern Leser zur Kontaktaufnahme mit der Tarnorganisation zu motivieren, um die Empfänger an die SO heranzuführen.

Die SO versucht darüber hinaus, die Corona-Pandemie als Aufhänger für eine weitere Kampagne zu nutzen: Der Verein „Scientology Gemeinde Baden-Württemberg e. V.“ kündigte in einer Pressemitteilung an, ab dem 23. Mai 2020 Broschüren über den Schutz vor einer Infektion mit dem neuen Corona-Virus zu verteilen. Die Broschüren sind mittlerweile in digitaler Form ebenfalls auf der deutschsprachigen Internetseite der SO zu finden und wurden bereits in Geschäften ausgelegt. Mit dieser Aktion hofft die SO, ihr Image zu verbessern und ebenfalls neue Mitglieder zu werben.