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Studie zu radikalisierten Frauen

Islamismus     10 | 2019

Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg hat sich im Rahmen einer Studie mit Salafistinnen beschäftigt, die aus jihadistischer Motivation nach Syrien und in den Irak gegangen sind. Im Zentrum des Interesses stand die Frage nach dem Radikalisierungsverlauf dieser Frauen. Die Ergebnisse der Studie liegen nun vor. So zeigte sich etwa, dass es bei vielen Betreffenden familiäre Bezüge zur salafistischen Szene gegeben hatte. Bei den Ausreisen handelte es sich in der Regel um bewusste Entscheidungen der Frauen. Auch beschränkten sie sich im Zielland keineswegs auf eine Rolle als Ehefrau und Mutter. Insgesamt sollen die Ergebnisse als Beitrag zu einer gendersensiblen Radikalisierungsforschung verstanden werden.

In den vergangenen Jahren hat die Radikalisierungsforschung zahlreiche Studien hervorgebracht. Bei genauerer Betrachtung der Produkte fällt jedoch auf, dass es im Grunde immer um die Radikalisierung von Männern geht. Frauen und deren Radikalisierungswege bleiben bislang unterbelichtet. Vor diesem Hintergrund möchte das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) einen Beitrag zu einer gendersensiblen Radikalisierungsforschung leisten. Dabei konzentriert sich das LfV auf diejenigen Frauen, die aus jihadistischen Motiven nach Syrien und in den Irak gereist sind. Im Zentrum der Studie steht die Frage nach dem Radikalisierungsverlauf dieser Frauen: Wie gestalteten sich die individuellen Biografien bis zum Zeitpunkt des Anschlusses an die salafistische Szene? Wie kamen die Frauen mit dem Salafismus in Kontakt? Warum ist die Ideologie für sie so attraktiv? Und wie gestaltete sich die Ausreise der Frauen?

In die Studie flossen Daten für insgesamt 13 Frauen ein, die aus Baden-Württemberg ausgereist sind oder vor ihrer Ausreise lange in Baden-Württemberg gelebt haben. Die Daten wurden mehrheitlich im Rahmen von Interviews gesammelt. Mit zweien der 13 Frauen konnte das LfV persönlich sprechen, bei ihnen handelt es sich um sogenannte Rückkehrerinnen, die nach ihrer Ausreise aus jihadistischer Motivation wieder in Deutschland leben. Bei den anderen elf Frauen versuchte das LfV, auf der Grundlage von Interviews mit dem sozialen Umfeld (Herkunftsfamilie, Freundeskreis, Schule) den Radikalisierungsverlauf nachzuzeichnen.

Zentrale Erkenntnisse

 Die für die Studie berücksichtigten ausgereisten Frauen sind in der Regel deutsche Staatsbürgerinnen, zumeist hier geboren und aufgewachsen. Zugleich weisen die meisten von ihnen einen Migrationshintergrund auf, diese Frauen waren zudem größtenteils seit Geburt muslimisch. Dennoch gibt es Ausnahmen, die von diesen Merkmalen abweichen.

 Die diversen Bildungshintergründe der ausgereisten Frauen deuten darauf hin, dass eine hohe Schulbildung nicht vor Radikalisierung schützt.

 Fast die Hälfte der ausgereisten Frauen hat Eltern, die sich in extremistischen Kreisen bewegen. Hier ist davon auszugehen, dass diese Frauen durch die Weitergabe entsprechender Werte im Eltenhaus einen niedrigschwelligen Zugang zur salafistischen Szene hatten.

 Die Ausreise in „Jihad“-Gebiete ist ein Jugendphänomen. Gewöhnlich waren die Frauen zum Zeitpunkt der Ausreise nach Syrien und in den Irak jünger als 30 Jahre.

 Bei der Ausreise waren die Frauen zumeist Mütter; in der Regel nahmen sie ihre Kinder mit nach Syrien und in den Irak. Jedoch waren die meisten von ihnen zum fraglichen Zeitpunkt nicht verheiratet, auffallend viele waren bereits geschieden.

 Für den Radikalisierungsprozess geht das LfV von folgenden biografische Risikofaktoren für Mädchen und Frauen aus: stark kontrollierendes Verhalten der Eltern, Störungen der sexuellen Entwicklung, defizitäre Familienstrukturen und das Fehlen von Teilhabe bzw. sinnstiftenden Aktivitäten.

 Der Kontakt mit der Szene erfolgte in der Regel nicht im Internet (Familie, Partner, Freunde), für die weitere Radikalisierung waren jedoch Akteure und Beziehungen sowohl in der Offline- als auch in der Online-Welt wichtig.

 Was die Attraktivität der Ideologie betrifft, konnten Konzepte wie „tauba“ (Reue), „taqwa“ (Gottesfurcht), „al-wala wa-l-bara“ (Loyalität und Lossagung) und das salafistische Normengerüst an den Bedürfnissen der Frauen in ihren Krisenzeiten ansetzen.

 Die Jihadisierung der Frauen war in der Regel eine bewusste Entscheidung. Einige waren hoch motiviert und ließen für das neue Leben in Syrien ihre Kinder zurück. Andere Frauen waren eher eingebunden in Beziehungsdynamiken, gingen gemeinsam mit ihrem Partner oder folgten diesem ins Kriegsgebiet.

 In Syrien und im Irak beschränkte sich ein Teil der Frauen auf die Rolle als Hausfrau und Mutter. Andere gingen jedoch darüber hinaus und wurden zum Beispiel Teil des IS-Propagandaapparats. Für die in der Studie berücksichtigten Frauen liegen keine Hinweise auf die Beteiligung an direkten Kampfhandlungen vor. Jedoch hat zumindest ein Teil der Frauen Waffentraining erhalten.

Empfehlungen für den Umgang mit ausgereisten Frauen

 Die ausgereisten Frauen sollten nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, unter Berücksichtigung ihrer Biografien, für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden. Die Aufarbeitung der belastenden biografischen Erlebnisse, die möglicherweise einer Symptomverschiebung vorbeugt, sollte in einem geschützten Rahmen erfolgen.

 In der Regel sind die ausgereisten Frauen in Deutschland geboren sowie aufgewachsen und sollten daher die Möglichkeit zur Rückkehr haben.

 Was die Kinder der ausgereisten Frauen betrifft, sollte im Einzelfall geprüft werden, ob eine Unterbringung bei den Großeltern, also den Eltern der Ausgereisten, tatsächlich sinnvoll ist. Die Zustände in den Herkunftsfamilien der Frauen waren ein zentraler Faktor für das Bedingungsgefüge, aus dem heraus die kognitive Öffnung und schließlich die Radikalisierung erfolgten.

 Zudem sollten die Kinder der Frauen nach ihrer Rückkehr nach Deutschland intensiv betreut und die Mütter bei der Erziehung unterstützt werden.

Allgemeine Empfehlungen

 Angebote, die Mädchen die Möglichkeit zur Teilhabe und sinnstiftende Aktivitäten bieten, sollten ausgebaut werden. Eine besondere Bedeutung sollte Angeboten zugesprochen werden, die nicht auf stereotypen Rollenvorstellungen basieren und so die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen fördern.

 Bei Verdachtsfällen sollte stets eine Einzelfallprüfung erfolgen. Kein Fall gleicht einem anderen, Radikalisierung ist immer einer individueller Prozess.

 Für radikalisierte Mädchen und Frauen sollten Gegenangebote statt Gegennarrative bereitgestellt werden. Zudem ist es ratsam, die Mädchen und Frauen weiter einzubinden, auch um einen totalen Rückzug in die private Sphäre zu vermeiden.

 In Hinblick auf die Fallbearbeitung plädiert das LfV für eine enge Zusammenarbeit zwischen Regelstrukturen, z. B. Jugendämtern oder Schulen, und Sicherheitsbehörden.

Wenngleich seit 2016 keine nennenswerten Ausreisen von deutschen Frauen und Männern ins Kriegsgebiet Syrien und Irak bekanntgeworden sind, verliert die Aufarbeitung dieser Fälle nicht an Aktualität. Das liegt zum einen an der Möglichkeit von zukünftigen „Jihad“-Schauplätzen und entsprechenden Reisen deutscher Frauen in diese Gebiete. Zum anderen hängt die Aktualität auch mit der Rückkehrerproblematik zusammen: Ein Teil der Frauen, um die es hier geht, befindet sich bereits wieder in Deutschland oder wird irgendwann hierher zurückkehren. Daher ist es wichtig, zu wissen, mit es die Betroffenen zu tun haben und welche Herausforderungen sie in diesem Zusammenhang erwarten. Ebenso ist das Thema nach wie vor aktuell, weil die ausgereisten Frauen nur eine Teilmenge salafistischer Frauen in Deutschland ausmachen. Die Sicherheitsbehörden haben es also mit einem viel größeren Personenpotential politischer und jihadistischer Salafistinnen im Land zu tun, auf die ein Teil der Ergebnisse der vorliegenden Studie übertragbar ist.

Das LfV versteht die Studie als Beitrag zur Radikalisierungsforschung. Vor dem Hintergrund des Samplings der Studie, das mit einer geringen Fallzahl und dem Fokus auf Frauen einherging, sieht das LfV weiterhin Forschungsdarf. So wäre es wünschenswert, wenn sich die Forschung dem Thema „Radikalisierung von Frauen“ zukünftig mit einer größeren Fallzahl widmet, um eine Generealisierung von Ergebnissen zu ermöglichen. Zudem sollten zukünftige Studien sowohl weibliche als auch männliche Radikalisierungsverläufe vergleichend berücksichtigen: Forschung ist dann besonders wertvoll, wenn sie herausfindet, was spezifisch an einem Phänomen ist. Spezifika wiederum können in der Regel nur durch einen Vergleich herausgearbeitet werden.



Betroffene Angehörige können sich an die vertraulichen Hinweistelefone des Landesamts für Verfassungsschutz wenden:

0711/95 61-984 (deutsch/englisch)

0711/95 44-320 (türkisch)

0711/95 44-399 (arabisch)