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Serie: Salafistische Netzwerke im Wandel |Teil 2: Marcel KRASS

Islamismus     9 | 2020

Marcel KRASS ist seit zwei Jahrzehnten eine feste Größe in der salafistischen Szene in Deutschland. Er wirkte bei vielen Projekten mit und kooperierte dabei mit wechselnden Partnern. Eine Konstante in seinem Engagement ist die Zusammenarbeit mit Pierre VOGEL. Wahrscheinlich auch aufgrund seines ruhigen Temperaments und mit dem konsequenten Verharren auf der Sachebene scheint KRASS innersalafistische Gegnerschaften zu vermeiden. Selbst vor Kontakten mit Akteuren aus anderen Szenen, etwa der „Hizb-ut-Tahrir“-nahen Gruppe „Generation Islam“, hat KRASS keine Berührungsängste.

KRASS, der bereits 1995 zum Islam konvertierte, ist wie VOGEL und Neil BIN RADHAN seit Jahrzehnten in der salafistischen Szene aktiv. Er steht jedoch für eine andere Art salafistischer Aktivisten: KRASS ist Diplom-Ingenieur und arbeitete zwischenzeitlich als Lehrer für Elektrotechnik an einer Duisburger Berufsschule. In seinen YouTube-Videos (11.400 Abonnenten) trägt er meistens ein gebügeltes Hemd, spricht ruhig, drückt sich gewählt aus und verbleibt stets auf der sachlichen Ebene. Marcel KRASS spricht damit auch ein intellektuelleres Publikum an.

Islamisches Zentrum Münster und 9/11-Kontakte

Wer KRASS heute erstmals sieht, kann wahrscheinlich kaum glauben, dass der Salafist zu Beginn seiner extremistischen Kariere dubiose Kontakte zur jihadistischen Szene pflegte. So leitete er um die Jahrtausendwende gemeinsam mit Osama AYUB das „Islamische Zentrum Münster“. Bevor der Ägypter AYUB die Moschee gründete, musste er sein Heimatland verlassen, weil er dort Mitglied einer militanten islamistischen Gruppierung war. Er selbst gibt an, anschließend für einige Jahre in Pakistan gelebt zu haben, wo er „Mujahidun“ empfing und unterrichtete, die auf dem Weg ins sowjetisch besetzte Afghanistan waren.

Belegt sind für die Zeit um die Jahrtausendwende darüber hinaus Kontakte zwischen KRASS und Ziad Jarrah, einem der Attentäter vom 11. September 2001, der vor dem Terroranschlag in Hamburg Flugzeugbau studiert hatte. Beide haben sich wahrscheinlich Ende der 1990er Jahre kennengelernt und mehrmals miteinander telefoniert, unter anderem vor und nach Jarrahs Aufenthalt in einem „al-Qaida“-Trainingslager und zeitnah zu den 9/11-Anschlägen.
 
Werbung und Unterstützung: Zwischen Infoständen und Pilgerreisen

Nach der Schließung des „Islamischen Zentrums Münster“ im Jahr 2004 engagierte sich KRASS in unterschiedlicher Intensität für verschiedene Projekte. Verbindungen hatte er zum Beispiel zur Gruppe „Einladung zum Paradies“ (EZP), die 2006 gegründet wurde und 2011 mit ihrer Selbstauflösung einem drohenden Vereinsverbot zuvorkam. Führungsfiguren waren zunächst der in Braunschweig ansässige Mohammed CIFTCI und Pierre VOGEL aus Nordrhein-Westfalen. Zeitgleich mit der Verlegung des Vereins nach Mönchengladbach übernahm Sven LAU die Leitung. Laut VOGEL gestaltete KRASS unter anderem die Homepage für EZP, die den Missionierungsbestrebungen der Gruppe diente.

Weitaus mehr Verantwortung übernahm KRASS für den Verein „Muslime Aktiv e. V.“, den Thomas GÖCKE in Münster gegründet hatte und der in die Fußstapfen von EZP trat. Gemeinsam mit dem Gründer leitete KRASS den Verein, der bis 2016 Kundgebungen und Infostände organisierte und von Pierre VOGEL unterstützt wurde. Dabei verstand er sein Engagement nicht unbedingt als Widerspruch zu den Aktivitäten des Zusammenschlusses „Die Wahre Religion“ (DWR) von Ibrahim ABOU NAGIE. Wenngleich er nicht aktiv bei DWR mitwirkte, befürwortete er deren Koranverteilungsaktion „LIES!“ jedoch in Statements.

Seit dem Jahr 2014 unterstützt KRASS auch zwei in Baden-Württemberg ansässige Projekte: den „Islamisch Humanitären Entwicklungsdienst“ (IHED) und den Reiseanbieter „IME-Reisen“. Für beide ist der bis vor kurzem in Mannheim wohnhafte Abdirahman FARAH zuständig. Der IHED stellt sich selbst als Hilfsorganisation dar, die bedürftigen Menschen in Krisenregionen mittels Spenden helfen möchte. KRASS ruft, ebenso wie Pierre VOGEL, jährlich in Videobotschaften dazu auf, einzelne Projekte des IHED zu unterstützen. Für „IME-Reisen“ fungiert KRASS wiederum als Reiseleiter vor Ort in Saudi-Arabien. Auch in diesem Kontext trifft er regelmäßig auf Pierre VOGEL, dessen Reiseanbieter „BAKKAH-Reisen“ wiederum ebenfalls unter Geschäftsleitung von FARAH steht.

„Jesus im Islam“ als „Da’wa“-Marketingstrategie

Neben seiner Beteiligung an den Projekten anderer Akteure verfolgte KRASS auch immer wieder eigene Vorhaben. Dazu zählte die Kampagne „Jesus im Islam“, die er in den Jahren 2013 und 2014 betrieb. Der Name des Projekts war Programm: Es zielte vor allem darauf ab, mit Christen ins Gespräch zu kommen – eine Marketingstrategie zu Missionierungszwecken. Dazu positionierten sich kleine Teams deutschlandweit in Fußgängerzonen, verteilten Broschüren und sprachen Passanten an. Das davon ausgehende lose Netzwerk war jedoch viel größer als die im Team beteiligten Akteure. So machte KRASS auf der Kampagnenhomepage Werbung für den in Baden-Württemberg ansässigen Neil BIN RADHAN.

Das „DEX-Institut“: nach Londoner Vorbild und mit engen Kontakten nach Wien

Marcel KRASS steht zudem hinter dem „DEX-Institut“, das seit 2015 aktiv ist. Der Name „DEX“ steht für „Da‘wa-Experten“, die auch im Zentrum der Aktivitäten des Instituts stehen: Sie sollen sich zum einen vernetzen, zum anderen sollen sie in Kursen professionelle Marketingstrategien vermitteln, mit denen sich die „Da’wa“ (Missionierung) vorantreiben lässt.

Das Institut ist europaweit mit ähnlichen Zusammenschlüssen verbunden; dies zeigt zum Beispiel die Kampagne „Ist das Leben nur ein Spiel“, mit der KRASS und sein Institut die Menschen in Deutschland zum Nachdenken über den Sinn des Lebens einladen wollten. Die Kampagne hat ihren Ursprung in England, wo sie von der Organisation „Islamic Education and Research Academy“ (iERA) ins Leben gerufen wurde. Übernommen hat sie später auch die in Österreich ansässige Organisation „Iman“. Bei der jeweiligen Umsetzung der Kampagne zeigt bereits das Design der Aufsteller, Videos und Flyer (schwarze Schrift auf gelben Hintergrund), dass alle drei Organisationen unisono sprechen. Zuweilen gab es auch direkte Kooperationen, zum Beispiel, als „Iman“ KRASS zur Kampagne interviewt hat. Neben den Verbindungen nach London und Wien gab es in diesem Zusammenhang weitere Kontakte. So bewarb der ehemalige EZP-Leiter CIFTCI auf seinem YouTube-Kanal „Eindruck TV“ die Kampagne mit einem Video von KRASS.

Die FIU und das Ausschöpfen rechtlicher Mittel des deutschen Staates

Im Jahr 2020 erregte KRASS mit der „Föderalen Islamischen Union“ (FIU) Aufmerksamkeit. KRASS leitet den Zusammenschluss seit 2017 gemeinsam mit Dennis RATHKAMP von Hannover aus. Nach eigener Darstellung strebt die FIU danach, die Muslime in Deutschland zu vereinen, ihnen eine gemeinsame Stimme zu geben und ihre Interessen zu vertreten. In diesem Sinne verfolgen KRASS und RATHKAMP verschiedene Projekte. Dazu zählt zum Beispiel das dauerhafte Angebot einer „Fatwa-Beratung“, bei der sich „ein Team aus qualifizierten islamischen Rechtsgelehrten“ um die Beantwortung spezifischer islamrechtlicher Fragen von Muslimen kümmert. Daneben fördern sie die Übersetzung von fremdsprachiger islamischer Literatur ins Deutsche. Ein zentrales Projekt ist der, wie es die FIU nennt, „Schutz vor verfassungswidrigen Gesetzen“. Auf ihrer Homepage ist dazu zu lesen:

„Die Föderale Islamische Union sieht nicht tatenlos zu, wie man versucht, den Muslimen in diesem Land ihre Grundrechte zu nehmen, sondern wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln dagegen vorgehen.“

Erst in der Praxis zeigt sich die Bedeutung dieses Engagements. Beispielhaft hierfür steht eine von der FIU im Februar 2020 initiierte Online-Petition, mit der sie einen Bundesbeauftragen zum Schutz der Muslime fordert. In einem Video-Aufruf führt KRASS dazu aus, dass die Petition eine Reaktion auf den rechtsextremistischen Anschlag in Hanau im gleichen Monat sei. Zudem äußert er seine Hoffnung, dieses Anliegen persönlich im Bundestag vortragen zu dürfen. Die Petition erreichte schnell die notwendige Anzahl von 50.000 Unterzeichnern und wurde zum Einreichen vorbereitet. Im April erwirkte die FIU zudem mit einem Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht Lockerungen der Corona-Regeln für Gotteshäuser. Mit der FIU nutzt KRASS nun also die rechtlichen Mittel des deutschen Staates für seine Zwecke. Damit setzt er sich von einem Großteil der Salafisten in Deutschland ab, die eine Beteiligung an Wahlen, Klagen oder Petitionen als Widerspruch zum „tauhid“ wahrnehmen. [Tauhid: Monotheismus; auf der Grundlage eines extrem ausgelegten Monotheismus lehnen Salafisten eine Beteiligung an demokratischen Strukturen ab.]

Gemeinsam für eine Sache: Zusammenarbeit mit „Generation Islam“

Die Partnerschaften, die KRASS im Rahmen seiner Mission eingeht, beschränken sich jedoch nicht nur auf salafistische Akteure. So ist zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit der „Hizb-ut-Tahrir“-nahen Gruppe „Generation Islam“ (GI) belegt. GI initiierte 2018 eine Online-Petition gegen ein mögliches Kopftuchverbot für Schülerinnen unter 14 Jahren in Nordrhein-Westfalen. Diese war mit 170.000 Unterzeichnern durchaus erfolgreich. Die Petition macht deutlich, dass sich Ziele und Strategien von GI und der FIU stark ähneln: Im Rahmen ihres Projekts „Schutz vor verfassungswidrigen Gesetzen“ ist der Einsatz für das Kopftuch ein prominentes Beispiel. Ebenso nutzt GI demokratische Grundrechte, um bestimmte Ziele zu erreichen. Für das gemeinsame Ziel ist KRASS demnach bereit, auch mit islamistischen Akteuren unterschiedlicher Couleur zu kooperieren.

Fazit: Harmonie und Einklang im Dienste eines gemeinsamen Ziels

Marcel KRASS hat sich in den 20 Jahren seines Engagements in der salafistischen Szene vom 9/11-Attentäter-Kontakt zu einem Akteur entwickelt, der mit seinem Anliegen im Bundestag vorsprechen möchte. Dabei verfolgte er die unterschiedlichsten Projekte mit einer Vielzahl sehr heterogener Partner. Ein dauerhafter Wegbegleiter ist Pierre VOGEL. Szeneinterne Feindschaften sind nicht bekannt, vielmehr stellt er sich mit jedem gut. Das gelingt ihm, weil er zielorientiert arbeitet und pragmatisch denkt. So verwundert es nicht, dass KRASS auch mit Gruppen wie GI zusammenarbeitet, die ideologisch der „Hizb ut-Tahrir“ nahestehen.