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Artikelserie: Salafistische Netzwerke im Wandel | Teil 1: Pierre VOGEL

Islamismus     7 | 2020

Der Prediger Pierre VOGEL ist bereits seit 15 Jahren einer der bedeutendsten salafistischen Akteure in Deutschland. Die Bandbreite seiner Aktivitäten in dieser Zeit reicht von Online-Auftritten bis hin zur professionellen Begleitung von Pilgerreisen. Immer war er dabei eingebettet in die verschiedensten Netzwerke – und an der  medienwirksamen Austragung von szeneinternen Feindschaften beteiligt.

Der Salafismus ist kein homogenes Gebilde. Vielmehr handelt es sich um eine Denkströmung, deren Akteure in unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen: Einige sind durch hierarchische Organisationstrukturen verbunden, andere kooperieren in losen Netzwerken. Zuweilen sind auch innersalafistische Feindschaften zu beobachten. Begünstigt wird diese Vielfalt durch verschiedene Faktoren, u. a. durch den transnationalen Charakter dieser Denkströmung. Die Varianz ergibt sich auch aus Kontroversen zu Glaubensfragen. Eine besondere Stellung nimmt die Frage ein, mit welchen Mitteln das Ziel einer islamischen Gesellschaftsordnung erreicht werden soll: Den sogenannten politischen Salafisten, die Missionierung („Da’wa“) betreiben, stehen die jihadistischen Salafisten gegenüber, die auf Gewalt setzen, wobei die Übergänge zwischen diesen beiden Bereichen fließend ist.

In der Artikelreihe „Salafistische Netzwerke im Wandel“ soll es um die vielgestaltigen salafistischen Beziehungen gehen: Wie gestalten sich diese konkret? Wer kooperiert mit wem? Wer ist welchem Netzwerk zuzuordnen? Welche Feindschaften bestehen? Wie haben sich die Beziehungen im Laufe der Zeit gewandelt? Ausgangspunkt der Betrachtung ist jeweils ein Akteur mit seinen individuellen Beziehungen zu anderen Personen und Netzwerken. In der ersten Folge geht es um Pierre VOGEL.

Vom Amateur-Boxer zum Star-Propagandist

Pierre VOGEL ist einer der bedeutendsten Akteure der salafistischen Szene in Deutschland. Der 1978 in Frechen/Nordrhein-Westfalen geborene VOGEL war einige Jahre lang Boxer, bevor er im Jahr 2001 zum Islam konvertierte. Er kann mehrjährige Studienaufenthalte in Saudi-Arabien und Ägypten vorweisen. Seit 15 Jahren präsentiert sich der Propagandist auf verschiedenen Plattformen und in unterschiedlichsten Netzwerken. Nach zwischenzeitlicher großer Beliebtheit ist die Zahl seiner Sympathisanten in den vergangen Jahren jedoch rückläufig. Aktuell verzeichnet sein YouTube-Kanal „PierreVogelDe“ 50.000 Abonnenten, im vergangenen Jahr lag die Aufrufzahl der Videos in der Regel im vierstelligen Bereich. Einzelne Videos, in denen sich VOGEL bestimmten Themen widmet, haben eine größere Reichweite: So wurde sein Statement zu den Terroranschlägen vom 15. März 2019 auf zwei Moscheen in Neuseeland knapp 220.000-mal aufgerufen.

„Die Wahre Religion“: On-Off-Beziehung zu Ibrahim ABOU-NAGIE

Im Jahr 2005, nachdem VOGEL bereits mehrere Semester an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka studiert hatte, kam er in Kontakt mit dem Deutsch-Palästinenser Ibrahim ABOU NAGIE. Zusammen etablierten sie im gleichen Jahr das Internetportal „Die Wahre Religion“ (DWR), das Videos zur islamischen Theorie und Praxis zum Herunterladen anbot und die Muslime zum Selbststudium einlud. Später erweiterten sie das Angebot um Islamschulungen und -seminare als Präsenzveranstaltungen.

VOGEL war der Hauptprediger von DWR, bis es im Jahr 2008 zum Bruch mit ABOU NAGIE kam. Auslöser für den Zwist war eine theologische Meinungsverschiedenheit: VOGEL störte sich daran, dass ABOU NAGIE anderen Muslimen das Muslimsein absprach. Diese „takfir“ genannte Praxis ist unter den Salafisten umstritten, spielt aber im Jihadismus eine besondere Rolle in Hinblick auf die Legitimation von Gewaltanwendung. Erst 2011 kam es wieder zur Annäherung beider Akteure: In diesem Jahr sorgte DWR mit seiner „Street-Da’wa“-Kampagne „LIES!“ bundesweit für Aufmerksamkeit, und VOGEL warb in den sozialen Medien dafür. 2014 folgte schließlich eine erneute Abwendung VOGELs.

„Einladung zum Paradies“

Nach der Distanzierung von ABOU NAGIE und DWR im Jahr 2008 schloss sich VOGEL dem in Braunschweig ansässigen Muhamed Seyfudin CIFTCI an, der dort den Verein „Einladung zum Paradies e. V.“ (EZP) leitete. Der Verein konnte durchaus als Alternativangebot zu DWR verstanden werden: EZP setzte ebenfalls auf ein Internetportal und Islamseminare. Zum Vorstand gehörte auch Sven LAU, zu dem VOGEL noch Jahre später ein Mentorenverhältnis pflegte. Als LAU 2017 wegen des Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Organisation vor dem OLG Düsseldorf angeklagt war, sagte VOGEL zu seinem Gunsten aus und betonte, er glaube an seine Unschuld. Das Verhältnis zu CIFTCI war hingegen ambivalent; 2011, als EZP einem drohenden Vereinsverbot durch Selbstauflösung zuvorkam, trennten sich die Wege: CIFTCI kritisierte VOGEL, weil dieser zu einem Totengebet für Osama bin Laden aufgerufen hatte. Wenngleich es VOGEL nicht primär um bin Laden, sondern um die Art der Bestattung ging (eine Seebestattung, wie die USA sie für bin Laden durchgeführt haben, kennt das islamische Recht nicht), entschuldigte er sich später für sein Verhalten.

Open-Air-Auftritte während der Blütezeit der deutschen salafistischen Szene

Zwischen 2010 und 2014 versuchte VOGEL, seine Missionierung mit Open-Air-Auftritten voranzutreiben. Im Rahmen seiner Deutschland-Touren trat er auch mehrfach in Baden-Württemberg auf, im Jahr 2014 zum Beispiel in Freiburg, Pforzheim und Stuttgart. Im Zentrum der Auftritte stand in der Regel ein spezifisches Thema, z. B. „Jungfräulichkeit und Familienehre im Islam“, über das er seine Zuhörer informierte. Häufig inszenierte er zudem die Konversion einer Person aus dem Publikum auf der Bühne. Wenngleich VOGEL meist alleine auftrat, präsentierte er sich punktuell mit anderen Akteuren wie Sven LAU und dem Kanadier Bilal PHILIPS. Zu letzterem pflegte VOGEL bereits seit Jahren eine enge Beziehung: Nach eigenen Angaben hatte er bereits kurz nach seiner Konversion dessen Nähe gesucht, das Verhältnis hat Mentorencharakter. Immer wieder hat er für PHILIPSʼ „Islamic Online Academy“ Werbung gemacht. Auch hält er über PHILIPS enge Kontakte nach Qatar, wo der Kanadier seit Jahren lebt.

„BAKKAH-Reisen“: Neue Angebote mit undurchsichtigen Kontakten

In den letzten Jahren haben Salafisten immer wieder nach neuen Formen der „Da’wa“ gesucht. Etablieren konnten sich salafistische Reiseanbieter, die Pilgerreisen nach Saudi-Arabien organisieren und professionell begleiten lassen. Seit 2016 kooperiert Pierre VOGEL mit „BAKKAH-Reisen“, einem Anbieter mit Sitz in Mannheim. Mehrmals jährlich fliegt er nach Saudi-Arabien, um Gruppen sowohl beim Hadsch (große Pilgerfahrt) als auch bei der Umrah (kleine Pilgerfahrt) inhaltlich zu begleiten.

Diese Aktivität ist wiederum in ein neues Netzwerk eingebettet. „BAKKAH-Reisen“ setzt neben VOGEL für die Pilgerreisen auf den in Berlin ansässigen Ahmed ABUL BARAA. Wenngleich die Reisen mit den beiden Akteuren getrennt voneinander beworben werden, finden sie häufig gemeinsam statt; in Saudi-Arabien kommen die beiden Reisegruppen unter der Leitung von ABUL BARAA und VOGEL zusammen. Vor Ort gibt es ebenfalls Kooperationen mit den Begleitern anderer Reiseanbieter, etwa mit Marcel KRASS, der für „IME-Reisen“ arbeitet – dieses Unternehmen gehört wie „BAKKAH-Reisen“ zu einer Firma namens „HTG-Group“. Zu Kooperationen kam es ebenso mit Amen DALI. Er arbeitet für die „BLCK STONE GmbH“, einen Reiseanbieter aus Nordrhein-Westfalen, der damit wirbt, dass all seine Gewinne an die Hilfsorganisation „Ansaar International“ fließen. Letztere Vereinigung steht im Verdacht, die palästinensische Terrororganisation HAMAS zu unterstützen. Kaum nachzuverfolgen sind jedoch die Kontakte, die VOGEL darüber hinaus in Saudi-Arabien zu dort lebenden Akteuren knüpft und hält.

Vom IS bis hin zu Bernhard FALK: Feindschaften mit dem jihadistischen Spektrum

VOGEL gilt gemeinhin als politischer Salafist; er setzt also auf Missionierung, um das Ziel einer islamischen Gesellschaftsordnung zu erreichen. Wie bei den meisten politischen Salafisten ist aber auch seine Einstellung zur Gewalt ambivalent: Vielfach lehnte er in öffentlichen Aussagen den Einsatz von physischer Gewalt ab. Zuweilen äußerte er sich aber auch zustimmend oder billigend, zum Beispiel im Hinblick auf Muslime, die gewalttätig auf Angriffe auf den Islam reagieren. Oder aber bezüglich des Syrienkriegs, indem er die oppositionellen Gruppen als „Freiheitskämpfer“ bezeichnete.

Auch zum IS hatte VOGEL einige Zeit ein ambivalentes, abwartendes Verhältnis. So trat er eine Zeitlang mit einem Hoodie auf, dessen Design der schwarzen Jihadflagge des IS ähnelte. Ebenso rief er die Jesiden im Jahr 2014, als der IS den Völkermord an dieser im Irak ansässigen Religionsgemeinschaft beging, dazu auf, zum Islam zu konvertieren. Erst später distanzierte er sich von der Organisation, die er fortan nur noch „Idiotischer Staat“ nannte.

Diese Distanzierung ging wiederum mit dem Ausbrechen verschiedener Feindschaften einher. So bezeichnete der IS selbst VOGEL in seinem Online-Hochglanz-Magazin „Dabiq“ als „Abtrünnigen“ und rief zu dessen Tötung auf. Davon ausgehend kam es seit 2016 auch zu medienwirksam ausgetragenen Konflikten mit Akteuren der deutschen Szene. Mit Sabri BEN ABDA, einem ehemaligen Weggefährten, der ab 2016 mit dem IS sympathisierte, soll es zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen sein. Das Gerichtsverfahren, das auf BEN ABDAs Anzeige gegen VOGEL folgte, wurde jedoch eingestellt.

In einem seiner Videos, in denen sich VOGEL gegen den IS positionierte, bezog er sich zudem auf Ahmad Abdulaziz Abdullah ABDULLAH („Abu Walaa“), dem er in dem Beitrag implizit eine Nähe zu der Terrororganisation unterstellte. „Abu Walaa“ bezeichnete VOGEL darauf hin als Spion, der mit den „kuffar“ (Ungläubigen) zusammenarbeiten würde. Bernhard FALK, der jihadistische Akteure bundesweit zum Beispiel durch Anwesenheit bei Gerichtsprozessen unterstützt, verortete VOGEL „im Reagenzglas des Staatsschutzes“ und nannte ihn einen „geistigen Einzeller“.

Fazit: 15 Jahre Freund- und Feindschaften zwischen Flexibilität und Ausdauer

Pierre VOGEL hat in den vergangenen 15 Jahren die verschiedensten Formate genutzt, um seine „Da’wa“ voranzutreiben. Die Bandbreite reicht von YouTube-Videos über Open-Air-Auftritte bis hin zur Reisebegleitung von Pilgern nach Saudi-Arabien. Dabei schloss er sich immer wieder unterschiedlichen Netzwerken an. Manche Beziehungen zu einzelnen Akteuren sind stetig, zu anderen Personen pflegte er ein ambivalentes Verhältnis, das von Abkehr und Wiederannäherung gezeichnet war. Auffallend ist VOGELs Fokus auf den deutschsprachigen Raum: Wenngleich er sich mehrere Jahre lang in Saudi-Arabien und Ägypten aufgehalten hat und enge Kontakte nach Katar pflegt, ist sein primäres Aktionsfeld Deutschland, was wohl vor allem private Gründe hat.

Als politischer Salafist strebt VOGEL danach, das Ziel einer islamischen Gesellschaftsordnung durch Missionierung zu erreichen. Sein Verhältnis zur Gewaltfrage ist dabei exemplarisch für seine inhaltliche Entwicklung: In den vergangenen Jahren hat VOGEL immer weiter Abstand von radikalen Positionen genommen. Dennoch ist dieser Akteur nicht ungefährlich. Vielmehr kann seine „Da’wa“ als eine Art Einstiegsdroge verstanden werden, mit der Frauen und Männern Zugang zur salafistischen Ideologie und Szene finden – wodurch sie Gefahr laufen, später in den Jihadismus abzurutschen.