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Reaktionen der salafistischen Szene auf die Corona-Epidemie

Islamismus     5 | 2020

Verschiedene salafistische Akteure positionieren sich in den sozialen Medien zum Coronavirus. Mit einer Bandbreite zwischen Verschwörungstheorien und dem Lob der Bundesregierung für die aktuell staatlich angeordneten Maßnahmen verdeutlicht die Szene einmal mehr, wie heterogen sie ist. Problematisch sind vor allem die in diesem Zusammenhang manifestierten Feindbilder und Desinformationskampagnen sowie die Instrumentalisierung von Ängsten, was alles darauf abzielt neue Anhänger zu genieren.

Seit März 2020 breitet sich das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 auch in Deutschland massiv aus. Die Auswirkungen der Pandemie tangieren auch die hiesige salafistische Szene: Akteure infizieren sich. Moscheen sind vom strikten Versammlungsverbot und den Kontaktbeschränkungen betroffen; seit einigen Wochen finden hier keine Freitagspredigten, die täglichen fünf Gebete oder Unterrichtseinheiten statt. In den sozialen Medien thematisieren führende Protagonisten der Szene diese Entwicklungen. Drei von ihnen werden im Folgenden genauer betrachtet: Wie gehen sie mit den Ereignissen um? Welche Aspekte stehen im Zentrum der Auseinandersetzung? Wie argumentieren sie und welche Empfehlungen erteilen sie ihren Anhängern?

Neil BIN RADHAN: Das Virus als Strafe Gottes und Ankündigung des jüngsten Tages

Der vielfältig in der salafistischen Szene aktive Neil BIN RADHAN beschäftigte sich in einer seiner Freitagspredigten vom März mit dem Virus. Ein Mitschnitt, eingestellt am 1. März 2020, ist auf YouTube abrufbar. Inhaltlich dominiert die Auseinandersetzung mit dem Ursprung des Coronavirus, seiner laut BIN RADHAN göttlichen Bedeutung sowie mit Empfehlungen des Predigers für seine Anhänger.

BIN RADHAN sieht den Ursprung eindeutig in Gottes Hand, das Virus sei gar eine göttliche Prüfung. Diese These unterfüttert er theologisch, indem er verschiedene Quellentexte wie Sure 74/31 heranzieht: Darin heißt es, dass diejenigen geprüft werden, die ungläubig sind. BIN RADHANs Ausführungen machen allerdings deutlich, dass er auch alle zu dieser Kategorie zählt, die zwar an Gott glauben, ihm jedoch etwas „beigesellen“ oder diejenigen, die ihn beleidigen. Mit Bezug auf Sure 29/40 („Und nicht Allah wollte ihnen Unrecht tun, sondern sie taten sich selbst Unrecht.“) verdeutlicht BIN RADHAN, dass diese Menschen selbst Verantwortung für diese Prüfung tragen – sie sind demnach die Ursache für dieses wie für jedes Übel.

Den irdischen Ausgangspunkt der Pandemie sieht BIN RADHAN im Zusammenhang mit dem Verzehr von Wildtieren in China. Er schränkt zwar ein, dass es sich dabei nur um eine Vermutung handle, doch erscheint ihm diese offenbar stimmig. Es gehe um Tiere, deren Konsum Mohammed verboten habe: Tiere, die Reißzähne haben, wie Hunde, Leoparden, Schlangen oder Fledermäuse – „was für eine einfache Regel von unserem Herrn“. Die Missachtung dieser göttlichen Anordnung sei demnach der Anlass für die Verbreitung des Virus durch Gott gewesen.

In diesem Sinne sei die Pandemie als Zeichen Gottes zu werten, das vor allem zweierlei Funktion erfülle: Menschen, die nicht an Allah glaubten, erführen durch das Virus „eine kleine Strafe (...), auf dass sie umkehren mögen.“ Die Strafe diene demnach der Erweckung dieser Menschen, als Erinnerung an die Existenz Gottes. Gläubige Muslime hingegen würden durch die Pandemie eine Stärkung der aqida (Glaubenslehre) an die göttliche Vorherbestimmung und den Willen Allahs erfahren.

Obwohl nicht mit dem bloßen Auge zu sehen, sei dieses Zeichen Gottes so einflussreich, dass es die gesamte Welt auf den Kopf stelle:

„Allah hat dadurch die Länder in Bewegung gesetzt, die Gesundheitsminister, die Krisenstäbe. Die Wirtschaft ist zerstört. Selbst in dem Land mit der größten menschlichen Bevölkerung. Städte werden unter Quarantäne gestellt (...)“

Zudem sieht BIN RADHAN darin eine Ankündigung des jüngsten Tages. Denn zu den Zeichen, die vor diesem Tag eintreffen, würde auch mutan (Epidemie) gehören.

Den Besuchern seiner Moschee empfiehlt BIN RADHAN grundsätzlich die Anerkennung der göttlichen Allmacht, die sich nach seiner Meinung in der Pandemie zeigt. So wünscht er sich eine Abgrenzung von all den Menschen, die sich nur mit den irdischen Fakten wie der Zahl der Infizierten oder staatlichen Maßnahmen beschäftigen:

„Aber wo ist Allah? Sie reden darüber, wo dieser Virus sich zum ersten Mal verbreitet hat, aber sie reden nicht darüber, warum er sich dort verbreitet hat.“

Die Auseinandersetzung mit der göttlichen Allmacht sei wichtig, denn:

„Allah ist dabei uns zu beobachten, wie wir mit diesen Sachen umgehen.“

Die gläubigen Muslime, die sich infiziert haben oder noch infizieren werden, beruhigt BIN RADHAN: Wenn sie geduldig blieben, sei es besser für sie als eine Nichtansteckung; es erhöhe sie um Stufen und tilge ihre Sünden. Sie sollten Allah preisen, dass er kein „schlimmeres Unheil“ verbreitet habe. Zugleich rät er den Besuchern der Moschee, im Fall einer Infektion zuhause zu bleiben. Dabei bemüht er ein Hadith, nach dem Mohammed den Gläubigen verboten habe, sich nach dem Verzehr von Knoblauch der Moschee zu nähern: Der Geruch, so BIN RADAHAN, würde die Engel kränken – und was für Knoblauch gelte, sei erst recht für Krankheiten anzunehmen.

Ahmad ABUL BARAA:Feindbilder und Verschwörungstheorien

Von Ahmad ABUL BARAA finden sich auf YouTube zwei Videos vom 14. und 17. März 2020, in denen er sich mit dem Coronavirus beschäftigt. Der in Berlin ansässige Akteur fungiert regelmäßig als Reiseführer für den salafistischen Reiseanbieter „BAKKAH-Reisen“ in Mannheim. Auch bei ABUL BARAA dominieren die Themen Ursprung, göttliche Bedeutung und Empfehlungen. Wie BIN RADHAN sieht auch ABUL BARAA den Ursprung als göttlich an: Gott habe die Verbreitung dieses Virus veranlasst.

Im Hinblick auf dessen irdische Verbreitung stellt ABUL BARAA jedoch zwei Thesen vor. Die erste These hatte auch BIN RADHAN angesprochen: Das Virus sei in China erstmals aufgetreten, durch eine Übertragung von Tier zu Mensch. In diesem Zusammenhang kritisiert ABUL BARAA die chinesische Küche:

„Es wird alles gegessen von Hund über Dinge, die uns einfach für ein Jahr den Appetit verderben werden.“

Die Chinesen, so ABUL BARAA, würden sogar Menschen essen: Angeblich sei es in dem Land üblich, weibliche Föten abzutreiben und zu verspeisen. ABUL BARAA präsentiert dies als Volksglauben, bei dem der Verzehr eines weiblichen Fötus zur Schwangerschaft mit einem männlichen Fötus führen soll. Belege fehlen in dieser Stelle gänzlich; offensichtlich bezieht er sich auf eine alte Internet-Fake-Meldung.

Seine zweite These verortet den irdischen Anfangspunkt des Coronavirus hingegen in den USA. Demnach habe man es möglicherweise in einem dortigen Labor gezüchtet. Anschließend sei das Virus in denjenigen Ländern verbreitet worden, die den USA feindlich gegenüberstehen. ABUL BARAA gibt hierbei zu bedenken, dass in der Tat mit China und Iran zwei Länder am stärksten betroffen seien, die eine Feindschaft zu den USA hegen. Er schränkt zwar ein, dass man dies Verschwörungstheorie nennen könne. „Aber nicht jede Verschwörungstheorie ist falsch.“ Seine Ausführungen machen deutlich, dass ABUL BARAA selbst daran glaubt, dass es so gewesen sein könnte:

„Heutzutage brauchen Kriege nicht mehr geführt zu werden, indem man Soldaten schickt, es gibt heute so viele andere Möglichkeiten, dass man Kriege führt.“

Wie BIN RADHAN misst auch ABUL BARAA der Pandemie eine göttliche Bedeutung bei: Sie sei Strafe und Erniedrigung für all jene, die nicht an Gott glaubten. Allah wolle diese Menschen ermahnen, damit sie auf seinen Weg zurückkehrten. In diesem Zusammenhang berichtet ABUL BARAA auch über den chinesischen Präsidenten. Dieser sei in eine Moschee der Uiguren gegangen und habe die dortigen Muslime ersucht, für die Eliminierung des Virus zu beten. Wenngleich ABUL BARAA betont, dass er entsprechende Bilder und Videos besitze, liefert er an dieser Stelle erneut keine Belege. Dem Berliner Salafisten ist es hingegen wichtiger, zu betonen, dass diese Bitte eine Erniedrigung der chinesischen Führung sei: Sie, die sonst die Uiguren in „Konzentrationslagern“ unterbringe, müsste nun erkennen, dass es Allah gebe und er die Macht habe, die Situation zu ändern:

„Kennen sie die Wahrheit? Wallahi [bei Gott], sie kennen die Wahrheit, ansonsten würde dieser Verbrecher niemals so etwas fordern.“

Die gläubigen Muslime hingegen beruhigt ABUL BARAA: Wer von ihnen sein Leben durch das Corona-Virus verlöre, sterbe als schahid (Märtyrer). Dabei beruft er sich auf ein Hadith, wonach Mohammed diese Art des Todes für alle Menschen bestätigt habe, die an der Pest stürben. ABUL BARAA stellt klar, dass dieses Hadith für alle Krankheiten gelte, die der Pest gleichzusetzen sind – und dazu gehöre definitiv COVID-19:

„Und das ist das Schöne, was wir immer in unserer Religion haben, worüber macht sich der Muslim Gedanken?“

Der gläubige Muslim müsse noch nicht einmal den Tod durch COVID-19 fürchten, da dieser die beste Art des Sterbens sei.

Einige Empfehlungen von ABUL BARAA zielen auf die Verbindung zwischen dem einzelnen Muslim und Gott ab. So legt er dar, dass das Virus durch Sünde entstanden sei, und Sünde sei ausschließlich durch tauba (Reue) zu tilgen:

„Und deswegen appellieren wir an all unsere Geschwister, dass sie alle eine aufrichtige Reue machen.“

Zugleich betont er, dass die aktuelle Zeit der Pandemie die beste Gelegenheit biete, um andere zum Glauben zurückzuholen. Die Menschen hätten aktuell „weiche Herzen“ und seien empfänglich für die Ermahnung. Das ist als subtiler Missionierungsaufruf zu werten. Daneben empfiehlt ABUL BARAA seinen Anhängern, in dieser Situation ein gutes Vorbild abzugeben: „Der Muslim sollte sich von den anderen unterscheiden.“ Er solle „viel Nützliches“ machen und unangemessenes Verhalten wie das Verbreiten von Falschmeldungen unterlassen. Zudem gibt er einige praktische Ratschläge, die Vorsichtsmaßnahmen (Hände waschen) und das Verhalten als Infizierter (nicht in die Moschee kommen und Bittgebete sprechen) betreffen.

Pierre VOGEL: Sorge um Risikogruppen und Absage an Verschwörungstheoretiker

Auch der in Nordrhein-Westfalen ansässige Pierre VOGEL fungiert regelmäßig als Reisebegleiter für „BAKKAH-Reisen“. Zwischen dem 14. und 17. März 2020 veröffentlichte er mehrere Videos und Beiträge auf Facebook, in denen er sich zum Coronavirus äußert.

Bei VOGEL dominiert zum einen die Abgrenzung von verschiedenen Verschwörungstheorien, die über das Coronavirus existieren. Zum anderen positioniert er sich zum individuellen und staatlichen Umgang mit dem Virus. Im Hinblick auf die Verschwörungstheorien äußert sich VOGEL auch zu der bereits von ABUL BARAA aufgegriffenen Behauptung, dass SARS-CoV-2 in den USA entstanden ist. In einem Video gibt er an, das Thema des Beitrags solle die Frage sein, ob das Coronavirus eine Erfindung des US-Präsidenten sei. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Frage, die ihm ein Zuschauer gestellt hat. VOGEL stellt sofort klar, dass dies in der aktuellen Situation die falsche Frage sei – es geht nicht darum, einen „Sündenbock“ zu finden, sondern um den richtigen Umgang mit dem Virus. Die Frage nach einer möglichen US-amerikanischen Urheberschaft kommentiert VOGEL mit den Worten: „Dann muss ich dir sagen, dann ist das ein Zeichen dafür, dass du eine schwache Persönlichkeit bist.“ In einem anderen Video macht sich VOGEL über einen „Wunderheiler“ lustig, der in seinen Videos behauptet, die CIA hätte das Virus an China verkauft.

Darüber hinaus widmet sich VOGEL der Behauptung, dass das Coronavirus nicht real ist. Denen, die an diese Behauptung glauben, gibt er mit auf dem Weg:

„Wer verleugnet, dass es den Virus gibt, das ist ein Mensch, der absolut unrealistisch ist und neben der Musik tanzt.“

An anderer Stelle stellt er klar: „Ich habe keinen Bock auf Verschwörungstheorien.“ In diesem Zusammenhang tritt auch VOGELs salafistisches Weltbild zutage, wenn er betont, dass das Virus „kein Zeichen für die Allmacht der Illuminaten oder Zionisten“ sei, denn diese besäßen „kein Atom im Universum Allahs“: „Erst wenn wir dies verinnerlicht haben, haben wir den wahren Tauhid [Monotheismus] verinnerlicht und erst dann können wir etwas erreichen.“ So fordert er seine Zuschauer auf, Videos und Beiträge sorgfältig zu prüfen, bevor man diese mit anderen Personen teilt: „Leute, schickt Sachen nur weiter, wenn sie Hand und Fuß haben!“

VOGEL plädiert dafür, den Blick auf den Umgang mit dem Virus zu richten: Die Krankheit COVID-19 sei gefährlich und jeder solle alles dafür tun, dass sich diese nicht ausbreite. Es gehe zum einen darum bestimmte Personengruppen vor dem Virus zu schützen. VOGEL greift hier auf in den Massenmedien verbreitete Informationen zurück, die sich auf Risikogruppen, Ausbreitung und Letalität von COVID-19 beziehen. Solle er sich infizieren, so werde ihn das höchstwahrscheinlich nicht umbringen. Anders verhalte es sich mit seiner Großmutter („90 Jahre alt“) und seiner herzkranken Tochter, die er als Beispiel für Risikogruppen anführt. Zum anderen, so VOGEL, seien Maßnahmen wichtig, damit das Gesundheitssystem in Deutschland nicht zusammenbreche.

Neben diesen in Deutschland weit verbreiteten gesundheitspolitischen Argumenten führt VOGEL auch einen religiösen Quellentext an. Laut dem Text hat Mohammed die Muslime dazu aufgefordert, sich von Ländern fernzuhalten, in denen Seuchen grassieren, und andersherum solche Länder, insoweit man sich einem solchen befindet, nicht zu verlassen. Dieses Hadith stimmt laut VOGEL überein mit den Grundprinzipien des Islams, wonach jeglicher Schaden vermieden werden soll. In diesem Zusammenhang äußert er sich wiederholt positiv über die in Deutschland staatlich angeordneten Maßnahmen. VOGEL, der sich in einem Video selbst als großen Kritiker des deutschen Staates bezeichnet, attestiert der Bundesregierung, mit ihrem aktuellen Maßnahmenpaket dem Grundprinzip des Islams zu folgen: „Weil die Regierung die richtigen Schritte gegangen ist.“

Fazit: Salafistische Reaktionen zwischen Verschwörungstheorien und Unterstützung der Staatsmacht

Die drei Fallbeispiele zeigen, dass die salafistische Szene eine Bandbreite an Positionen zum Coronavirus aufweist. Das belegt einmal mehr die Heterogenität der Szene: So verbreiten die einen Prediger zum Beispiel Verschwörungstheorien, während andere ihre Anhänger auffordern, Informationen gut zu prüfen und sich von Verschwörungstheoretikern fernzuhalten. Auffällig ist, dass das Virus in der Regel als Metapher verstanden und propagandistisch ausgeschlachtet wird. Dahinter steht das Ziel, neue Anhänger zu gewinnen. Problematisch sind vor allem drei Aspekte:

 Argumentationsmuster, bei denen theologische Begründungen häufig durch pseudowissenschaftliche ergänzt werden. Dabei fehlt es gänzlich an Belegen; zuweilen gleichen die Auftritte Desinformationskampagnen (zum Beispiel in Hinblick auf den angeblichen Kannibalismus in China). Damit verbunden sind auch die vorgefundenen Verschwörungstheorien (Coronavirus als Biowaffe der USA; Coronavirus existiert nicht).
 Dies führt zu einer Manifestierung von bestimmten Feindbildern (USA und China).
 Drittens setzen die Akteure zuweilen auf die Instrumentalisierung von Ängsten, zumal mit dem bemühten Bild des jüngsten Tages und der Strafe für all jene, die von dem spezifischen salafistischen Glaubensweg abweichen.