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Professionalisierung der salafistischen Szene

Islamismus     7 | 2020

Die salafistische Szene hat sich, bei gleichbleibender Ideologie, in den vergangenen Jahren neu erfunden. Besonders auffällig ist die aktuell verbreitete Professionalität der Akteure, deren Angebote fachkundig wirken und vielfach dazu dienen, Gelder zu generieren. Der folgende Beitrag beleuchtet die drei Fallbeispiele „Islamictutors“, „BAKKAH-Reisen“ und Neil BIN RADHAN genauer.

In den vergangenen Jahren hat sich die salafistische Szene stark gewandelt. Wenngleich die „Da’wa“ (Missionierung) nach wie vor ein zentrales Element der salafistischen Aktivitäten ist, haben doch einige konkrete Betätigungsformen an Bedeutung verloren. Dazu zählt zum Beispiel die „Street-Da’wa“, bei der Salafisten in Fußgängerzonen Material verbreiten und Passanten ansprechen. Auch Großveranstaltungen, bei denen sich die Stars der Szene treffen und vor ihren Anhängern auftreten, sind aktuell nicht mehr relevant.

Stattdessen gibt es zum Beispiel Angebote, die ein intellektuelleres Publikum ansprechen oder aber den Bereich „Lifestyle“ tangieren. Darüber hinaus haben sich Teile der Szene in den vergangenen Jahren immer weiter professionalisiert, im doppelten Wortsinn: Auf der einen Seite üben die Akteure ihre Tätigkeiten als Beruf aus, auf der anderen Seite erwecken die salafistischen Produkte inhaltlich und formal einen fachkundigen Eindruck. Die folgenden drei Fälle veranschaulichen diese Entwicklung beispielhaft.

„Islamictutors“: E-Learning-Plattform, interdisziplinär gestaltet

Beim ersten Fallbeispiel „Islamictutors“ handelt es sich um eine Online-Akademie mit Sitz in Oldenburg/Niedersachsen, die laut eigener Darstellung religiöses Wissen möglichst niedrigschwellig verbreiten möchte. Sie wirbt damit, dass die Schüler sich jederzeit an die Tutoren der einzelnen Kurse wenden können.

Das Angebot von „Islamictutors“ ist viergeteilt: Der „Beginnerkurs“ richtet sich an jeden Muslim, der „die Grundlagen seiner Religion – wie das Gebet im Islam – lernen möchte.“ Daneben gibt es einen Kurs, der sich mit dem Koran beschäftigt. Ein dritter Kursblock hat die arabische Sprache im Zentrum. Der Kurs mit dem Titel „Lifecoaching“ soll schließlich dabei helfen, die eigenen Stärken zu finden und ein glücklicheres Leben zu führen.

Wenngleich die Angebote der Online-Akademie auf den ersten Blick harmlos erscheinen, sollten jedoch spätestens die Lebensläufe der Tutoren – darunter auch Personen aus Baden-Württemberg – aufhorchen lassen: Bei zumindest einem Teil von ihnen handelt es sich um sogenannte Medina-Studenten, das heißt, sie haben an der Islamischen Universität in Medina/Saudi-Arabien gelernt, dem Missionierungszentrum der Wahhabiten. (Erläuterung: Der Wahhabismus ist im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel als soziale und politische Bewegung entstanden. Kern seiner Lehre sind die Rückbesinnung auf einen vermeintlich reinen Islam, eine extreme Interpretation des Monotheismus und die strenge Anwendung von islamischen Rechtsvorschriften. Der Wahhabismus ist Staatsreligion in Saudi-Arabien.) An dieser Universität studieren vor allem Muslime aus dem Ausland, die das dort Gelernte anschließend in ihre Heimatländer tragen sollen. „Islamictutors“ wiederum wendet teilweise Methoden aus Medina für ihre Kurse an, so basiert etwa der Arabisch-Unterricht auf den Medina-Lehrbüchern.

Die Auftritte von „Islamictutors“ wirken formal und inhaltlich sehr fachkundig. Dahinter steckt offenbar ein interdisziplinäres Team aus „Übersetzern, Grafikern, Programmieren, Pädagogen, Lehrern, Mediengestaltern“, die sich angeblich auf freiwilliger Basis in die E-Learning-Plattform einbringen. Die Homepage der Organisation ist ansprechend gestaltet, ebenso die bislang produzierten Videos. „Islamictutors“ setzt auf Schlichtheit und Ästhetik.

Was die finanzielle Komponente angeht, ist bemerkenswert, dass die Online-Akademie einen Teil der Kurse kostenlos anbietet. Dazu gehören der „Beginnerkurs“ und das „Lifecoaching“. Das entspricht ihrem Selbstverständnis, „das islamische Wissen jedem frei zugänglich machen“ zu wollen. Für den Arabischkurs fallen hingegen Kosten an: Der erste Kurs A1 kostet insgesamt 249 Euro, der reguläre Preis für A2 beträgt 299 Euro. Die Einnahmen decken die Kosten des Angebots mit Sicherheit nicht.

Allerdings sind die Kursgebühren nicht die einzige Finanzierungsquelle für „Islamictutors“. Ein wichtiger Baustein sind Spenden, die über PayPal und Überweisung entrichtet werden können. Dabei verweist „Islamictutors“ auf die Kosten eines Videos (zehn Minuten Länge; vier Stunden Arbeitszeit), die bei etwa 90 Euro liegen sollen. Spendenwillige werden darüber informiert, dass sie einen ganzen Produktionstag, ein komplettes Video oder auch nur Einzelminuten mit einer Spende unterstützen können.

Hinzu kommt die finanzielle Unterstützung aus zweifelhaften Töpfen. So vergibt das „Internationale islamische Stiftungswerk Bildung und Kultur“ Stipendien an Studenten, die bei „Islamictutors“ Arabischunterricht nehmen. Interessierte können beim Stiftungswerk einen Antrag auf Aufnahme ins Förderprogramm stellen, bei positivem Entscheid erfolgt die Anmeldung bei „Islamictutors“ über das Stiftungswerk. Es ist Mitglied im Bundesverband deutscher Stiftungen und kooperiert mit deutschen Museen. Daneben hat das Stiftungswerk jedoch eindeutige Beziehungen nach Saudi-Arabien und über Umwege zur „Islamischen Weltliga“ (IWL), welche die Verbreitung der wahhabitischen Islamauslegung forciert. In Kooperation mit der „Islamic Developement Bank“ (IDB) unterstützt das Stiftungswerk jährlich mehrere muslimische Studenten in Deutschland mit Stipendien. Die IDB gründete im Jahr 2011 die „World Waqf Foundation“, die Bezüge zur Organisation „Holy Quran Memorization International Organization“ (HQMI) hat. HQMI istwiederum eine Institution der IWL.

„BAKKAH-Reisen“: Pilgern auf Economy- und Premium-Niveau mit Rundumbetreuung

Das zweite Fallbeispiel „BAKKAH-Reisen“ entstammt der Kategorie salafistische Reiseveranstalter, die Pilgerfahrten nach Saudi-Arabien anbieten. Diese Firmen machen sich die Bedeutung des Hadsch zunutze: Die islamische Pilgerfahrt ist eine der zentralen Pflichten im Islam; jeder Muslim sollte sie, soweit er dazu gesundheitlich und finanziell in der Lage ist, einmal im Leben begangen haben.

Die Problematik der Reiseanbieter offenbart sich bei einem Blick auf die Reisebegleiter: „BAKKAH-Reisen“ mit Sitz in Mannheim kooperiert mit den salafistischen Stars Pierre VOGEL und Ahmad ABUL BARAA. Ebenso problematisch sind mögliche Kontakte mit Akteuren, die sich dauerhaft in Saudi-Arabien aufhalten und fest in der wahhabitisch-salafistischen Ideologie verwurzelt sind.

Die Internet-Auftritte von „BAKKAH“-Reisen zeigen, dass die Firma zu einer „HTG-Group“ gehört, ebenso wie der Anbieter IME-Reisen. Beide betreiben Homepages mit nahezu identischer Aufmachung. Die Angebotsflyer von „BAKKAH-Reisen“ sind für die Zielgruppe ansprechend und informativ gestaltet. Von Professionalität zeugt darüber hinaus die Rundumbetreuung: Die Firma bietet Vorträge und Seminare zur Hadsch-Vorbereitung an und wirbt damit, die gesamte organisatorische Abwicklung zu übernehmen. Bei Bedarf sei zudem immer Kontakt mit den Organisatoren möglich: „Bei Fragen sind wir 7 Tage die Woche erreichbar via Livechat, E-Mail oder Telefon.“

In Hinblick auf die finanzielle Komponente sind vor allem drei Fragen interessant: Was kosten die Reisen? Was bekommen die Teilnehmer für ihr Geld geboten? Und wer profitiert von den Einnahmen? Was die Reisekosten betrifft, gibt es erhebliche Unterschiede. Der Hadsch ist traditionell teurer als die Umrah, die „kleine Pilgerfahrt“, die Muslime ganzjährig unternehmen können.
„BAKKAH-Reisen“ richtet sich zudem auf unterschiedliche Budgets ein So ist es möglich, einen „Hajj-Premium“ zu buchen, die Komfort und zusätzliche Annehmlichkeiten verspricht. Dem gegenüber steht der „Hajj-Economy“ für Wirtschaftlichkeit, Ersparnis und Basis-Komfort. Zum Vergleich für das Jahr 2019: Der „Premium“-Hadsch, begleitet von Ahmad ABUL BARAA, kostete 5.097 Euro. Für den Economy-Hadsch mit Pierre VOGEL als Reisebegleiter mussten die Reisenden hingegen nur 4.244 Euro ausgeben. Die tatsächlichen Komfort-Unterschiede sind aus der Ferne nur schwer einzuschätzen. Doch wurde beim Premium-Angebot mit Abul Baraa, anders als bei der Economy-Version, mit einer Unterbringung im Fünf-Sterne-Mövenpick-Hotel in Mekka geworben. Zudem scheint die Reisedauer bei der Premium-Variante um einige Tage länger zu sein (zweieinhalb gegenüber zwei Wochen).

Die Reisenden erwartet für das Geld ein breiter Service: Ihre Reisebegleiter betreuen sie intensiv vor Ort. Es gibt Seminare und Vorträge zur Vorbereitung auf das Ereignis. Die Unterkünfte in Mekka und Medina wurden bereits erwähnt, zudem sind Frühstück und Abendessen im Preis enthalten. Dasselbe gilt für sämtliche Transfers wie den Flug oder die Busreisen innerhalb Saudi-Arabiens. „BAKKAH-Reisen“ organisiert zudem das Hadsch-Visum.

Das Organisieren von Pilgerreisen nach Saudi-Arabien ist ein lukratives Geschäft für die Verantwortlichen, vor allem, weil diese Tätigkeit mit einem geringen personellen Aufwand verbunden ist: Zur HTG-Group gehören lediglich einige wenige Einzelpersonen. Zudem wird kontinuierlich mit den gleichen Reisebegleitern kooperiert, die eine Umsatzbeteiligung als Gehalt bekommen.

Neil BIN RADHAN: Salafistischer Generalist mit unübersichtlichem Aktionsraum

Bei dem dritten Fallbeispiel handelt es sich um eine Einzelperson, den in Baden-Württemberg ansässigen Neil BIN RADHAN. Er ist insoweit ein interessanter Fall, weil er mehrere unterschiedliche Tätigkeitsfelder für sich entdeckt hat. Trotz seines fast schon unübersichtlichen Profils ist ein Großteil seiner Angebote durchaus fachkundig gestaltet, was auf personelle Unterstützung hindeutet. Laut einer Selbstdarstellung auf YouTube bezweckt er mit seinem Engagement, „die deutschsprachige Da’wa voranzutreiben“.

Der bundesweit bekannte Salafist ist Vorsitzender des „Vereins für Muslime in Heidelberg e. V.“ (VMH). Daneben ist die E-Learning-Plattform „iAkademie“ eines seiner wichtigsten Projekte. Der Unterricht ist in Selbststudium (Script und Video) und Live-Sitzungen unterteilt und soll zunächst auf Deutsch stattfinden, in den höheren Semestern jedoch teilweise oder ganz auf Arabisch. Aus den Angaben auf der Homepage ist ersichtlich, dass alle Lehrer eine Ausbildung in Saudi-Arabien erhalten haben; teilweise handelt es sich um ehemalige Medina-Studenten. Für die transnationale Seite der Akademie ist auch von Interesse, dass die Domain auf eine Firma mit Sitz in Istanbul registriert ist. Die Kurskosten berechnen sich nach Anzahl und Semester: Die Preise variieren zwischen 153 Euro (Fiqh; islamische Rechtswissenschaften) und 663 Euro (Islam für Fortgeschrittene).

BIN RADHAN ist zudem seit dem Jahr 2018 alleiniger Vorstand des Vereins „Güte e. V.“, der laut Selbstauskunft danach strebt, die Religion sowie Jugend- und Altenhilfe zu fördern. De facto handelt es sich auch hierbei um eine Einrichtung, die der Ideologieverbreitung dient. Ein wichtiger Pfeiler sind Spendenprojekte mit Titeln wie „Essenspakete für das Fastenbrechen in Ägypten“, „Rette das Leben des 7 Monate alten Albaraa“ oder „Eid  Geschenke für Waisenkinder“ („Eid“ bezeichnet das Fest des Fastenbrechens, auf Arabisch Eid al-Fitr, das sich an den Fastenmonat Ramadan anschließt). Der Verein sammelt aber auch Spenden, die einer neuen Koranübersetzung zugutekommen sollen. Außerdem gibt es ein Projekt, das den Bau und den Unterhalt von Moscheen in Deutschland zum Ziel hat. „Güte e. V.“ setzt dabei an der für die islamische Praxis hohen Bedeutung von Spenden an: Der Verein stellt sich als „Informations- und Annahmestelle für die Entrichtung der ‚Zakah‘, der ‚Zakat ul Fitr‘ und der ‚Kaffarah‘“ dar (Zakah: Almosensteuer; Zakat ul Fitr: Abgabe zum Fest des Fastenbrechens; Kaffarah: Sühneleistung).

Schließlich hat BIN RADHAN verschiedene Firmen gewerblich angemeldet, die im Handelsregister unter dem Label „Handel, Vertrieb, Verkauf von Lebensmitteln, die Gastwirtschaft, die Gastronomie, Systemgastronomie sowie Franchise-Unternehmung und Verwaltung von Franchise-Lizenzen“ eingetragen sind. Bei den Firmen FoodX GmbH und Kooz GmbH hat BIN RADHAN Mitgesellschafter, die ihren Wohnsitz in Saudi-Arabien haben. Sie haben auch einen Großteil des Stammkapitals von 25.000 Euro bereitgestellt.

Fazit: Alte Ideologie in neuem Gewand

Die salafistische Szene hat sich in den vergangenen Jahren bei gleichbleibender Ideologie neu erfunden. Ein Teil dessen ist die Professionalisierung der Angebote. Analog zur Szene gibt es in diesem Bereich umtriebige Einzelpersonen und große Netzwerke, wie die oben erläuterten Beispiele zeigen. Deren Produkte – seien es Bücher, Kursangebote oder Reisen – sind oft fachkundig gestaltet: Häufig setzen die Akteure auf einen interdisziplinären Ansatz, der die Angebote ansprechend und in ihrer Schlichtheit durchaus ästhetisch erscheinen lässt. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die transnationalen Aspekte gelegt werden: Finanzielle Unterstützung und ideologische Beeinflussung, vor allem aus Saudi-Arabien, nehmen bei der Professionalisierung einen besonderen Status ein.