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Kinder- und jugendorientiertes Marketing der „Muslimbruderschaft“: das „Sira-Projekt“

Islamismus     5 | 2020

Mit dem „Sira-Projekt“ betreiben Anhänger der „Muslimbruderschaft“ (MB) im gesamten Bundesgebiet ein kinder- und jugendorientiertes Marketing, das aufgrund seiner allgemein-religiösen Thematik anschlussfähig an die Glaubensvorstellungen von Muslimen ist. Auch in Baden-Württemberg wurden Ausstellungen und Schulungen zur Biographie des Propheten Muhammad (sira) an verschiedenen Moscheen veranstaltet. Die „Sira-Schulungen“ ergänzen die bestehenden Strukturen der Jugendarbeit MB-naher Akteure, etwa die Freizeitangebote der „Muslimischen Jugend in Deutschland e. V.“ oder die „YouCon“ genannte „islamische Jugendkonferenz“. Eine Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung besteht im Aufbau von langfristigen und vertrauensvollen Kenn- und Beziehungsverhältnissen zwischen muslimischen Gemeinden und MB-Akteuren, die der „Muslimbruderschaft“ weitere gesellschaftliche Einflussbereiche eröffnen.

Kinder und Jugendliche als Zielgruppe der MB

Nach den Vorstellungen von MB-Gründer Hassan al-Banna ist eine Islamisierung der Gesellschaft in erster Linie durch die Mittel der Erziehung (tarbiyya) und Bildung (taʼlim) umzusetzen. Erziehung heißt hierbei das frühe Verankern einer als spezifisch muslimisch wahrgenommenen Identität. Bildung ist anzusehen als Festigung religiös-politischer Vorstellungen, die der langfristigen Etablierung eines islamistisch geprägten Staates zuträglich sind. Die Familie gilt dabei als kleinster und zugleich zentraler Baustein einer islamischen Gesellschaft. Dementsprechend sind Kinder und Jugendliche eine Kernzielgruppe islamistischer Indoktrinierungsversuche.

Die „Muslimische Jugend Deutschland e. V.“ als MB-Nachwuchspool

Angebote, die auf eine ebensolche Erziehung und Bildung abzielen, laufenjedoch nicht unter dem offiziellen Label „Muslimbruderschaft“. Die Strategie von legalistischen Islamisten wie der MB orientiert sich an einer organisatorischen Verästelung in funktionale Einheiten und formal unabhängige „Islamische Zentren“. So zählt die Arbeit mit Jugendlichen nicht zum zentralen Tätigkeitsfeld der „Deutschen Muslimischen Gemeinschaft e. V.“ (DMG), der größten und einflussreichsten Organisation von MB-Mitgliedern in Deutschland. Vielmehr gehört sie zum Bereich der MJD, die aufgrund personeller Verflechtungen Bezüge zur „Muslimbruderschaft“ aufweist.

Gegründet wurde die MJD 1994 von Muhammad Siddiq BORGFELDT. Ihr Ziel sollte es sein, „muslimische Jugendliche zusammenbringen und sie dazu einladen, den Islam zu praktizieren und ihre Kenntnisse über den islamischen Glauben zu erweitern und zu vertiefen“. Als Mitglied im MB-nahen „European Council for Fatwa and Research“ (ECFR) in Dublin, dessen langjähriger Vorstand der führende ägyptische MB-Ideologe Yussuf AL-QARADAWI war, ist BORGFELDT eindeutig dem Spektrum der „Muslimbruderschaft“ zuzurechnen.

Darüber hinaus weist die MJD gewisse Nähe zu einem weiteren Akteur auf, bei dem auch wiederum ein MB-Bezug besteht. So soll im Falle der Vereinsauflösung ihr gesamtes Vermögen dem Verein „Islamic Relief Deutschland e. V.“ (IRD) übertragen werden. Die IRD ist der deutsche Ableger der internationalen Organisation „Islamic Relief Worldwide“, die aufgrund ihrer Einbindung in das Finanzierungssystem des palästinensischen MB-Ablegers HAMAS [„Harakat al-muqawama al-Islamiya“, auf Deutsch „Islamische Widerstandsbewegung“.] im Jahr 2014 von den israelischen Behörden verboten wurde.

Nach außen werden Verbindungen der MJD zur „Muslimbruderschaft“ und zur DMG jedoch vehement geleugnet; man bemüht sich inzwischen um ein sauberes Image und verzichtet beispielsweise auf die DMG als offiziellen Sponsor von Jahresveranstaltungen, wie dies vor einigen Jahren noch der Fall war.

Auf europäischer Ebene fungiert das „Forum of European Muslim Youth and Student Organisations“ (FEMYSO) als Dachverband MB-naher Jugendorganisationen. Sowohl die Einbindung der MJD in das FEMYSO als auch der Karriereverlauf einzelner „Muslimbrüder“ lässt die behauptete Unabhängigkeit jedoch höchst fraglich erscheinen. Häufig waren DMG-Funktionäre zuvor in führender Position bei MB-nahen Jugendorganisationen tätig. So waren beispielsweise zwei Vereinsvorsitzende der DMG, Ibrahim EL-ZAYAT (2002–2010) und Khallad SWAID (seit 2018), in der Vergangenheit auch Präsidenten des FEMYSO, SWAID sogar Mitbegründer und Vorsitzender der MJD. Es entsteht der Eindruck beim FEMYSO samt seiner nationalen Ableger wie der MJD handle es sich um einen Nachwuchspool für spätere Führungspersönlichkeiten der „Muslimbruderschaft“ in Europa.

Die „YouCon“ als MB-nahe „islamische Jugendkonferenz“

Neben den gesellschaftlichen, kulturellen und sportlichen Vereinsangeboten der MJD für muslimische Jugendliche ist die jährliche „YouCon“ ebenfalls dem Aktionsgeflecht der „Muslimbruderschaft“ zuzurechnen. Sie fand erstmals 2012 statt und vermarktet sich selbst als „islamische Jugendkonferenz“. Zielgruppe sind nach eigener Auskunft vor allem Personen zwischen zwölf und 28 Jahren, aber auch Ältere dürfen an der Veranstaltung teilnehmen. Laut den Veranstaltern war die Idee zur Konferenz verbunden mit dem Wunsch nach einer Plattform für junge Muslime, um Raum für Austausch, Wissensvermittlung und Inspiration zu schaffen.

Ein genauer Blick auf die „YouCon“ und die Veranstalter offenbart aber auch problematische Aspekte. Initiiert wurde die Konferenz durch das „Islamische Jugendzentrum Berlin e. V.", das wiederum für die Jugendarbeit in vier Berliner Moscheen zuständig ist: in Neukölln im „Islamischen Kultur- und Erziehungszentrum e. V.“ und der „Neuköllner Begegnungsstätte e. V.“ („Dar as-Salam Moschee“), im „Teiba-Kulturzentrum zur Förderung der Bildung und Verständigung e. V.“ („Teiba-Moschee“) in Spandau und im „Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung e. V.“ in Mitte. Alle vier Gemeinden haben enge Verbindungen zur DMG. Damit einher geht eine geistige Nähe zur „Muslimbruderschaft“.

Die Prophetenbiographie als Marketingstrategie

Parallel zu den Freizeitangeboten der MJD und der „YouCon“ hat sich in den letzten Jahren ein kinder- und jugendorientiertes Marketing der MB in Projektform etabliert: die „Sira-Schulungen“. Dabei handelt es sich um Ausstellungen und Vorträge, die das Leben des Propheten Muhammad (sira) kinder- und jugendgerecht veranschaulichen sollen. Anhand der Prophetenbiographie möchte das „Sira-Team“ Deutschland „aufzuzeigen, dass es sich bei ihm [dem Islam] um eine zivilisatorische Religion handelt, in der es für Extremismus keinen Platz gibt“. Dass beim Begriff Extremismus die „Muslimbruderschaft“ jedoch ausgeklammert zu sein scheint, wird durch die offizielle Schirmherrschaft für das „Sira-Projekt“ deutlich: Die Leitung übernimmt der „Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland“ (RIGD) in Frankfurt am Main. Der RIGD wird seit 2010 vom hessischen Landesamt für Verfassungsschutz als MB-nahe Organisation beobachtet.

Seit 2017 organisieren das „Sira-Team“ und der RIGD regelmäßig Schulungen zur Prophetenbiographie in Moscheen bundesweit. In Baden-Württemberg fanden 2019 gleich zwei dieser Veranstaltungen statt: im September beim „Verein für Dialog und Völkerverständigung e. V.“ in Karlsruhe und im Dezember bei der „Islamischen Gemeinschaft Stuttgart e. V.“. Beim „Bildungs- und Begegnungsverein Freiburg e. V.“ gab es bereits im November 2017die erste landesweite „Sira-Schulung“. Außerhalb Baden-Württembergs gab es „Sira-Schulungen“ in den letzten Jahren u. a. bei der „Bildungs- und Begegnungsstätte e. V.“ in Arnsberg/Nordrhein-Westfalen (2017), in Hessen im „Hadara-Zentrum e. V.“ in Marburg (2017), in der „Al Huda Moschee“ in Offenbach (2017), in der „Othman ibn Affan Moschee“ in Rüsselsheim (2017), in der „Al-Muhajirin Moschee“ in Bonn (2018) und beim „Islamischen Kulturverein Bochum e. V.“ (2019). Zudem unterhielt das „Sira-Team“ letztes Jahr einen Stand bei der Frankfurter Buchmesse. Für 2020 wurden Schulungen beim „Islamischen Kulturverein Münster e. V.“ und beim „Deutschsprachigen Muslimkreis Braunschweig e. V.“ angekündigt.

Bei den Veranstaltungsorten handelt es sich sowohl um Moscheen mit bislang keinen oder wenigen offiziellen Kontakten zu MB-Akteuren als auch um Objekte, die aufgrund von personellen und organisatorischen Verflechtungen dem Spektrum der „Muslimbruderschaft“ zuzurechnen sind. Zu letzterem zählt beispielsweise der oben genannte Verein in Arnsberg als Fortbildungszentrum für MB-Angehörige oder auch der „Verein für Dialog und Völkerverständigung“ (VDV) mit seiner „Annur Moschee“ in Karlsruhe. Der ehemalige VDV-Vorsitzende Samir FALAH war bis 2017 auch Vereinsvorsitzender der DMG und ist seit 2018 Präsident der „Federation of Islamic Organizations in Europe“ (FIOE), eines Dachverbands von Ablegern der „Muslimbruderschaft“ in Europa.

Das „Sira-Team“ besucht aber auch Moscheen, die sich klar dem Salafismus zurechnen lassen, etwa den „Deutschsprachigen Muslimkreis Braunschweig e. V.“ des bekannten salafistischen Predigers Muhammad CIFTI oder Objekte, die sowohl Bezüge zur „Muslimbruderschaft“ als auch zum Salafismus aufweisen; letzteres ist z. B. bei der Bonner „Al-Muhajirin Moschee“ der Fall.

Zu den Referenten der „Sira-Schulungen“ gehören szenebekannte Personen wie Ahmad AL-KHALIFA, Direktor des MB-dominierten „Islamischen Zentrums München“ (IZM) und von 1993 bis 2002 früherer DMG-Generalsekretär, Taha AMER, Vorstandsvorsitzender im RIGD und Direktor des „Europäischen Instituts für Humanwissenschaften“ (EIHW) in Frankfurt am Main, das als Fortbildungszentrum und Kaderschmiede der „Muslimbrüder“ dient, sowie der bereits genannte Ibrahim EL-ZAYAT als Multifunktionär der MB.
Gelegentlich wird auch Ammar MUNLA, Leiter des „Madinah Research and Studies Center“ in Saudi-Arabien, zu Fortbildungskursen in der prophetischen Biographie eingeladen. Er gilt im wahhabitischen Saudi-Arabien als Experte für die Frühzeit des Islams, hielt in den letzten Jahre eine Vielzahl an Vorträgen bei salafistischen Moscheen in Frankreich und Belgien und war Referent bei der Offenbacher „Al-Huda Moschee“ und beim „Islamischen Kulturverein Münster e. V.“.

Die Thematik der Prophetenbiographie eignet sich – in der Tiefe betrachtet – auch dazu, ideologisches Gedankengut der „Muslimbruderschaft“ Kindern und Jugendlichen zu vermitteln. Ein Anknüpfungspunkt für eine stufenweise Indoktrinierung mit der islamistischen Ideologie, die sich bei allen Islamisten in unterschiedlichem Grad an der Frühzeit des Islams orientiert, wäre hierbei die Glorifizierung des Propheten Muhammad als unfehlbarer und vorbildlichster Muslim, dessen gesellschaftspolitische Handlungen und Vorstellungen als nachahmungswürdig betrachtet werden. Mit Blick auf die plastische Miniaturenausstellung kommt auch die Verklärung von Medina als erster „islamischer Staat“ und Beginn eines territorialen Kalifats als Thema infrage.

An sich behandeln Muslime die Biographie von Muhammad als Thema vollkommen unverfänglich und mit Wertschätzung. Daher mag vor allem die allgemeine Anschlussfähigkeit des Sira-Projekts im Vordergrund stehen. Vergleichbar mit der salafistischen „Daʼwa“-Aktion [Salafistische Missionierung.] „We Love Muhammad“ von Pierre VOGEL – bei der seit 2016 in Abgrenzung zum verbotenen „LIES!“-Projekt keine Koranexemplare verteilt werden, sondern die prophetische Biographie – haben auch die „Sira-Schulungen“ der MB das Potenzial, durch ein niedrigschwelliges Angebot Kontakte zu Muslimen bzw. im Fall des „Sira-Projekts“ konkret zu muslimischen Familien aufzubauen.

Die Gefahr besteht hierbei in langfristigen und vertrauensvollen Kenn- und Beziehungsverhältnissen zu Akteuren und Institutionen der MB, die den Islamisten eine weitere gesellschaftliche Einflussnahme ermöglichen. Innerhalb der muslimischen Community erhoffen sich die „Muslimbrüder“, als moderate und respektable Muslime wahrgenommen zu werden, die aktiv die Interpretation eines deutschen bzw. europäischen Islams mitgestalten. Gegenüber der Öffentlichkeit und Politik möchten sie sich als kompetente Ansprechpartner für Fragen zum Islam darstellen – beispielsweise, was die Ausgestaltung eines islamischen Schulunterrichts oder die Konzeption von Deradikalisierungsprogrammen betrifft.

Das „Sira-Projekt“ ist damit ein weiterer Baustein in der Doppelstrategie der „Muslimbrüder“, die sich zwischen der verschleierten Ausweitung der eigenen Einflusssphäre und dem vehementen Abstreiten von jeglichen Bezügen zur MB bewegt.