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Halal-Spielewelt: Salafistische Angebote für Kinder

Islamismus     12 | 2019

Salafistische Angebote für Kinder sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Es gibt eine Bandbreite an Akteuren, die verschiedenste Mittel einsetzen: Von Büchern über Basteltage bis hin zu Videos ist alles dabei, um Kindern aus einem salafistischen Umfeld eine vermeintlich islamkonforme Spielewelt zu schaffen. Doch bei genauer Beobachtung offenbaren sich die problematischen Aspekte dieser Angebote: die teilweise subtile Weitergabe einer Ideologie mit stark dichotomem Weltbild, in der Frauen versteckt werden und das Individuum nichts zählt.

Im Rahmen der Gesellschaftsutopie, der Salafisten anhängen, spielen Kinder eine zentrale Rolle. Als nachfolgende Generationen sollen sie die Ideologie in der Zukunft umsetzen und weiter verbreiten. Vor diesem Hintergrund favorisieren Salafisten für die Kinder eine spezifische Erziehung. Diese sieht zunächst einmal die Einbettung in eine kollektivistische Lebenswelt vor – die Kinder sollen von klein auf an lernen, dass sie mit ihrem Leben dem Wohl der islamischen Gemeinschaft dienen. Weil der Islam zudem als umfassendes Lebenssystem verstanden wird, ist auch die Wirklichkeit der Kinder lückenlos geregelt – aufbauend auf eine Einteilung in „halal“ (erlaubt) und „haram“ (verboten).

Die Verbote sind weitreichend und betreffen auch die kindliche Spielewelt. In einem salafistischen Erziehungsratgeber finden sich zum Beispiel Ausführungen zum Musik-Verbot:

„Im Islam sind Musik, der Gebrauch von Musikinstrumenten, aber auch Gesang, der von Instrumenten begleitet wird, nicht erlaubt.“ [Umm Safiyya bint Najmaddin 2015, Frühkindliche islamische Erziehung, „IB-Verlag“, S. 29]

Auf dem Telegram-Kanal „Ummah Kids“ wird darüber hinaus vor Fernsehkonsum gewarnt:

„Haltet eure Kinder von Fernsehen und Geräten fern. Lasst nicht zu, dass Feinde des Islams eure Kinder indoktriniert!“

Auch die Auswahl der Freunde für die Kinder soll vermeintlich islamkonformen Regeln folgen. Eltern sollen für ihre Kinder „ehrliche und rechtschaffene muslimische Gleichaltrige“ suchen:

„Es sollten Freunde ausgewählt werden, die an die Prinzipien des Islams glauben, sich daran halten (…).“ [Aisha UTZ 2011, Wie man den Glauben bei Kindern fördert, IIPH, S. 235]

Die salafistische Gemeinschaft nimmt die nicht-islamische Umgebung in Deutschland als große Herausforderung wahr, als „Haram“-Welt, die der eigenen Ideologie widerspricht. In den vergangenen Jahren gab es jedoch vermehrt Aktivitäten von salafistischen Akteuren, um Kindern aus entsprechenden Milieus Alternativangebote zu machen: vermeintlich islamkonforme Spiele und Betätigungsmöglichkeiten zum Nutzen der „umma“ (islamische Gemeinschaft). Die Bandbreite dieser „Halal“-Angebote reicht von Büchern über Feriencamps bis hin zu Videoclips. Wenngleich sich auch positive Ansätze ausmachen lassen, etwa die intensive Beschäftigung mit dem Kind, so sind einige Aspekte als nicht förderlich für die Entwicklung von Kindern zu identifizieren. Dazu zählen vor allem der eingeschränkte Fokus auf fromme Motive und die damit einhergehende Absage an Kreativität und Fantasie, das dichotome Weltbild und die Darstellung von Frauen. All dies ist Teil der salafistischen Ideologie und wird den Kindern spielerisch vermittelt.

Bücherwelt: Arabisch-Lektionen, islamische Geschichten und ideologische Indoktrination

Als islamkonform beworbene Bücher finden in Moscheen in Baden-Württemberg Verbreitung oder sind ganz einfach als PDF-Dokumente auf salafistischen Internetseiten abrufbar. Die Zielgruppen der Werke sind äußerst breit gefächert: Bücher mit kleinen Geschichten sprechen bereits Kleinkinder an, für Jugendliche gibt es altersgerechte ideologische Traktate. Zu diesen Büchern gehören zum Beispiel Kursbücher für die arabische Sprache wie „Nur al-Bayan“. Das Buch ist komplett in Arabisch gehalten und stammt aus Ägypten. Der Untertitel (auf Deutsch in etwa „um das Lesen und Rezitieren des Korans zu lernen“) macht deutlich, dass das Buch dazu dient, den Kindern Arabisch mit dem Ziel der Koranlektüre zu vermitteln. Angefangen mit den Buchstaben des arabischen Alphabets führt der Kurs über einzelne Wortkombinationen aus dem Koran bis zu kurzen Texten und Koranversen. Der problematische Kontext wird auf der letzten Seite deutlich, wo die Vereinigung „Bund der Leute des Korans“ vorgestellt wird, zu der auch der Herausgeber des Buches gehört. Dort ist zu lesen, dass der Bund bei der Verbreitung des Wortes Gottes helfe, damit der Koran eine Verfassung für die gesamte „umma“ werde, an die sich die Muslime in allen Lebensbereichen wenden. Für die lernenden Kinder, die diesen Absatz eher nicht lesen, sind jedoch zwei andere Aspekte von größerer Bedeutung. Erstens stellt sich die Frage, warum in der Anlauttabelle Wörter wie Offizier und Rakete bildlich dargestellt sind. Zweitens fällt die grafische Darstellung von Menschen und Tieren ohne Gesicht auf. Diese deutet auf eine fundamentalistische Islamauslegung hin. [Mohammed Hassan Mohammed o. J., Nur al-Bayan li taʼlim al qiraa wa tartil al Qurʼan, Tareq said-Edition]

Das deutschsprachige Buch „Schöne Geschichten für junge Muslime“ ist im „IB-Verlag“ erschienen und versteht sich als Sammlung von Geschichten, die „erzieherisch und lehrreich“ sind. Zum Vorlesen ist das Buch bereits für Kleinkinder geeignet. Problematisch an solchen Produkten ist vor allem die Herstellung einer ausschließlichen Verbindung zwischen den „jungen Muslimen“ als Leserschaft und der thematischen Begrenzung auf die Religion. Wenn propagiert wird, dass es sich um Geschichten handelt, „die offenbart sind, wirklich stattgefunden haben, und ihrem Inhalt nach keinen Platz für Fantasie haben“, wird der kindlichen Vorstellungskraft zudem eine Absage erteilt. Ebenso fällt auf, dass die ausgewählten Geschichten häufig von historischen Schlachten handeln und die Muslime als siegreiche Underdogs dargestellt werden.

Ein Buch, das sich an ältere Kinder und Jugendliche richtet, ist „Tauhid für Kinder“. Es ist beim „WTA Verlagshaus“ erschienen und erläutert die salafistische Monotheismus-Auslegung. Dazu werden verschiedene Begrifflichkeiten wie „shirk“ (Polytheismus) und „kuffar“ (Ungläubige) vorgestellt und erklärt. Das Werk dient im Sinne einer vehementen Belehrung, die keinen Widerspruch zulässt, der ideologischen Indoktrination. Der Islam wird als einzig „wahre Religion“ dargestellt. Die Leser erfahren von der Notwendigkeit der Unterwerfung unter Gott – durch eine Höllenandrohung für alle, die den Islam nicht (richtig) praktizieren:

„Diejenigen, die als Kufar (Ungläubige) oder als Muschrikin (diejenige, die Allah Teilhaber gaben) sterben, werden in der Hölle enden.“ [O. A. 2010, Tauhid für Kinder, „WTA Verlagshaus“]

Kreativmarkt: Knete und Stifte für Moscheen

Die Einteilung in „halal“ und „haram“ gilt auch für Kreativarbeiten wie Basteln oder Malen. Für einen vermeintlich islamkonformen Kontext sorgen regelmäßig die Moscheen. Dazu dienen zum Beispiel die regelmäßigen Feriencamps, die zu Ostern und Weihnachten als Alternativprogramm zur christlichen Umgebung durchgeführt werden. Hier gibt es nicht nur Vorträge, sondern auch die Möglichkeit, zu basteln. Häufig gibt es für die Angebote eine thematische Ausrichtung, zum Beispiel das Leben von Mohammed. In einer Moschee in Baden-Württemberg war im Frühjahr ein salafistischer „Reise-Scheich“ aus Saudi-Arabien zu Gast, der sich in seinem Wirken auf die Biografie von Mohammed spezialisiert hat. Er führte mit den Kindern einen „Kreativtag“ durch, bei dem es um die erste Moschee zu Zeiten Mohammeds ging. Im Vorfeld erhielten die Kinder eine auf Papier gedruckte Vorlage, mit der sie arbeiten sollten. Das Produkt waren Knet-Nachbildungen, die sich in Farbe und Gestaltung stark ähnelten, es blieb offensichtlich kein Raum für Kreativität. Die Zeichnungen zur Moschee waren farbenfroh, aber zugleich Stillleben, ohne Platz für Mensch und Tier. Teilnehmende Kinder erhielten im Anschluss darüber hinaus vermeintlich islamkonforme Mitbringsel: Buttons mit der Aufschrift „Ich liebe dich, mein Prophet“ und Luftballons, auf denen „Sira“ (Prophetenbiografie) zu lesen war.

Auch der Telegram-Kanal „Ummah Kids“ propagierte das Malen von Moscheen als „halal“-Tätigkeit. Unter einer Reihe von Bildern, die verschiedene Moscheen, die Kaaba in Mekka und Frauen im schwarzen Einheits-Niqab mit Wasserfarben gemalt zeigten, war zu lesen:

„Nimmt euch Zeit und malt schöne Bilder zusammen. Das ist ein wunderschöner Moment für unsere kleinen Muwahidoun [Bekenner der Einheit Gottes].“

Zudem hieß es, dass das Malen die Kreativität der Kinder verbessere.

Spiele: Außenseiter-Narrativ für 20 Euro

„Ummah-Kids“ machte darüber hinaus auf ein Memory-Spiel namens „Ghurabaa“ aufmerksam, das für 20 Euro zu erwerben ist. In der Beschreibung heißt es, dass das Spiel sowohl für Kinder als auch Erwachsene und sogar für Frauengruppen geeignet sei. Problematisch ist bereits der arabische Begriff „Ghuraba“ (in etwa „die Fremden“), der hier eine eindeutig salafistische Konnotation hat. Ursprünglich bezieht er sich auf ein Hadith, wonach Mohammed gesagt haben soll: „Der Islam begann als etwas Fremdes und wird als Fremdes zurückkehren, so wie er begann. Und die Seligkeit gehört den Fremden.“ Salafisten deuten diesen Begriff als einen emotionalen Zustand: Sie betrachten sich als die auserwählte Gemeinschaft, die fremd ist auf der Welt und deswegen angefeindet wird und zugleich alleine dem Propheten Mohammed nahesteht. Damit transportiert das Spiel ein Außenseiter-Narrativ, das sich aus einem vermeintlichen Avantgarde-Status der salafistischen Gemeinde ergibt. Dies geht Hand in Hand mit der Bildauswahl für die Karten: Es sind vor allem Mädchen und Frauen zu sehen, immer im Niqab, der damit als einzig legitimes Kleidungsstück für die Muslimin dargestellt wird.

Videos: Frommes Playmobil-Projekt

Zuletzt hat es zudem Projekte gegeben, die islamkonforme Videos für Kinder produzieren. Dazu gehört auch der YouTube-Kanal „Play Muslim“, dessen Betreiber ein Salafist aus Baden-Württemberg ist. Nach eigener Auskunft möchte er mit seinem Kanal „islamische Kinderfilme“ verbreiten und den Kindern im deutschsprachigen Raum so eine Alternative zu gängigen Zeichentrickserien bieten. Den Kanal gibt es seit 2017; inzwischen wurden die mehr als 50 Videos, die in der Regel zwischen drei und neun Minuten lang sind, über 300.000 Mal aufgerufen. Zuletzt äußerte der Betreiber Kritik an den Zuschauern, da nur wenige von ihnen den Kanal abonniert hätten. Im Januar 2019 gab er an, keine neuen Videos produzieren zu wollen bis sich die Abonnenten-Zahl erhöht hat. Hauptfiguren in den Filmen sind die Mitglieder einer Playmobil-Familie, die Mutter vermeintlich islamkonform mit Hijab. Technisch ist die Produktion einfach gehalten; es handelt sich nicht um eine Animation, sondern um tatsächliche Einzelbilder, die einige Sekunden zu sehen sind, bevor die Szenerie neu angeordnet erscheint. Eine Frau, ein Mann und verschiedene Kinder leihen den Figuren ihre Stimmen. Thematisch beschäftigen sich die Filme mit religiösen Aspekten wie dem Koranunterricht oder Ramadan, aber auch mit Berufen wie Polizei und Feuerwehr. Zudem gibt es verschiedene Videos, in denen es um Raubüberfälle bzw. vermeintliche Diebstähle geht.

Problematisch ist die Produktion vor allem in Hinblick auf zwei Aspekte. Erstens geht es um die Darstellung einer Parallelwelt, die mit einer subtilen Abgrenzung von Muslimen zu Nicht-Muslimen einhergeht. So werden die guten Charaktere offensichtlich immer durch Muslime verkörpert, wobei die muslimischen Frauen am Hijab und die Männer am Vollbart zu erkennen sind. Andersherum sind die problematischen Charaktere scheinbar keine Muslime. In dem Video mit dem Titel „Goldraub?“ geht es zum Beispiel um eine ältere Dame, bei der Polizei einen Diebstahl anzeigt. Die Darstellung dieser Dame mit weißem, langem Haar weckt zuweilen Assoziationen an Dagobert Duck: Es ist von einer „Schatztruhe“ die Rede; sie beklagt den Verlust ihres „ganzen Vermögens“. Nachdem die Polizisten die gestohlen geglaubte Truhe in der Küche entdecken, stellt sie fest, dass sie am Vorabend den Inhalt angeschaut und das wohl vergessen hat. In einem anderen Video mit dem Titel „Schwarzkümmelöl und Raubüberfall“ trägt der Dieb nur Bartstoppeln und wird so als vermeintlich nicht-muslimisch dargestellt.

Zweitens geht es um einen nicht zu verharmlosenden Umgang mit der Schulmedizin, der ebenfalls Teil der rückwärtsgewandten salafistischen Ideologie ist. Dass die Mutter der Playmobil-Familie in den „Sunna-Heilungsshop“ statt in die Apotheke geht, um Medizin zu besorgen, ist dabei weniger problematisch. Schwierig ist es, wenn Sätze fallen wie „Schwarzkümmel-Öl heilt jede Krankheit“. Das Gleiche trifft zu, wenn die Mutter die Symptome des kranken Kindes richtig zu deuten meint – um dann festzustellen, dass ein Arztbesuch nicht nötig sei, weil die Krankheit von Viren verursacht werde und Schwarzkümmel-Öl als Medizin ausreiche. Für Kinder, die den YouTube-Kanal schauen, ist das dort Dargestellte die Wahrheit.