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Extremismus und Corona: Islamismus

Islamismus     7 | 2020

Die Islamisten in Baden-Württemberg folgten in den vergangenen Monaten weitgehend den staatlichen Maßnahmen und Empfehlungen der Politik. Daraus resultierte zum Teil eine Verlegung der Veranstaltungen aus den Moscheen in die Online-Welt. Zugleich instrumentalisierten viele Akteure und Gruppen das Virus für ihre Zwecke – namentlich die Missionierung („Daʼwa“) oder auch die Imageverbesserung. Die legalistischen Islamisten machten durch ihre zahlreichen Hilfsangebote auf sich aufmerksam. Im Salafismus sind vor allem die divergierenden Haltungen zum Coronavirus und seinem Ursprung aufgefallen. Ernstzunehmen sind außerdem die Aufrufe der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu Anschlägen.

Salafismus


Die salafistischen Moscheen und Einrichtungen in Baden-Württemberg verhalten sich weitgehend konform mit den staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus: Sie sagten Veranstaltungen wie Freitagspredigten und Unterricht in den Häusern ab, nach den erneuten Öffnungen ab dem 4. Mai hielten sie sich an die damit verbundenen Auflagen. In der Zwischenzeit verlagerten einige Einrichtungen und Akteure ihre Veranstaltungen in den Online-Bereich; hauptsächlich nutzten sie die bekannten Kanäle wie Facebook, YouTube und Instagram. Seit einiger Zeit erfreut sich zudem die Konferenzplattform ZOOM steigender Beliebtheit. In Hinblick auf die von der Politik angemahnten persönlichen Verhaltensweisen finden sich häufig Darstellungen, wonach mehrmaliges Händewaschen und das Abstandhalten zu Fremden ohnedies integraler Bestandteil der islamischen Lebensweise seien.

In der salafistischen Szene insgesamt sind jedoch vielfältige Haltungen zum Virus zu finden. Das zeigen zum Beispiel die Online-Auftritte verschiedener Protagonisten. Gemeinsam ist allen, dass sie versuchen, das Virus in ihr salafistisches Weltbild zu integrieren. Dabei gibt es Akteure, die es als Allmacht und Strafe Gottes wahrnehmen oder darin eine Ankündigung der Endzeit sehen. Andere konzentrieren sich eher auf die medizinischen Aspekte. Ebenso gibt es Akteure, die lautstark nach Verantwortlichen für die Pandemie suchen – Schuldzuweisungen richten sich dabei häufig gegen China, die USA oder den Softwareunternehmer Bill Gates. Zum Teil sind diese Schuldzuweisungen mit Verschwörungsglauben verbunden. Andere Akteure betonen hingegen, dass die Suche nach einem Verantwortlichen keinen Sinn ergibt und der Muslim sich stattdessen auf das besinnen soll, was er selbst ändern kann.

Auch jihadistische Akteure haben sich zum Coronavirus geäußert. Der „Islamische Staat“ (IS) behandelte das Thema in verschiedenen Texten in seiner Online-Wochenzeitung „al-Naba“. In einem ersten Beitrag warnte die Organisation im März ihre Anhänger davor, in die Länder zu reisen, in denen das Virus bereits grassierte. Zudem erteilte sie Ratschläge, wie sich die Anhänger im Alltag schützen könnten. In einem weiteren Beitrag, der im April ebenfalls in „al-Naba“ erschien, rief der IS hingegen zu Anschlägen auf. Er machte darauf aufmerksam, dass die Streitkräfte der USA und ihrer europäischen Verbündeten aus der Krisenregion Syrien zurückbeordert und auch geheimdienstliche Tätigkeiten reduziert worden seien. Daraus leitete der IS eine Schwächung der regionalen Regime im Nahen Osten, aber auch der europäischen Regierungen und Sicherheitsapparate ab. Dieses Vakuum wollte er genutzt sehen: Anschläge, so die Darstellung, seien in dieser Zeit lohnenswert. In diesem Sinne rief er seine Kämpfer dazu auf, mit einfachen Mitteln in den verschiedenen Ländern größtmöglichen Schaden anzurichten. Der gescheiterte Anschlagsversuch in Colombes/Frankreich vom 27. April, bei dem ein mutmaßlicher IS-Sympathisant drei Polizisten mit einem Auto anfuhr und zwei von ihnen verletzte, muss möglicherweise auch vor diesem Hintergrund bewertet werden.

Legalistischer Islamismus

Im Umgang mit der Corona-Pandemie zeigte die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V.“ (IGMG) eine pragmatische Haltung. Erstmalig äußerte sich die Organisation am 13. März in ihrer mit „Gesundheit und Hygiene“ betitelten Freitagspredigt zu deren Stellenwert im Islam im Allgemeinen. Sie legte den Gläubigen im Besonderen nahe, in Bezug auf den Schutz vor einer Virusinfektion  die Empfehlungen und Warnungen der Gesundheitsbehörden zu befolgen sowie die allgemeinen Hygieneregeln einzuhalten.

In einer Pressemitteilung vom 14. März teilte die IGMG die Absage aller Freitagsgebete und Bildungsveranstaltungen bis zum 2. April mit. Sie wiederholte außerdem ihre Aufforderung, sich an den allgemeinen Präventionsbemühungen gegen die weitere Verbreitung des Coronavirus zu beteiligen. In einer zweiten Pressemitteilung vom 18. März kündigte die Organisation den Start eines niedrigschwelligen Hilfsangebots in Form eines Nachbarschaftsprojekts für Ältere und andere Risikogruppen an. Am 7. April folgte schließlich die Bekanntmachung eines Nähprojekts „Wir danken mit Masken“: Nach zuvor ermitteltem Bedarf werden auf lokaler Ebene in Heimarbeit Mund-Nasen-Schutzmasken genäht und an systemrelevante Berufsgruppen ausgeliefert. Unter strengen Auflagen wurde der Alltagsbetrieb in den Moscheevereinen seit 9. Mai partiell und seit 20. Mai wieder vollständig aufgenommen.

Die „Milli-Görüs“-Partei „Saadet Partisi“ (SP) ist in Baden-Württemberg mit mehreren Regionalbüros vertreten. In ihrem Umfeld wurden in der medialen Berichterstattung – und hier insbesondere im Sprachrohr der „Milli-Görüs“-Bewegung, der Tageszeitung „Milli Gazete“ – Verschwörungsmythen gestreut. Die Kolumne des SP-Präsidiumsmitglieds und „Milli-Gazete“-Kolumnisten Ismail Hakki AKKIRAZ vom 18. März mit dem Titel „Die Vorkehrungsmaßnahme liegt darin, den Islam zu leben“ kann hier als besonders anschauliches Beispiel dienen:

„Der Teufel und seine Gehilfen versuchen, eine neue Ordnung des Aufruhrs und ein Lügenregime zu errichten, um die Menschen von der Religion und der Ordnung Allahs abzubringen. Wenn wir die Ereignisse um das Coronavirus betrachten, fällt uns dazu nichts anderes ein (…)“

Im Anschluss an eine Aufzählung „großer Sünden“ heißt es weiter:

„Was man zum Schutz vor dem Coronavirus verbieten muss, sind die großen Sünden, die begangen werden (…) Zinsgeld, Alkohol, Glücksspiel, Verschwendung, Ehebruch, Homosexualität und materialistische Erziehung müssen verboten, Wettbüros, Lotterien, Schweinezuchtbetriebe und Schnapsbrennereien geschlossen werden. Von allem, was Allahs Zorn hervorruft, muss abgelassen werden. Alles, was Allahs Wohlgefallen findet, muss Zuwendung erfahren. Der Islam steckt nicht an, sondern heilt. Die größte Vorbeugungsmaßnahme liegt darin, den Islam als Religion und Ordnung zu leben (…) Das Coronavirus ist ein Virus Europas, des nichtigen Westens, des rassistischen Imperialismus. Von diesem Virus kann man sich nur durch die ‚Impfung mit dem Islam‘ befreien. Der Name dieser Impfung ist Milli Görüs. Die Apotheke, die sie verkauft, ist die Saadet-Apotheke (…) Gegrüßt seien diejenigen, die sich der Rechtleitung unterstellen.“

AKKIRAZ ist vielfach, zuletzt 2019, bei Regionalvertretungen der „Saadet Partisi“ in Baden-Württemberg aufgetreten. Angesichts dieser Tatsache ist damit zu rechnen, dass er hier im Rahmen seiner Vortragstätigkeiten auch in anderem politischen Kontext verschwörungstheoretische Deutungsmodelle verbreitet.

Anhänger der „Muslimbruderschaft“ (MB) nutzen die Corona-Krise für ihre Missionierung („Da’wa“) und dazu, sich nach außen als vermeintlich moderat, besonnen und staatskonform zu geben. Eine besondere Rolle nehmen hierbei der „European Council for Fatwa and Research” (ECFR) und dessen nationale Zweigstelle „Fatwa-Ausschuss in Deutschland e. V.“ (FAD) ein. Der ECFR gilt als europaweite Institution zur Verbreitung der MB-Ideologie mittels islamischer Rechtsgutachten („fatwa“) und präsentiert sich als Stimme von vermeintlich führenden islamischen Gelehrten.

Der ECFR veröffentlichte eine Reihe von Rechtsgutachten auf Arabisch zum Umgang mit dem Corona-Virus. Die Fatwas wurden vom FAD übersetzt und sind so einem deutschsprachigen muslimischen Publikum zugänglich. Insgesamt sprechen sich die Gutachten dafür aus, den Aufforderungen der Gesundheitsbehörden strikt zu folgen; Imame und islamische Institutionen sind aufgerufen, aktiv zur Eindämmung des Virus beizutragen. Zu den Maßnahmen zählt neben der Schließung der Moscheen auch die Betonung der islamischen Waschung und Reinigung. Quarantäne, Distanzhalten und Isolation werden als Teil der islamischen Medizin begründet. Damit stellen die Autoren das islamische Hygieneverhalten implizit als der westlichen Lebensart überlegen dar. Zwar wird die Pandemie, im Gegensatz zu den Aussagen einiger salafistischer Akteure, nicht als Strafe Gottes hingestellt. Der Aufruf, als Konsequenz mehr zu beten und Reue zu zeigen, wird aber ähnlich für „Daʼwa“-Zwecke genutzt.

In seinen Fatwas behandelt der ECFR drängende Fragen, u. a. zur Totenwaschung und Beisetzung in Corona-Zeiten, zur Aufnahme von sonst verbotenen verzinsten Krediten für Unternehmen und Moscheevereine, zum Fasten im Ramadan und zum normalerweise gemeinschaftlichen Feiern des Fastenbrechens. So gerieren sich der ECFR und der FAD als authentische Orientierungspunkte für europäische Muslime und verbreiten dadurch unterschwellig, aber nachhaltig die Ideologie der „Muslimbruderschaft“ in der muslimischen Community. Es ist davon auszugehen, dass auch Muslime in Baden-Württemberg durch die Aussagen von ECFR und FAD in Kontakt mit der MB-Ideologie kommen.

Auf lokaler Ebene versuchen MB-nahe Akteure in Baden-Württemberg, die staatlich eingeschränkten Strukturen auf ehrenamtlichem Wege auszugleichen und sich als zivilgesellschaftliche Partner darzustellen. Hierzu zählen u. a. die Angebote einer Nachbarschaftshilfe für ältere oder vorerkrankte Menschen, eine schulische Nachhilfe über Online-Seminare auf ZOOM, allgemeine Tipps zum Homeschooling, Erklärvideos für Kinder zum Coronavirus sowie eine gemeinsame Kuchenspende für Flüchtlinge in Quarantäne. Durch Aktionen wie diese vermag die MB weitere Anerkennung in der muslimischen Community zu erlangen und sich so gesellschaftlich zu festigen.

Schiitischer Islamismus

Bislang gibt es kaum Hinweise auf Diskussionen, Meinungen oder Verlautbarungen bezüglich Corona in der schiitisch-islamistischen Szene in Baden-Württemberg. Die Einrichtungen haben konform mit den staatlichen Maßnahmen agiert. Das geschah möglicherweise auch unter dem Eindruck der Entwicklungen in Iran, wo das Coronavirus sich bereits im Februar massiv ausgebreitet hatte.

Vor allem die religiöse Hochburg Ghom entwickelte sich zu einem Beschleuniger der Verbreitung. Erst nach mehreren Wochen, in denen viele Pilger Ghom bereisten und verließen, entschied sich das iranische Regime zur Schließung der religiösen Stätten und zur Absage der Freitagspredigten. Diese Maßnahmen sind ein Novum in der Geschichte der Islamischen Republik, kamen aber deutlich zu spät. Zwischenzeitlich konnte sich das Virus über Ghom in andere Gebiete und Länder verbreiten. Dazu zählt auch der Libanon. Die in Deutschland verbotene „Hizb Allah“, die im Libanon ein wichtiger politischer Akteur ist, inszenierte sich als Helfer, der die Krise meistern kann. Sie stellte eine „Anti-Coronavirus-Kampagne“ auf die Beine, die auf Mitarbeit von Freiwilligen, finanzielle Unterstützung von Krankenhäusern und Desinfektionsmaßnahmen setzt. Schlussendlich instrumentalisiert die „Hizb Allah“ die Pandemie, um die zuletzt rückläufige Unterstützung unter der libanesischen Bevölkerung auszugleichen.