01/2009 - Fortsetzung der Reihe „Kinder und Jugendliche in Scientology"
01/2009 - Fortsetzung der Reihe „Kinder und Jugendliche in Scientology"
5. Kinder- und Jugendliche bei der „Sea Org"
5.1. „Kinder-Kadetten"
Die paramilitärisch organisierten Kader der „Sea Organization" („Sea Org") bilden den harten Kern der SO, die mit Befehlsgewalt ausgestattete Kommandos („Sea Org Missioners") vom Ausland aus in nachgeordnete Organisationseinheiten entsenden können. Uniformierte „Sea Org"-Angehörige haben sich deshalb auch wiederholt in Baden-Württemberg aufgehalten. Führungspositionen in übernationalen Organisationseinheiten werden grundsätzlich durch „Sea Org"-Mitglieder besetzt. Das Selbstverständnis dieser Truppe beruht auf dem Prinzip von Befehl und bedingungslosem Gehorsam.
Die „Sea Org" versteht sich als Elite und idealisiert Härte, „straffe Disziplin" und die Bereitschaft, „durch die Hölle zu gehen". Sie soll jeden Widerstand gegen Scientology „zerschlagen", „ausrotten" bzw. „ausschalten".
["Sea Org"-Jahrgangszeitschriften "High Winds" 1996-1998]
Einige besonders überzeugte Scientologen sind bereit, ihre noch nicht volljährigen Kinder von dieser Einheit rekrutieren zu lassen. Laut einem Zeitungsbericht verfügte die „Sea Org" nach Scientology-Angaben um das Jahr 2001 über 5.882 Mitglieder, von denen 500 unter 18 Jahre waren. Der größte Teil dieser Minderjährigen dürfte sich in den USA aufhalten. Laut dem Bericht einer ehemaligen Scientologin aus den 1980er Jahren lebten in der früheren „Kadetten Organisation" in Los Angeles/Kalifornien etwa 400 Kinder unter desolaten Verhältnissen. In Großbritannien unterhält die „Sea Org" eine eigene „Cadet School", in der Kinder und Jugendliche für Führungsaufgaben herangezogen werden. Auch in den USA besteht mit der „Commodore Messengers Org" (CMO) eine derartige Anstalt, in der die künftige „Elite" der SO herangezogen wird. Es gibt nicht nur Berichte, nach denen diese Kinder-Kadetten uniformiert und kaserniert sind. In speziellen Publikationen für „Sea Org"-Mitglieder sind mitunter uniformierte Jugendliche abgebildet [So in der Sea Org-Jahrgangszeitschrift „High Winds" Nr. 20/1997, S. 35]. Vereinzelt sollen „Sea Org"-Werber („Recruiters") auch in Baden-Württemberg versucht haben, jugendliche Scientologen anzuwerben.
Über das Leben der „Kadetten-Kinder" in der „Sea Org" berichtete die ehemalige Scientologin Silvia G.: „In Flag [„Flag": Damit ist in der Regel die „Flag Service Organization" (FSO), das internationale Dienstleistungszentrum der SO in Clearwater/Florida gemeint] ist es fast normal, dass 14-Jährige Abteilungen leiten. Es gibt sogar eine eigene Kadetten-Org. In dieser werden die Kinder der Sea Org Mitglieder unterrichtet. Der Sohn meiner besten Freundin war immer recht lebhaft, hatte seine eigenen Ideen. Er wollte unbedingt, wenn er 18 ist, wieder zurück nach Deutschland. Mit 6 Jahren kam er in die Kadetten Org, dort musste er Ethik machen, ein Haufen Kurse belegen. (...) Als ich ihn 1998 wieder traf, da war er gerade 9 oder 10, hatte er sich vollkommen verändert. Er war ein linientreuer Scientologe, keine eigenen Gedanken, nur darauf fixiert, in Scientology zu bleiben und dort Karriere zu machen. Seine Mutter war so sehr mit sich selber beschäftigt und damit, ihren Posten gut zu machen, dass ihr das gar nicht auffiel.
Auch sah ich dort Kinder ab 7 Jahre, die Commander Funktionen innehatten. Mir wurde dann erklärt, das es auch Sea Org-Member Kinder waren, die ja noch nicht so aberriert wären wie die älteren Menschen und damit Projekte viel schneller durchsetzen konnten. Diese Kinder waren dafür da, Erwachsene zu überwachen, Projekte durchzusetzen und zu kontrollieren, Anweisungen und Richtlinien zu überwachen. Ich war darüber entsetzt, als mir mitgeteilt wurde, dass viele von ihnen, die auf jeden Fall schulpflichtig waren, nur Sonntags die Schule besuchten. Sie haben nicht einmal eine Chance auf ein normales Leben. Ich habe noch nie Kinder mit so harten Gesichtszügen gesehen, das war für die kein Spiel. Sie hatten ihre Anweisungen und die mussten durchgesetzt werden. Da gab es keine Frage warum, das war einfach so. Ich lernte dort einen Jungen kennen. Ich glaube, er war 15 oder 16. Er war auch im CMO. Er erzählte mir, das er einen schweren Autounfall hatte und mehrere Tage im Koma lag. Er musste nun seine Ethik handhaben und den vorliegenden PTS-Zustand [„PTS-Zustand": Der Zustand, „Potenzielle Störungsquelle" („Potential Trouble Source"-PTS) zu sein. In der SO gelten auch kranke Menschen als „Potenzielle Störungsquelle"]. Ich habe noch nie einen so fanatischen Scientology-Anhänger gesehen. (...)
Kinder sind in Scientology Erwachsene in kleinen Körpern. Körper, die misshandelt werden, denn sie haben nie das Gefühl gehabt, ein Kind sein zu dürfen. Sie lernen nie, mit Respekt mit anderen umzugehen, denn egal im Job oder privat, werden sie immer mit Zurückhaltung behandelt, da jeder Angst vor ihnen hat. Eine berechtigte Angst. Denn was ein CMO-Mitglied an Ethik [Gemeint ist hier die „Ethik-Abteilung" einer Scientology-Organisationseinheit, die vor allem für die Disziplinierung von Scientologen zuständig ist.] meldet, ist so, da gibt es keinerlei Diskussionen. (...)
Es gibt auch Kinder aus Deutschland da drüben, die ohne ihre Eltern in die Sea Org gehen. Sie müssen nur 14 Jahre alt sein. Es gibt immer wieder Tipps und Kniffe, um den deutschen Behörden nachzuweisen, dass sie drüben ihrer Schulpflicht nachkommen."
Im November 2002 rief der Fall der ehemaligen Sea Org-Angehörigen Vivien K. bundesweites Aufsehen hervor, die über ihre Eltern zu Scientology gebracht worden war. Vivien war mit 13 Jahren zum ersten Mal im „Sea Org"-Lager in East Grinstead / Großbritannien. Mit 15 habe sie in der „Sea Org" schwere körperliche Arbeit verrichten müssen, wie das Ausheben von 5 Meter tiefen Gräben und das Verlegen von Rohren. Daneben Isolation, Kontrolle und Scientology-Schulungen, aber keinen in Deutschland anerkannten Schulabschluss. Nach drei Jahren kehrte Vivien nach Deutschland zurück. Sie litt an Albträumen, Schlafstörungen und einem Rückenleiden. Im Jahr 2002 verklagte sie in einem bislang einmaligen Fall vor dem Landgericht Hamburg ihre der SO angehörenden Eltern auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Zwar konnte das Gericht trotz der Atteste keinen zweifelsfreien Zusammenhang zwischen den Beschwerden von Vivien und dem Aufenthalt bei der „Sea Org" herstellen. Jedoch erkannte das Gericht den Schaden aufgrund der entgangenen Schulbildung an, weil die Eltern Vivien durch die „Sea Org"-Aufenthalte der Schulpflicht entzogen hätten. Das Gericht drängte zu einem Vergleich, dem die Eltern schließlich zustimmten, nicht ohne eine „Hetzkampagne" und eine „Menschenrechtsverletzung" gegen Scientology zu beklagen. Der Vergleich verpflichtete die Eltern zu einem Schadensersatz in Höhe von 35.000 Euro.
Die mit 16 Jahren für die „Sea Org" rekrutierte Tanya N. aus Süddeutschland berichtete über acht bis zehn Stunden tägliche Arbeit, zu denen fünf Stunden „Studium" der HUBBARD-Schriften in der „Sea Org"-Basis in East Grinstead kamen. Auch Tanya berichtete von schwerer körperlicher Arbeit und wie sie hätten Wege auf der Basis ebnen müssen. Mitunter habe man die Nacht durcharbeiten müssen. Tanya erhob schwere Vorwürfe. Sie habe trotz Fieber auf ihrem Posten bleiben müssen. Einmal sei sie von einer anderen Scientologin geschlagen worden, weil man sie nicht zum Arzt habe lassen wollen:
„Du wirst fertiggemacht, angeschrieen, erniedrigt. Es gibt eine strenge Hierarchie in Saint Hill. (...) Wichtig ist bei Scientology nicht das Alter, sondern wie viel du leistest. Deshalb können schon Kinder wichtige Positionen besetzen. Die muss man dann mit Sir anreden."
Jede Verfehlung werde in der Ethik-Akte festgehalten:
„Dann schreibt man einen Report, der kommt in die Akte."
So habe Scientology über alles Bescheid gewusst und könne Aussteiger unter Druck setzen. Gegenüber den Journalisten warfen nicht nur SO-Funktionäre, sondern auch der der SO angehörende Vater, Tanya Unglaubwürdigkeit vor. Dennoch bestätigten die SO-Funktionäre unbeabsichtigt teilweise die Glaubwürdigkeit Tanyas. So bescheinigte ein von der SO vorgelegter Brief Tanyas Beteiligung an Grabungsarbeiten und Arbeitszeiten von 8.30 Uhr bis 22.00 Uhr; aus Sicht von Scientologen anscheinend ein normales Arbeitspensum.
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Aussteiger haben dem Landesamt seit Beginn der Beobachtung Ähnliches berichtet. So etwa die Vorgesetztenfunktion jugendlicher „Sea Org"-Mitglieder, denen auch Erwachsene mit besonderem Respekt begegnen mussten. Auch der Bericht von Tanya, sie habe in Saint Hill gesehen, wie achtjährige Kinder als Auditoren geehrt worden seien, klingt glaubwürdig. Im Jahr 1992 feierte eine Scientology-Broschüre aus Stuttgart ein 12-jähriges Mädchen als Auditorin in Ausbildung [Zeitschrift "Dianetik Magazin" Stuttgart Nr. 59/1992]. Inzwischen berichten junge SO-Aussteiger - darunter Angehörige hochrangiger Funktionäre - über ihre Kindheit und Jugend in Scientology auf einer eigenen Website. Sie schildern durchaus ähnliche Erfahrungen [www.exscientologykids.com vom 2. Mai 2008]. Die Glaubwürdigkeit all dieser Aussteiger wird letztlich durch das scientologische Selbstverständnis gestützt. In dem administrativen Wörterbuch der SO finden sich folgende Definitionen für Kinder:
„Babies, (...) Personen, die unter sechs Jahren alt sind, die keine Kadetten sind.
Kadett, jedes Kind, das seinen Mitarbeiterstatus II (...) abgelegt hat und einen Posten in der Sea Org inne hat und eine gute Ethik-Beurteilung besitzt, ist demnach im allgemeinen nicht als ,Kind', sondern als Kadett zu betrachten. Ein Kadett ist im Rang Deckmatrosen oder Maschinisten [motor man] gleichgestellt.
Kinder, 1. Personen die keine Checksheets absolviert haben und keinen bezahlten Posten in der Sea Org haben. (...)" [L. Ron Hubbard, „Modern Management Technology Defined. Hubbard Dictionary of Administration and Management", Kopenhagen, 1984, S. 49ff. Übersetzung durch das Landesamt für Verfassungsschutz]
5.2. „Straflager" für Kinder?
Aussteiger berichten, dass die „Sea Org" eigene Straflager, so genannte „Rehabilitation Project Forces" (RPF) betreibt. Die SO bestreitet gegenüber der Öffentlichkeit zwar nicht die Existenz der RPF, stellt sie jedoch als eine Einrichtung zur „Läuterung" Einzelner dar. Die verschärften Bedingungen im RPF werden von ehemaligen Scientologen auszugsweise wie folgt beschrieben: Einheitliche schwarze oder graue Kleidung; Tätigkeiten müssen im Laufschritt durchgeführt werden; teils schwere körperliche Arbeit, Sprechverbot mit Außenstehenden; teilweise entwürdigende Behandlung durch Vorgesetzte. Die SO bestreitet üblicherweise derartige Vorwürfe. Allerdings deuten die 1997 herausgegebenen Führungsanweisungen der SO hierzu durchaus auf eine schikanöse Behandlung von RPF-Insassen hin. [„Flag Order 3434RE, The RPF Series Flag Orders" vom 8. Mai 1997]
In Zusammenhang mit dem RPF gibt es - wenn auch spärliche - Hinweise auf die Existenz eines RPF für Kinder und Jugendliche im Raum Los Angeles. Demnach hat HUBBARD im Rahmen der „Flag Order Nr. 3434" im Jahr 1976 selbst die Errichtung eines „Kinder-RPF" befohlen. Um 1986/1987 soll das Kinder-RPF eine „Wiedereinsetzung" erfahren haben [Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), „Gehirnwäsche im Rehabilitation Project Force (RPF) der Scientology-Organisation", Hamburg, 2000, S. 46ff]. In diesem Zusammenhang wurde ein Schreiben einer „Sea Org"-Angehörigen bekannt, das auch Hinweise auf die Lebensbedingungen in der „Kadetten Org" gibt. Demnach gebe es unter anderem Kadetten, die fliehen wollten, „die in das Kinder-RPF gehören". Während die meisten Kadetten sich besserten und „produktiv" seien, gebe es einen sehr kleinen Prozentsatz von Unruhe- und Störungsquellen, welche die Bemühungen, die Dinge in Ordnung zu bringen, sabotieren würden. Ein Junge war ein besonderes Problem:
„Er muss aus dem Tätigkeitsbereich aller anderen herausgenommen werden und an das Kinder-RPF überstellt werden. [Er] hat vor kurzem eine Rasierklinge genommen und sich überall auf den Armen ,X' in die Haut geschnitten. Er ist in der PT [present time = Jetztzeit] psychotisch und muss genau beaufsichtigt werden." [Ebenda, S. 47]
Das Scientology-Dokument weist somit auch darauf hin, dass ein offenbar psychisch gestörter Junge nicht etwa professionelle psychotherapeutische Hilfe bekommen, sondern unter Bewachung gestellt werden sollte. Es gibt auch vereinzelt Medien- und Fernsehberichte über Jugendliche im RPF, die bis in die Zeit Ende der 80er Jahre reichen. So eine Fernsehreportage von 1989, die auch über eine Gruppe von 13 Jugendlichen berichtete, die im US-Bundesstaat Oklahoma Arbeiten an einem Zentrum der Scientology-Hilfsorganisation „Narconon" ausgeführt haben soll. [Ebenda, S. 47ff]
Man könnte vorbringen, dass die Hinweise auf die Existenz eines Kinder-RPF inzwischen lange zurückliegen. Trotz des Zeitablaufes müssen sie aber auch heute noch sehr ernst genommen werden und geben Anlass zur Besorgnis. Denn gemäß dem scientologischen Selbstverständnis sind Kinder und Jugendliche in der „Sea Org" wie dargelegt den erwachsenen Mannschaften gleichgestellt. Kinder gelten in Scientology als „Thetane in kleinen Körpern". Aus scientologischer Perspektive gibt es daher auch im Hinblick auf das RPF keinen erkennbaren Grund, besondere Rücksicht auf Kinder zu nehmen. Die Informationen über das Kinder-RPF deuten darüber hinaus auf eine Kontinuität dieser Einrichtung nach HUBBARDs Tod im Jahr 1986 bzw. nach dem Managementwechsel unter David MISCAVIGE hin. Im Übrigen gibt es keine „alten" Anweisungen bei Scientology. Richtlinienbriefe und Direktiven - und seien sie aus den 50er oder 60er Jahren - sind nach ihrer Herausgabe unverändert gültig, solange sie nicht ausdrücklich aufgehoben oder geändert werden.
Zwar kann die SO behaupten, die Erwachsenen würden sich freiwillig im RPF befinden - wobei manche SO-Aussteiger vorbringen, es gäbe auch RPF-Insassen, die gegen ihren Willen dort festgehalten worden seien. Jedoch stellt sich bei Kindern die Frage, wie man sich die Entscheidung eines Kindes bzw. der Eltern, die unter Umständen in einem anderen Staat leben, für das RPF-Programm denn vorstellen müsste. Bei all dem muss berücksichtigt werden, dass es sich nicht um ein rein ausländisches Problem handelt, weil es den Erfahrungen zufolge auch minderjährige Deutsche in der „Sea Org" gibt.
6. Schlussbetrachtung
„Wir sind hier nicht zum Spiel. Unsere persönliche Zukunft hängt davon ab, weiter zu machen und keine großen Fehler zu begehen. Es gibt keine Frage, ob es etwas anderes gibt. Das gibt es nicht. Niemand kann halb in der und halb außerhalb der Scientology sein. Scientologen sind Scientologen, egal wovon sie leben. (...) Wenn wir versagen, ist es aus. (...) Wir haben keine Zeit für Zweifel und Geschwätz. Das nächste Mal, wenn Sie jemand jammern hören, (...) schlagen Sie ihm die Zähne ein. [Im englischen Original: „kick his teeth in".] Wir sind die Elite des Planeten Erde, (...)." [L. Ron HUBBARD, Richtlinienbrief „Gegenwärtige Planung", im April 2005 von der SO Einheit „OSA United Kingdom" an deutsche Scientologen gestreut. Übersetzung durch das Landesamt für Verfassungsschutz]
Scientology ist eine totalitäre Organisation, die Menschen mit Psychotechniken manipulieren und eine auf scientologischen Grundsätzen beruhende Gesellschaftsordnung durchsetzen will. In diesem Zusammenhang stellt Scientology auch ein antidemokratisches (Um-) Erziehungssystem dar. Die SO versucht grundsätzlich sehr früh, Kinder von Scientologen in ihr System einzubinden. Dabei scheinen besonders von der Lehre HUBBARDs überzeugte Eltern mitunter treibende Kraft für eine Ideologie zu sein, die Kinder als Erwachsene in kleinen Körpern ansieht. Das scientologische Menschenbild kollidiert nicht nur an diesem Punkt mit den Grundwerten der demokratischen Gesellschaft. Auch der Wert der Familie wird in der SO letztlich negiert, insbesondere wenn die Ansprüche der Organisation an den Einzelnen zum Konflikt führen.
Teilweise fügen sich Kinder und Jugendliche dem scientologischen Anspruch. Es kommt aber auch immer wieder zu mehr oder weniger großen Konflikten, wenn die Kinder den Weg ihrer Eltern in der SO nicht mitgehen wollen. Bei öffentlich gewordenen Fällen wie der von Tanya N. oder Vivien K. fällt auf, dass sich die Scientology angehörenden Eltern bei dem offenen Konflikt auf die Seite der Organisation geschlagen und sich gegen die eigenen Kinder gestellt haben. Dabei hätten die Eltern aber allen Grund gehabt, zum Beispiel gegen die Arbeitszeiten für ihre Kinder in der „Sea Org" einzuschreiten. Bei gerichtlichen Konflikten im familiären Bereich - etwa bei Sorgerechtsentscheidungen - muss zudem damit gerechnet werden, dass nicht nur ein scientologischer Elternteil einen Rechtsstreit ausficht, sondern hinter ihm auch die Organisation Scientology steht, die durchaus ihre eigenen Ziele verfolgen dürfte. So das denkbare Ziel, Einfluss auf einen potenziellen Rekruten für die „Sea Org" zu behalten.
Bei derartigen Konflikten muss auch mit einem taktischen Umgang der SO mit der Wahrheit gerechnet werden. So sollen die Aktivitäten bzw. bestimmte Unterorganisationen von Scientology nur als „religiös" gelten, wenn das Vorteile verspricht. So auch bei dem Thema Kinder. Hier kann es nachteilig sein, wenn der Vorwurf ideologischer Beeinflussung im Unterricht erhoben wird. So behauptete die Leiterin des Scientology-Internats in Bjerndrup, es gäbe keine weltanschaulichen Beeinflussungen der Kinder, wobei sie wohl darauf vertraute, dass die Schulungsmaterialien im Einzelnen der Öffentlichkeit nicht bekannt sein dürften. Ein Abgleich bestimmter Schulungsmaterialien bzw. darin enthaltener Techniken zeigt jedoch, dass diese ebenso im „Kirchen"-Bereich der SO als Teil ihrer „angewandten religiösen Philosophie" vermarktet werden. Dieser opportunistische Umgang mit der Wahrheit erscheint symptomatisch. Es muss sogar damit gerechnet werden, dass der Scientology-Hintergrund einer Einrichtung mit taktisch geprägten Scheinantworten in Abrede gestellt wird. So die Behauptung, dieses oder jenes Institut habe nichts mit der „Scientology Kirche" zu tun. Auf diese Weise soll suggeriert werden, die betreffende Einrichtung sei autonom und werde allenfalls von Scientologen betrieben, die nur eine bestimmte „Religionszugehörigkeit" hätten. Verschwiegen wird dabei nicht nur der Missionierungsauftrag, der grundsätzlich an Scientologen erteilt wird, sondern auch, dass die „Kirche" nur ein Teil der Gesamtorganisation ist und zum Beispiel scientologische Nachhilfe-Einrichtungen eben nicht von der „Kirche", sondern von einem anderen Segment der SO lizenziert werden. Für alle Bereiche gilt aber der oberste Grundsatz der SO: Expansion in der Gesellschaft.
Der bekannte Psychologe Erich Fromm bezeichnete „Dianetik" als ein Gemenge aus Missverständnissen, verworrenem Freudianismus und hypnotischen Regressionsexperimenten und gelangte bereits früh zu einem weitsichtigen Urteil:
„Diese Mixtur stellt eine Technik dar, die zu den verhängnisvollsten Ergebnissen im Bereich der Medizin oder Politik führt." [www.erichfromm.de vom 2. Mai 2008]
Der Diplom-Pädagoge Kurt-Helmuth Eimuth, der sich eingehend mit dem Thema Kinder in Scientology beschäftigt hat, zieht folgende Schlüsse:
„Der bei Scientology herrschende Drill, das Menschenbild von Scientology, bei dem es darum geht, eine Art ,Übermensch' heranzuzüchten, die destruktive Einstellung der Familie gegenüber (...) lassen nur einen Schluss zu: (...) Die Kinder werden von klein an in ein gedankliches System gequetscht, das sie einer zum sozialen Miteinander verpflichteten Gesellschaft entfremdet. Scientology lehrt wie kaum eine andere Organisation den nackten Sozialdarwinismus. (...) Entweder werden Kinder zu kritischen, selbstständig denkenden Erwachsenen, oder sie werden zu einer Art scientologischer ,Übermensch', die andere Menschen ,handhaben', kontrollieren wollen. (...) Eine Organisation, die familiäre Bindungen derart gering schätzt, (...) die letzten Endes eine neue Herrschaftsclique aus- und herausbilden will, steht mit unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung nicht mehr im Einklang. Scientology muss als verfassungsfeindlich eingeschätzt werden. Jeder Versuch, sich mittels Organisationen aus dem Bereich ABLE [ABLE („Association for better Living an Education International"): In den 80er Jahren gegründete Teilorganisation zur Unterwanderung der Gesellschaft mit Sitz in Los Angeles/USA] in unserem Sozial- und Bildungswesen zu etablieren, muss daher verhindert werden. [Dipl.-Päd. Kurt-Helmuth Eimuth, „Die Sekten-Kinder", Freiburg/Br., 1996, S 109ff]"
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