Kommunikationsmittel der Skinheadszene
Die Kommunikation innerhalb der rechtsextremistischen Skinheadszene erfolgt hauptsächlich über Skinheadbands und den Besuch ihrer Konzerte, dem Internet sowie über Skinheadmagazine (sogenannte „Fanzines" = zusammengesetzt aus „Fan" und „Magazine").
Im Gegensatz zur Musikszene stagniert die Entwicklung im Bereich der Fanzines. Dieses früher wichtige Kommunikationsmittel hat in Baden-Württemberg an Bedeutung verloren. Seit 2003 erscheint in Baden-Württemberg kein Fanzine mehr. Die in Baden-Württemberg herausgegebenen Fanzines wiesen im Jahr 1999 eine Tendenz vermehrt ausländerfeindlicher, gewaltverherrlichender, rassistischer sowie antisemitischer Texte und Illustrationen auf und waren deshalb häufig Gegenstand von Ermittlungsverfahren. In der Folge zeigten die Maßnahmen der Sicherheitsbehörden Wirkung. Ein weiterer Grund für den Bedeutungsverlust der Fanzines dürfte aber auch sein, dass der Kommunikationsbedarf innerhalb der Szene immer häufiger auf Skinheadtreffen und -konzerten sowie über das Internet abgedeckt wird.
Der Ursprung der Strategie, junge Leute über die Musik für die Politik zu gewinnen, ist in Großbritannien zu finden. Dort wurde 1987 von Ian Stuart Donaldson, dem 1993 verstorbenen Sänger der neonazistischen britischen Band „Skrewdriver", die „Blood & Honour"-Bewegung (B&H) gegründet, deren Ziel es ist, Konzerte mit so genannten „White Power"-Bands zu organisieren, um auf diesem Weg den Gedanken einer „rassereinen" Gesellschaft zu verbreiten.
Donaldson formulierte einmal als Ziel der B&H-Bewegung:
„Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden."
Rechtsextremistische Skinheadkonzerte werden in der Regel von einzelnen Angehörigen der jeweiligen ortsansässigen Szene organisiert. Die Mobilisierung verläuft in den meisten Fällen über Telefonketten, per SMS über Handy, Mailinglisten im Internet und über Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Teilnehmer erfahren in aller Regel nur einen Treffpunkt, von dem aus sie dann zum eigentlichen Veranstaltungsort weitergeleitet werden; auch kurzfristig ist es so möglich, einen großen Personenkreis zu mobilisieren.
Eine wichtige Rolle zur Verbreitung der Musik spielt das Internet. Dort finden sich insbesondere Musikstücke, die sich in Deutschland aufgrund ihrer strafrechtlichen Relevanz über den Versandhandel nicht vertreiben lassen. Das so genannte MP3-Format ermöglicht dem Nutzer ein einfaches Herunterladen auf den eigenen Rechner und damit die Herstellung eigener CDs.
Noch vor wenigen Jahren propagierten die Lieder der rechtsextremistischen Skinheadbands offen Gewalt und Ausländerhass. Nach zahlreichen bundesweiten Exekutivmaßnahmen gegen Mitglieder dieser Bands sowie gegen Hersteller und Vertreiber von Tonträgern und Fanzines auf der Grundlage des Strafgesetzbuches:
- §§ 86, 86a StGB: Verbreiten bzw. Verwenden von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen (z. B. Hakenkreuz)
- § 130 StGB: Volksverhetzung
- § 130a StGB: Anleitung zu Straftaten wie z. B. Völkermord
- § 131 StGB: Gewaltdarstellung; Aufstachelung zum Rassenhass
ist die rechtsextremistische Skinheadszene vorsichtiger geworden.
Auch die zahlreichen Indizierungen von Tonträgern und Schrifterzeugnissen nach § 1 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften führten dazu, dass verbotene Symbole und offen rassistische, antisemitische und/oder Gewalt verherrlichende Texte seltener geworden sind. In strafrechtlich kaum mehr angreifbarer Form werden die - inhaltlich gleich gebliebenen - Nachrichten zum Zuhörer oder Leser transportiert, der die darin enthaltene politische Auffassung durchaus zu entschlüsseln weiß.
Beispiel:
Rechtsextremistische Skinheadbands produzieren immer wieder Liedtexte, in denen sie ihre rechtsextremistische Gesinnung entweder offen oder mehr oder minder subtil zu erkennen geben. So steuerte die Band „White Voice" aus Villingen-Schwenningen zu dem 2007 erschienenen CD-Sampler „Drei für Deutschland" mit ihrem Lied „Staatsfeind" ein eher allgemein gehaltenes, aber unumwundenes Bekenntnis zu (Rechts-)Radikalismus, (Rechts-)Extremismus und Staats- beziehungsweise Verfassungsfeindlichkeit bei, ohne dieses Bekenntnis jedoch - zumindest in diesem Lied - mit der Darbietung konkreter rechtsextremistischer Inhalte zu verbinden. Hier Ausschnitte, insbesondere der Refraintext:
„White Voice": „Staatsfeind" von dem CD-Sampler „Drei für Deutschland"
„(...) Eure Regeln und Gesetze haben uns nie interessiert.
Diesen Staat haben wir immer gehasst und ständig rebelliert. (...)
Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, extrem, radikal.
Ob's euch passt oder nicht, ist uns doch scheißegal.
Refrain:
Wir gingen schon immer unseren eigenen Weg, ganz egal um welchen Preis.
Ihr nennt uns total bekloppte Psychopathen. Ja wir stehen auf diesen Scheiß!
National, radikal, Feinde des Systems, zielstrebig, geradeaus. Ja ich bin Staatsfeind!
Ja ich bin Staatsfeind! Ich hasse diesen Staat! (...)"
[Textwiedergabe nach dem akustischen Verständnis]
Auf ihrer eigenen, ebenfalls im Jahr 2007 veröffentlichten CD „Narrenkabinett" lieferte „White Voice" weitere Belege für ihre erklärte, rechtsextremistisch motivierte Verfassungsfeindlichkeit, beispielsweise die prägnante, den in rechtsextremistischen Kreisen gepflegten Reichsmythos aufgreifende Parole „BRD verrecke! Das Reich muss leben!" in dem Lied „Hey Hey Hallo".
Zumindest Teile der rechtsextremistischen Skinheadszene bekennen sich zum historischen Nationalsozialismus. Auch dafür liefern immer wieder Liedtexte baden-württembergischer Skinheadbands eindeutige Belege. So publizierte „White Voice" auf dem CD-Sampler „Drei für Deutschland" ein weiteres Lied mit dem Titel „9. November", in dem völlig unverhohlen und kritiklos der am 9. November 1923 in München bei der Niederschlagung des so genannten Hitler-Ludendorff-Putsches ums Leben gekommenen 16 Nationalsozialisten - nicht aber der an diesem Tag ebenfalls getöteten Polizisten und schon gar nicht der am 9. November 1938 bei der „Reichspogromnacht" ermordeten Juden - gedacht wird. Mit diesem Lied knüpfen „White Voice" an den intensiven Toten- und Heldenkult um diese erschossenen Putschisten an, den schon die historischen Nationalsozialisten betrieben. Diese Glorifizierung eines der zentralen Ereignisse in der NSDAP-Parteigeschichte durch „White Voice" kommt einem Bekenntnis der Band zum historischen Nationalsozialismus insgesamt gleich:
„White Voice": „9. November" von dem CD-Sampler „Drei für Deutschland"
„Ich stehe an der Feldherrnhalle und atme noch den Geist.
Hier hallen immer noch die Schüsse, die ihre Brust zerreißt.
Ich fühle auch die Fahne, die ach so blutgetränkt,
und dennoch Sieger wurde, von Opfermut gelenkt.
Refrain:
Achtzig Jahre ist der Sechzehn Tod nun her,
doch durch den Nebel der Nation (Textversion im CD-Booklet: „Nabel der Generationen") führt ihr Geist uns zur Wehr!
Mehr als achtzig Jahre ist der Sechzehn Heldentod nun her,
doch durch den Nebel der Nation (Textversion im CD-Booklet: „Nabel der Generationen") führt ihr Geist uns zur Wehr!
Sie waren in dem Blut getauft, das Münchens Boden färbte,
ihr Tod macht Deutschland unsterblich, weil eine Jugend Hoffnung erbte.
Und wenn ihr alten Helden, uns von Walstatt sehen sollt,
gebt dazu Euren Segen, den ihr sicher nicht bereut! (...)"
[Textwiedergabe nach dem akustischen Verständnis]
Angesichts solcher ideologischer Gemeinsamkeiten ist die Existenz von Mischszenen von Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads nicht verwunderlich, finden hier doch Gesinnungsgenossen zueinander.