07/2006 - Scientology und Wirtschaft: Was verbirgt sich hinter dem „WISE"-Programm?
In Stellungnahmen der „Scientology-Organisation" (SO) zu ihrem SO-Wirtschaftsverband „World Institute of Scientology Enterprises" (WISE) behauptet sie mitunter, WISE stelle lediglich eine „säkularisierte Verwaltungstechnologie" zur Verfügung. WISE sei von den Scientology-„Kirchen" zu trennen, weil es dabei nicht um
„Religion" gehe. WISE ist jedoch ein wichtiger Zweig der SO. Das aktuell bekannt gewordene WISE-Durchführungsprogramm zeigt erneut, was sich hinter der „säkularisierten Verwaltungstechnologie" verbirgt: WISE will autoritäre HUBBARD-Konzepte in Wirtschaft und Politik verbreiten.
Ein Fall aus der Praxis, wie er in vergleichbarer Form wiederholt dem Landesamt für Verfassungsschutz berichtet wurde: Ein - etwa durch Telefonakquise - geworbener Unternehmer bucht ein Seminar zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit bei einem Trainingsinstitut. Sein Trainer hat ihm allerdings verschwiegen, dass er Scientologe ist und dem SO-Wirtschaftsverband WISE angehört. Der Kunden weiß auch nicht, dass sein Trainer folgenden Vertrag eingegangen ist: „WISE ist eine gemeinnützige religiöse Glaubensgemeinschaft." Zweck von WISE ist u.a. die „Verbreitung der religiösen Lehren von LRH[1] in der Gesellschaft zu unterstützen und zu fördern."[2]
Dem Kunden ist wohl auch nicht klar, dass das Kommunikationsseminar in nahezu identischer Form im „Kirchenbereich" der SO angeboten wird. Es dient lediglich der Kontaktaufnahme, um ihn für Scientology anzuwerben. WISE ist bestrebt, über Geschäftskontakte neue Scientologen zu rekrutieren: WISE-Berater sollen Kunden zunächst Problemlösungen für die Geschäftswelt anbieten. Dann jedoch sollen sie ihnen zur angeblichen Steigerung „persönlicher Fähigkeiten" auch Dianetik und Scientology zugänglich machen. Zweck sei die scientologische „Erleuchtung".[3]
Dieses Kommunikationsseminar ist nur ein Einstieg in ein umfassendes Programm, das schwerwiegende Folgen für eine Firma haben kann, insbesondere wenn der Unternehmer selbst Mitglied von WISE wird. Das aktuell bekannt gewordene „WISE Durchführungsprogramm für Verwaltungs-Know-How" offenbart, dass mit der „Admin Tech" de facto eine Ideologisierung des Unternehmens stattfindet. Es beinhaltet die starre Einführung zahlreicher Führungsanweisungen, des Finanzmanagements und der Organsationsstruktur, die ebenso in den „Kirchen" der SO stringent angewendet werden. Die Umsetzung soll per „Befolgungsbericht" an WISE gemeldet werden.[4] Die Ideologisierung zeigt sich auch daran, dass der Posten des Ausbildungsleiters nicht an eine Person vergeben werden soll, deren Eltern Gegner von Scientology sind. Sehr problematisch ist auch, dass im Unternehmen die „Ethik" der Scientology zwecks „Belohnungen und Strafen" eingeführt werden soll, die von einem „Ethik-Officer" kontrolliert wird. Darüber hinaus soll WISE eine „vollständige Liste der Angestellten des Unternehmens" erhalten, aus der hervorgeht, welche WISE-Kurse sie absolvieren. Aufgabenstellung und Postenzuweisung der Angestellten soll dem „lokalen WISE Büro zur Genehmigung" vorgelegt werden. WISE soll auch Fotografien aller Angestellten, deren jeweiligen wöchentlichen „Ethik"-Zustand[5] und im Rahmen der Implementierung des Programms „Kopien der Hauptstatistiken" des Unternehmens erhalten.[6] Auf diese Weise kann WISE nicht nur tiefen Einblick, sondern auch beträchtliche Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten bei betroffenen Firmen erhalten.
Überdies sollen sich WISE-Mitglieder verpflichten, dass rechtliche Auseinandersetzungen unter Mitgliedern „ausschließlich auf WISE Linien erledigt werden (...). Sie sind endgültig und bindend und können nur durch den Kaplan in WISE International überprüft werden (...) Das ist der einzige Rekurs, der Mitgliedern zur Verfügung steht." „Rechtsgrundlage" sind „die LRH Richtlinien über Ethik und Recht".[7] Eine„Nichtbefolgung" gilt als „Schwerverbrechen".[8]
WISE ist tatsächlich ein wichtiger Zweig der „Scientology-Organisation" neben der „Kirchenlinie". Er dient wie alle Bereiche der SO dazu, die totalitäre Lehre HUBBARDs in der Gesellschaft zu verbreiten. Zur „Ethik" der SO gehört auch das Fertigen von „Wissenberichten" bei tatsächlich oder angeblich von der Scientology-Norm abweichendem Verhalten. Verheerende Auswirkungen auf das Betriebklima und Kündigungen einzelner Mitarbeiter können die Folge sein. Was mit einem scheinbar harmlosen Kurs beginnt, kann mit einem nach scientologischen Vorgaben geführten Unternehmen enden.
[1] LRH: Kürzel für den verstorbenen SO-Gründer L. Ron HUBBARD.
[2] World Institute of Scientology Enterprises Mitgliedschaftsvereinbarung - Allgemeines Mitglied, 2000.
[3] „WISE Info Letter 26, Consultants's Guide to Bridge Dissemination", 27. Februar 2003.
[4] „WISE Durchführungsprogramm für Verwaltungs-Know-How" Nr. 1-5.
[5] Internes System von Belohnungen und Strafen, die vom Zustand „Macht" („Power") über „Nichtexistenz" bis hin zu „Belastung", „Verrat" und „Feind" reichen.
[6] „WISE Durchführungsprogramm für Verwaltungs-Know-How" Nr. 3 und 4.
[7] „World Institute of Scientology Enterprises Mitgliedschaftsvereinbarung - Allgemeines Mitglied", 2000.
[8] WISE International (Hg.), „Der Service zur standardgemässen Streitfallösung", Los Angeles, 2000.


