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"Revolutionäre Zellen" (RZ)

Die Festnahme der Führungskader der RAF 1972 führte dem linksextremistischen Spektrum die Nachteile einer geschlossen im Untergrund operierenden Terrorgruppe deutlich vor Augen. Ein Teil der Szene stellte daraufhin Überlegungen über die bestmögliche Organisationsform des „bewaffneten revolutionären Kampfes“ an. Daraus erwuchs die Idee, eigenständige Kleingruppen („Revolutionäre Zellen“, RZ) zu gründen, die keine zusammenhängenden Strukturen aufweisen und aus der Legalität heraus operieren sollten. 

Am 23. Juni 1978 erlitt ein in Heidelberg lebender Student, der Mitglied einer „Revolutionären Zelle“ war, beim Hantieren mit einem Sprengsatz schwere Verletzungen. Im Zuge der damaligen Ermittlungen konnten die Sicherheitsbehörden erstmals detaillierte Erkenntnisse über die RZ gewinnen. Demnach bestanden die streng voneinander abgeschotteten Gruppen meist aus drei bis fünf Mitgliedern, die in der Regel unauffällig, bürgerlich (Beruf, Studium etc.) lebten und in ihrer Freizeit Anschläge planten und ausführten. Sie wurden deshalb bald auch als „Feierabendterroristen“ bezeichnet.

Konzept und Strategie der RZ wurden in konspirativ vertriebenen Szeneschriften (zunächst „REVOLUTIONÄRER ZORN“, dann auch „radikal“, „INTERIM“ etc.) propagiert. Immer wieder waren darin auch Bauanleitungen für Spreng- und Brandsätze zu finden. Auf diese Weise sollten potenzielle Nachahmer – überwiegend aus dem militanten autonomen Spektrum – zu eigenen Aktionen und zur Gründung von „Resonanz-RZ“ ermuntert werden. In kaum einer Taterklärung fehlte deshalb auch der Aufruf „Schafft viele Revolutionäre Zellen!“.

Bei der Auswahl der angegriffenen Objekte orientierten sich die RZ an aktuellen gesellschaftspolitischen Problemen bzw. Reizthemen wie Wohnungsnot, Rüstungsexporte, Gentechnik, Asylpolitik etc. Anschlagsziele waren deshalb Wohnungsbauunternehmen, Kaufhäuser, Betriebe mit Verbindung zu kerntechnischen Einrichtungen, Computerhersteller, Datenverarbeitungsanlagen, „Rüstungsfirmen“, Großbanken, Gewerkschaftsgebäude, Genforschungsinstitute sowie Behörden, die mit Ausländer- und Asylbewerberangelegenheiten befasst waren.

In Baden-Württemberg, das zu keiner Zeit Schwerpunkt von RZ-Aktivitäten war, kam es zu zwei nennenswerten Vorfällen: Am 22. Juni 1987 wurde auf die Niederlassung des Chemieunternehmens Ciba-Geigy in Tübingen ein Sprengstoffanschlag verübt, ein weiterer am 22. August 1991 auf das Ausländeramt des Landratsamts in Böblingen.

Das Jahr 1992 bildete auch für die „Revolutionären Zellen“ einen Einschnitt. In der linksextremistischen Szene entbrannte eine heftige Ideologiediskussion über die weitere Strategie und Taktik der RZ. So wurde vor allem die bisherige Linie, unreflektiert internationalistische „Politik“ zu betreiben, infrage gestellt und auf nationale Brennpunkte als Aktionsfelder verwiesen. 

Einen nochmaligen Schub bekam die – in verschiedenen Szenezeitschriften ausführlich wiedergegebene – Debatte durch die Auflösungserklärung einer RZ aus Nordrhein-Westfalen, die im März 1992 publiziert wurde. Als Grund für das „Ende unserer Politik“ wurde dabei angegeben, dass sich die Erfolglosigkeit bei der Verwirklichung des angestrebten Ziels, der Bildung einer revolutionären Massenbewegung, immer weiter abzeichne. Andere „Revolutionäre Zellen“ betonten jedoch die „unveränderte Notwendigkeit einer sozialrevolutionären Guerilla“ und erklärten, an ihrer bisherigen Praxis festhalten zu wollen. So verübte eine RZ am 3. Oktober 1993 Sprengstoffanschläge auf eine Stromversorgungsstation des Grenzschutzamts Frankfurt/Oder und auf Dienstfahrzeuge des Bundesgrenzschutzes (BGS) am Flughafen Rothenburg bei Görlitz (Sachsen). Begründet wurden diese Aktionen mit der angeblichen „Jagd nach Flüchtlingen durch den BGS“. Ähnlich motivierte Anschläge gab es auch 1994.