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„Ahmed“ – eine schillernde Figur zwischen Schwarzwald und Jemen. Biografie eines Islamisten aus der schwäbischen Provinz

Islamismus     1 | 2014

Auch in Baden-Württemberg beginnen islamistische Biografien. Nachfolgend wird diejenige eines Islamisten aus dem Land aufgezeigt, der seit mehr als fünf Jahren die Behörden des Landes auf vielfältige Weise beschäftigt.

Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg erhielt zum ersten Mal im Juli 2008 Kenntnis vom Lebensweg eines jungen Türken, als dieser sich telefonisch bei dem bekannten salafistischen Prediger Ibrahim ABOU-NAGIE in Köln meldete. ABOU-NAGIE stellte zu diesem Zeitpunkt viele Anrufe von Menschen ins Internet, die entweder zum Islam konvertieren oder zu ihm zurückfinden. Der bis dahin noch nicht identifizierte Anrufer schilderte seinen persönlichen Weg zum Islam und seine aktuellen persönlichen Probleme. Kurze Zeit später wurde im Rahmen der Internetbeobachtung im Arbeitsbereich Islamismus des Landesamts für Verfassungsschutz ein YouTube-Kanal festgestellt, auf dem eine ganze Anzahl von islamistischen Videos bereitstand. In einigen dieser Videos trat der Autor selbst auf. Dadurch konnte der Unbekannte in kürzester Zeit als der aus einer Kleinstadt im Schwarzwald stammende und zum damaligen Zeitpunkt in Stuttgart wohnhafte Ahmed identifiziert werden. Wegen des islamistischen Hintergrunds der im Internet bereitgestellten Botschaften war auch schon die Polizei auf den Sachverhalt aufmerksam geworden. Aufgrund des Verdachts einer Urheberrechtsverletzung in einem seiner Videos kam es im Juni 2009 zu einer ersten Wohnungsdurchsuchung bei Ahmed.
 
Im September 2009 stellte Ahmed auf seinem YouTube-Kanal ein Video mit seinem eigenen Logo ein, in dem der „al-Qaida“-Funktionär Bekkay HARRACH eine massive Drohung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland formuliert. Das Video verzeichnete in kürzester Zeit mehrere tausend Zugriffe. Wenige Tage nach Einstellung des Videos ins Internet wurde „Ahmed“ [Name geändert] in Stuttgart verhaftet und in einem eintägigen Verfahren vom Amtsgericht Stuttgart im November 2009 wegen Beihilfe zur Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu einer Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt. Die Strafe verbüßte er im Lauf des Jahres 2010 in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.
 
Bereits im Herbst desselben Jahres tauchte ein neuer Kanal bei YouTube auf, der unschwer Ahmed zuzuordnen war. Auch hier wurde in kürzester Zeit eine große Anzahl islamistischer Videos verbreitet.
 
Im Januar 2011 heiratete Ahmed eine junge Frau, die er vermutlich über das Internet kennengelernt hatte. Sie war zuvor zeitweise in einem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Unterstützung terroristischer Vereinigungen im Ausland (Unterstützung der „Islamischen Jihad Union“ und der „Deutschen Taliban Mujahideen“) als Beschuldigte geführt worden. Zur islamischen Hochzeit der beiden war Ibrahim ABOU-NAGIE als Redner eingeladen.
 
Ahmed und seine Frau versuchten im Frühjahr 2011, ein neues Projekt zur Betreuung von muslimischen Gefangenen in Justizvollzugsanstalten ins Leben zu rufen, das jedoch aus unbekannten Gründen scheiterte.
 
Obwohl im Schwarzwald geboren, hatte Ahmed nie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Somit konnte er im Rahmen eines Sicherheitsgesprächs Ende Mai 2011 in der Ausländerbehörde seiner Heimatgemeinde befragt werden. Dabei wurde er eindringlich vor der Fortsetzung seiner extremistischen Handlungen gewarnt. Er stellte, offenkundig als Folge des Gesprächs, seinen aktuellen Kanal bei YouTube ein.
 
Die islamistischen Aktivitäten nahmen allerdings nur kurzfristig ab. Ahmed selbst tauchte im Frühjahr 2012 im Rahmen der Koranverteilaktion „LIES!“ in einigen Videos als Verteiler auf und etablierte kurzzeitig eine eigene Verteilergruppe in seiner Heimatstadt.
 
Am 5. Mai 2012 beteiligte sich Ahmed bei der Demonstration vor der König Fahd-Akademie in Bonn. Während der Demonstration kam es zu einem Angriff des Islamisten Murat K. auf dort eingesetzte Polizeibeamte, bei dem zwei Polizisten schwer verletzt wurden.
 
Ende Mai 2012 erhielt Ahmed seinen Bescheid über die Ausweisung durch das Regierungspräsidium Freiburg, da er auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe weitere Videos online gestellt hatte, in denen Terrorismus und Heiliger Krieg unterstützt werden. Gegen die Ausweisungsverfügung legte Ahmed Rechtsmittel mit dem Ziel der vorläufigen Aussetzung der Abschiebung ein. Diese wurde vom Verwaltungsgerichtshof Mannheim Mitte November 2012 abgelehnt. Auch einen Eilantrag von Ahmeds Verteidigern auf Aussetzung der Abschiebung lehnte zuletzt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ab. Ende November 2012 wurde Ahmed auf Grundlage der Ausweisungsverfügung des Regierungspräsidiums Freiburg in die Türkei ausgewiesen.
 
Nach seiner Ausweisung in die Türkei reiste Ahmed in den Jemen weiter, von wo aus er sich im Laufe des Jahres 2013 über Facebook wieder zu Wort meldete. Nach einigen Monaten im Jemen kehrte er wieder in die Türkei zurück und begann damit, sich intensiv im virtuellen Raum eine neue islamistische Basis zu schaffen. Dabei wurde er offenkundig zum Administrator eines Facebook-Accounts eines führenden Stichwortgebers des islamistischen Spektrums. Mit diesem traf sich Ahmed im November 2013 in Zentralanatolien.
 
Ein letztes Lebenszeichen von Ahmed konnte im Dezember 2013 über seinen Facebook-Account in der Region Hatay in direkter Nähe zur syrischen Grenze festgestellt werden. Danach verliert sich seine Spur.