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Demonstration in Stuttgart: Solidarität mit den Muslimbrüdern

Islamismus     10 | 2013

Unter dem Motto „Initiative für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie in Ägypten“ fand in Stuttgart am 31. August 2013 eine zuvor in den sozialen Netzwerken angekündigte Großdemonstration statt. Anlass war die durch den Militärrat erfolgte Absetzung des bisherigen ägyptischen Präsidenten Mohammed MURSI am 3. Juli 2013, die von seinen Anhängern als rechtswidriger Putsch verurteilt wurde. Außer von hiesigen Anhängern der ägyptischen „Muslimbruderschaft“ erfuhr die Stuttgarter Demonstration große Unterstützung auch aus dem orthodox-konservativen Milieu türkisch-stämmiger Migranten, und zwar sowohl von der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e.V.“ als auch der „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ (UETD), dem Ableger der türkischen Regierungspartei AKP in Deutschland. Gleichartige Veranstaltungen hatten in den Tagen zuvor bereits in anderen deutschen und europäischen Großstädten stattgefunden.

Von Mitte August an war zu beobachten, wie sich in kürzester Zeit – ausgehend von Ägypten über die Türkei bis nach Europa – über die sozialen Netzwerke im Internet das Zeichen einer schwarzen Hand mit vier ausgestreckten Fingern und eingeklapptem Daumen auf gelbem Grund und dem Schriftzug „R4BIA“ verbreitete. Dieses Zeichen wurde zum Symbol des Widerstands der Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed MURSI und der „Bewegung der Muslimbrüder“, die ab dem 28. Juni 2013 auf dem Rabi’a al-Adawiya-Platz in Kairo gegen die Absetzung MURSIs durch das ägyptische Militär und die am 14. August 2013 erfolgte gewaltsame Räumung des Platzes demonstriert hatten.
 
In der Woche vor der Veranstaltung war zur Teilnahme an der Demonstration in Stuttgart über das Internet aufgerufen worden. Daran maßgeblich beteiligt waren Anhänger der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs e.V.“ (IGMG), und zwar in Gestalt der Jugendabteilung des Regionalverbands sowie diverser Ortsvereine wie Karlsruhe, Rastatt, Ludwigsburg, Pleidelsheim und Aalen. Die Tageszeitung „Milli Gazete“ in ihrer Eigenschaft als Sprachrohr der „Milli-Görüs“-Bewegung bildete aus Solidarität mit der „R4BIA“-Bewegung ab dem 19. August 2013 das „R4BIA“-Symbol auf ihrer Titelseite ab und verwandelte ihre Titelzeile ab dem 23. August 2013 für einige Tage in „MILLI G4ZETE“. Auch die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die Plattform der Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan respektive der AKP in Deutschland, setzte sich an die Spitze der Unterstützer der Demonstration.
 
Die Demonstration selbst, an der sich nach Angaben der Veranstalter rund 4.000 Personen beteiligten, erfolgte in Form eines Schweigemarsches durch die Stuttgarter Innenstadt mit Abschlusskundgebung, Bittgebet und einem Totengebet für die Opfer der Militäraktion auf dem Rabi’a-al-Adawiya-Platz in Kairo. Damit war ein religiöser Rahmen der Veranstaltung gegeben, der sich auch in der Bekleidung der Demonstrationsteilnehmer widerspiegelte, insbesondere bei den überwiegend Kopftuch tragenden, teilweise auch in Vollverschleierung gehüllten Frauen. Zur Absicherung des Demonstrationszuges waren von Seiten der Veranstalter eigene – auch weibliche, mit Ordnerwesten ausgestattete und gleichzeitig islamkonform bekleidete – Ordner eingesetzt. Ägyptische und türkische Nationalfahnen waren in großer Zahl zu sehen, ebenso einige grüne Fahnen mit aufgedrucktem islamischem Glaubensbekenntnis.
 
Während des Schweigemarsches kam es am Rand des Demonstrationszuges zu einem Wortgefecht mit Gegendemonstranten, die ein Plakat mit sich führten, auf dem sie sich als Gegner der Muslimbrüder zu erkennen gaben. Auf den Plakaten innerhalb des Demonstrationszuges waren Parolen zu lesen wie beispielsweise „Imperialismus! Finger weg vom Nahen Osten!“, „Stoppt die Qual in Ägypten“ oder „Nicht wegschauen“ sowie eindeutige politische Statements wie „Mursi war schuldig, weil er kein Handlanger von USA und Israel ist“. Darüber hinaus war auf den Plakaten das „R4BIA“-Symbol sehr häufig zu sehen. Auch trugen viele Teilnehmer gelbe T-Shirts mit dem aufgedruckten Symbol oder formten dieses mit der Hand.
 
Für das Symbol bzw. das „Codewort“ R4BIA werden mehrere Erklärungsmuster angeführt: Die Bezeichnung nimmt einerseits Bezug auf den nach einer Mystikerin des 8. Jahrhunderts n. Chr. benannten Rabi’a-al-Adawiya-Platz in Kairo. Andererseits wird das Zeichen als bewusst gewähltes Abgrenzungsmerkmal der Anhänger der Muslimbruderschaft zu dem von den säkular orientierten Demonstranten des Tahrir-Platzes in Kairo verwendeten, mit zwei Fingern gebildeten Victory-Zeichen beschrieben. Zum gelben Logo mit der schwarzen Hand wird ferner angeführt, dass die Farbe gelb die goldene Kuppel des Felsendoms in Jerusalem, also die ursprüngliche Ausrichtung beim muslimischen Ritualgebet symbolisiere, während die Farbe schwarz die Bedeckung der Ka’ba in Mekka repräsentiere.
 
Am 7. September 2013 fand in Karlsruhe eine weitere Demonstration unter dem Motto „Hand in Hand gegen Menschenrechtsverletzungen in Ägypten“ mit rund 100 Teilnehmern statt. Veranstalter war der „Dachverband islamischer Vereine in Karlsruhe und Umgebung e.V.“. Der Bezug zur „R4BIA“-Bewegung wurde auch hier durch mitgeführte Plakate sowie durch die von den Demonstrationsteilnehmern getragene T-Shirts mit dem Emblem deutlich.