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„Völkermord durch Überfremdung“: Ein rechtsextremistisch-verschwörungsideologischer Beitrag zur Zuwanderungsdebatte

Spezialthema     8 | 2015

Die Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland hat sich in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen deutlich verstärkt, was sich u. a. an der wachsenden Zahl von Asylanträgen ablesen lässt. Rechtsextremistische Fremdenfeinde und Rassisten reagieren bereits seit 2013 verstärkt auf diese Entwicklung. So intensivieren sie ihre diesbezügliche Agitation und führen entsprechende Aktionen durch – gegen Migranten, aber auch gegen politisch-demokratische Akteure; letzteren unterstellen sie eine Schuld, teils sogar ein absichtliches Herbeiführen dieser aus rechtsextremistischer Sicht für das deutsche Volk existenzbedrohenden Entwicklung. Anschläge gegen Asylbewerberheime und Drohungen gegen Politiker sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Verschwörungsideologien spielen bei dieser Agitation immer wieder eine wichtige Rolle. Die neonazistische Zeitschrift „Volk in Bewegung – Der Reichsbote“ (ViB), die bis 2009 ihren Sitz in Baden-Württemberg hatte, widmete in einer ihrer jüngsten Ausgaben diesem verschwörungsideologischen Komplex einen zweiseitigen, sehr aussagekräftigen Artikel [Artikel „Masseneinwanderung – Völkermord durch Überfremdung“ von Rigolf HENNIG, in: „Volk in Bewegung – Der Reichsbote“ Ausgabe 4/5 2014, S. 8–9].

1.    Eine Verschwörungsideologie – was ist das?
 
Aus Sicht des Brühler Soziologen und Politologen Armin Pfahl-Traughber geht eine Verschwörungsideologie nicht nur „von der Annahme einer Verschwörung für das Zustandekommen bestimmter Ereignisse aus“, sondern ist speziell dadurch gekennzeichnet, dass sie – bzw. der jeweilige Verschwörungsideologe als ihr Vertreter – „nicht durch gegenteilige Beweise korrekturfähig“ ist. Pfahl-Traughber spricht daher von einer „festgefügte[n], monokausale[n] und stereotype[n] Einstellung.“
 
„Als eine Sonderform oder Übersteigerung der Verschwörungsideologie“ [Armin Pfahl-Traughber, Freimaurer und Juden, Kapitalisten und Kommunisten als Feindbilder rechtsextremistischer Verschwörungsideologien vom Kaiserreich bis zur Gegenwart, in: Uwe Backes (Hrsg.), Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart, Köln 2003, S. 193–234, Zitate S. 197] interpretiert Pfahl-Traughber den Verschwörungsmythos: In Verschwörungsideologien sind die angeblich konspirierenden Gruppen wenigstens als Gruppe grundsätzlich real, so wie z. B. das Judentum als Gruppe tatsächlich existiert, auch wenn die rechtsextremistische Verschwörungsideologie von der „Jüdischen Weltverschwörung“ reine Fiktion ist. In Verschwörungsmythen hingegen sind schon die Gruppen, die sich angeblich verschworen haben sollen, an sich nicht existent, schon gar nicht als Verschwörergruppe. Verschwörungsmythen und Verschwörungsideologien sind nicht immer trennscharf voneinander zu unterscheiden und können ineinander übergehen.
 
Laut Pfahl-Traughber sind von den Begriffen „Verschwörungsideologie“ und „Verschwörungsmythos“ noch wenigstens zwei Begriffe definitorisch zu unterscheiden: Einerseits die Verschwörung als „eine meist geheim geregelte Übereinkunft einer kleineren Gruppe von Personen, die die Durchsetzung eines konkreten Zieles auf diesem Weg anstrebt.“ Verschwörungen unterscheiden sich von Verschwörungsideologien und Verschwörungsmythen also vor allem dadurch, dass sie real sind oder waren. Ein historisches Beispiel für eine reale Verschwörung sind die Ereignisse, die gemeinhin unter dem Datumsbegriff des „20. Juli“ 1944 zusammengefasst werden. Andererseits die Verschwörungshypothese bzw. -these als „eine Aussage (…), bei der für einen bestimmten Sachverhalt eine konspirative Handlungsweise als verursachender Faktor (zunächst) unterstellt wird [ebenda, S. 196.]. Eine Verschwörungsthese unterscheidet sich u. a. von einer Verschwörungsideologie dadurch, dass sich ihre Vertreter im Idealfall offen für Gegenargumente und Widerlegungen zeigen und somit in der Konsequenz auch bereit sind, ihre Verschwörungsthese entsprechend zu revidieren oder sogar ganz zurückzunehmen.
 
2.    Rechtsextremistische Grundpositionen zum Thema „Zuwanderung“
 
Zum ideologischen Kernbestand – nicht erst – des deutschen Nachkriegsrechtsextremismus zählen u. a. Rassismus, ein rassistisch definierter Volksbegriff und rassistisch grundierte Fremdenfeindlichkeit. Nach dieser rassistischen Logik ist das deutsche Volk nur dann ein deutsches Volk, wenn es eine deutsche Abstammungsgemeinschaft ist und bleibt; aus dieser Gemeinschaft und ihrem Siedlungsraum sind „Fremde“ ausländischer, erst recht nichteuropäischer Abstammung möglichst fernzuhalten. Nach dieser Logik kann und darf ein Mensch „fremder“ (z. B. afrikanischer) Abstammung niemals Deutscher sein und es auch nicht durch Einbürgerung werden. Einwanderung und Einbürgerung – mit dem klaren Ziel einer Assimilierung – akzeptieren Rechtsextremisten höchstens dann, wenn sie die Einwanderer einer möglichst eng verwandten „Rasse“ zurechnen, beispielsweise Skandinaviern.
Ansonsten aber sehen Rechtsextremisten in der – zumal in der angeblich „massenhaften“ – Einwanderung von „rasse-“ bzw. „raumfremden“ Menschen eine existenzielle Gefahr für das deutsche Volk: Aus ihrer Sicht schafft diese Zuwanderung die Voraussetzung für eine Majorisierung und Entrechtung der Deutschen im eigenen Land, am Ende sogar für „Rassenmischung“ und damit für den „Volkstod“ der Deutschen. Wann immer sie dahinter eine absichtliche Verschwörung zur Vernichtung des deutschen Volkes wittern, sprechen sie sogar von „Völkermord“ an den Deutschen. Sie stempeln damit diejenigen, die sie dafür in der Verantwortung sehen (beispielsweise demokratische Politiker), zu „Völkermördern“, die es entsprechend zu bestrafen gelte. In rechtsextremistischen Parolen wie „Die Demokraten bringen uns den Volkstod!“ werden derlei verschwörungsideologische Positionen auf den Punkt gebracht.
 
3.    Der Artikel „Völkermord durch Überfremdung“ in „Volk in Bewegung – Der Reichsbote“, Ausgabe 4/5 2014
 
Rigolf HENNIG, ein Mitglied der dreiköpfigen Schriftleitung der neonazistischen Zeitschrift „Volk in Bewegung – Der Reichsbote“ (ViB), die beim „Nordland-Verlag“ im thüringischen Fretterode erscheint, aber bis 2009 ihren Sitz in Baden-Württemberg hatte, widmete 2014 diesem verschwörungsideologischen Komplex in seinem Blatt einen zweiseitigen Artikel. Aufgrund des darin zum Ausdruck kommenden ideologischen Fanatismus und seiner unverklausulierten Offenheit lohnt sich eine genauere Analyse dieses Artikels: Der Text gewährt einen tiefen Einblick in die potenziell gefährliche ideologische Weltsicht fanatischer deutscher Neonazis.
 
3.1          Das verschwörungsideologische Szenario
 
Die Grundaussage des Artikels ist schon seiner Überschrift zu entnehmen: Masseneinwanderung – Völkermord durch Überfremdung“ [Unterstreichung im Original. Im Original ist aber die Passage „Völkermord durch Überfremdung“ fett und in deutlich größerer Schriftgröße gedruckt als das Wort „Masseneinwanderung“, so dass sie als die eigentliche, der Leserschaft sofort ins Auge fallende Überschrift des Artikels gelten kann]. Diese Überschrift und mit ihr der gesamte Artikeltext nimmt eine zweifache ideologische Umdeutung des Phänomens „Zuwanderung“ vor: erstens von an sich schon nicht wertfreier „Masseneinwanderung“ hin zu eindeutig negativ besetzter
„Überfremdung“ und zweitens von „Überfremdung“ hin zu einem schwerstkriminellen „Völkermord“ – übrigens nicht nur am deutschen Volk, sondern gleich an einer ganzen Reihe von Völkern.
Mit dieser Umdeutung geht eine massive, analytisch vollkommen indiskutable Vereinfachung des Phänomens „Zuwanderung“ einher: Der Text fragt gar nicht erst nach den komplexen Ursachenbündeln, die Menschen dazu bringen, (a) ihre Heimatländer zu verlassen und (b) in einige Länder zahlreicher einzuwandern als in andere. Vielmehr geht es HENNIG bei seiner verschwörungsideologischen Art der „Ursachenforschung“ darum, „über eine Schuldzuweisung und eine Bestandsaufnahme zu einer Lösung des Problems zu gelangen.“ Denn die aktuelle Zuwanderung nach Europa ist für ihn kein Ergebnis hochgradig komplexer Prozesse, sondern einer Verschwörung von daran machtpolitisch interessierten Kreisen; damit handelt es sich aus seiner Sicht um eine Frage von Interessen, Schuld – und in letzter Konsequenz auch Sühne. Dementsprechend konsequent schreibt HENNIG von einer „gezielten, verbrecherischen und scheinbar unaufhaltsam aufwachsenden Überfremdung“, bezeichnet den Vorgang als „Völkermord an den europäischen Völkern“ und „Überfremdung“ als „ein gefährliches Mittel zur Völkervernichtung.“
 
Letztes Ziel der angeblichen Verschwörer sei aber nicht dieser „Völkermord durch Überfremdung“ in Tateinheit mit der angeblich ebenso von ihnen angestrebten „Balkanisierung aller Staaten“. Diese beiden Verschwörungs-„Element[e] dienen – zusammen mit dem angeblich „dritte[n] Element“, der EU – laut HENNIG demnach nur dem Endziel, die Weltherrschaft der angeblichen Verschwörer vorzubereiten und durchzusetzen. „Überfremdung“ soll nämlich nach dieser Logik „eine Mischbevölkerung (…) schaffen, die mangels ausreichender schöpferischer Fähigkeiten leicht (…) zu lenken“ ist. Die „Balkanisierung aller Staaten“ wiederum soll zu einer Staatenwelt führen, die „aus vielen kleinen, für sich kaum lebensfähigen aber gut lenkbaren Einheiten“ besteht.
 
Auch die Konflikte in den Herkunftsgebieten der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, führt HENNIG nicht auf komplexe Prozesse, sondern auf das Wirken der angeblichen Verschwörer zurück:
 
„Diese schaffen in Afrika wie im Nahen- und Mittleren Osten künstlich Konflikte, um einerseits diese Gebiete, der besseren Beherrschbarkeit halber, zu balkanisieren und andererseits, um Flüchtlingsströme zu erzeugen, die dann nach Europa gelenkt werden.“
 
Als Teil der Verschwörung konstruiert HENNIG drei verschiedene Akteursgruppen, die er jedoch in ein klar abgestuftes Hierarchieverhältnis zueinander stellt. Sie tauchen in dem Artikel unter Begriffen wie (3.2) „Hintergrundmächte“, (3.3) „Handlanger“ bzw. (3.4) „Zivilokkupanten“ auf.
 
3.2          Die „Hintergrundmächte“: Eine Wiederauflage der Verschwörungsideologie von der „Jüdischen Weltverschwörung“
 
Diejenigen, die in HENNIGs Realitätswahrnehmung die Verschwörung initiiert haben, um für sich letztlich die Weltherrschaft zu erringen, werden im Artikeltext meist als „Hintergrundmächte“ (einmal auch als „Hintergrundkräfte“) bezeichnet. Sie stehen in HENNIGs Hierarchie an der Spitze der Verschwörergruppen und lenken bzw. befehligen die beiden anderen. HENNIG macht keinen Hehl daraus, wer sich in seinem Weltbild hinter den „Hintergrundmächten“ verbirgt, nämlich das Judentum bzw. genauer: kaum näher benannte jüdische Eliten. An einer Stelle zu Artikelbeginn schreibt er in Form eines historischen Zitats ganz offen von einer „‚jüdische[n] Adelsschicht‘“. Zumindest an dieser Stelle driftet HENNIGs Verschwörungsideologie in den Bereich des Verschwörungsmythos ab: Denn während es das Judentum grundsätzlich gibt, ist die Vorstellung von einer weltweit miteinander agierenden „‚jüdische[n] Adelsschicht‘“ reine Erfindung. Jedenfalls ist der ViB-Artikel „Völkermord durch Überfremdung“ zutiefst und dazu völlig unverhohlen antisemitisch. Das wird nicht zuletzt in der einzigen Passage deutlich, in der HENNIG den Begriff „Hintergrundmächte“ kurz erläutert:
 
„Verantwortlich für die verbrecherische Fehlsteuerung der Bevölkerungspolitik zeichnen natürlich die erwähnten Hintergrundmächte, welche die Weltherrschaft anstreben. Es handelt sich um den politischen Zionismus, bestehend aus einer kleinen Gruppe schwerstreicher Schwerstverbrecher, erfüllt vom religiösen Wahn der Auserwähltheit.“
 
Der hier und auch an anderer Stelle im Artikeltext auftauchende Begriff „Zionismus“ (bzw. auch „Zionisten“, „zionistisch“) darf nicht als Einschränkung und damit Abschwächung des im Artikel zum Ausdruck kommenden Antisemitismus fehlinterpretiert werden. Gegen diese Deutung spricht schon das historische Zitat von der „‚jüdische[n] Adelsschicht‘“. Auch andere Passagen im obigen Zitat sprechen eine eindeutige, wenngleich codierte antisemitische Sprache: So scheint in der Formulierung von der „kleinen Gruppe schwerstreicher Schwerstverbrecher“ das jahrhundertealte antisemitische Stereotyp vom „reichen Juden“ auf. Und in der Formulierung „vom religiösen Wahn der Auserwähltheit“ steckt das antisemitische Stereotyp vom Judentum, das sich unter den Völkern als auserwählt und daher als prädestiniert für die Herrschaft über alle anderen Völker betrachtet.
 
Ansonsten bleiben die „Hintergrundmächte“ im gesamten Artikeltext völlig, fast schon geisterhaft anonym: Es wird kein einziger Name genannt. HENNIG selbst schreibt, dass „die Hintergrundkräfte schwer zu fassen“ seien. Dadurch wird der Eindruck einer unheimlichen, gefährlichen Verschwörung noch verstärkt.
 
3.3          Die „Handlanger“: Die massive Delegitimierung, Diffamierung und Kriminalisierung demokratischer Volksvertreter
 
Die – auch unter dem Hierarchieaspekt – zweite von ihm konstruierte Akteursgruppe innerhalb der Verschwörungsideologie bezeichnet HENNIG wiederholt als „Nutznießer“, wobei dieser Begriff etwas irreführend ist. „Nutznießer“ scheinen die Betreffenden aus HENNIGs Sicht deshalb zu sein, da er offenbar unterstellt, dass sie ihre hochrangigen Positionen den „Hintergrundmächten“ verdanken, womit er ihnen die demokratische Legitimation abspricht. Das wird aber an keiner Stelle des Artikels so offen formuliert. Noch treffender ist jedoch ein Begriff, den HENNIG gegen Ende seines Artikels einmal verwendet: „Handlanger“. Denn er stellt diese angebliche Akteursgruppe als bloße Statthalter, Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfen der „Hintergrundmächte“ hin; letztere seien die „eigentlichen Täter“. Unter den „Handlangern“ (bzw. „Nutznießern“) versteht HENNIG vor allem das politische Führungspersonal westlicher Demokratien. Er nennt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Namen Merkel, Hollande und Cameron, aber auch den aktuellen Papst, an dem er sich besonders intensiv abarbeitet. Die Charakterisierung dieser Akteursgruppe gerät zur massiven moralischen Diffamierung und Kriminalisierung – inklusive unbestimmter Androhungen von Konsequenzen:
 
„Allerdings gehören zum erfolgreichen Spiel immer Zwei, nämlich diejenigen, die es eröffnen – und diejenigen, die es sich gefallen lassen. Unter den Letzteren gibt es eine breite Schicht von Nutznießern, auch ‚Politiker‘ geheißen, die den Zionisten zuarbeiten. Diese sind als Verräter größere Lumpen als die eigentlichen Täter. Bei der Lösung der Probleme können wir schon hier ansetzen. Wir müssen diejenigen namhaft machen und anprangern, welche ihre Ämter dazu mißbrauchen, um beispielsweise die Zuwanderung Raumfremder stetig zu erhöhen, ganz gleich auf welcher politischen Ebene sie wirken. (…) Neben den Systemparteien sind es die Kirchen, die den Schaden an den Völkern noch steigern. (…) Zurück zu den ‚Politikern‘ als Nutznießer des Zionismus. Nach [folgt Name eines anderen Autors] ist es jene angeblich demokratische, international verflochtene Kaste, der die Standesinteressen allemal über das Wohl ihres Volkes gehen. (…) Da die Hintergrundkräfte schwer zu fassen sind, sollten wir uns bis auf Weiteres an deren einheimische Handlanger halten. Hier ist auch passiver Widerstand sinnvoll.“
 
Unter den Verbrechen, die HENNIG u. a. hochrangigen bundesdeutschen Politikern unterstellt, ist Beihilfe zum Völkermord am eigenen Volk das schwerwiegendste. Dieser Vorwurf ist gerade unter Neonazis ganz besonders gravierend, da ein absolut gesetzter, rassistisch definierter Volksbegriff für sie wie schon im historischen Nationalsozialismus („Du bist nichts, Dein Volk ist alles!“) zentraler Gegenstand ideologischer, zuweilen pseudoreligiös anmutender Verehrung ist. Nicht von ungefähr bezeichnet HENNIG die „Nutznießer“ als „größere Lumpen als die eigentlichen Täter“. Denn nach dieser Logik verstoßen die „Handlanger“ als angebliche Volksverräter im Auftrag fremder Verschwörer in exzessivster Weise gegen die Überlebensinteressen des eigenen Volkes, während die angeblichen jüdischen „Hintergrundmächte“ mit ihrem Streben nach Weltherrschaft die eigenen Interessen bis zur allerletzten Konsequenz verfolgen.
 
Vor diesem Hintergrund ist es sehr bedenklich, dass HENNIG dieser Akteursgruppe Konsequenzen androht, wenn auch ohne allzu konkret zu werden: Dieser Text mag an sich kein Aufruf zur Selbstjustiz sein, kann von einem ideologisch fanatisierten Neonazi aber so verstanden werden.
 
3.4          Die „Zivilokkupanten“: Werkzeug und Opfer der „Verschwörung“
 
Die dritte Akteursgruppe der von HENNIG konstruierten Verschwörungsideologie sind eindeutig die nach Europa einwandernden Migranten. Sie tauchen im Artikeltext häufig unter der Bezeichnung „Zivilokkupanten“ auf, einer im harten Kern des deutschsprachigen Rechtsextremismus gängigen Bezeichnung für Einwanderer. An einer Stelle im Artikel schreibt er zudem von „Fremdinvasion“. Nicht zuletzt durch den Gebrauch einer solchen, dem Militärisch-Kriegerischen entlehnten Terminologie stempelt HENNIG den zivilen Zuwanderungsprozess samt seiner komplexen politischen, sozialen und ökonomischen Ursachen zu einem kriegerischen Akt der Aggression und Okkupation; dessen Ursachen verortet er einzig in dem Vernichtungswillen und -handeln der „Hintergrundmächte“ und ihrer „Handlanger“. Flüchtlinge, also Opfer von Verfolgung, Krieg und materieller Not, werden so zu – wenn auch befehlsgebundenen – Tätern erklärt: zu Besatzungssoldaten im Auftrag einer auf Vernichtung u. a. des deutschen Volkes angelegten Verschwörung. Allein dies macht sie in seinen Augen schon zur großen Gefahr. An einer Stelle, wo er die nach Europa strebenden afrikanischen Flüchtlinge als „farbige Flut“ bezeichnet, lässt HENNIG zudem das Bild von Zuwanderung als einer bedrohlichen Umweltkatastrophe durchscheinen, das in dezidiert rechtsextremistischen Kreisen ebenfalls verbreitet ist.
 
Gerade die verschwörungsideologisch motivierte Umdeutung von Flüchtlingen und Asylbewerbern zu Besatzungssoldaten birgt innerlogisch große Gefahren. Denn ideologisch fanatisierte Neonazis, die ohnehin häufig das Selbstverständnis eines „politischen Soldaten“ pflegen, können solche Szenarien leicht dahingehend auffassen, dass sie sich mit einem unerklärten Vernichtungskrieg gegen das deutsche Volk konfrontiert sehen –  in dem physische Angriffe auf Migranten zwar formaljuristisch illegal, aber als militärische Widerstands- und Notwehrhandlungen aufzufassen und daher legitim und sogar geboten sind. Eine Asylbewerberunterkunft oder eine Moschee kann in einer derartig verblendeten ideologischen Weltsicht schnell zur „Kaserne“ voller „Zivilokkupanten“ mutieren, die anzugreifen ein legitimer militärischer Akt ist. Diese Gefahr wird noch dadurch verstärkt, dass HENNIG die Migranten als anonyme „Masse an Zivilokkupanten“ beschreibt, ohne Namen und Einzelschicksale, für die der Leser Mitgefühl entwickeln könnte.
 
Der Hauptgrund, warum HENNIG den „Zustrom von Zivilokkupanten als tödliche Gefahr für Europa“ und selbst bestimmte „innereuropäische Migrantenströme“, u. a. nach Deutschland, „als Bedrohung der angestammten Völker“ einstuft, liegt in seinem entschiedenen Rassismus. HENNIG – wie viele andere deutsche Neonazis auch – treibt die Angst vor „Rassenmischung“ und damit vor dem „Volkstod“ u. a. des deutschen Volkes um: „Die wahnsinnige Vorstellung (…) von einer eurasisch-negroiden Mischrasse in Europa scheint sich zu erfüllen.“ Hinzu kommt, dass HENNIG die Schaffung einer solchen „eurasisch-negroiden Mischrasse“ in Europa nur als Vorbereitungshandlung zur Errichtung einer „jüdischen Weltherrschaft“ interpretiert, eines Zukunftsszenarios, das ihn kaum weniger schreckt. Denn „Mischrasse[n] bzw. „Mischbevölkerungen und Mischlinge“ hätten „mangels ausreichender schöpferischer Fähigkeiten“ einer solchen „Weltherrschaft“ nichts entgegenzusetzen. Die pseudowissenschaftlichen Herleitungen, die HENNIG für seine Thesen anbietet, sind nicht nur unverhohlen rassistisch, sondern könnten bezüglich Inhalt und Wortwahl so schon von Völkischen im Kaiserreich aufgestellt worden sein; sie gehen also auf sehr alte ideologische Traditionsbestände des deutschen Rechtsextremismus zurück:
 
„Über Mischbevölkerungen und Mischlinge gibt es wenig wissenschaftliche Erkenntnisse – was so gewollt ist. Empirisch ist zu unterstellen (…) [,] daß Rassenmischlinge in der Regel überwiegend die jeweils negativen Eigenschaften der Eltern aufweisen. Mischbevölkerungen (…) weisen bekanntlich geringe Fähigkeiten zu Bildung von Staaten im Sinne des vernünftigen Willens des Volkes auf. Hinzu tritt, daß die Zivilokkupanten nicht den erbarmungslosen Ausleseprozess der Evolution durchlaufen haben, der sie befähigt, im Einklang mit Landschaft und Klima zu leben. Es bedarf mindestens 30.000 Jahre, bis aus einer Mischrasse eine homogene, mit der Umwelt verträgliche neue Rasse entsteht.“
 
In der von HENNIG behaupteten Verschwörungsideologie sind die „Zivilokkupanten“ auch hierarchisch die eindeutig dritte Akteursgruppe. Eigentlich kann in diesem Fall aber gar nicht von Akteuren gesprochen werden: Denn HENNIG zählt die „Zivilokkupanten“ ausdrücklich nicht zu den Urhebern („Hintergrundmächten“) oder den Profiteuren („Nutznießern“) der Verschwörung, sondern sieht sie vielmehr als passive Werkzeuge, als Dispositionsmasse und unmündige Erfüllungsgehilfen, wenn nicht sogar als entwurzelte Opfer in den Händen der „wahren“ Verschwörer. Dass HENNIG den „Zivilokkupanten“ in einem gewissen Maße sogar einen Opferstatus zuschreibt, geht schon aus der oben zitierten Artikelpassage hervor, wonach die eigentlichen Verschwörer „in Afrika wie im Nahen- und Mittleren Osten künstlich Konflikte“ schaffen, „um einerseits diese Gebiete, der besseren Beherrschbarkeit halber, zu balkanisieren und andererseits, um Flüchtlingsströme zu erzeugen, die dann nach Europa gelenkt werden.“ An anderer Stelle behauptet HENNIG, dass „die Aufnahme von raumfremden Flüchtlingen in Europa weder den Flüchtlingen noch den Europäern Vorteile“ bringe. Die Probleme der Migranten könnten nicht in Europa, sondern nur in ihren Herkunftsländern gelöst werden. Er befürwortet sogar, zur Verhinderung weiterer Zuwanderung nach Europa „die Herkunftsländer der Migranten nach Möglichkeit zu befriedigen und zu sanieren.“
 
Dass sich HENNIG letztlich aber natürlich nicht als mitfühlender Sachwalter migrantischer oder ausländischer Interessen sieht, wird überdeutlich, wenn man sich die übrigen Maßnahmen vor Augen führt, die er zur Verhinderung bzw. Rückgängigmachung der von ihm abgelehnten Zuwanderung nach Europa befürwortet. Sie bilden den gesamten diesbezüglichen rechtsextremistischen Forderungskatalog ab: So müsse weitere Zuwanderung „mit entsprechender polizeilicher und notfalls militärischer Gewalt aufgehalten“ werden. Das Schengen-Abkommen sei „aufzuheben und die Selbstherrschaft der europäischen Völker in einem ‚Europa der Vaterländer‘ – besser ‚Europäische Eidgenossenschaft‘ wieder herzustellen.“ Beim Schlagwort von der „Europäischen Eidgenossenschaft“ handelt es sich um eine neonazistische Utopie, die nicht zuletzt als „Alternative zur EU“ (die HENNIG bekanntlich zu den Verschwörungs-„Element[en] zählt) in der neonazistischen Szene kursiert. „Die bereits in Europa angekommene Masse an Zivilokkupanten“ will HENNIG vertreiben lassen. Dazu seien im Vorfeld
 
„sämtliche Arbeitsverträge mit Ausländern binnen eines Jahres zu kündigen. Gleichzeitig wären alle Sozialleistungen für Migranten zu streichen und deren Aufenthaltserlaubnis (mit Ausnahme von Diplomaten, Touristen, Studenten und Handelsreisenden) zu löschen. Ausländer, die nach Ablauf einer gesetzten Frist ohne Aufenthaltserlaubnis angetroffen werden, wären Fälle für Polizei und Justiz.“
 
4.    Fazit
 
Das potenziell Gefährliche an diesem ViB-Artikel – und zahlreichen in dieselbe Richtung gehenden neonazistischen Texten, für die er nur stellvertretend steht – liegt darin, dass er drei althergebrachte, zentrale rechtsextremistische Feindbilder erneut aufgreift und mit massiven Vorwürfen unterfüttert. Teils legt der Text Gedanken an eine Gewaltanwendung gegen Vertreter dieser drei Feindbildgruppen zumindest nahe:
 
1.             Das Feindbild „Judentum“: Im Kern handelt es sich bei dem Artikel „Völkermord durch Überfremdung“ um eine Wiederauflage der antisemitischen Verschwörungsideologie von der „Jüdischen Weltverschwörung“. Das Verbrechen, das der Artikel den Juden bzw. angeblichen, kaum näher benannten jüdischen Eliten unterstellt (nämlich nicht nur eine Weltherrschaft anzustreben, sondern zur Erreichung dieses Zieles mehrfachen Völkermord auf dem Wege der „Rassenmischung“ gezielt zu initiieren) ist aus neonazistischer Perspektive eigentlich todeswürdig. Dass HENNIG in seinem Artikel keine Forderung nach einer – wie auch immer gearteten – Bestrafung dieser jüdischen „Hintergrundmächte“ direkt erhebt oder andeutet, dürfte allein daran liegen, dass er diese offenbar für zu mächtig und damit zumindest aktuell und in absehbarer Zukunft für unantastbar hält.
 
2.             Das Feindbild „Politische Eliten“: Der Artikel delegitimiert, diffamiert und kriminalisiert aktuelle politische Eliten, darunter nicht zuletzt demokratisch legitimierte Volksvertreter, massiv und teils mit konkreten Namensnennungen: Er stellt sie als „Nutznießer“ und „Handlanger“ jener „Hintergrundmächte“ und somit als „Verräter“ hin, die sich der Beihilfe zum mehrfachen Völkermord – teils sogar am eigenen Volk – schuldig machen. Anders als den jüdischen „Hintergrundmächten“ droht er diesen „Handlangern“ Konsequenzen an, ohne jedoch allzu konkret zu werden. Dieser Text mag daher an sich kein direkter Aufruf zur physischen Bestrafung von Vertretern dieser Eliten sein, kann von einem ideologisch fanatisierten Neonazi aber so verstanden werden.
 
3.             Das Feindbild „Migranten“: Zwar gesteht HENNIG den Migranten einen gewissen Opferstatus zu, da er behauptet, dass sie in ihren Heimatländern auch zu Opfern verschwörerischer Umtriebe würden und ihre Probleme durch eine Flucht nach Europa nicht gelöst würden. Gleichzeitig stellt er sie aber als Werkzeuge der angeblichen Verschwörer dar, nämlich als Besatzungssoldaten im Auftrag einer auf Vernichtung u. a. des deutschen Volkes angelegten Verschwörung. Dadurch rechtfertigt er Gewalt gegen Migranten zumindest indirekt als legitimen militärischen Widerstands- und Notwehrakt.