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„Staatlicher Kinderklau“? KVPM wird wieder aktiv

Scientology-Organisation     8 | 2015

Die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM), eine Unterorganisation der „Scientology-Organisation“ (SO), wendet sich aktuell mit Briefen an die Landesverwaltung von Baden-Württemberg. Dabei kritisiert sie scharf die Tätigkeit von Psychiatern, Psychologen und der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe. Allerdings geht es der KVPM von jeher nicht um eine sachliche Auseinandersetzung oder um eine differenzierte Betrachtung der Themen Psychiatrie und Psychologie. Die Vereinigung hetzt pauschal gegen diese Berufsgruppen, um Stimmung gegen sie zu machen und um für Scientology-Positionen zu werben.

Aktuelle Aktion der KVPM
 
Die KVPM Deutschland wendet sich derzeit mit einem Anschreiben an die Verwaltung des Landes Baden-Württemberg. Darin greift sie einmal mehr die Arbeit von Psychiatern und Psychologen an und wirft ihnen unter anderem eine „Infiltrierung“ staatlicher Institutionen vor. Dabei zielt die KVPM besonders auf Kinder- und familienpsychologische bzw. -psychiatrische Gutachter sowie auf die Arbeit der Jugendhilfe und behauptet einen „staatlichen Kinderklau“. Gemeint ist hier die Inobhutnahme von Kindern bei Gefährdung des Kindeswohls. Hauptvorwurf der KVPM ist nicht etwa eine Untätigkeit der Institutionen, sondern deren angeblich ungerechtfertigtes Einschreiten.
 
Hintergrund
 
Die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“, gegründet 1969, agitiert seit langer Zeit heftig gegen den Berufsstand der Psychiater und Psychologen. In Baden-Württemberg betreibt sie Büros in Stuttgart und Karlsruhe. Die KVPM-Bundesleitung hat ihren Sitz in München. Größere Kampagnen dürften von der in den USA ansässigen KVPM-Mutterorganisation „Citizens Commission on Human Rights“ (CCHR) koordiniert werden. In anderen europäischen Staaten tritt die KVPM teilweise mit abweichenden Bezeichnungen wie „Bürgerkommission für Menschenrechte“ auf.
 
Bewertung
 
Es fällt auf, dass sich die KVPM aktuell nicht nur auf die Arbeit von Kinder- und Jugendpsychiatern, sondern auch auf die Tätigkeit der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe einschießt. Im Januar 2015 rief der gewaltsame Tod eines Kindes in Lenzkirch/Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald großes Aufsehen hervor; der Fall bewegt bis heute die Öffentlichkeit. Womöglich glaubt die KVPM, mit diesem Thema jetzt erhöhte Aufmerksamkeit gewinnen zu können – insbesondere durch Kampagnen und durch Briefe an Politiker.
 
Nach außen behauptet die KVPM ein Eintreten für Menschenrechte. Interne Direktiven offenbaren aber, dass es vor allem darum geht, die SO medienwirksam als vermeintliche Verfechterin von Bürgerrechten in Szene zu setzen, Konfliktsituationen öffentlich auszuschlachten und im Einzelfall auch einen Anlass für eine Strafanzeige gegen einen Arzt zu finden. Auf diese Weise will sie sowohl Ärzte als auch kranke Menschen verunsichern. Durchdachte Konzepte, etwa in Form einer Alternative für bestehende psychotherapeutische bzw. psychiatrische Behandlungsmöglichkeiten, werden dagegen nicht erkennbar.
 
Darüber hinaus erweckt die Propaganda der SO unterschwellig den Eindruck, in Deutschland stehe die Rechtsstaatlichkeit infrage. Psychiater stünden nicht „unter dem Gesetz“; in Deutschland würden schwere Menschenrechtsverletzungen toleriert. Innerhalb von Scientology wird diese Agitation noch verschärft. Die Organisation propagiert zum Beispiel die „globale Auslöschung“ der Psychiatrie und verunglimpft Psychiater als „kriminellen Berufsstand“.
 
All das steht in Zusammenhang mit verschwörungstheoretischen Ideen der SO, aus denen diese einen politischen Alleinvertretungsanspruch ableitet. Zu den Kernaussagen gehört, dass die Gesellschaft geisteskrank („aberriert“) sei, sich stetig im Niedergang befinde und nur durch Scientology als allein funktionierendes System gerettet werden könne. Die Gesellschaft werde von wenigen Personen aus der Hochfinanz beherrscht, welche die Psychiatrie benutzten, um die Bevölkerung durch „Psychodrogen“ zu kontrollieren.
Ähnliches gilt für das scientologische Geschichtsbild. In Bezug auf das „Dritte Reich“ gelten Psychiater als „die Männer hinter Hitler“. Ob Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Zwangspsychiatrisierung in der früheren Sowjetunion oder Verbrechen während des Kosovokriegs in den 1990er Jahren – immer wieder erscheinen in der Weltsicht der SO die Psychiater als vermeintlich geheime Drahtzieher und als Berufsstand, der sich scheinbar kollektiv dem Bösen verschrieben hat. Dabei wirft die KVPM mitunter auch die Fakten durcheinander, indem sie etwa Verhaltensforschung kurzerhand der von ihr verpönten Psychiatrie zuordnet.
 
Als langfristiges Ziel will die SO mit Hilfe der KVPM offenkundig Psychiatrie und Psychologie diskreditieren, die Gesetzgebung beeinflussen und möglichst Scientology-Konzepte unter anderem in den Schulen, im Jugendhilfebereich und im Gesundheitswesen verbreiten. So will sie ihrem Ziel einer scientologischen Gesellschaftsordnung („Neue Zivilisation“) ein großes Stück näherkommen.
 
Berichten zufolge suchen KVPM-Aktivisten mitunter auch den persönlichen Kontakt zu psychisch Erkrankten. Für diese Menschen könnten im Einzelfall gesundheitliche Risiken entstehen, falls sie z. B. dahingehend beeinflusst werden sollten, eine medizinische Behandlung abzubrechen oder ein erforderliches Medikament abzusetzen.
 
Vor der KVPM muss daher gewarnt werden.