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„Ideale Org“ Stuttgart: Die sprichwörtlich „letzte Patrone“ von Scientology?

Scientology-Organisation     3 | 2013

Seit etwa einem Jahrzehnt betreibt das Management der „Scientology-Organisation“ (SO) das Projekt zur Schaffung eines neuen, repräsentativen Zentrums („Ideale Org“) in Stuttgart. Falls dieses Projekt, in das viele Mitglieder übergroße Erwartungen setzen, zum „Flop“ werden sollte, könnte ausgerechnet die Eröffnung einer neuen Repräsentanz den Anfang des Niedergangs der SO in Baden-Württemberg markieren.

Scientology versteht unter „Idealen Orgs“ neue „strategische“ Repräsentanzen in politisch oder wirtschaftlich bedeutenden Städten. Diese dienen wirtschaftlichen Zwecken und als Aushängeschilder, sind aber auch Ausdruck politischer Ziele, weil die SO von diesen Zentren aus Einfluss auf die Politik gewinnen will. Hierfür investiert sie weltweit hohe Geldbeträge in Immobilien.

Auch in Stuttgart soll wegen der wirtschaftlichen Bedeutung Baden-Württembergs eine „Ideale Org“ entstehen. Die Propaganda verspricht eine „neue Ära für Scientology in Baden-Württemberg und eine massive Expansion und Mitgliedergewinnung. Mittlerweile betreibt die SO das Projekt seit rund einem Jahrzehnt. Funktionäre sollen seitdem bis zu sieben Millionen Euro Spenden bei der Basis der Stuttgarter SO eingetrieben haben. Dabei gingen Funktionäre in der Vergangenheit mitunter mit rüden Methoden vor, etwa indem einzelne Scientologen unter starken Druck gesetzt wurden. Viele Mitglieder im Raum Stuttgart sollen hohe Beträge gespendet haben und auch deswegen finanziell ausgeblutet sein.

Viele Anhänger an der Basis verknüpfen nach jahrelangen Spendenkampagnen und unter dem Einfluss der scientologischen Propaganda eine „Ideale Org“ offensichtlich mit überzogenen Hoffnungen. Bildlich gesprochen herrscht die Erwartung vor, dass sich nach der Eröffnung der neuen Repräsentanz gleichsam die Schleusen für eine Expansion öffnen, die Menschen in die „Ideale Org“ strömen und den Scientologen  die Dianetik-Bücher sozusagen aus den Händen reißen. Allerdings besteht diese Vorstellung so wohl nur bei Scientology.

Die übersteigerte Erwartungshaltung wird durch die Geheimniskrämerei zusätzlich angeheizt, mit der das SO-Management das Projekt nach außen und gegenüber der eigenen Basis vorantreibt. Dem Stuttgarter Scientology-Verein wurde die Verantwortung für das Projekt anscheinend weitgehend entzogen. SO-Funktionäre haben seit Jahren immer wieder eine baldige Verwirklichung der „Idealen Org“ in Stuttgart in Aussicht gestellt. Mehrfach verstrichen jedoch gesetzte Termine ohne Angabe von Gründen. Das Management glaubt wohl, mit einer Art Überraschungscoup vermeintliche Stärke und Erfolg demonstrieren zu können. Nüchtern betrachtet ist aber allein die Eröffnung eines neuen Gebäudes kaum dazu geeignet, die Probleme der SO zu lösen.

 

Misserfolg möglich

Die „Ideale-Org“-Kampagne kann für Scientology sogar zum Bumerang werden, falls die neuen Repräsentanzen sich zum „Flop“ entwickeln. Hierfür gibt es bereits Beispiele: Im Jahr 2007 eröffnete die SO in Berlin die erste „Ideale Org“ in Deutschland. Scientology soll damals in Berlin laut einem Aussteiger etwa 350 Mitglieder gehabt haben, was bereits hoch gegriffen erscheint. Das „Feld“, wie die Scientologen das eigene Milieu nennen, war in Berlin nie so groß wie etwa in Stuttgart oder Hamburg. Die Berliner SO erhielt für ihre „Ideale Org“ aus Regionen wie Baden-Württemberg sogar personelle Verstärkung. Sechs Jahre später kann in Berlin ein für Scientology in Deutschland beinahe beispiellos anmutender Niedergang beobachtet werden: Das Berliner „Feld“ hat sich im Vergleich zu 2007 in etwa halbiert. Nach Berichten von Aussteigern, die teilweise im Internet veröffentlicht wurden, haben sich Enttäuschung und Frustration breit gemacht.

Auch bei Scientology in Hamburg soll gut ein Jahr nach Eröffnung der zweiten deutschen „Idealen Org“ Ernüchterung eingekehrt sein. Der Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen konnte bislang nicht gestoppt werden. Seit Ende der 1990er Jahre hat die SO in Hamburg mehr als 40 Prozent der Mitglieder verloren und verfügt dort momentan noch über etwa 550 Anhänger (auch in Baden-Württemberg ist ein Rückgang feststellbar, wenn auch bislang nicht so gravierend; die Anhängerschaft ging innerhalb eines Jahrzehnts um etwa 25 Prozent von 1.200 auf rund 900 zurück). Die Aussteiger wenden sich entweder ganz von der Scientology-Lehre ab oder wechseln zu Abspaltungen, die in Konkurrenz zur SO stehen und dem SO-Management vorwerfen, Scientology stehe nicht mehr für das, was der Gründer L. Ron HUBBARD einst gewollt habe.

 

Überzogene Erwartungen

Diese Entwicklung hängt nicht zuletzt auch mit den großen Erwartungen zusammen, mit denen das Projekt „Ideale Org“ in Scientology befrachtet – um nicht zu sagen: überfrachtet – wird. Dadurch sind Enttäuschungen beinahe vorprogrammiert. Wenn nach so vielen Jahren des Wartens, der Erwartung und der finanziellen Opfer erneut der seit so langer Zeit versprochene Erfolg ausbleibt, können Hoffnung und Zuversicht endgültig zusammenbrechen und die Mitglieder sich getäuscht fühlen.

Zudem werden durch die ausbleibende Expansion andere Versprechen des SO-Managements in unerfüllbare Ferne gerückt, mit denen viele Scientologen immer wieder vertröstet worden sind. Hierzu gehört etwa die Verheißung, die (chronisch unterbezahlten) Mitarbeiter würden bei einer großen Expansion ihrer „Orgs“ durch ein besonderes Team, „Universe Corps“ genannt, exklusiv Auditing [[„Ideale Org Rundschreiben Stuttgart“, Ausgabe 1/2010, S. 1] erhalten, um die höchsten Stufen als „Operating Thetan“ (OT) zu erlangen – die sich viele Scientology-Mitarbeiter sonst finanziell wohl nie leisten könnten. Die „OT-Stufen“ sind kostenträchtige Sitzungen, mit denen Scientology völlige geistige Freiheit und übermenschliche Fähigkeiten verspricht. Ohne massive Expansion gibt es jedoch kein exklusives Auditing für Mitarbeiter – ob das „Universe Corps“ überhaupt existiert, mag dabei dahingestellt bleiben. Ferner wurde schon vor 20 Jahren eine Freigabe der neuen „OT-Stufen“ IX und X mit der Bedingung verknüpft, dass alle „Orgs“ besonders erfolgreich sein und expandieren müssten. Abgesehen von dem fehlenden logischen Zusammenhang warten viele Scientologen, die bereits höchste Grade in der SO erlangt haben, bis heute auf die Freigabe von „OT IX“ und „OT X“. Falls das Management diese willkürlich wirkende Bedingung nicht ändern sollte, dürfte die Herausgabe der neuen „OT-Stufen“ wohl niemals erfolgen. Manche SO-Kritiker argwöhnen gar, diese existierten überhaupt nicht.

Auch aus dem Scientology-Stammland USA wird über sinkende Mitgliederzahlen berichtet. Zudem heißt es inzwischen, nicht wenige Scientologen seien dort unzufrieden und tief frustriert angesichts der Richtung, die die SO unter David MISCAVIGE eingeschlagen habe. Die ursprüngliche Motivation für viele Mitglieder sei das scientologische Kurssystem gewesen, so kostenträchtig es auch sei. MISCAVIGE aber habe den Fokus immer weiter auf Spendenkampagnen für unnötige Immobilien und die Finanzierung des Verteidigungs- und Angriffsfonds der SO verschoben [„Auditing“ ist die zentrale Psychotechnik der SO zur Persönlichkeitsveränderung des Menschen]. Der Erfahrung nach setzen sich solche Entwicklungen zeitlich versetzt oft in Europa fort.

All diese Fragwürdigkeiten werden innerhalb der Organisation derzeit vom Aktionismus und der Propaganda für die „Ideale Org“-Kampagne überlagert. Doch nach der Eröffnung einer „Idealen Org“ dürfte für ihren jeweiligen Mitgliederstamm  irgendwann der Moment der Wahrheit kommen. Spätestens, wenn die anfängliche Aufbruchsstimmung abebbt und die Hoffnungen auf die große Expansion abermals enttäuscht werden. In diesem Licht wirkt die „Ideale-Org“-Kampagne beinahe wie die sprichwörtliche „letzte Patrone“. Bleibt auch sie wirkungslos, kann mit einem weiteren Rückgang bei den Mitgliederzahlen, zunehmenden Ermüdungserscheinungen, Resignation und einer absackenden Motivation durchaus gerechnet werden.

Insofern könnte eine aufwendig aufgezogene „Jubelfeier“ für eine neue Repräsentanz in Stuttgart tatsächlich den Anfang des Niedergangs von Scientology in Baden-Württemberg markieren.