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Wölfe und Halbmonde: Die Symbolik der „Ülkücü-Bewegung“

Ausländerextremismus     9 | 2015

Um ihre Gesinnung öffentlich zu zeigen, bedienen sich Anhänger der türkischen rechtsextremistischen „Ülkücü-Bewegung“ („Bewegung der Idealisten“) einer bestimmten Symbolik – die ihren Ursprung in einem anderen Kontext hat. Im Folgenden sollen die Instrumentalisierung der Symbole „Grauer Wolf“, „Wolfsgruß“ und „Drei Halbmonde“ und ihre Bedeutung für die Bewegung verdeutlicht werden.

Wie alle Symbole dienen auch Symbole politischer Bewegungen nach außen dem schnellen Wiedererkennen ihrer Mitglieder und der Abgrenzung zu Nichtmitgliedern. Nach innen wirken Symbole, ähnlich wie Mythen und Rituale, sinn- und identitätsstiftend. Es ist zu beobachten, dass vor allem autoritäre Bewegungen auf eine sinnlich vermittelte kollektive Identität zurückgreifen.

Bei der „Ülkücü-Bewegung“ handelt es sich um eine stark identitätsstiftende Bewegung. Ihre Anhänger idealisieren die türkische Nation in ihrer politischen, territorialen und kulturellen Ausprägung. Hinzu kommt die Betonung islamischer Werte. Die Vorstellung einer Untrennbarkeit von türkisch-nationalen und islamischen Bestandteilen wird als „Türkisch-Islamische Synthese“ bezeichnet [Vgl. hierzu Ünal Bilir: „Der Türkische Islam als politisches und religiöses Weltbild in seinem historischen Kontext von der II. Mesrutiyyet-Periode bis zur Gegenwart“, Hamburg 2004, S. 41–71 und Kemal Bozay: „Selbstethnisierung als Barriere zur gesellschaftlichen Partizipation. Die Leitkultur der Grauen Wölfe (Bozkurt). Eine Aufklärungsschrift“, Köln 2007, S. 8–9]. Die „Ülkücü-Bewegung“ gilt als rechtsextremistisch, da sie einen übersteigerten Nationalismus propagiert. Ihre Anhänger glorifizieren nicht nur die eigene Nation, sondern betrachten sich als anderen Nationen überlegen und würdigen diese herab. Diese Grundüberzeugung der Idealisten kommt auch in ihrer Auswahl der Symbole sowie deren Interpretation zum Ausdruck.

  1. Der „Graue Wolf“ („Bozkurt“)

Der Wolf ist bzw. war für unterschiedliche türkische Gesellschaften ursprünglich ein Totem [Als „Totem“ wird ein Wesen oder Ding (Tier, Pflanze, Naturerscheinung) bezeichnet, das als Ahne oder Verwandter eines Menschen, eines Clans oder einer sozialen Gruppe gilt. Es wird als zauberischer Helfer verehrt und darf nicht getötet oder verletzt werden] und spielt in der alttürkischen Mythologie eine zentrale Rolle. Je nach Überlieferung handelt es sich – vereinfacht formuliert – um einen männlichen Wolf („Bozkurt“) oder um eine Wölfin („Asena“). Zum einen existiert der Mythos von einem blaugrauen Wolf, der das urtürkische Volk der Göktürken aus einem Tal namens Ergenekon in die Welt hinausgeführt haben soll; zum anderen wird von einem kleinen Jungen erzählt, der als einziger Überlebender seines Stammes von einer Wölfin aufgezogen wurde [Vgl. Bundeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (Hrsg.): „Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft. Exjugoslawien, Russlanddeutsche, Türken, Polen“, Berlin 2010, S. 52].

Die „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e. V.“ (ADÜTDF), der nach aktuellem Kenntnisstand zahlenmäßig stärkste Block innerhalb der bundesweiten „Ülkücü“-Szene, bezeichnet den „Grauen Wolf“ unkorrekterweise hartnäckig als nationales Symbol der Türken, vergleichbar mit dem deutschen Bundesadler. Dies wird unter anderem in folgender Stellungnahme des derzeitigen ADÜTDF-Vorsitzenden Sentürk DOGRUYOL vom 29. Mai 2015 deutlich:

 „Hierbei spielte das nationale Symbol ‚Graue Wolf‘ eine wichtige Rolle in Atatürks [„Atatürk“ („Vater der Türken“) ist der Nachname des Gründer der türkischen Republik Mustafa Kemal Pascha (1881–1938), den dieser von der Nationalversammlung mit dem Gesetz Nr. 2587 vom 24. November 1934 erhielt und der seitdem unter gesetzlichem Schutz steht] Leben. Zum Beispiel wurde der Graue Wolf zu Zeiten Atatürks auf Geldscheinen, Briefmarken, Zigarettenschatel gedruckt und als Portraits in verschiedenen Ministerien aufgehangen. Auch im privaten nutzte Atatürk die Abbildungen und Skulpturen vom Grauen Wolf.“

Da der Staatsgründer Kemal Atatürk innerhalb der türkischen Gesellschaft einen besonderen Status genießt und so gut wie nicht kritisierbar ist, ist der Verweis auf ihn ein leicht durchschaubarer Legitimationsversuch. 

In derselben Stellungnahme schreibt DOGRUYOL weiter:

„Die Begründung für die Benutzung des ‚Grauen Wolfs‘ ist in der türkischen Mythologie, Geschichte und in der türkischen Literatur eine wichtige führende Figur. Verschiedene Turkvölker nutzen heute den „Grauen Wolf“ als Präsenz. Beispiel hierfür sind die Gagausien. Bei den Gagausien handelt es sich um christliche Türken.“

Wie bereits erwähnt hat der „Graue Wolf“ für verschiedene türkische Gesellschaften in der Tat eine Bedeutung als Symboltier bzw. Totem. Entscheidend ist jedoch, welche Bedeutung er ab den 1960er Jahren unter der „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP) in der Türkei erlangte und wie er von der heutigen „Ülkücü-Bewegung“ wahrgenommen und interpretiert wird. So war der „Graue Wolf“ das Symbol der 1968 entstandenen, paramilitärisch ausgebildeten Jugendorganisation der MHP. Innerhalb der heutigen „Ülkücü“-Szene wird daher nach wie vor der junge, männliche Anhänger als „Bozkurt“ bezeichnet. Die junge, weibliche Anhängerin trägt in Anlehnung an die zweite überlieferte Legende die Bezeichnung „Asena“. Entsprechend heißen die Mädchengruppen in den Mitgliedsvereinen der ADÜTDF in der Regel auch „Asenalar“ („die Asenas“). 

Auf den vielen Internetseiten, die der „Ülkücü-Bewegung“ zugeordnet werden können, wird der „Graue Wolf“ stets als Symbol für Stärke, Macht und Überlegenheit dargestellt – nicht selten wirkt er aggressiv bis angsteinflößend. Der Sozialwissenschaftler Emre Arslan kommt daher zu dem Schluss, dass mittlerweile nicht der heilige Charakter des Wolfs der relevante Schlüsselpunkt ist, sondern seine Macht, die türkische Nation zu symbolisieren: „Heutzutage ist die Form bzw. Symbolik des Wolfes wichtiger als seine wirkliche Existenz.“[ Emre Arslan: „Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum. Türkische Graue Wölfe in Deutschland“, Wiesbaden 2009, S. 95].

  1. Der „Wolfsgruß“ („Bozkurt Isareti“)

Aufgrund der Verwendung des „Grauen Wolfs“ als Symbol für die eigene politische Überzeugung verbreitete sich unter den MHP-Anhängern der „Wolfsgruß“. Dieser wird vorwiegend mit den Fingern der rechten Hand geformt und dient den Idealisten als Begrüßungs- wie auch als Erkennungszeichen. Er wird bereits kleinen Kindern beigebracht bzw. von ihnen nachgeahmt, ohne dass ihnen die Bedeutung dieses Symbols bewusst wäre. Einfach zu erlernende Gesten wie diese produzieren nach innen schnell ein Wir-Gefühl und demonstrieren nach außen Geschlossenheit.

Laut einer im Internet kursierenden Überlieferung soll der Gründer der MHP, Alparslan TÜRKES (1917–1997), auf die Frage nach der Bedeutung des „Wolfsgrußes“ geantwortet haben:

„Schau her, der kleine Finger symbolisiert den Türken, der Zeigefinger den Islam. Der beim Wolfsgruß entstehende Ring symbolisiert die Welt. Der Punkt, an dem sich die restlichen drei Finger verbinden ist ein Stempel. Das bedeutet: Wir werden den Türkisch-Islamischen Stempel der Welt aufdrücken.“ [Übersetzung des türkischen Originals durch das LfV].

Der „Wolfsgruß“ wird auch zur Provokation des politischen Gegners eingesetzt, beispielsweise bei Demonstrationszügen von Anhängern der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK). Der Mythos des „Grauen Wolfs“ wird somit für aktuell politische Vorgänge instrumentalisiert [Vgl. Emre Arslan, S. 96]. 

  1. Die Drei Halbmonde („Üc Hilal“)

Die Symbolik der Drei Halbmonde hat ihren Ursprung im Osmanischen Reich. Eine von dessen Kriegsflaggen zeigte auf grünem Hintergrund – der Farbe des Islam – die Drei Halbmonde. Diese standen für die drei Kontinente Asien, Afrika und Europa, auf denen sich der Islam durch das Osmanische Reich verbreitet hatte.

Die Drei Halbmonde auf rotem Grund sind das Parteilogo der MHP, der „Mutterpartei“ der größten in Deutschland aktiven „Ülkücü“-Organisation ADÜTDF. Damit signalisiert die MHP ihre Verbundenheit mit dem Osmanischen Reich; gleichzeitig handelt es sich um eine Glorifizierung der türkischen Vergangenheit. Arslan schreibt hierzu: 

„Unabhängig davon, welche Werte die Drei Halbmonde darstellen, verbinden die Ülkücüs diese Symbolik immer mit dem Osmanischen Reich, das eine große Macht und die islamische Weltanschauung offenbart. (…) Nach Meinung von Ultranationalisten und Ultrakonservativen repräsentiert das Osmanische System das beste und konstanteste System für die ganze Welt. Es wird immer wieder betont, dass unter der Verwaltung des Osmanischen Reichs auf den drei Kontinenten Frieden und Wohlstand herrschte.“ [Vgl. Ebd., S. 109–110].

Laut einer „Ülkücü“-Internetseite stehen die Drei Halbmonde für:

  • die „Türkische Einheit“ aller Turkvölker in einem fiktiven Land namens Turan unter dem Motto „Ein Vaterland, ein Staat, eine Nation“;
  • die „Islamische Einheit“, die sich darin äußert, dass sich auch nicht-türkische muslimische Völker dem „Großturan“ anschließen und so eine „Türkisch Islamische Einheit“ geschaffen wird;
  • die „Türkische Weltherrschaft“, die mit einer globalen Islamisierung einhergeht.

Die Instrumentalisierung der Drei Halbmonde als Ausdruck eines stark ausgeprägten Überlegenheitsgefühls ist vor allem bei jugendlichen Anhängern der Ülkücü-Bewegung sichtbar. Sie sprühen das „cCc“ auf Häuserwände, tragen es als Kettenanhänger und Ringe oder lassen es sich auf den Körper tätowieren.