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Was wird aus dem Scientology-Investitionsprojekt in Stuttgart?

Scientology       4 | 2016

Unbemerkt von der Öffentlichkeit erwarb vor mehr als fünf Jahren eine Firma aus Tel Aviv/Israel für acht Millionen Euro eine Immobilie in Stuttgart. Bei dem Gebäude handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um das geplante künftige Zentrum der „Scientology-Organisation“ (SO). Eine Fernsehreportage des Südwestrundfunks berichtete vor kurzem über die Hintergründe des Immobiliengeschäfts, hinter dem ein krimineller Rechtsanwalt stand. Inzwischen lassen es der jahrelange Leerstand und Beispiele aus anderen Staaten fraglich erscheinen, ob das Projekt jemals realisiert wird. 

Verdeckter Gebäudekauf in Stuttgart
 
Am 17. Februar 2016 strahlte der SWR die Dokumentation „Scientology – die neue Offensive“ aus. Der Film nahm vor allem die Organisation in Baden-Württemberg und ihre Ambitionen, auch in Stuttgart ein neues Zentrum („Ideale Org“) zu eröffnen, in den Fokus. In diesem Zusammenhang berichteten die Journalisten über die Hintergründe eines verdeckten Immobilienerwerbs in Stuttgart.
 
Im Jahr 2010 hatte eine israelische Firma durch einen „Strohmann“ für acht Millionen Euro eine Immobilie in der Heilbronner Straße in der Mitte Stuttgarts erworben. Hinter der Firma stand ein Rechtsanwalt aus Tel Aviv/Israel. Was bei dem Erwerb nicht bekannt war: Zeitnah war er auch mit der Etablierung des dortigen neuen SO-Zentrums betraut, das im Jahr 2009 gekauft worden war und 2012 eröffnet wurde. Später kam ans Licht, dass der Anwalt Kontakte zum organisierten Verbrechen pflegte: Er hatte Mord- und Brandanschläge in Auftrag gegeben. Laut Medienberichten verurteilte ihn ein Gericht in Tel Aviv im Jahr 2014 deshalb zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe. Die SO bestritt nach Bekanntwerden, von den Straftaten gewusst zu haben.
 
Vor der Verurteilung gab es bei der erwähnten Firma in Tel Aviv einen Besitzerwechsel: Neue Besitzerin – und damit zuständig für die Stuttgarter Immobilie – wurde nunmehr eine andere israelische Anwaltskanzlei. Berichten zufolge soll diese die SO in Israel in der Vergangenheit juristisch vertreten haben.
 
Der aktuelle Sachstand
 
Die SO hat den Erwerb der Stuttgarter Immobilie bis heute nicht offiziell bestätigt, aber auch nie wirklich abgestritten. Stellungnahmen und vermeintliche Dementi hierzu wirkten eher halbherzig. Die Basis der Stuttgarter Scientologen hat die Immobilie zu einem wesentlichen Teil durch Spenden finanziert und soll erst aus der Presse die Hintergründe des Geschäfts erfahren haben; dennoch blieb und bleibt sie bei all dem erstaunlich stumm. Zwar soll die Medienberichterstattung intern Unruhe und zumindest vereinzelt Unmut hervorgerufen haben. Lauter Protest blieb aber aus. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die autoritäre SO keine Kritik duldet – erst recht nicht aus den eigenen Reihen.
 
Inzwischen steht die Immobilie seit etwa fünf Jahren leer. Das Objekt wirkt mittlerweile etwas schäbig, es ist außen und – soweit einsehbar – auch innen renovierungsbedürftig. Die Schaufenster des Eckgebäudes sind seit Jahren mit Sichtblenden verklebt. Im Herbst 2014 begannen Arbeitskräfte aus dem Ausland mit Sanierungsarbeiten, die Anfang 2015 wieder unterbrochen wurden. Wie wird es weitergehen?
 
Scientologisches Missmanagement? Beispiele aus dem Ausland
 
Verschiedene Beispiele zeigen auf, dass die SO nicht selten zunächst Gebäude erwirbt, um sie dann jahrelang leerstehen zu lassen. So etwa in den USA: Berichten zufolge sollen Immobilien mitunter Jahre später wieder veräußert und dafür im Einzelfall ein anderes Objekt gekauft worden sein. Es gibt ähnliche Beispiele aus Europa, etwa in Budapest/Ungarn, wo die Mitglieder an der Basis inzwischen seit etwa einem Jahrzehnt auf ihre „Ideale Org“ warten. In Bezug auf das geplante Budapester SO-Zentrum sprechen Beobachter inzwischen von scientologischem Missmanagement und einer sprichwörtlichen Geldverbrennung.
 
Ein weiteres Beispiel hierfür findet sich in Gateshead, einer Stadt mit etwa 190.000 Einwohnern im Nordosten Englands. Dort erwarb ein Scientologe laut Medienberichten im Jahr 2007 für 1,5 Millionen britische Pfund ein historisches Gebäude in zentraler Lage: das „Windmill Hills“ – einst eine Schule und später ein Pflegeheim. Das geplante Scientology-Zentrum stehe seitdem allerdings leer und verfalle zusehends. Im Jahr 2011 habe es in dem viktorianischen Haus gebrannt. Zeitweise hätten sich Hausbesetzer und wohl auch obdachlose und drogenkranke Menschen in dem zunehmend heruntergekommen wirkenden Gebäude einquartiert [„Scientology Gateshead building still empty after seven years“, BBC, 19. August 2014].
 
Gegen solche Berichte setzt die SO ihre eigene, virtuelle „Realität“: Auf einer Internetseite ist die Immobilie in einer Art Computeranimation als prachtvolles Gebäude im Sonnenlicht unter dem Titel „Church of Scientology Northumbria“ abgebildet. So wird der Eindruck erweckt, in Gateshead würde sich ein großes Scientology-Zentrum befinden. Im Begleittext wird von einer geschichtsträchtigen, stolzen Region mit einer „spirituellen Wiederauferstehung“ gesprochen. Letztere lässt jedoch auf sich warten – unterstellt, es sollte damit Scientology gemeint gewesen sein. Weder gibt es dort ein SO-Zentrum, noch leben in dieser Region viele SO-Mitglieder. Eine Volkszählung im Jahr 2011 wies für den Nordosten Englands rund 60 Scientologen aus [ebenda].
 
Insofern wirkt die „Ideale Org“ Gateshead wie ein von Beginn an von Fehleinschätzungen getragenes, überdimensioniertes und zum Scheitern verurteiltes Projekt. Denn auch bei der SO lassen sich Strukturen nicht aus dem Boden stampfen. In der Region fehlt es offenkundig bereits an einem ausreichenden Mitgliederstamm, um einen solchen Gebäudekomplex mit Leben zu erfüllen. Hier ist nicht nur das Bild des sprichwörtlichen potemkinschen Dorfes gerechtfertigt. Die Vorgänge deuten auch auf Managementfehler bis in die Führungsebene der SO hin.
 
Fragen in Bezug auf Scientology in Stuttgart
 
Zwar ist auch die Immobilie in der Heilbronner Straße für die tatsächlichen Bedürfnisse der Stuttgarter Scientologen überdimensioniert. Die Voraussetzungen für die Etablierung einer „Idealen Org“ sind allerdings andere als etwa in Gateshead. Im Einzugsbereich der Stuttgarter SO leben deutlich deutlich mehr SO-Mitglieder – es sind etwa 500, von denen ca. 100 als Mitarbeiter („Staffs“) im Zweischichtbetrieb in der bestehenden Stuttgarter „Org“ tätig sind.
 
Beobachter fragen sich, warum der Stuttgarter SO-Verein, der bis heute alles andere als „ideal“ in einem Gewerbegebiet residiert, nicht längst in die Heilbronner Straße umgezogen ist. Schließlich hätte eine Eröffnung schon vor geraumer Zeit stattfinden können. Die Doppel-Immobilie Heilbronner Straße 67–69 könnte schätzungsweise innerhalb von sechs Monaten saniert und renoviert werden. Eine solche Entscheidung obliegt allerdings nicht dem Stuttgarter Verein, der auch nicht Eigentümer der Immobilie ist. „Ideale-Org“-Projekte werden zentral vom oberen Management in Los Angeles/USA gesteuert.
 
Ein ehemaliger Scientologe mutmaßte bereits im Jahr 2014 nach Bekanntwerden des Standorts, dass die SO-Führung nach dem Misserfolg ihrer neuen Zentren in Berlin (eröffnet 2007) und Hamburg (eröffnet 2012) womöglich gar keine neuen „Idealen Orgs“ mehr in Deutschland favorisiere [„Scientologen zerstritten“, in: Kontext:Wochenzeitung, Ausgabe Nr. 174 vom 30. Juli 2014].
 
Eröffnungen unter PR-Gesichtspunkten
 

Bei der Entscheidung, neue SO-Zentren zu eröffnen, können Gründe eine Rolle spielen, die Außenstehenden aus wirtschaftlicher Sicht sachfremd erscheinen. Bei allem finanziellen Aufwand mag es ungewöhnlich erscheinen, aber wirtschaftliche Erwägungen können bei der Eröffnung einer „Idealen Org“ zunächst nachrangig sein. Natürlich will die SO-Führung in krisensichere Immobilien investieren, viele neue Mitglieder werben, Scientology verbreiten und möglichst viele Dienstleistungen verkaufen. Sie betreibt die Eröffnung neuer Zentren aber auch stark unter PR-Gesichtspunkten: Nach außen und nach innen will sie Präsenz zeigen, beeindrucken, Expansion vorspiegeln und ihren zahlreichen Gegnern signalisieren: Wir sind hier, obwohl ihr uns hier nicht wollt.
 
Es ist daher möglich, dass neue Zentren im In- und Ausland wohldosiert nur nach und nach eröffnet werden, um stetige Expansion zu demonstrieren. Man will im Hinblick auf die öffentliche Wirkung das Pulver sozusagen nicht zu schnell verschießen. Durchaus möglich wäre auch, dass eine Eröffnung in Stuttgart aus PR-Gründen erst erfolgen soll, wenn es in der unmittelbaren Nachbarschaft der Immobilie keine Baustellen mehr gibt. So ließe sich bei späteren Veröffentlichungen optisch der Eindruck einer intakten Umgebung erzeugen.
 
Weitere taktische Überlegungen liegen nahe. Die Suche nach passenden Immobilien für die SO folgt einem bestimmten Schema. Neben der Lage und der Verkehrsanbindung spielt auch eine Rolle, ob sich eine bestimmte Nutzung des Gebäudes in der Vergangenheit negativ auf das Image auswirken könnte.
 
Ein PR-Desaster für Scientology

 
Nach Veröffentlichung des Verfassungsschutzberichts Baden-Württemberg für das Jahr 2013 thematisierten die Medien im Frühsommer 2014 mehrfach den Immobilienerwerb in Stuttgart. Unter anderem berichtete die Kontext:Wochenzeitung ausführlich über den kriminellen Hintergrund des Rechtsanwalts aus Tel Aviv [„Stuttgart verdeckt im Fokus“, in: Kontext:Wochenzeitung, Ausgabe Nr. 172 vom 16. Juli 2014]. Die aktuelle Dokumentation des SWR griff diese Tatsache und die schweren Straftaten des Mannes nunmehr erneut auf. Die Kernaussage: Scientology hat offensichtlich durch einen Kriminellen eine Immobilie in der Mitte der Landeshauptstadt erworben.
 
Dass die SO, wie ihre Vertreter angeben, von den Straftaten des Mannes nichts gewusst hat, mag stimmen. Trotzdem sind die Berichterstattung und der fortdauernde Leerstand einer zunehmend schäbig wirkenden, acht Millionen Euro teuren Immobilie für die Organisation im Grunde ein PR-Desaster. Zumal das SO-Management die Eröffnung wohl als eine Art Überraschungscoup geplant hatte.
 
Insofern wäre durchaus möglich, dass die SO-Führung einfach noch einige Zeit abwarten will, bis sie Instandsetzung und Eröffnung des Gebäudes in Angriff nimmt. Baden-Württemberg ist wegen seiner Wirtschaftskraft ein wichtiger Standort für Scientology. Die SO-Führung wird sich keine Blöße geben und ebenso wenig den Eindruck erwecken wollen, man gebe auf. Das würde – gerade auch angesichts des Widerstands in der Bevölkerung gegen Scientology – auf die Mitglieder an der Basis wie eine Niederlage wirken. Zwar ist keine sichere Prognose möglich. Nach derzeitiger Einschätzung dürfte die Scientology-Führung jedoch ihr Stuttgarter Projekt, wie in Tel Aviv geschehen, irgendwann zum Abschluss bringen.