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Scientology und die „Handhabung“ der Wahrheit

Scientology     6 | 2014

Die „Scientology-Organisation“ (SO) will sich als scheinbar harmlose religiöse Gruppe in Szene setzen, die der Gesellschaft „Sozialprogramme“ und angeblich funktionierende Konzepte zur Lebensführung anbietet. Nur so und mit der Hilfe prominenter Fürsprecher kann sie ihr schlechtes Bild in der Öffentlichkeit verbessern. Das SO-Management will auf diese Weise nicht nur Bürgerinnen und Bürger, Medienvertreter und Politiker, sondern auch die Scientologen an der eigenen Basis zwecks größerer Akzeptanz manipulieren – die scientologische Sprachregelung hierfür lautet „handhaben“. Drei Beispiele zeigen auf, dass Scientology dabei nicht nur einen taktischen Umgang mit der Wahrheit pflegt. Sie scheut auch nicht Täuschungen und Falschbehauptungen.

1. „Gehandhabte“ Gerichtsurteile

Scientology ist klagefreudig. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Ergebnisse von gerichtlichen Verfahren versucht die Organisation mit gezielter Desinformation, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Scientology neigt dazu, für sie günstige Urteile propagandistisch zu überhöhen, ja mitunter in ihrer Bedeutung zu verzerren. Darüber hinaus interpretiert sie selbst einen für sie negativen Verfahrensausgang nach außen nachträglich um. So behauptet die SO auf eigenen Internetseiten nach wie vor, das Bundesarbeitsgericht (BAG) habe eine für sie nachteilige Entscheidung revidiert. Diese Behauptung ist falsch. Das BAG hatte am 22. März1995 rechtskräftig für den Bereich des Arbeitsrechts verneint, dass die Hamburger SO eine Religionsgemeinschaft ist, und hatte ihr auch menschenverachtende Anschauungen und totalitäre Tendenzen bescheinigt(Az.: 5 AZB 21/94).

2. Die „religionswissenschaftliche Studie“

Scientology stellt das Bild einer harmlosen religiösen Gruppe in den Mittelpunkt ihrer PR. Um ihre Behauptungen zu untermauern, führt die Organisation sie bestätigende Gutachten ins Feld, die von neutraler Seite stammen sollen. Allerdings wurde von Kritikern die Neutralität bestimmter Gutachter infrage gestellt und auf Fragwürdigkeiten hingewiesen. Ob Scientology eine Religion ist, mag an dieser Stelle dahin gestellt bleiben. Im Hinblick auf die angebliche Harmlosigkeit von Scientology fällt bei näherer Betrachtung derartiger Gutachten jedoch auf, dass sie sich in der Regel nur näher mit Teilbereichen der Lehre L. Ron HUBBARDs befassen. Wichtige Punkte der Ideologie, etwa die umfangreichen Anweisungen und Praktiken zum Umgang mit Kritikern, werden dagegen kaum oder nur oberflächlich untersucht. Es liegt auf der Hand, dass solche Expertisen zu „schiefen“ Ergebnissen kommen können. Ebenso wirft es durchaus Fragen auf, dass etwa ein Religionswissenschaftler, der eine für Scientology günstige Untersuchung gefertigt hatte, bei einer späteren Jubiläumsfeier der Frankfurter SO-Niederlassung als eine Art Ehrengast geführt wurde [Einladung und Programm „35 Jahre Scientology Kirche Frankfurt“,2005].

Scientology kann zudem versuchen, eine externe Studie zu manipulieren, um ein ihr genehmes Ergebnis zu erhalten. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass SO-Funktionäre beabsichtigten, auf die Auswahl von Scientologen Einfluss zu nehmen, die an einer Studie über Scientology teilnehmen sollten. Es handelte sich um eine umfangreiche Online-Umfrage zu religiösen, soziologischen und politischen Themen von Seiten eines ungarischen Instituts.

Warum ein Institut aus Ungarn? Scientology-intern hieß es, das Institut habe die SO gebeten, an der Umfrage teilzunehmen. Da nach einem vergleichbaren Projekt mit ungarischen Scientologen die Akzeptanz von Scientology in Ungarn gestiegen sei, habe man zugesagt, an einer Umfrage für Deutschland mitzuwirken. Man benötige mindestens 500 Teilnehmer, damit die Umfrage als repräsentativ gelten könne. Die „Mitwirkung“ war aber dergestalt geplant, dass die sprichwörtlichen unsicheren Kantonisten unter den Scientologen herausgefiltert werden sollten. Als Teilnehmer sollten nur Mitglieder, die als linientreu eingeschätzt wurden, in Betracht kommen. Die Scientologen, deren Loyalität sich die SO-Funktionäre sich wohl nicht sicher waren – hierzu zählten bereits inaktive Mitglieder –sollten nicht an dem Projekt beteiligt werden und auch keine Kenntnis davon bekommen. Deshalb plante die SO, dass der Aufruf zur Teilnahme nur an den als zuverlässig eingeschätzten Personenkreis erfolgen sollte, verbunden mit der Ermahnung, die Information nicht an andere Personen – auch nicht an andere Scientologen –weiterzugeben.

3. Rückgang des Drogenkonsums dank Scientology?

In der Scientology-Propaganda gilt HUBBARDs Lehre als einzige Chance für die  Gesellschaft. Organisationsintern werden die Mitglieder mit Erfolgsberichten und oft kaum nachprüfbaren Statistiken förmlich bombardiert.

Im März 2013 versandte die SO an ihre Mitglieder die aktuelle Ausgabe ihrer Zeitschrift „Impact“. Darin behauptete sie, nach der Verteilung von 470.000 scientologischen Anti-Drogenbroschüren in Deutschland „in den letzten 12 Monaten“ habe der Drogenkonsum unter Jugendlichen in der Bundesrepublik um über 30 Prozent abgenommen [Zeitschrift „Impact“ Nr. 140/2014, S. 57]. So wünschenswert ein Rückgang des Drogenkonsums wäre, so fragwürdig ist die Behauptung der SO, hierfür verantwortlich zu sein. Der Internetauftritt des Statistischen Bundesamts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung enthielt keine Informationen, die eine solche Behauptung nachvollziehbar machen [Internetseiten des Statistischen Bundesamts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, abgerufen am 13. März2014]. Die SO hat zudem weitere Behauptungen aufgestellt, die ihre so genannte Drogenaufklärung sehr fragwürdig erscheinen lassen.

Mitte Januar 2014 berichteten Medien, unter anderem der österreichische „Standard“ und der „Irish Mirror“, über die Scientology-Neujahrsveranstaltung 2013/2014. Eine DVD-Aufzeichnung dieser Großveranstaltung in Clearwater/Florida war nachaußen gedrungen. Während der Veranstaltung wurden u. a. Behauptungen über die angebliche Wirkung einer Scientology-Kampagne aufgestellt, die offenkundig falsch sind. So behauptete die SO, dank der Verteilung von Flugblättern über Drogen durch ihre „Mission“ in Dublin/Irland sei die Drogenkriminalität um 85 Prozent gesunken. Hierzu wurde in der DVD-Präsentation ein Rundfunkstudio eingeblendet, bei dem es sich angeblich um den irischen Sender „Ocean FM“ handelte, der die Kampagne unterstützt habe. Die SO nannte noch weitere Sender.

Nachdem Bekanntwerden dieser Behauptungen stellte „Ocean FM“ klar, dass das gezeigte Studio nicht das von „Ocean FM“ und der gezeigte Moderator bei dem Sender nicht bekannt sei. Die Radiostation distanzierte sich von den gezeigten Bildern und bezeichnete sie als Betrug. Auch der Sender „BBC Radio Foyle“ distanzierte sich von seinem vermeintlichen „Auftritt“ für Scientology und bezeichnete ihn als Fälschung. Im Übrigen sei die dortige Drogenkriminalität auch nicht, wie von Scientology behauptet, um 85 Prozent gesunken. Tatsächlich habe es laut der erwähnten Medienberichte innerhalb der letzten zwölf Monate gemäß statistischer Erhebungen einen Rückgang um sieben Prozent [bei der Berichterstattung blieb offen, ob sich die Zahl auf Dublin oder ganz Irlandbezieht. Die Zahlen des irischen Statistikamtes beziehen sich wohl auf ganz Irland] gegeben, was weit entfernt von der Behauptung der SO ist. Ein Zusammenhang mit den von Scientology behaupteten „Aufklärungsmaßnahmen“ ist zudem kaum nachvollziehbar.

4. Fazit einer PR-Panne

Bei letzterem Beispiel kann zunächst verwundern, warum die SO derart übertreibt und bei einer nachprüfbaren Zahl eine solche Falschmeldung in die Welt setzt. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass es sich bei der Neujahrsveranstaltung um eine Propagandaaktion der SO-Führung für Scientologen handelte. Dass die Aufzeichnung öffentlich wurde, war aus Sicht der SO eine ernsthafte Panne. Derartige auf DVD aufgenommene Veranstaltungen werden üblicherweise nur in SO-Niederlassungen gezeigt. Sie sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Mit diesen mehrstündigen DVD-Präsentationen, bei denen die Zuschauer mit massiver Propaganda förmlich überrollt werden, will die SO-Führung die Basis auf Linie halten und die Spendenbereitschaft anheizen. Wer wollte sich einer Organisation verweigern, die vermeintlich so viel Gutes bewirkt? Bemerkenswert ist bei Betrachtung der Aufzeichnung auch die offensichtliche Gutgläubigkeit und Euphorie des scientologischen Publikums in Clearwater [die Aufzeichnung der Neujahrsveranstaltung ist u. a. auf der scientology-kritischen Internetseite des US-Journalisten Tony Ortega abrufbar].

In Irland rief der Vorgang eine erhebliche Medienresonanz hervor. Die SO reagierte anschließend in einer Weise, die ihr Selbstverständnis und ihre taktische Vorgehensweise aufzeigt. Man rang sich zu einem halbherzigen Dementi durch –sofern davon gesprochen werden kann: Eine SO-Sprecherin gab an, man habe das Interview „nachgestellt“ und bedauere, bei dem Sender vorher nicht um Erlaubnis gefragt zu haben. Allerdings stellt sich die Frage, was damit gemeint sein soll. Hier wird von der „Nachstellung“ eines Ereignisses geredet, das so nie stattgefunden hat.

Nachzutragen wäre, dass die SO im April 2014 die aktuelle Ausgabe ihres Propagandaorgans „International Scientology News“ weltweit an Scientologen versandt hat. Darin verbreitet die Organisation nach wie vor dieselben falschen Behauptungen über die angebliche scientologische „Drogenaufklärung“ in Irland [Zeitschrift „International Scientology News“ Nr. 59/2014, S. 76].

Abschließend kann festgehalten werden, dass es bei der Propaganda und Öffentlichkeitsarbeit der SO eine breite Palette der Manipulation gibt –angefangen bei subtilen Täuschungen bis hin zu offenkundigen Falschbehauptungen. Der SO-Gründer L. Ron HUBBARD formulierte das in einer PR-Anweisung folgendermaßen: „Der Umgang mit der Wahrheit ist eine ebenso heikle Sache. (…) Sagen Sie eine akzeptable Wahrheit. [L. Ron HUBBARD, „PR-Serie Nr. 2“, „Die Management-Serien Band 3“,Kopenhagen, 2001, S. 53.“].