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Scientology eröffnet neues Zentrum in Basel

Scientology-Organisation     6 | 2015

Am 25. April 2015 eröffnete die „Scientology-Organisation“ (SO) in Anwesenheit ihres internationalen Führers David MISCAVIGE in Basel (Schweiz) ein neues Zentrum. Die Eröffnung verdient wegen der grenzübergreifenden Ambitionen der SO eine nähere Betrachtung. Zudem zeigt der Ablauf der Ereignisse Parallelen zu ihrem Stuttgarter Projekt, die Rückschlüsse auf die Eröffnung eines neuen Scientology-Zentrums in der Landeshauptstadt ziehen lassen.

Ein neues Scientology-Zentrum an der Grenze zu Baden-Württemberg

Von Weil am Rhein auf der deutschen Seite ist die Burgfelderstraße in Basel mit dem Auto in weniger als 15 Minuten erreichbar. Dort befindet sich das neue SO-Zentrum, das über mehr als 100 Mitarbeiter verfügen soll. Im Scientologen-Jargon werden diese Zentren als „Ideale Organisationen“ („Ideal Orgs“) bezeichnet. Sie sollen die Expansion der SO in den Regionen, welche die SO als politisch bzw. wirtschaftlich bedeutend ansieht, vorantreiben. Von Basel aus will Scientology grenzübergreifend auch in Baden-Württemberg aktiv werden. Das wurde am Tag der Eröffnung deutlich, als sie in Basel ein „Deutschland Briefing“ anberaumte. Zudem wurde aufgrund von Meldungen im Internet im Vorfeld bekannt, dass Scientologen aus Baden-Württemberg die Etablierung der neuen „Org“ durch eine Mitarbeit und Spenden unterstützt haben sollen.

Ärger im Vorfeld 

Im Vorfeld der Eröffnung hatte das Vorgehen der SO Verärgerung ausgelöst. „Scientology geht in Basel in die Offensive“, titelte die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) am 6. März 2015. Das Blatt berichtete, die SO wolle in Basel ein neues, sechsstöckiges Zentrum mit etwa 4.000m² Nutzfläche eröffnen – die erste Niederlassung dieser Größenordnung in der Schweiz. Dabei spiele die Organisation nicht mit offenen Karten. Anrainer würden befürchten, dass sich die SO in ihrer Umgebung schleichend ausbreiten könnte. Das habe zu Unmut, Argwohn und Diskussionen in der Politik und im Umfeld der künftigen „Idealen Org“ geführt. Scientology habe diese Situation mit „ihrer aalglatten Geheimniskrämerei“ – so die NZZ – selbst mitverursacht: „Die Organisation propagiert im Quartier Respekt und Gesprächsbereitschaft, offenbart aber selbst nicht einmal einen Eröffnungstermin.“ Das Gebäude werde rundum mit Videokameras überwacht. Bereits die Baueingabe sei verschleiert erfolgt. Anderen Medienberichten zufolge soll das Gebäude von einer Firma, hinter der ein Scientologe gestanden habe, ohne Hinweis auf die künftige Nutzung erworben worden sein. 

Parallelen zu Stuttgart

Diese Vorgehensweise weist Parallelen mit den im Jahr 2014 aufgedeckten Plänen der SO für Stuttgart  auf: Seinerzeit erfolgte der Gebäudeerwerb für das wahrscheinliche neue Scientology-Zentrum in der Heilbronner Straße in aller Stille durch eine Firma aus dem Ausland. Gleiches war im Übrigen bei den bereits eröffneten neuen Scientology-Zentren in Berlin und Hamburg der Fall. [Vgl. hierzu: Verfassungsschutzbericht 2013, S. 251.]

Nach längerem Leerstand in der Stuttgarter Immobilie begannen im Oktober 2014 Sanierungsarbeiten durch auswärtige Arbeitskräfte. Dabei erfolgte nach außen kein Hinweis, wer hier für wen tätig wurde. Die großformatigen Schaufenster im Erdgeschoss sind seit geraumer Zeit mit Sichtblenden versehen. Und auch hier gibt es eine Parallele zu dem Projekt in Basel: Scientology legte dort ihre Pläne lange Zeit ebenfalls nicht offen. In Internetforen von Scientology-Kritkern wurden Berichte und Fotografien über den Fortgang der Arbeiten an der künftigen „Idealen Org“ Basel veröffentlicht – und über den Umstand, dass sich die SO hierbei nicht in die Karten schauen ließ.  

Aufwendige Vorbereitungen in Basel

Die Vorbereitungen und die Eröffnung wurden von Scientology-Kritikern dokumentiert und im Internet veröffentlicht. Sie zeigen, dass die SO in Basel wie schon früher einen hohen Aufwand betrieb. Eine große Bühne nebst Videoleinwand und Tontechnik wurden aufgebaut; Scientology-eigene Kamerateams und Sicherheitspersonal waren vor Ort. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Am Tag vor der Eröffnung wurde so auch bekannt, dass der internationale SO-Führer David MISCAVIGE von Los Angeles (Kalifornien) aus eingeflogen worden war. Er betrat für einen Soundcheck die Bühne.

Eröffnungsfeier mit Misstönen

Am 25. April 2015 fand die Eröffnung auf einem abgeschirmten Bereich an der neuen „Ideal Org“ statt, wo die SO sich und ihr neues Zentrum feierte. Nach Angaben von Schweizer Journalisten nahmen schätzungsweise 700 bis 800 Personen teil. SO-Sprecher behaupteten 1.500 geladene Gäste und bis zu 2.500 Teilnehmer, was im Hinblick auf die im Internet eingestellten Bilder der Veranstaltung aber übertrieben gewesen sein dürfte. Weitere Bilder zeigten Teilnehmer mit einer schwarz-gelben Fahne mit dem Landeswappen von Baden-Württemberg. 

Die Eröffnung rief Scientology-Gegner auf den Plan, die eine Protestkundgebung angemeldet hatten. Auf der dem Gebäude gegenüberliegenden Straßenseite versammelten sich Medienberichten zufolge etwa 150 bis 300 Gegendemonstranten, die mit Pfiffen, Trommeln, Tröten und Musikinstrumenten lautstark gegen die neue Präsenz der SO protestierten. Bis auf zwei bis drei gezündete Feuerwerkskörper verliefen den Berichten zufolge die Proteste ohne Zwischenfälle.

Veranstaltungsablauf – die Redner

Scientology versucht für derartige Feiern immer wieder als eine Art Überraschungscoup vermeintliche oder tatsächliche „Würdenträger“ zu gewinnen, die als Gastredner möglichst einen regionalen oder politischen Bezug haben sollen. Für Basel konnte die SO unter anderem ein Vorstandsmitglied eines muslimischen Vereins aus Basel sowie einen angeblichen Vertreter der medizinischen Fakultät der Münchner Ludwig Maximilian-Universität aufbieten. Recherchen der Schweizer „Tageswoche“ zufolge ist jedoch fraglich, ob Letzterer an der Universität jemals mehr als nur studiert hat. 

Hauptredner der etwa eineinhalbstündigen Veranstaltung war David MISCAVIGE. Im Gegensatz zu einzelnen Vorrednern zeigte er sich als routinierter und gewandter Rhetoriker. In seinem etwa 25 Minuten dauernden, simultan übersetzten Auftritt sprach er im Wesentlichen von einer schicksalhaften Bestimmung der SO, eine „neue Zivilisation“ zu schaffen und kündigte unter frenetischem Beifall die Eröffnung weiterer Zentren in der Schweiz an. Danach ehrte er auf der Bühne die wichtigsten Spender der „Ideal Org“ als „New Civilization Builders“ – die Investitionssumme für das Gebäude soll sich auf etwa 15 Millionen Euro belaufen haben.

Äußerlich ließ sich MISCAVIGE von den Gegendemonstranten und ihrem Lärm nicht beeindrucken. Das lag wohl auch daran, dass die SO die Veranstaltung von Sicherheitspersonal abschirmen ließ.

„Unschöne Szenen“ am Rande der Veranstaltung

Wie die Schweizer „Tageswoche“ berichtete, spielten sich am Rande der Veranstaltung „unschöne Szenen“ ab, als sich die Scientology-Security Passanten in den Weg stellte, diese schroff auf Englisch ansprach und daran hindern wollte, zu ihren Wohnungen zu gelangen. Aus Sicht des Sicherheitspersonals waren diese Bürgerinnen und Bürger mangels eines Scientology-Aufklebers an der Kleidung nicht berechtigt, das Areal zu betreten: „Wer passiert, wird auf Schritt und Tritt verfolgt“ [„Sektenboss Miscavige wird mit viel Lärm empfangen“, Tageswoche, 25. April 2015].  Es bedurfte der Schweizer Polizei, um den Anwohnern im öffentlichen Raum zu ihrem Recht zu verhelfen.

Im Vorfeld der Eröffnung versuchte die SO offenbar auch, Kritiker auf subtile Weise einzuschüchtern. Dieselbe Organisation, die bei den Anrainern noch kurz zuvor Respekt und Gesprächsbereitschaft propagiert hatte, versandte an zwei SO-Kritiker Schreiben, in denen sie diese unter Berufung auf das Urheberrecht aufforderte, innerhalb von 72 Stunden bestimmte Bilder und Dokumente von Scientology Basel aus dem Internet zu entfernen – eine bekannte Taktik der SO, unliebsame Informationen zu eliminieren. Bei einem weiteren SO-Gegner, der nahe der neuen „Ideal Org“ wohnen soll, habe plötzlich eine Scientologin vor der Tür gestanden. Nach einem von ihm abschlägig beschiedenen Gespräch habe sie kurze Zeit später bei ihm angerufen. Danach seien er und seine Familie auf der Straße behelligt worden.
 
Das Medienecho

Die Eröffnung der „Ideal Org“ Basel löste eine große Medienresonanz aus. Schweizer und deutsche Medien berichteten überregional ausführlich und kritisch. Vermutlich hatten die PR-Strategen der SO von vornherein negative Berichterstattung erwartet. Dennoch dürften sie das Medienecho alles in allem sogar als Erfolg verbucht haben; einfach, weil es aus Sicht der SO nicht verheerend war und sie in Basel Aufmerksamkeit wie wohl noch nie zuvor erhalten hat. 

Ausblick für Baden-Württemberg

Die unmittelbare Nähe der Basler „Ideal Org“ zu Baden-Württemberg dürfte hierzulande Auswirkungen haben. Die SO wird wohl versuchen, ihre schwache Präsenz in Südbaden mit Straßenwerbung und Anwerbeversuchen im persönlichen und beruflichen Umfeld von Scientologen auszubauen. Dabei könnten auch scheinbar unabhängige Gruppen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen“ auftreten, ohne das  zunächst deutlich wird, dass es sich um eine Scientology-Werbemasche handelt.

Sollte die SO in Stuttgart ein neues Zentrum eröffnen, ist mit einer ähnlichen Teilnehmerzahl, ähnlichem Ablauf sowie mit Gegendemonstranten zu rechnen. Durchaus möglich wäre, dass die SO einen „Star“ aus Hollywood aufbietet, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Im Hinblick auf den Standort des wahrscheinlichen künftigen SO-Zentrums in der Heilbronner Straße  und die dortigen Platzverhältnisse könnte die SO allerdings Probleme mit ihrer aufwendigen Bühnen- und Veranstaltungstechnik bekommen.