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Scientology in Baden-Württemberg

1. Gründerjahre, Boomphase und Rückschläge

Nachdem seit etwa Ende der 60er Jahre zunächst vereinzelt Personen aus Baden-Württemberg - teils bei Auslandsaufenthalten - in Berührung mit HUBBARDs Lehre gekommen waren, wurde 1972 unter der Bezeichnung "Dianetic Stuttgart" die erste "Mission" als Scientology-Basisorganisation in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg gegründet. Bis in die 80er Jahre entstanden, teilweise als eingetragene Vereine, rund zehn weitere "Missionen" im Land.

Berichten ehemaliger Scientologen zufolge schienen dem Scientology-Gründer L. Ron HUBBARD seit Ende der 70er Jahre die Zügel der Macht zunehmend aus den Händen zu gleiten. 1982 erfolgte in den USA ein Managementwechsel unter David MISCAVIGE, der in der so genannten "Missionholder-Konferenz" im selben Jahr gipfelte, bei der der neue Scientology-Führer - wie das Protokoll der Konferenz eindrucksvoll zeigt - im Stil eines Diktators auftrat. MISCAVIGE gelang es, die Organisation auf seine rigide Linie einzuschwören. Dieser Umbruch zeigte auch Wirkung an der Basis in Baden-Württemberg. Eine ganze Reihe von Scientologen aus der Gründergeneration verließen die SO, weil sie, wohl auch vom Zeitgeist der 70er Jahre geprägt, das neue "MISCAVIGE-Regime" ablehnten. In dieser Phase entstanden im In- und Ausland verschiedene Splittergruppen, die seitdem von der SO - unter anderem mit den Mitteln des Urheberrechts - bekämpft werden.

Mitte der 80er Jahre schien die Umbruchphase innerhalb der SO beendet. Sie besaß ein neues Management, eine veränderte Führungsstruktur und ein neues PR-Konzept. Dem folgte allerdings bis heute keine programmatische Veränderung. Vielmehr verharrt die SO seit dem Tod HUBBARDs im Jahr 1986 in ideologischer Starre. Die Führung hält dogmatisch an HUBBARDs totalitärem Programm für Staat und Gesellschaft und ihrem politischen Alleinvertretungsanspruch fest.

Energische Expansionsbestrebungen, die sich auch auf die Beeinflussung mittelständischer Unternehmen erstreckten, führten zwischen 1989 und 1991 in der SO in Baden-Württemberg zu einer dynamischen Mitgliederentwicklung und zu einer Aufwertung der "Mission" Stuttgart zur "Klasse V Org" [die einer SO-Basisorganisation übergeordnete Einheit mit breiterem Dienstleistungsangebot]. Aufgrund der Methoden der Organisation nahmen jedoch auch die Beschwerden betroffener Bürgerinnen und Bürger rapide zu.

In Folge dessen wurden zunehmend die Medien und die Politik auf das Phänomen Scientology aufmerksam. Die konsequente Aufklärungsarbeit von privater und staatlicher Seite sowie die Beobachtung durch den Verfassungsschutz ab 1997 führte zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung und zur Eindämmung der Expansion der SO. Aus Sicht der Organisation waren diese Jahre in Deutschland von Rückschlägen und dem Erlöschen verschiedener SO-Niederlassungen gekennzeichnet. Erst gegen Ende der 90er Jahre gelang es der SO in Baden-Württemberg, den schleichenden Niedergang zu beenden und eine Konsolidierung einzuleiten. Seitdem stagniert die SO im Land, im Vergleich zu anderen Bundesländern allerdings auf relativ hohem Niveau.


2. Tarn- und Hilfsorganisationen

Während der ersten Hälfte der 90er Jahre errichtete die SO in Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg/Breisgau Vereine unter der Bezeichnung "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" (KVPM). Daneben erfolgte zur selben Zeit in Baden-Württemberg die Gründung einer Reihe von "Applied Scholastics" (ApS)-Lerntechnikgruppen nach HUBBARD, die aber die 90er Jahre nicht überdauerten. Darüber hinaus ist es der SO trotz unterschiedlicher Anstrengungen in den letzten Jahren kaum gelungen, nachhaltig weitere Hilfs- und Tarnorganisationen im Land zu etablieren. Lediglich im Jahr 2003 erfolgte in Stuttgart die Neugründung eines "Lerncenters" von ApS. Auch diverse "Komitees" der SO fanden bislang nur geringe Resonanz beziehungsweise es handelt sich eher um "Briefkopforganisationen", die, etwa bei vermeintlichen Anti-Drogenaktionen, für Propagandazwecke aktiviert werden können.


3. "WISE" - der Wirtschaftsbereich

Der 1979 gegründete SO-Wirtschaftsverband "World Institute of Scientology Enterprises" (WISE) zeigt besonders deutlich, dass die "Kirche" nur ein Teilbereich der "Scientology-Organisation" ist. Einzelne Mitglieder des SO-Wirtschaftsverbands gab es in Baden-Württemberg bereits in den frühen 80er Jahren. Bedeutung erlangte WISE im Land jedoch erst während der Boomphase zu Beginn der 90er Jahre, in der WISE-Managementtrainer bis etwa 1992 weitgehend ungestört agieren konnten, um die "nicht religiösen" HUBBARD-Managementtechniken in der Wirtschaft zu verbreiten. Die Aufklärungsarbeit über die SO hat jedoch auch zu einer Sensibilisierung bei Unternehmern und Gewerkschaften geführt und WISE zunehmend Sorgen bereitet. So sichern sich eine ganze Reihe von Unternehmen, die HUBBARDs Wirtschafts-"Technologie" als schädlich beziehungsweise kontraproduktiv empfinden, dadurch ab, dass sie vor Vertragsabschluss eine Erklärung verlangen, dass der Berater nicht nach den Verwaltungs- und Managementmethoden von L. Ron HUBBARD arbeitet.


4. Aktuelles Lagebild

Die SO verfügt in Baden-Württemberg über rund 1.000 bis 1.100 Anhänger. Sie ist eine streng hierarchische, straff von ihrem Management in Los Angeles aus geführte Organisation. Die Europazentrale, das "Kontinentale Verbindungsbüro" befindet sich in Kopenhagen/Dänemark. Im Vergleich zum übrigen Bundesgebiet besitzt die SO in Baden-Württemberg das dichteste organisatorische Netzwerk. Es umfasst eine "Klasse V Org" in Stuttgart und vier "Missionen" als Basisorganisationen in Ulm, Karlsruhe, Göppingen und Erlenbach (bei Heilbronn). Wie die Erfahrung zeigt, kann die SO-Führung vom Ausland aus mit Befehlsbefugnis ausgestattete Angehörige der paramilitärischen "Sea Organization" (Sea-Org) entsenden, um die Vorgaben des Managements an der Basis durchzusetzen.

Die Stuttgarter "Org" verfügt über eine Anhängerschaft von etwa 700 Scientologen. Sie unterhält ein Büro des auch nachrichtendienstliche Funktionen wahrnehmenden "Office of Special Affairs" (OSA) mit rund einem halben Dutzend Mitarbeiter. Der Ulmer "Mission" gehören etwa 150 Personen an, während der Karlsruher "Mission" knapp 120 Personen zuzurechnen sein dürften. Deutlich kleiner ist dagegen die Niederlassung in Göppingen, deren Bestand schätzungsweise unter 50 Personen liegt. Gänzlich bedeutungslos ist die "Mission" Erlenbach (bei Heilbronn), die nur wenige Mitglieder hat. Die "Mission" in Reutlingen besteht faktisch nicht mehr. Die "Scientology-Gemeinde" in Freiburg/Breisgau ist eine bloße Briefkastenadresse.

Die SO hat seit 2003 die Gründung einer ganzen Reihe neuer "Missionen" bekannt gegeben und verfügt seitdem neben den etablierten "Missionen" über weitere Anlaufstellen in Leinfelden-Echterdingen, Welzheim, Sinsheim und in Freiburg/Breisgau (Zentrum für Lebensfragen) die allerdings unbedeutend sind und keinen nennenswerten Mitgliederstamm aufbauen konnten.

Eine größere "Feldauditorengruppe" [Personen, die scientologische Verfahren zur Persönlichkeitsveränderung ("Auditing") außerhalb der "Org" anwenden], die vornehmlich einen sozial gehobenen Personenkreis anspricht, ist in Kirchheim/Teck aktiv und gilt derzeit als eine im Sinne der SO besonders erfolgreiche "Feldgruppe". Sie hat ein überregionales Einzugsgebiet und kann schätzungsweise rund 100 Personen an sich binden.
Im Bereich der Hilfsorganisationen ist in Stuttgart eine "Applied Scholastics" (ApS) - Niederlassung etabliert, die unter der Bezeichnung "Professionelles Lerncenter" auftritt und Scientology-Lerntechniken anbietet. Die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" (KVPM) betreibt noch Anlaufstellen in Stuttgart und Karlsruhe, hinter denen jedoch nur wenige Aktivisten stehen. Über den Karlsruher KVPM-Verein werden kaum noch Aktivitäten bekannt. Der Verein in Freiburg/Breisgau ist seit einigen Jahren gänzlich inaktiv.

Dem SO-Wirtschaftsverband WISE gehören in Baden-Württemberg schätzungsweise 50 bis 60 Mitglieder an - entweder Einzelgewerbetreibende oder Firmen mit weniger als 20 Mitarbeitern. Schwerpunkte sind die Sektoren Managementberatung, Informationstechnologie, Immobilien und Finanzdienstleistungen. Derzeit sind im Raum Stuttgart und Karlsruhe rund ein halbes Dutzend WISE-Trainingsfirmen von Bedeutung. In Stuttgart besteht ein "WISE Charter Committee" (WCC) als "Justiz"-Stelle für WISE-Mitglieder.

Der SO gelingt es im Land noch immer, ihre Anhängerschaft zu erheblichen Spenden und zu teils hohen Zahlungen für Kurse und "Auditing" zu bewegen. Folge dieser hohen finanziellen Opferbereitschaft sind oftmals wirtschaftliche Schwierigkeiten der Mitglieder, mitunter auch der Ruin.
Nach außen handelt die SO offensichtlich relativ vorsichtig. Insbesondere das OSA hält sich unter dem Eindruck des schlechten Ansehens der Organisation und der Beobachtung durch den Verfassungsschutz zurück. Diese Linie ist jedoch offenkundig nur taktisch motiviert und kann jederzeit geändert werden.

Die Mitgliederwerbung hat nur geringen Erfolg. Die SO kann nur wenige neue Mitglieder dauerhaft an sich binden und ihre Stagnation nicht überwinden. Gelegentlich gelingt es WISE, Personen aus dem Unternehmerbereich zu gewinnen. Gründe für die Stagnation von Scientology in Baden-Württemberg sind vor allem die bislang unverändert kritische Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung und die Schwierigkeiten der SO, Mitarbeiter und Lizenznehmer unter ihrer Anhängerschaft in ausreichender Zahl zu rekrutieren. Die SO verfügt bisher auch über zu wenige Mitglieder, um ihre ehrgeizigen Ziele, etwa das "Erobern" von "Schlüsselpositionen" oder die Einführung von HUBBARD-"Technologie" in der Gesellschaft umzusetzen.

Die Gefährdungspotenziale im Wirtschaftsbereich sind schwerer kalkulierbar, weil eine Reihe von Firmen des SO-Wirtschaftsverbands scientologische Angebote für Managementtraining und Personalentwicklung geschickt tarnen. Außerdem können in einer globalisierten und weltweit vernetzten Wirtschaft zunehmend WISE-Firmen aus dem Ausland an Bedeutung gewinnen. Es ist auch beachtenswert, mit welcher Hartnäckigkeit das SO-Management die anvisierten politischen Ziele verfolgt. Daher kann keine Entwarnung gegeben werden.