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Rechtsextremistisches „Heldengedenken“ im November 2018: Aktionen und ideologische Hintergründe​

Rechtsextremismus     1 | 2019

Wie jedes Jahr führten baden-württembergische Rechtsextremisten auch im November 2018 im Land wieder „Heldengedenk“-Aktionen durch, vor allem aus Anlass des Volkstrauertags am 18. November. Im Folgenden soll in einem ersten Schritt ein Überblick über diese Veranstaltungen gegeben werden. Nicht nur terminologisch, sondern insbesondere auch ideologisch bestehen fundamentale Unterschiede zwischen rechtsextremistischem „Heldengedenken“ und demokratischen Veranstaltungen zum Volkstrauertag. Diese Unterschiede werden in einem zweiten Schritt in groben Zügen herausgearbeitet.

1. „Heldengedenken“ in Baden-Württemberg 2018: Aktionen

Auch 2018 nahmen baden-württembergische Rechtsextremisten den Volkstrauertag zum Anlass, um an Gefallenendenkmälern und anderen, symbolisch für sie ähnlich aufgeladenen Orten ihr – von ihnen bewusst so genanntes – „Heldengedenken“ durchzuführen. Diese Aktionen sind oft wenig bis kaum öffentlichkeitswirksam, da sie z. B. häufig von nur sehr wenigen rechtsextremistischen Aktivisten, teils zudem nach Einbruch der Dunkelheit durchgeführt werden. Informationen finden sich im Nachgang in Form von Veranstaltungsberichten auf verschiedenen rechtsextremistischen Homepages.

Beispielsweise wurden am 18. November 2018 verschiedene baden-württembergische Gliederungen der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) aktiv. So berichtete der NPD-Kreisverband Heilbronn im Internet, am Volkstrauertag „sein jährliches Heldengedenken gleich an 9 verschiedenen Ehrendenkmälern im Main-Tauiber-Kreis, Hohenlohekreis und dem Kreis Heilbronn“ durchgeführt zu haben [Internetauswertung vom 5. Dezember 2018]. Der Vorsitzende des NPD-Kreisverbands Rhein-Neckar postete Berichte samt Fotos über Gedenkaktionen seiner Partei, die u. a. in Weinheim, Sinsheim, Hockenheim, Heiligkreuzsteinach und Schönau (alle Rhein-Neckar-Kreis) stattgefunden haben sollen [Internetauswertung vom 5. und 6. Dezember 2018]. Eine Woche später, am Totensonntag, dem 25. November 2018, veranstaltete der baden-württembergische Landesverband der NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) nach eigenen Internetangaben sein jährliches „Gedenken für die Opfer von Mord, Vertreibung und Krieg“. Dieses „Totengedenken“ unter Führung der RNF-Landesvorsitzenden fand offenbar nacheinander an verschiedenen Orten im Nordschwarzwald statt [Internetauswer-tung vom 4. Dezember 2018].

Die entschieden rechtsextremistisch bis neonazistisch ausgerichtete Kleinpartei „DER DRITTE WEG“ („Der III. Weg“) berichtete auf ihrer Homepage knapp über rechtsextremistische „Heldengedenk“-Aktionen am Volkstrauertag „in der Bodenseeregion und im Landkreis Sigmaringen“ sowie „im Lkr. Reutlingen“ [Internetauswertung vom 5. Dezember 2018].

Ein offensichtlich rechtsextremistisches „Nationales Medienkollektiv“ rief am 15. November 2018 auf Facebook dazu auf, ihm Fotos von (rechtsextremistischen) Gedenk-Aktionen vom Volkstrauertag zu senden. Diese sollten dann veröffentlicht werden, „um zu zeigen, dass es in diesem verkommenen System noch Leute gibt, welche sich noch an die ruhmvollen Taten unserer Groß- und Urgroßväter würdevoll erinnern!“ Tatsächlich wurden an derselben Stelle in der Folge Fotos von entsprechenden Aktionen veröffentlicht, darunter auch solche aus Konstanz und Radolfzell/Kreis Konstanz [Internetauswertung vom 6. Dezember 2018].

Im bayerischen Wunsiedel und im rheinland-pfälzischen Remagen fanden am Sonnabend, dem 17. November 2018, zum jeweils wiederholten Mal zentrale, auch überregional relativ öffentlichkeitswirksame rechtsextremistische „Heldengedenk“-Kundgebungen statt. Zu der überwiegend regional beworbenen Veranstaltung in Remagen erschienen ca. 130 Rechtsextremisten. Die Veranstaltung von „Der III. Weg“ in Wunsiedel verzeichnete bis zu 200 Teilnehmer, darunter mutmaßlich auch Baden-Württemberger. Zumindest rief der „Aktionsblog Württemberg“, hinter dem die „Nationalen Sozialisten Württemberg“ zu vermuten sind, noch in einem Facebook-Post vom 12. November zur Teilnahme an der Kundgebung auf. In dem Beitrag wurde angekündigt:

„Auch aus Württemberg schließen sich wieder Aktivisten dem ehrenhaften Gedenken an die gefallenen Söhne unseres Volkes an.“ [Internetauswertung vom 6. Dezember 2018]

2. Ideologische Hintergründe

Bei sehr oberflächlicher Betrachtung könnte man zu dem Eindruck gelangen, dass deutsche Rechtsextremisten mit ihrem alljährlichen „Heldengedenken“ etwas veranstalten, das zumindest theoretisch auch für Demokraten anschlussfähig sein könnte. Schließlich gedenken auch Demokraten am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

   1. Volkstrauertag und „Heldengedenken“: In der Terminologie zum Ausdruck kommende Unterschiede

Doch schon terminologisch setzen Rechtsextremisten einen bewussten Kontrapunkt zum demokratischen Volkstrauertag, indem sie an den Begriffen „Heldengedenken“ bzw. „Heldengedenktag“ festhalten, die von den Nationalsozialisten offiziell eingeführt wurden: Der Volkstrauertag wurde nach dem und aus Anlass des Ersten Weltkriegs eingeführt und 1922 erstmals mit einer offiziellen Feierstunde im Deutschen Reichstag begangen. Schon damals standen Versöhnung und Verständigung im Vordergrund. Die Nationalsozialisten vereinnahmten den Volkstrauertag jedoch unter ihren ideologischen Prämissen für sich und benannten ihn 1934 in „Heldengedenktag“ um. Es ist bezeichnend, dass die Richtlinienkompetenz über Inhalt und Ausführung des „Heldengedenktages“ von da an beim Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) lag.
Nach Gründung der Bundesrepublik wurde wieder der Volkstrauertag eingeführt und ab 1950 mit einer Feierstunde im Deutschen Bundestag begangen. Heute stehen (wieder) die Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden im Zentrum des Volkstrauertags [Diese Angaben beruhen (teils wörtlich) aus dem Text „Volkstrauertag“ auf www.volksbund.de vom 11. Dezember 2018]. Wenn also deutsche Rechtsextremisten bis heute an dem nationalsozialistischen Begriff „Heldengedenken“ festhalten, wird damit eine Distanzierung von den beiden Demokratien Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland und ein Bekenntnis zum nationalsozialistischen „Dritten Reich“ mindestens impliziert.

Auch sprechen schon aus den Termini „Heldengedenken“ und „Volkstrauertag“ gänzlich unterschiedliche inhaltliche Blickrichtungen. Im Begriff „Volkstrauertag“ liegt der Fokus auf der Trauer, die mit Verlust, Leid und Schmerz einhergeht und in letzter Konsequenz auf ein „Nie wieder!“ hinausläuft. Dagegen betont das Wort „Heldengedenken“ das angeblich Heroisch-Vorbildliche, das es zu bewundern und dem es in Gegenwart wie in (einer eventuell wieder kriegerischen) Zukunft nachzueifern gilt. Während also im Volkstrauertag der Anspruch angelegt ist, Krieg und Opfer wenn irgend möglich zu vermeiden, wird im „Heldengedenken“ klar der entgegengesetzte Anspruch formuliert: sich selbst wie ein kriegerischer „Held“ zu gerieren und notfalls auch zu opfern. Darin kommt u. a. das in der rechtsextremistischen Szene und zumal unter Neonazis weitverbreitete Selbstverständnis als „politische Soldaten“ zum Tragen; dieses umfasst auch eine grundsätzliche militaristische Bereitschaft zum, wenn nicht sogar eine Sehnsucht nach dem Kampf – vor allem nach innen gegen innere, theoretisch und in die Zukunft gerichtet aber auch wieder nach außen gegen äußere „Feinde. Anhänger dieses Selbstverständnisses sehen sich in eine „jetzige Kampfzeit [So eine Formulierung aus einem Aufruf von der Homepage von „Der III. Weg“ zur Teilnahme an der „Heldengedenk“-Kundgebung am 17. November 2018 in Wunsiedel. (Internetauswertung vom 6. Dezember 2018)] geworfen, ganz ähnlich derjenigen der NSDAP von 1919/20 bis 1933.

   2. (Weitere) Ideologische Unterschiede

Aber nicht nur im rein Terminologischen kommen fundamentale Unterschiede zwischen rechtsextremistischem „Heldengedenken“ einerseits und demokratisch-mehrheitsgesellschaftlicher Trauer um alle Opfer des Krieges andererseits zum Ausdruck: Rechtsextremisten kommt es in der Regel bewusst gar nicht in den Sinn, auch der Opfer anderer, womöglich sogar während der Weltkriege mit Deutschland verfeindeter Nationen zu gedenken. So sind auf den ersten Blick beiläufige Formulierungen in der Regel durchaus bewusst gewählt, da programmatisch gemeint. Beispiele sind die Aussage des NPD-Kreisverbands Heilbronn, das eigene „Heldengedenken“ habe „den deutschen Toten der beiden Weltkriege“ gegolten [Internetaus-wertung vom 5. Dezember 2018; Hervorhebung von uns], oder die des RNF-Landesverbands Baden-Württemberg, sein „Gedenken“ am Totensonntag habe dazu gedient, „gemeinsam die Verstorbenen unseres Volkes zu ehren“ [Internetauswertung vom 4. Dezember 2018; Hervorhebung von uns]. Deutsche Rechtsextremisten sind höchstens bereit, die Opfer aus den Reihen der in den in den Weltkriegen mit Deutschland verbündeten Nationen zu betrauern und sogar für entsprechende Gedenkveranstaltungen ins europäische Ausland zu reisen.

Auch gedenken deutsche Rechtsextremisten nicht (und erst recht nicht die Neonazis unter ihnen) pauschal der Opfer jedweder Form von Gewaltherrschaft, es sei denn, es handelt sich um – zumal deutsche – Opfer linkstotalitärer Regime wie des Stalinismus. Ein solches umfassendes Gedenken würde nämlich eine moralische Anklage an den historischen Nationalsozialismus zumindest implizieren. Hierzu sind ins-besondere Neonazis gar nicht willens und in der Lage, da sie ja diese Form der totalitären Herrschaft bis heute verherrlichen, sie als Modell für ein zukünftiges Deutschland anpreisen und seine Verbrechen daher ausdrücklich bestreiten. Selbst solche deutschen Rechtsextremisten, die aufgrund ihrer ideologischen Ausrichtung nicht als Neonazis bezeichnet werden können, meiden meist dennoch ein Gedenken an die Opfer deutscher Verbrechen (seien es die nationalsozialistischen Verbrechen wie der Holocaust, aber auch z. B. die Kolonialverbrechen des deutschen Kaiserreichs): Hinter solch einem Gedenken und Erinnern wittern sie in verschwörungsideologischer Manier einen angeblichen antideutschen „Schuldkult“, der dazu ersonnen ist, das deutsche Volk seiner historischen Wurzeln, seines nationalen Selbstbewusstseins zu berauben und zu demütigen bzw. angeblich an sich illegitime antideutsche Politiken zu rechtfertigen.

Wohl aber gedenken deutsche Rechtsextremisten im Rahmen ihres „Heldengedenkens“ auch verstorbener Gesinnungsgenossen – selbst wenn deren Tod nichts mit Krieg, Gewaltherrschaft oder Vertreibung zu tun hatte, sondern mitten in Frieden und Freiheit auf natürlichem Wege eingetreten ist. Dies zeigt u. a. ein Veranstaltungsbericht auf der Homepage von „Der III. Weg“ über die „Heldengedenk“-Kundgebung in Wunsiedel vom 17. November 2018. Laut dem Bericht rief hier im Rahmen des „Totengedenken[s]“ ein bundesweit bekannter Neonazi auch die Namen zweier 2018 bzw. 2009 verstorbener Szene-„Größen“ auf: „Mit gesenkten Fahnen und einem lautstarken HIER! erwiderten die Teilnehmer und gaben den Toten hierbei ihre Stimme [Internetauswertung vom 6. Dezember 2018]. Dieses Ritual folgt einem historisch-nationalsozialistischen Vorbild. Und am Ende ihres „Totengedenken[s]“ am Totensonntag, 25. November 2018 im Nordschwarzwald, besuchten die RNF-Vertreterinnen auch das Grab eines 2017 verstorbenen Gesinnungsgenossen, der zu Lebzeiten auch außerhalb der Szene relativ bekannt gewesen war [Internetauswertung vom 4. Dezember 2018].

Der mindestens teilweise neonazistische Charakter rechtsextremistischen „Heldengedenkens“ manifestiert sich u. a. darin, dass bereits seit 2013 – wie eben auch zuletzt am 17. November 2018 – rechtsextremistische „Heldengedenk“-Kundgebungen in Wunsiedel stattfinden. Denn dort befand sich bis 2011 das Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (1894–1987). Dieser Umstand machte Wunsiedel schon vor Jahrzehnten zu einer Art neonazistischem „Wallfahrtsort“, szeneintern mit „Märtyrerstadt“ betitelt [Internetauswertung vom 6. Dezember 2018], an dem immer wieder um dessen Todestag zentrale „Rudolf-Heß-Gedenkmärsche“ stattfanden. Diese Verbindung zu Heß dürfte auch der einzige Grund sein, warum seit 2013 diese „Heldengedenk“-Kundgebungen gerade in dieser Stadt stattfinden. Bei dem Personenkult um Rudolf Heß, der bereits zu dessen Lebzeiten während seiner jahrzehntelangen Haft einsetzte, handelt es sich eindeutig um einen neonazistischen Kult: Heß war während der NS-Diktatur „Stellvertreter des Führers“ und Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Nach dem Krieg wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Am 17. August 1987 beging er im Berliner Kriegsverbrechergefängnis Spandau Suizid.

Für deutsche und ausländische Neonazis ist Heß die zentrale Symbol- und Integrationsfigur. Um seine Person gibt es in der Szene eine einzigartige Mythenbildung und einen teilweise religiös anmutenden Märtyrerkult. Letzterer wird von Neonazis auf die Spitze getrieben, indem sie unbeirrbar behaupten, Heß sei ermordet worden, um die „wahren“ Hintergründe seines Großbritannien-Fluges vom Mai 1941 zu vertuschen. Deshalb ist auch nicht Heß’ Geburtstag, sondern sein Todestag ein wichtiges Datum im neonazistischen Veranstaltungskalender. Neonazis versuchen, den historischen Nationalsozialismus am Beispiel von Rudolf Heß positiv umzudeuten und so dem totalitären „Dritten Reich“ ein vermeintlich unschuldiges Opfer- und Märtyrergesicht zu verleihen [Siehe zu weiteren Hintergründen und Details: Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2008, S. 145–146. Siehe zu den vielschichtigen Aspekten des Heß-Kultes in der rechtsextremistischen Szene: Michael Kohlstruck, Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik – Die Mythologisierung von Rudolf Heß im deutschen Rechtsextremismus, in: Claudia Fröhlich/Horst-Alfred Heinrich (Hrsg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004, S. 95–109]. Heß ist nicht die einzige NS-„Größe“, derer deutsche und darunter auch baden-württembergische Rechtsextremisten am Volkstrauertag zuweilen gedenken: Eine Gruppe von RNF-Mitgliedern versammelte sich anlässlich des Volkstrauertags 2010 „zu einer kleinen Feier am Grab des Reichsarbeitsdienstführers Konstantin Hierl.“ Hierl (1875–1955) war u. a. in der letztgenannten Position ein hochrangiger NS-Funktionär. Er starb 1955 in Heidelberg [siehe zu weiteren Hintergründen und Details: Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2010, S. 191–192].

Betrachtet man das rechtsextremistische, zumal speziell das neonazistische „Heldengedenken“ auf einer etwas abstrakteren Ebene, so fällt nicht nur die entschiedene Systemfeindschaft gegenüber der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik ins Auge, die darin immer wieder zum Ausdruck kommt und auf die simple Dichotomie „gutes“ „Drittes Reich“ versus „schlechte“ Bundesrepublik hinausläuft. Ebenso zeigt sich ein noch darüber hinausgehender grundsätzlicher Kulturpessimismus. Demzufolge gilt das Gedenken nicht nur den deutschen (und vielleicht noch den mit Deutschland verbündeten) Soldaten beider Weltkriege, sondern den angeblich „guten, alten“ Zeiten (NS-Diktatur, Kaiserreich), die sie nach dieser Logik verteidigt haben und die mit ihren Niederlagen untergegangen sind. Die Vergangenheit, personifiziert durch die gefallenen Soldaten – zuweilen aber auch durch die deutschen Vertreibungsopfer und „Trümmerfrauen“ der ersten Nachkriegszeit –, wird dabei pauschal in Verbindung gebracht mit in rechtsextremistischen Kreisen ausnahmslos positiv besetzten Eigenschaften wie Mut, Tapferkeit, Ehre, Treue, Idealismus, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Patriotismus und Nationalismus. Die bundesdeutsch-demokratische Gegenwart hingegen wird als negativer, verabscheuungswürdiger Gegenentwurf dazu konstruiert, der das Andenken und Erbe der Toten (häufig pathetisch zu „Ahnen“ stilisiert) verrät und herabwürdigt: Demnach ist diese Gegenwart geprägt von Eigenschaften wie Dekadenz, Feigheit, Ehrlosigkeit, Materialismus, Opportunismus, Charakterlosigkeit, Oberflächlichkeit und unpatriotischem Internationalismus. So beinhaltet beispielsweise ein Gedicht, das deutsche Rechtsextremisten – auch, aber nicht nur aus Anlass ihres „Heldengedenkens“ – häufig zitieren (beispielsweise auch das „Aktionsblog Württemberg“ am 18. November 2018 auf Fa-cebook), folgende Passagen:

„(…)
Sie liegen verscharrt und versunken
im Massengrab und im Meer,
aber es leben Halunken,
die ziehen über sie her.
Heut tobt man mit frechem Gebaren
durch Flitter und Lüge und Glanz.
Sie fielen mit achtzehn Jahren
in einem anderen Tanz.
Sie waren nicht ausgezogen
um Beute und schnöden Gewinn,
was heute verlacht und verlogen,
es hatte für sie einen Sinn!
Sie hatten ihr junges Leben
nicht weniger lieb als die,
die heutʼ höhnen: Es hinzugeben
sei reine Idiotie!
Sie konnten nicht demonstrieren:
‚Mehr Freizeit bei höherem Lohn!‘
Sie mußten ins Feld marschieren,
der Vater, der Bruder, der Sohn.
(…)
Sie haben ihr Leben und Sterben
dem Vaterland geweiht
und wußten nicht, welchen Erben
und welcher Erbärmlichkeit!“
[Zitiert nach einem Post des „Aktionsblogs Württemberg“ vom 18. November 2018 auf Facebook vom 6. Dezember 2018]

Genau in diesem Geist formulierte „Der III. Weg“ auf seiner Homepage in einer „Nachbetrachtung vom Heldengedenken 2018 in Wunsiedel“ vom 21. November 2018 unter der Zwischenüberschrift „Heldengedenken ist auch eine Kampfansage an den verfaulten Zeitgeist“:

„Ein nationalrevolutionäres Heldengedenken darf nicht nur still an jene erinnern, die einst für uns ihr Leben gaben, sondern muss den heldenlosen, geschichtsvergessenen und volksfeindlichen Zeitgeist auch vehement anprangern. Mit klaren Worten geißelten auch die Redner auf der Auftaktkundgebung den heutigen antideutschen Zeitgeist, der das Volk seiner Werte und seiner Identität beraubt [Internetauswertung vom 6. Dezember 2018]“.

Und bereits in seiner Januar/Februar-Ausgabe 2018 veröffentlichte das neonazistische, seit Frühjahr 2017 zweimonatlich erscheinende Periodikum „N.S. Heute“ einen Beitrag u. a. über eine rechtsextremistische „Heldengedenk“-Aktion vom 9. November 2017. Diese fand an einem Denkmal im Ruhrgebiet für die Opfer des Aufstands der „Roten Ruhrarmee“ und dessen Niederschlagung durch Reichswehr und Freikorps (März/April 1920) statt; das Denkmal wurde ursprünglich von den Nationalsozialisten errichtet. In diesem Artikel heißt es:

„Nahezu sinnbildlich steht dort dieses Zeugnis aus glorreichen Zeiten, umgeben und überwuchert von Müll und Dreck. (…) Gemäß der ethnomasochistischen Geisteshaltung der umerzogenen Vasallen, welche in jeder Regierungsebene dieses Besatzerkonstruktes tätig sind, war das einzige Arrangement seitens der Stadt, eine Gedenktafel für die kommunistischen Mörderbanden anzubringen und nicht für die heldenhaften Kämpfer, welche im Kampf gegen den marxistischen Terror für Deutschland und Europa ihr Leben ließen. Der gesamte Zustand stellt genauer gesehen ein mikrosoziales Spiegelbild dieser verkommenen Epoche dar. (…) Genau dieser Dekadenz gilt es, entgegenzuwirken und ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen den herrschenden Zeitgeist, der geprägt ist von Kultur-, Sitten- und Werteverfall, der Besudelung unserer Toten und der Diffamierung und Verfälschung unserer Geschichte und Artgemeinschaft. Aus diesem Grund trafen sich an einem grauen Novembertag eine Handvoll aufrechter, pflicht- und artbewusster Deutscher, um den Ahnen den nötigen Respekt zu zollen und mit der Säuberung dieser ehrenvollen Stätte einen symbolischen Akt des geistigen Widerstandes zu vollziehen.“ [„N.S. Heute“ #7 Janu-ar/Februar 2018, Artikel „Deutschlandweite Gedenk-Aktionen im November. Denkmalpflege und Heldengedenken“, S. 13–15, Zitate S. 14. „N.S. Heute“ steht nach eigenen Angaben des Periodikums für „Nationaler Sozialismus Heute“.]

Nach mehr oder minder erfolgreicher „Denkmalpflege“, so wird im weiteren Verlauf des „N.S. Heute“-Artikels berichtet, beteiligten sich „zwei Dutzend Kameraden aus dem gesamten Ruhrgebiet sowie eine Delegation aus den Niederlanden“ an einem „Heldengedenken zum – speziell für unser Volk – sehr schicksalhaften neunten Novembertag [Ebenda].“ Zwar versucht der Autor zu verschleiern, ob hier ein bestimmter (und, wenn ja, welcher) 9. November hier gemeint ist; so verweist er gleich zu Beginn des Artikels als Beispiel für die Geschichtsträchtigkeit dieses Tages auf den Tag des Mauerfalls 1989. Doch lässt der Gesamtkontext des Artikels trotz aller gewundenen Verklausulierungen bei einem halbwegs szenekundigen Leser keine ernsthaften Zweifel daran, dass mit diesem „Heldengedenken“ vom 9. November 2017 im Ruhrgebiet – zumindest primär – derjenigen Nationalsozialisten gedacht wurde, die bei der Niederschlagung des Hitler-Ludendorff-Putsches am 9. November 1923 in München umgekommen waren. Und genau in dieser nationalsozialistischen Tradition des „Heldengedenkens“ für die eigenen „Blutzeugen“ [Ebenda, S. 15.] – u. a. – vom 9. November 1923 steht das „Heldengedenken“ deutscher Neonazis im Grunde bis heute.

Die vorangegangenen Erläuterungen dürften hinreichend deutlich gemacht haben, dass und warum rechtsextremistisches „Heldengedenken“ für Demokraten keinesfalls anschlussfähig sein kann.