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Rechtsextremistisches Gedenken an die Bombardierung Dresdens 1945: Teilnahme von Rechtsextremisten aus Baden-Württemberg

Rechtsextremismus     6 | 2015

Zu einem „Trauermarsch“ anlässlich des 70. Jahrestags der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg versammelten sich am 15. Februar 2015 etwa 500 Rechtsextremisten in der sächsischen Hauptstadt. Unter den Teilnehmern aus ganz Deutschland waren auch Rechtsextremisten aus Baden-Württemberg, hinzu kamen Gesinnungsgenossen aus dem europäischen Ausland.

Im Vorfeld der Veranstaltung fand, wie bereits in den Jahren zuvor, eine öffentlich-keitswirksame „Aktionswoche“ u. a. mit Flugblattverteilungen, Mahnwachen und Kranzniederlegungen statt. Facebook- und Twittereinträge der „Freien Nationalisten Kraichgau“ (FN Kraichgau) und der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) Heilbronn-Hohenlohe zeigen, dass diese in unbekannter Zahl angereist waren. Anhänger bei-der Gruppen posteten vor allem Bildmaterial von der Abschlussdemonstration am 15. Februar 2015. 

Schon zu Beginn der „Aktionswoche“ am 5. Februar 2015 reiste eine Delegation von Rechtsextremisten um Edda SCHMIDT, die baden-württembergische Vorsitzende der NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF), nach Dresden; die genaue Größe dieser Delegation ist nicht bekannt. Auf der RNF-Internetseite berichtete die Funktionärin aus Bisingen/Zollernalbkreis, die zugleich auch Mitglied des baden-württembergischen NPD-Landesvorstands ist, ausführlich von der aus ihrer Sicht gelungenen Reise.

Demnach nahm die Gruppe aus Baden-Württemberg über die Woche verteilt an verschiedenen internen Veranstaltungen, unter anderem des örtlichen NPD-Kreisverbands, teil. Darüber hinaus übernahm sie Aufgaben in „ihrem“ Dresdner Stadtteil wie eine Flugblattverteilung oder das Aufstellen von Gedenkutensilien. Neben politischen Aktivitäten stand der Besuch des Panometers in Dresden auf dem Programm, wo derzeit ein monumentales Panoramabild der zerstörten Stadt gezeigt wird. Der Kommentar der Autorin hierzu ist entlarvend: 

„Ganz und gar unmöglich, verlogen und volksverhetzend waren aber die Tafeln, an denen man vorbei mußte (...) und die mit Teilwahrheiten und totalen Lügen vorgaukeln, der Krieg und Verbrechen seien vorher von Deutschland ausgegangen, sodaß der Luftterror nur eine Konsequenz davon war.“

Umso erfreulicher erschien ihr der Umstand, dass die 200 „Gedenkluftballons“, die Rechtsextremisten am 8. Februar 2015 vor der Semperoper steigen ließen, von vielen Besuchern eines gerade dort stattfindenden Konzerts wahrgenommen worden seien. Auch am nächsten Tag, als unter widrigen Wetterbedingungen in der Stadtmitte – offenbar unter Beteiligung der Nationaldemokraten aus Baden-Württemberg – ein Infostand abgehalten worden sei, sei man „mit so manchem Bürger ins Gespräch“ gekommen und habe „Anerkennung für das würdige Erinnern und Empörung über die offizielle Verharmlosung und schamlose Minderung der Opferzahlen“ festgestellt. Die Teilnahme an der Demonstration der „PEGIDA“-Bewegung am Abend mit rund 2.000 Teilnehmern wertete sie als weiteres Erfolgserlebnis, da „die Stimmung (...) sehr gut“ gewesen sei, man „sich mit den Nebenstehenden [habe] gut unterhalten [können] und (...) gleicher Meinung“ gewesen sei. Zufrieden registrierte die RNF-Funktionärin, dass mit Schildern, Transparenten, Pfiffen und Buhrufen heftige Kritik an „Gauckler“ [eine in der rechtsextremistischen Szene kursierende despektierliche Verballhornung des Namens von Bundespräsident Joachim Gauck]  und Bundeskanzlerin Merkel geübt worden sei und die Rednerin der AfD „ziemlich deutliche Worte“ gefunden habe. „Irritierend“, aber als „sicher (...) kluger Schachzug“ quasi entschuldigend hinnehmbar, schilderte sie die Verlesung des Briefes eines „jüdischen Ehepaares“, das angeblich die Unterstützung der „PEGIDA“ durch „die Judenschaft Deutschlands“ bekundete. Dass die beiden Holocaust-Überlebende seien, setzte die Autorin in Anführungszeichen.

Das Highlight für die Reisegruppe aus Baden-Württemberg war indes das eigentliche Demonstrationswochenende 14./15. Februar 2015. Am 14. Februar kam der britische Geschichtsrevisionist und verurteilte Holocaust-Leugner David IRVING „nach 22 Jahren wieder nach Dresden (…) und sprach zu uns.“ Gegen IRVING, der sich in seinen Veröffentlichungen besonders der Zeit des Nationalsozialismus und der Luftangriffe auf Dresden gewidmet hatte, war 1993 ein Einreiseverbot nach Deutschland verhängt worden, das im März 2013 abgelaufen war. Das einzige Foto, mit dem der Erlebnisbericht illustriert ist, zeigt die Verfasserin an der Seite IRVINGs, der ihr gerade eine Widmung in ein Buch zu schreiben scheint.

Der eigentliche „Trauermarsch“ am 15. Februar fand unter Protesten eines etwa 1.000 Personen zählenden breiten gesellschaftlichen Bündnisses statt, an dem sich auch rund 150 Linksextremisten beteiligten. Dabei wurde mehrfach versucht, den Aufzug der Rechtsextremisten zu blockieren. 

Während die rechtsextremistische Szene die Tatsache, dass sie überhaupt einen Gedenkmarsch durchführen konnte, im Internet rückblickend als Erfolg feierte, gratulierten sich die Teilnehmer und Mitglieder des Bündnisses „Nazifrei! Dresden stellt sich quer“ zu ihrem „erfolgreichen Blockadetag“. Hierbei ließen die Rechtsextremisten außer Acht, dass sie aufgrund der massiven Gegenaktionen ihr Gedenken auf eine Aktionswoche mit mehreren Kleinveranstaltungen ausdehnen und mit ihrer Demonstration vom „eigentlichen“ Jahrestag des Bombardements am 13. Februar auf den 15. Februar ausweichen mussten. Statt bis zu 7.000 Teilnehmern wie noch vor wenigen Jahren waren nur wieder einige hundert am Geschehen beteiligt. Das Gegenprotest-Bündnis wiederum räumte ein, dass das Ziel, alle Aktivitäten der rechten Szene zu verhindern, nicht erreicht worden sei. 

Für die rechtsextremistische Szene war es mit erheblichem konspirativem Aufwand verbunden, das ehemals bedeutende Großereignis wenigstens in kleinem Rahmen durchzuführen. Eine spätestmögliche Anmeldung bei der Versammlungsbehörde und dezentrale Aktionen halfen, das Vorhaben umzusetzen. Die Bedeutung des „Gedenkens“ für die Rechtsextremisten ist insgesamt zurückgegangen und dürfte sich auch in den nächsten Jahren kaum wieder beleben lassen, zumal das Jahr 2015 mit dem 70. Jahrestag des Bombardements eine besondere Motivation zur Teilnahme hätte sein können. Die im RNF-Bericht positiv bewerteten Ereignisse wie die vermeintlich stille Übereinstimmung mit den Bürgern auf der Straße – sei es am Infostand, sei es bei „PEGIDA“ – und nicht zuletzt das Wieder-Auftreten des bewunderten David IRVING schienen die Erwartungen zumindest der nationaldemokratischen Delegation aus Baden-Württemberg bereits erfüllt zu haben. Da diese schon „seit vielen Jahren“ an den Gedenkaktivitäten teilnimmt, ist von dieser Seite weiterhin mit einer Teilnahme zu rechnen, solange es in Dresden eine entsprechende Veranstaltung gibt.