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Rechtsextremistische Ideologien kindgerecht verpackt

Rechtsextremismus     1 | 2014

Ob als Krümelmonster oder als „Hexe Ragna“ – Rechtsextremisten bemühen sich bereits seit Jahren darum, ihre Botschaften adressatengerecht, in manchen Fällen auch kind- bzw. jugendgerecht, aufzubereiten. Dabei ist immer wieder das Bemühen zu erkennen, die eigenen Absichten erst auf den zweiten Blick erkennbar werden zu lassen. Das ist eine bewährte und ganz aktuelle Möglichkeit, sich in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen.

„Das Krümelmonster geht wieder zur Schule …“ – das klingt zunächst wie der Anfang einer Geschichte aus der Sesamstraße. Allerdings spielt diese Geschichte nicht im Fernsehen, sondern im wahren Leben, und das Krümelmonster ist eine kostümierte Person, die rechtsextremistisches Gedankengut verbreiten möchte. Im Oktober 2013 lernten im brandenburgischen Senftenberg Schüler des Gymnasiums ein solches Krümelmonster kennen, Sie bekamen Papptafeln mit der Aufschrift „DEUTSCH? COOL!“ und dem Hinweis auf die Internetseite der „ZUKUNFTSSTIMMEN“ [die Website der „ZUKUNFTSSTIMMEN“ richtet sich insbesondere an „die deutsche Jugend“ und Personen, die sich „immer weiter vom System entfernen und nach Alternativen suchen. Überhaupt kann Demokratie weder gut noch richtig sein, wenn sie den schleichenden Tod eines über Jahrtausende organisch gewachsenen Volkes hervorruft“, so ist auf der Website zu lesen] in die Hand gedrückt und wurden damit fotografiert. Diese Fotos wurden kurz darauf im Internet veröffentlicht.
 
Am darauffolgenden Morgen war auf dem Schulhof des Senftenberger Gymnasiums ein grabähnliches Loch ausgehoben worden, das mit schwarzem Stoff ausgekleidet war. Ein Holzkreuz mit der Aufschrift „Volkstod“ und rot-weißes Absperrband vervollständigten die Installation. Am Absperrband waren Blätter mit dem Schriftzug „DEUTSCHE JUGEND, WACH AUF! DIE DEMOKRATEN BRINGEN UNS DEN VOLKSTOD!“ befestigt. Auf einem Weg neben dem „Grab“ waren die Worte „2030 – DIE LETZTEN DEUTSCHEN“ zu lesen.
 
Die Tatsache, dass Kinder für rechtsextremistische Propaganda benutzt worden waren, sorgte in der Bevölkerung für breite Empörung. Auch das Fernsehen und die regionale Presse berichteten über diese Aktion.
 
Die Ankündigung des Krümelmonsters per Twitter vier Wochen nach dieser Aktion, man werde demnächst wieder Schulen besuchen, wurde kurz darauf in die Tat umgesetzt. Am 4. Dezember 2013 stellte ein Mitarbeiter der Schule in Schwarzheide (Brandenburg) zwei Sargattrappen aus Pappe mit der Aufschrift „Die Demokraten bringen uns den Volkstod“ fest. Vor den „Särgen“ standen Grabkerzen. Am 6. Dezember 2013 bekannten sich bislang unbekannte Personen auf der Internetseite der „ZUKUNFTSSTIMMEN“ zu dieser symbolischen Sargaktion.
 
Auf dieser Internetseite ist inhaltlich eine Nähe zur „Volkstod“-Kampagne feststellbar. Diese Kampagne wurde durch die Aktionsform „Die Unsterblichen“ bekannt, die seit dem Jahr 2011 auch in Baden-Württemberg Thema ist. Hierbei handelt es sich um Personen, die sich einheitlich mit schwarzer Kleidung, weißen Masken und Fackeln ähnlich einem Flashmob formieren. In Aufzügen mit bis zu 300 Personen marschieren sie vorzugsweise durch kleinere Städte und sind wenige Minuten später, beim Eintreffen der Polizeikräfte, meist verschwunden. Auch in Fasnachtsumzügen, z. B. in Konstanz, haben sich Aktivisten mehrfach unangemeldet eingereiht und Flyer mit rechtsextremistischen Inhalten verteilt.
 
Die „Unsterblichen“ rekrutieren sich aus verschiedenen neonazistischen Gruppen und nichtorganisierten Personenzusammenschlüssen sowie aus Sympathisantenkreisen. Sie filmen ihre Aufzüge, setzen sie durchaus eindrucksvoll mit Musikuntermalung in Szene und stellen die Videos ins Netz. Ziel der Aktionen ist der Hinweis auf den angeblichen schleichenden „Volkstod“, der nach Auffassung der „Unsterblichen“ von den „Demokraten“ verursacht wird.
Diese Methode wurde erstmals von den „Spreelichtern“ genutzt, einer Gruppierung innerhalb der im Juni 2012 verbotenen „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“. Ihr Wahlspruch lautete seinerzeit: „Die Demokraten bringen uns den Volkstod“.
 
Wie eingangs erwähnt, ist es nicht neu, dass sich Rechtsextremisten kostümieren, um ihre Propaganda wirkungsvoller in die Öffentlichkeit zu tragen. Im Jahr 1978 ging eine Gruppe junger Männer um den Neonazi Michael KÜHNEN mit Lederjacken und Stahlhelm auf die Straße. Einer trug eine Eselsmaske und zeigte ein Schild mit der Aufschrift „Ich Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden vergast wurden“. Wie auf der Internetseite des Landesverbands Sachsen-Anhalt der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) zu lesen ist, diente diese Form, Aufmerksamkeit zu erregen, im Jahr 2011 auch der NPD. Dort war auf den Schildern „Ich Esel glaube, dass der Euro uns Deutschen nutzt“ zu sehen.
 
NPD-Funktionärin als Märchenhexe
 
Wer das Märchenerzähltheater mit der „Hexe Ragna“ besucht, sollte sich vorher darüber im Klaren sein, dass Magie und fliegende Besen hier sehr wahrscheinlich nur Mittel zum Zweck sind. Erfinderin dieser Figur ist laut Website der NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) deren Bundesvorsitzende Sigrid SCHÜSSLER. Sie ist u. a. familienpolitische Sprecherin des NPD-Landesverbands Bayern sowie Redakteurin der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“.
 
Auch der „Abschiebär“, eine Kunstfigur der inzwischen verbotenen Gruppierung „Besseres Hannover“, war im Internet zu sehen. Darüber hinaus trat er in Propagandavideos und bei verschiedenen Veranstaltungen auf.
 
Kinder mit derartigen Programmen zu begeistern, ist nicht schwer und nicht an Ländergrenzen gebunden. Deshalb ist es Aufgabe der Erwachsenen, hinter die Kulissen zu blicken. Um Hinweise auf eine rechtsextremistische Ausrichtung erkennen zu können, bietet u. a. das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg ein breites Spektrum von Informationen an. Die Präventions- und Aufklärungsarbeit des Landesamts im Bereich Rechtsextremismus wurde nach der Aufdeckung der Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) intensiviert und personell weiter ausgebaut. Neben Publikationen bietet das Landesamt zielgruppenorientierte Fachvorträge für staatliche Einrichtungen, zivilgesellschaftliche Akteure sowie Vereine und Organisationen an. Darüber hinaus ist es Kooperationspartner der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg beim Projekt „Team meX – Mit Zivilcourage gegen Rechtsextremismus“. Im Rahmen dieses Projekts werden vor Ort Projekttage an Schulen sowie Fortbildungen für Multiplikatoren in der Jugendarbeit angeboten.
  
 
Informationen zum Vortragsangebot des Landesamts für Verfassungsschutz können unter der Adresse www.verfassungsschutz-bw.de abgerufen werden. Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist per E-Mail unter info@lfvbw.bwl.de oder telefonisch unter 0711/95 44-293/-427 erreichbar.
 
Informationen zum Projekt „Team meX“ sind per E-Mail unter mail@team-mex.de, telefonisch unter 0711/16 40 99-81/-82 oder auf der Internetseite www.team-mex.de erhältlich.