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Deutscher Thaiboxer in Syrien vermutlich tot – Todesumstände ungeklärt

Islamismus     9 | 2015

Ende Juni wurde der zweifache Thaibox-Weltmeister Valdet GASHI aus Singen, der sich Anfang des Jahres dem „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen hatte, in Syrien getötet. Sein Tod scheint geradezu perfekt für die Bildung einer Propagandalegende: Prominent, Kampfsportler, zuvor in die Internet-Propaganda des IS integriert, fällt im Kampf für den IS. Dennoch bleiben Zweifel hinsichtlich der genauen Todesumstände. Möglicherweise wurde sein Tod sogar von ranghohen IS-Vertretern selbst herbeigeführt.

Leben in Deutschland und Syrien

Ursprünglich aus dem Kosovo stammend, war GASHI zunächst in Neumarkt in der Oberpfalz/Bayern aufgewachsen, bevor die Familie nach Singen zog. Zudem verbrachte GASHI, der schon früh mit dem Kick- und Thaiboxen begonnen hatte, immer wieder längere Zeit in Thailand. Dort avancierte er als Profikämpfer zu einem Star in der Szene und wurde schließlich zweifacher Weltmeister im Thaiboxen.

Gleichzeitig beteiligte sich GASHI allerdings bereits im Jahr 2012 an der salafistischen Missionierungskampagne „LIES!“, für die er unter anderem in einem Video auftrat. Zudem gründete GASHI in Winterthur/Schweiz das Kampfsportcenter MMA Sunna, wo der Sport nur in Übereinstimmung mit den Regeln des Islams ausgeübt werden sollte – und wo ebenfalls drei weitere spätere Syrien-Ausreisende trainierten.

GASHI selbst reiste vermutlich im Januar 2015 nach Syrien aus, um sich dem IS anzuschließen – nach eigenen Angaben, um den Muslimen vor Ort zu helfen und sich ein eigenes Bild vom Leben im „Kalifat“ zu machen. Er hielt sich vor allem im Gouvernement Aleppo auf. Nach eigenen Angaben gegenüber den Schweizer Medien im Juni war er dort zwar Teil des IS-Systems, nahm aber selbst nicht an gewaltsamen Handlungen teil, sondern arbeitete als Grenzwächter gegen den Schmuggel von illegalen Gütern. Zudem war GASHI in die Propagandastrategie des IS integriert: In Facebook-Posts und mehreren Interviews zeichnete er ein attraktives Bild vom Leben im IS-Machtbereich. Vorwürfe, Frauen und Jugendliche zur Ausreisen nach Syrien zu bewegen, wies GASHI allerdings stets zurück. 

Konkurrierende Narrative über seinen Tod

Zu Beginn des Monats Juni noch Bestandteil der Propaganda des IS, war Valdet GASHI vier Wochen später bereits tot, wie sein Bruder Anfang Juli auf Facebook mitteilte. Über die genauen Umstände besteht unter Beobachtern jedoch Uneinigkeit. Neben grundsätzlichen Zweifeln am Tod des Thaiboxers, unter anderem geäußert von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) [[1]Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) ist eine oppositionelle Informationsstelle mit Sitz in London. Sie dokumentiert Menschenrechtsverletzungen im syrischen Bürgerkrieg dokumentiert und liefert detaillierte Opferzahlen. Die SOHR gilt trotz unterschiedlicher Kritik als eine der verlässlichsten Quellen für Informationen über den syrischen Bürgerkrieg und wird von allen großen westlichen Nachrichtenagenturen und Zeitungen zitiert], existieren mindestens drei – zum Teil konkurrierende – Narrative: 

Das offizielle Narrativ des IS wurde auch der Familie GASHI übermittelt. Ende Juni erhielt dessen Bruder einen Anruf von GASHIs Mobiltelefon; ihm wurde mitgeteilt, dass sein Bruder einige Tage zuvor bei einem US-amerikanischen Luftangriff auf Kobane ums Leben gekommen sei, als er einen unter Beschuss geratenen Freund habe retten wollen. Noch am 26. Juni 2015 hatten die Brüder in Kontakt gestanden: In dem Gespräch habe Valdet GASHI mitgeteilt, er wolle bei der Evakuierung von Zivilisten aus Kobane helfen. Diese Version wurde unter anderem auch von dem österreichischen Jihadisten Mohammed MAHMOUD aufgegriffen, der auf seinem Twitter-Kanal den Tod GASHIs durch einen US-Luftangriff bestätigte und behauptete, einen kampfeslustigen GASHI noch wenige Tage vor dessen Tod getroffen zu haben.

Bereits früh existierten jedoch Zweifel an der Linie des IS. Nach Angaben der SOHR sei Valdet GASHI bereits kurz nach seiner Ankunft von den barbarischen Praktiken des IS derart schockiert gewesen, dass er wieder nach Deutschland habe zurückkehren wollen. Schließlich habe er mit einer Gruppe aus dem Norden Aleppos in die Türkei fliehen wollen, doch sei er bei der Flucht vom IS gefangen genommen und schließlich in einem Gefängnis in Manbidsch bei Aleppo exekutiert worden.

Die Version einer Tötung GASHIs durch den IS selbst wird auch durch die Schilderungen eines deutschen Politikers gestützt, der mit GASHI nach eigenen Angaben bis zu dessen Tod über Facebook in regem Kontakt stand. Wie in den Informationen der SOHR wird auch hier von den wachsenden Zweifeln GASHIs am IS berichtet. Außerdem habe er in Absprache mit dem Politiker geplant, die Befreiung von jesidischen Sklaven zu organisieren, die durch den IS entführt worden waren. Über diese Pläne hatte er auch einen Schweizer Extremismus-Experten per WhatsApp informiert. Die elektronische Kommunikation nach Deutschland und in die Schweiz sowie der offene Austausch über seine Pläne mit ranghohen IS-Vertretern hätten GASHI bei der IS-Führung schließlich verdächtig gemacht. Aus diesem Grund sei er zwei Tage nach dem letzten Facebook-Austausch mit dem deutschen Politiker getötet worden – entweder durch eine Exekution oder, unter Inkaufnahme seines Todes, durch die Entsendung nach Kobane.

 

Fazit

Über die genauen Todesumstände von Valdet GASHI sowie sein Leben in Syrien besteht also weiterhin Unklarheit. Die Geschichte des IS-Kämpfers sowie seine feste Einbindung in die Propaganda des IS stehen der Geschichte eines desillusionierten Helfers mit ständig wachsenden Zweifeln am System des „Kalifats“ gegenüber. Dabei lassen sich die beiden verschiedenen Narrative zur Tötung GASHIs durch den IS durchaus integrieren: Beide berichten von den wachsenden Zweifeln GASHIs und einer möglichen Antagonisierung der IS-Spitze, die schließlich zu seinem Tod führte. Gestützt wird die Vermutung, dass GASHI durch den IS getötet wurde, zudem durch sein plötzliches Verstummen – obwohl er als prominenter Thaibox-Weltmeister eigentlich einen hohen Propagandawert für den IS besaß und so auf längere Zeit eine Ressource für den IS hätte sein können. In jedem Fall zeigen die unterschiedlichen Aussagen zum Fall GASHI den Kampf um die Deutungshoheit über das Schicksal eines Syrien-Ausreisenden auf.