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Der Stellenwert der Musik für die rechtsextremistische Szene

Rechtsextremismus     12 | 2014

Einleitung

„Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden.“ Mit diesen Worten hatte Mitte der 1980er Jahre der inzwischen verstorbene Gründer der „Blood-&-Honour“-Bewegung und Sänger der englischen Skinhead-Band „Skrewdriver“, Ian Stuart Donaldson, auf die besondere Bedeutung der Musik hingewiesen.

Er sollte recht behalten: Rechtsextremistische Musik ist das verbindende subkulturelle Element bei der Entstehung und Verfestigung von Gruppen rechtsextremistischer Jugendlicher und spiegelt die typischen Feindbilder der Szene wider: „Fremde“, „Ausländer“, „Juden“, politische Gegner und der demokratische Verfassungsstaat. Bei rechtsextremistischen Konzerten werden Kontakte geknüpft und gepflegt; über das Liedgut lässt sich die politische Ideologie verbreiten und somit auch Nachwuchs rekrutieren.

Vielfalt der rechtsextremistischen Musikszene

Die rechtsextremistische Skinheadmusik, die die harten und aggressiven Rhythmen von Hard Rock oder Heavy Metal mit entsprechenden politischen Inhalten verbindet, war lange Zeit der dominante Musikstil. Seit Anfang der 2000er Jahre hat sich das Spektrum der rechtsextremistischen Musik um den Hard- bzw. Hatecore- oder Black Metal-Stil sowie auch um Rap erweitert. Der Musik haftet das Image von Nonkonformität und Rebellion an. Sie kommt damit, oberflächlich betrachtet, alles andere als bieder, rückwärtsgewandt oder altmodisch daher. Dieses Image ist für viele Jugendliche attraktiv. Die Verwendung der englischen Sprache in Bandnamen oder Liedtexten ist mittlerweile auch bei Rechtsextremisten akzeptiert. Die Skinheadmusikszene bildet einen Gegenpol zum historischen Nationalsozialismus, aber auch zu vielen heutigen, älteren Rechtsextremisten, die sich in ihrem Antimodernismus und ihrer NS-Gesinnung von modernen Musikrichtungen wie Rock oder Heavy Metal klar distanzieren und stattdessen traditionellere Musikstile wie z. B. das Volks- oder Kunstlied bevorzugen. Ergänzt wird die stilistische Vielfalt der rechtsextremistischen Musikszene durch nicht der Skinheadszene zuzurechnende Liedermacher. Beliebt sind auch Stücke in Balladenform, die nicht nur von Liedermachern, sondern auch von Bands eingespielt werden.

Musik als Teil der „Erlebniswelt Rechtsextremismus“

Der Konsum rechtsextremistischer Skinheadmusik im Speziellen wie auch das Bekenntnis zum Rechtsextremismus im Allgemeinen scheinen in der bundesdeutschen Gesellschaft ein sicherer Weg für Jugendliche zu sein, Gesellschaft und Elterngeneration nachhaltig zu provozieren. Dass die Ablehnung, die rechtsextremistischer Skinheadmusik entgegenschlägt, gute Gründe hat, wird von diesen Jugendlichen nicht erkannt oder bewusst ignoriert. Ein häufiger Grund ist, dass sie alters- und/oder bildungsbedingt noch nicht über eine fundierte politische Orientierung verfügen.

Für die Beantwortung der Frage nach der Attraktivität rechtsextremistischer Skinheadmusik für Jugendliche scheint aber ein weiterer Faktor noch wichtiger zu sein: Die Musik verbindet ideologische Indoktrination mit jugendspezifischen Formen der Unterhaltung und der Freizeitgestaltung unter Gleichaltrigen. Sie ist damit wichtiger Bestandteil einer „Erlebniswelt Rechtsextremismus [Vgl. Thomas Pfeiffer, Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Musik, Symbolik, Internet – der Rechtsextremismus als Erlebniswelt, in: Stefan Glaser/Thomas Pfeiffer (Hrsg.), Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Hintergründe – Methoden – Praxis der Prävention, 3. überarbeitete und ergänzte Auflage, Schwalbach/Ts. 2013, S. 44–64.], wie es der Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen nennt. Er verweist auf „die zentrale Bedeutung, die der Musik mit rechtsextremistischen Inhalten“ dabei zukomme [Text „Menschenverachtung als Unterhaltungswert“ vom März 2005 auf www.im.nrw.de, abgerufen am 29. Juni 2006. Konkret definiert der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz diese „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ u. a. wie folgt: „Die Kombination von Freizeit- und Unterhaltungswert mit politischen Inhalten, die um einen fremdenfeindlichen Kern und die Verherrlichung, zumindest die Verharmlosung des Nationalsozialismus kreisen, ist zum Kennzeichen des zeitgenössischen Rechtsextremismus geworden. Diese Verbindung kann als ‚Erlebniswelt Rechtsextremismus‘]. Dieser Feststellung ist beizupflichten: Anders als bei potenziell trockenen, langweiligen oder gar intellektuell anstrengenden Vortragsabenden und Parteischulungen, zumal unter häufig deutlich älteren Gesinnungsgenossen, steht der Unterhaltungswert eines Skinheadkonzerts mindestens (!) gleichwertig neben seiner Indoktrinationsfunktion. Dadurch kann ein Konzert geradezu Happening- oder Eventcharakter annehmen. Der einzelne Teilnehmer, insbesondere ein Szene-Einsteiger, kann sich einbilden, ja „nur“ ein jugendkulturelles Konzert zu besuchen. Gleichzeitig wird er aber mit eindeutigen Inhalten beschallt. Somit betreiben diese Konzerte und die dort auftretenden Bands eine Art lautstarker Werbung in Sachen Rechtsextremismus. Ähnliches gilt für die entsprechenden Tonträger.

Rechtsextremistische Konzerte

In der Mehrzahl werden die subkulturell geprägten rechtsextremistischen Konzerte von Einzelpersonen, die seit Jahren der Skinheadszene angehören, oder von regionalen Gruppen geplant und organisiert. Die Mobilisierung verläuft in den meisten Fällen über Telefonketten, per SMS, Mailinglisten im Internet und Mundpropaganda. Auch kurzfristig ist es so möglich, einen großen Personenkreis zu mobilisieren. Die Teilnehmer erfahren in aller Regel nur einen Treffpunkt, von dem aus sie dann zum eigentlichen Veranstaltungsort weitergeleitet werden.

Besonders aktiv bei der Durchführung von Konzerten war, bis zu ihrem Verbot im Jahr 2000, die bundesweit agierende neonazistische Organisation „Blood & Honour“ mit ihrer Jugendorganisation „White Youth“. Mit dem Verbot der Organisation ging die Zahl der Konzerte zunächst zurück. Allerdings hatten sich nicht alle ihre ehemaligen Aktivisten aus der Konzertorganisation zurückgezogen, einige von ihnen und waren zwischen 2003 bis 2005 wieder im Musiksektor tätig. Nach Exekutivmaßnahmen wegen Nachfolgebestrebungen der verbotenen Organisation „Blood & Honour“ im März 2006 ließen die Konzertaktivitäten wieder spürbar nach.

Auch die 1986 in den USA gegründeten „Hammerskins“ erzielen Außenwirkung durch die Organisation von rechtsextremistischen Konzerten. Die seit Anfang der 1990er Jahre auch in Deutschland aktive „Hammerskin“-Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die „weiße Rasse“ zu beschützen und alle rechtsextremistischen Skinheads weltweit in einer „Hammerskin-Nation“ zu vereinigen.

Seit Beginn der 2000er Jahre ist eine zunehmende Vernetzung der Skinheadszene mit anderen Teilsegmenten des deutschen Rechtsextremismus feststellbar. Diese äußert sich u. a. darin, dass rechtsextremistische Organisationen, die nicht der Szene zuzurechnen sind, Skinheadkonzerte veranstalten oder doch zumindest einschlägige Bands auf ihren Veranstaltungen auftreten lassen. Speziell eine Ausrichtung durch rechtsextremistische Parteien bedeutet für die beteiligten Skinheadbands zudem, dass die Veranstaltungen besser vor staatlichen Maßnahmen wie Verbot oder Auflösung geschützt sind. Ebenso sind in den letzten Jahren in der Skinheadszene eine stärkere Gleichgültigkeit, aber auch eine bessere, vor allem juristische Absicherung gegenüber staatlichen Kontroll- und Exekutivmaßnahmen zu beobachten. Hier dürfte ein Zusammenhang unter anderem mit szeneintern durchgeführten Rechtsschulungen bestehen. Außerdem zeigt sich die Szene in der Lage, flexibel umzudisponieren, beispielsweise kurzfristig einen Veranstaltungsort zu wechseln – auch über größere Entfernungen hinweg. Diese organisatorischen und logistischen Leistungen werden nicht zuletzt dadurch begünstigt, dass die Szene über eigene Veranstaltungsörtlichkeiten verfügt. Solche szeneeigenen Objekte ermöglichen die Durchführung von Konzerten mit verhältnismäßig geringem Aufwand und hoher Planungssicherheit.

Rechtsextremistische Skinheads aus Baden-Württemberg sind jedoch nicht allein auf das Konzertgeschehen im eigenen Bundesland angewiesen. Bereits seit vielen Jahren nehmen sie zum Teil weite Wegstrecken auf sich, um Konzerte in anderen Bundesländern oder im Ausland zu besuchen. Aktuell sind – wieder einmal – Konzerte im angrenzenden Elsass beliebt, an deren Organisation deutsche Rechtsextremisten zum Teil maßgeblich beteiligt sind. Die Szene verspricht sich von einem Ausweichen ins Ausland, dem staatlichen Verfolgungsdruck im eigenen Land zu entgehen. Bei Konzerten in Grenznähe zu Frankreich und der Schweiz sind regelmäßig Teilnehmer und Bandauftritte aus den benachbarten Ländern festzustellen.

Vertrieb rechtsextremistischer Musik

Rechtsextremistische Musik und Propagandamaterialien sind im allgemeinen nicht im freien Handel erhältlich. Für Produktion und Verbreitung haben sich eigene nationale und internationale Vertriebsstrukturen entwickelt. Bei Konzerten bieten mobile Händler außerdem Tonträger und Merchandising-Artikel von rechtsextremistischen Bands an. Baden-Württemberg ist kein Schwerpunkt bundesweiter Vertriebsaktivitäten.

Ein interessantes Beispiel für den Versuch der rechtsextremistischen Szene, mit Musik Schüler zu ködern, die bislang keinen Kontakt zur rechtsextremistischen Szene hatten und ideologisch noch nicht gefestigt sind, ist das 2004 gestartete „Projekt Schulhof“. Dabei sollten bundesweit massenhaft CDs mit dem Titel „Anpassung ist Feigheit – Lieder aus dem Untergrund“ kostenlos auf oder in der Nähe von Schulhöfen verteilt werden. Dieser moderne Ansatz setzt zielgruppengerecht auf rechtsextremistische Musik und hat in der Folge einige Nachahmer gefunden. Mehrfach kam es zu richterlichen Beschlagnahmebeschlüssen für die hergestellten CDs und zu polizeilichen Sicherstellungen. Dennoch geben rechtsextremistische Gruppen oder auch die „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“ (NPD) und ihr Jugendverband „Junge Nationaldemokraten“ (JN) immer wieder sogenannte Schulhof-CDs heraus. Diese werden zumindest regional verteilt oder im Internet kostenlos zum Herunterladen angeboten. Inhaltlich-ideologisch bewegen sich die CDs auf ausgetretenen rechtsextremistischen Pfaden und predigen in letzter Konsequenz rechtsextremistische, antimodernistische Gegenentwürfe zur westlichen Moderne. Über den Konsum dieser Musik kann das Interesse von Jugendlichen für die Szene geweckt werden. Genau diesen Rekrutierungseffekt wollen die Macher der CD-Projekte sich und der gesamten rechtsextremistischen Szene zunutze machen.

Inhalt der Liedtexte

Die Texte rechtsextremistischer Skinheadbands thematisieren einerseits das Selbstverständnis und das Lebensgefühl der Skinheadszene. So ist die Verherrlichung des Skinheaddaseins (z. B. des szenetypischen exzessiven Alkoholkonsums) ein häufig wiederkehrendes Motiv. Andererseits ist die Musik das wichtigste Propagandamedium, über das rechtsextremistische Inhalte in die (Skinhead-)Szene transportiert werden. Zahlreiche Liedtexte greifen Themen der germanischen bzw. völkisch-germanischen Mythologie auf. Sie verherrlichen offen und unterschwellig den Nationalsozialismus, den Krieg und deutsche Soldaten als Helden. Andere Lieder richten sich gegen Kapitalismus und Globalisierung sowie gegen gesellschaftliche Missstände. Das bestehende politische System, das aus Skinhead-Sicht für eine Lösung der Probleme nicht geeignet ist, wird als korrupt dargestellt.

Bei solcher Hetze wird zuweilen auch – direkt oder indirekt – zur Gewaltanwendung aufgerufen. Spätestens in derartigen Fällen kann der gewaltbejahende, geradezu verhetzende Charakter zumindest von Teilen der rechtsextremistischen Skinheadmusik nicht in Zweifel gezogen werden. Dieser Charakter wird oft noch akustisch-stilistisch unterstrichen und verstärkt, z. B. durch stakkatohafte, aufpeitschende und aggressive Rhythmen und Melodien sowie durch bis zur akustischen Unverständlichkeit gepresst vorgetragenen und gegrölten Gesang.

Texte dieser Art können bei ihren meist jugendlichen Konsumenten langfristig eine ideologisch indoktrinierende, fanatisierende, gleichzeitig moralisch verrohende, enthemmende Wirkung entfalten, die auch Gewaltbereitschaft und in letzter Konsequenz Gewalttätigkeit erzeugen kann. Außerdem geben sie der Gewalt durch die wiederholte Hetze gegen gängige rechtsextremistische Feindbilder die Angriffsziele vor. Rechtsextremistische Skinheadmusik kann daher eine der Ursachen rechtsextremistisch motivierter Gewalt sein.

Die meisten Liedtexte rechtsextremistischer Skinheadbands bewegen sich jedoch unterhalb der Schwelle zum konkreten Gewaltaufruf – wohl nicht zuletzt, weil die Bands andernfalls juristische Folgen zu befürchten hätten.

Dieser Beitrag ist Teil des Berichts „Strukturen der rechtsextremistischen Szene in Baden-Württemberg ab 1991“, den das Innenministerium der Enquetekommission „Konsequenzen aus der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)/Entwicklung des Rechtsextremismus in Baden-Württemberg – Handlungsempfehlungen für den Landtag und die Zivilgesellschaft“ vorgelegt hat. Die Berichtsteile des Landesamts für Verfassungsschutz können Sie auf unserer Internetseite www.verfassungsschutz-bw.de einsehen.