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Autoritäten/Ideologen

Im Folgenden werden einige ausgewählte Autoritäten und Ideologen vorgestellt, die mit ihren Lehren und Aktivitäten Einfluss auf die islamistische Szene in Deutschland ausüben. 

AL-ALBANI, Naser ad-Din (1914–1999): Der in Albanien geborene und in Syrien aufgewachsene Gelehrte gilt als Vordenker des Salafismus. Er pflegte gute Verbindungen nach Saudi-Arabien und in wahhabitische Führungskreise, setzte sich mit seinen Lehren jedoch von dieser Strömung ab.

AL-ARIFI, Mohammed (geb. 1970): Der saudische Gelehrte ist unter (deutschen) Salafisten populär und hielt auch schon Vorträge in deutschen Moscheen, auch in Baden-Württemberg. Seine Bedeutung hängt jedoch mit seiner intensiven Nutzung der neuen Medien zusammen. Auf Twitter hat AL-ARIFI über 15 Millionen Anhänger.

AL-AWLAKI, Anwar (1971–2011): AL-AWLAKI wuchs im Jemen und in den USA auf. Als Prediger nutzte er verstärkt das Internet, um zukünftige Jihadisten anzuwerben. Einfluss erlangte er dabei durch seine zweisprachige Kommunikation in Arabisch und Englisch. Er wird dem „al-Qaida“-Netzwerk zugerechnet.

AL-BAGHDADI, Abu Bakr (eigentlich Ibrahim Awad Ibrahim AL-BADRI; geb. 1971): Der aus dem Irak stammende AL-BAGHDADI ist seit dem Jahr 2010 Anführer der Vorgängerorganisation des IS. Im Jahr 2014 ernannte er sich zum Kalifen über die vom „Islamischen Staat“ kontrollierten Gebiete. 

AL-BANNA, Hassan (1906–1949): Der ägyptische Volksschullehrer gründete 1928 die „Muslimbruderschaft“, die sich rasch zu einer streng hierarchisch organisierten, islamistischen Massenorganisation entwickelte. AL-BANNA konzentrierte sich auf Bildungsmaßnahmen, mit denen die antikoloniale Ausrichtung der „Muslimbruderschaft“ verbreitet und die Re-Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft erreicht werden sollte. 

AL-QARADAWI, Yusuf (geb. 1926): Der gebürtige Ägypter, ein islamischer Rechtsgelehrter, lebt seit Jahrzehnten in Katar. Von dort aus verbreitete er hunderte Schriften. Auf dem arabischen Fernsehkanal „Al-Jazeera TV“ moderiert er die Sendung „Die Scharia und das Leben“. AL-QARADAWI steht in geistiger Nähe zur „Muslimbruderschaft“.

AN-NABHANI, Taqi ad-Din (1909–1977): Der im heutigen Israel geborene Gelehrte gründete 1953 die „Hizb ut-Tahrir“. Die Organisation strebt die Etablierung eines islamischen Staates auf der Grundlage von AN-NABHANIS Ideen an, die er in der Schrift „Nizam al-Islam“ beschrieben hat.

AZZAM, Abdallah (1941–1989): Der Palästinenser setzte sich in den 1980er Jahren nach Pakistan ab und führte dort das sogenannte „Dienstleistungsbüro“, das die Aktivitäten aller Freiwilligen im Rahmen des afghanischen Befreiungskampfes von der sowjetischen Besatzung koordinierte. Das „Dienstleistungsbüro“ ging nach Azzams Tod in „al-Qaida“ auf. Seine Lehren verbreitete er durch Reden, Predigten und mehrere Schriften. Seine Ausführungen zum Jihad als individuelle Pflicht für jeden Muslim zeigen bis heute ihre Wirkung.

AZ-ZARQAWI, Abu Musab (1966–2006): Der Jordanier gründete die Organisation „Tauhid wa-l-jihad“, die später in der Organisation „Islamischer Staat“ (IS) aufging. AZ-ZARQAWI war kein Gelehrter und hatte ein insgesamt niedriges Bildungsniveau. Einflussreich war er jedoch mit der Zielbestimmung und Strategiewahl für seine Organisation „Tauhid wa-l-jihad“ sowie mit seinen brutalen Taten und Propagandamorden vor laufender Kamera. 

AZ-ZAWAHIRI, Ayman (geb. 1951): Der Ägypter war ursprünglich Mitglied der „Muslimbruderschaft“. Später wechselte er ins „al-Qaida“-Netzwerk. Mit seinen intellektuellen Leistungen avancierte er zum Ideologen der „al-Qaida“. Auf seinen Ideen basiert das Konzept der Bekämpfung des „nahen“ (Regierungen in den arabischen/islamischen Ländern) und des „fernen Feindes“ (der Westen). Nach dem Tod BIN LADENS hat er die Führung über das „al-Qaida“-Netzwerk übernommen. 

BIN BAZ, Abd al-Aziz (1910–1999): Der Gelehrte gehörte zum religiösen saudischen Establishment. Für die in Deutschland lebenden Salafisten ist seine Fatwa von Bedeutung, die reglementiert, in welchen Fällen Muslime in einem nicht-islamischen Land leben dürfen. Kontrovers diskutiert wurde hingegen seine Fatwa, mit der er die Stationierung von US-Truppen in Saudi-Arabien während des Zweiten Golfkrieges im Jahr 1991 legitimierte.

BIN LADEN, Osama (1957–2011): Der Saudi-Araber war bis zu seinem Tod Symbolfigur von „al-Qaida“. Doch gilt er nicht als deren Ideologe: BIN LADEN war kein Gelehrter und kein kreativer Geist, der originelle Thesen entwickelte. Er verfügte jedoch über erhebliche finanzielle Ressourcen, mit denen er das „al-Qaida“-Netzwerk unterstützte. 

ERBAKAN, Necmettin (1926–2011): Der türkische Ingenieur gründete, beeinflusst durch die Ideen des ägyptischen Muslimbruders Sayyid Qutb, in den 1960er Jahren die „Milli-Görüs“-Bewegung. 

FADLALLAH, Mohammed Hussein (1935–2010): FADLALLAH war ein schiitischer Gelehrter aus dem Libanon. Er war die höchste schiitische Autorität im Libanon und übte großen Einfluss auf die 1982 gegründete schiitisch-islamistische „Hizb Allah“ aus.

FARAJ, Mohammed Abd as-Salam (1952–1982): Der Ägypter schrieb ein Standardwerk zum modernen Jihadismus. Darin legitimierte er den bewaffneten Kampf gegen als unislamisch wahrgenommene Herrscher islamisch geprägter Staaten. Er war Mitglied der ägyptischen islamistischen Organisation „al-Jihad“, die 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat ermordete.

IBN ABDELWAHHAB, Mohammed (1703–1792): Der islamische Gelehrte, der im heutigen Saudi-Arabien lebte, war der geistige Vater des Wahhabismus. Zentral für seine Lehren war die Fokussierung auf einen vermeintlich „reinen“ Islam. Durch einen politischen Pakt mit Mohammed Ibn SAUD, einem regionalen Herrscher auf der arabischen Halbinsel, gelang ihm die Verbreitung seiner Lehren. Heute ist der Wahhabismus Staatsreligion Saudi-Arabiens. Der Begriff Wahhabismus ist allerdings eine Fremdbezeichnung; Wahhabiten nennen sich selbst „ahl at-tauhid“ oder „muwahhidun“ (in etwa „Bekenner der Einheit Gottes“.). 

IBN TAYMIYA (1263–1328): Er gilt als Stammvater heutiger Salafisten. Einflussreich war vor allem seine Fatwa, mit der er die Bekämpfung von Herrschern legitimierte, die sich selbst zum Islam bekennen, in ihrem Herrschaftsbereich jedoch ein anderes als das göttliche Gesetz anwenden. Im 20. Jahrhundert beriefen sich zahlreiche Gruppen auf diese Fatwa, um ihr gewalttätiges Vorgehen gegen Regierungen und Gesellschaften islamisch geprägter Länder zu legitimieren. 

KHOMEINI, Ruhollah (1902–1989): Der schiitische Geistliche gilt als Gründer der Islamischen Republik Iran. Seine Idee der „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ wurde in Iran nach der Revolution 1979 umgesetzt. Bis zu seinem Tod war KHOMEINI „Revolutionsführer“ und bekleidete damit das wichtigste politische Amt in Iran.

MAUDUDI, Abul Ala (1903–1979): Der indo-pakistanische Journalist lieferte mit seinen Schriften Jihadisten eine Begründung, Regimes in arabischen/islamischen Herkunftsländern anzugreifen: Er führte den Begriff des „modernen Heidentums“ (jahiliya) ein und denunzierte damit sowohl die politischen Herrscher als auch ganze Gesellschaften als Ungläubige. 

QUTB, Sayyid (1906–1996): Der ägyptische Volksschullehrer war Ideologe der „Muslimbruderschaft“. Sein Einfluss reicht jedoch über diese hinaus, auch ins salafistische Spektrum. Bedeutung erlangten vor allem seine Ansichten zur Gewalt als legitimes Mittel der Islamisierung.